Die Unabhängigkeit der Zentralbanken – und weshalb sie so wichtig ist Rede zu Ehren von Otmar Issing anlässlich seines 90. Geburtstags

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Einleitung

Meine Damen und Herren,

herzlich willkommen zum heutigen Kolloquium zu Ehren des 90. Geburtstags von Otmar Issing. 

Lieber Otmar Issing, herzlichen Glückwunsch zu diesem beeindruckenden Jubiläum. Heute ist ein schöner Tag, um hier in Frankfurt Deinen Geburtstag zu feiern. Wir freuen uns sehr, Dich heute erneut bei der Bundesbank zu begrüßen, wo Du Deine Laufbahn als Notenbanker begonnen hast. Auch wenn wir gerade nicht in der Wilhelm-Epstein-Straße sind.

Schon als Du im Jahr 1990 zur Bundesbank kamst, hast Du einen klaren Standpunkt und eine feste Überzeugung vertreten: Zentralbanken sollten unabhängig sein. Und Du bist nicht nur für diesen Grundsatz eingetreten, sondern hast ihn auch in der DNA des Eurosystems verankert. 

Als erster Chefvolkswirt der EZB warst Du entscheidend an der Erarbeitung eines Rahmenwerks beteiligt, das ein Gleichgewicht zwischen festen Regeln und flexiblem Handeln herstellte, um Preisstabilität zu gewährleisten, ohne das Wachstum zu beeinträchtigen. Du hast die Tradition der Unabhängigkeit der Bundesbank auf die europäische Ebene übertragen. 

Doch geht Dein Lebenswerk über die reine Politik weit hinaus. Nach Deiner aktiven Zeit als Zentralbanker hast Du die internationale Debatte weiterhin geprägt – als Autor, Dozent und Präsident des Center for Financial Studies. Vor schwierigen Fragen bist Du nie zurückgeschreckt – und hast stets klare und eindeutige Antworten eingefordert. 

In den letzten zehn Jahren hast Du wiederholt davor gewarnt, die Zentralbanken mit zu vielen Aufgaben und Verpflichtungen zu überlasten. Dabei hast Du die Gefahr erkannt, dass damit letztlich die Unabhängigkeit der Zentralbanken untergraben und die Erfüllung ihres Mandats – also die Gewährleistung von Preisstabilität – beeinträchtigt werden könnte.[1]

Heute erleben wir, wie die Unabhängigkeit der Zentralbanken weltweit angegriffen wird – von Jakarta über Istanbul und Caracas bis nach Washington. Das Thema des heutigen Kolloquiums zu Deinen Ehren könnte also nicht passender gewählt sein: Die Herstellung und Wahrung der Unabhängigkeit der Zentralbanken – und weshalb sie so wichtig ist.

Um eine Diskussionsgrundlage zu schaffen, konzentriere ich mich in meiner Rede auf folgende Grundsatzfrage: Welche Belege gibt es dafür, dass die Unabhängigkeit ihrem Versprechen gerecht wird, die Teuerung niedrig und stabil zu halten? Dazu gehe ich in drei Schritten vor:

Erstens gehe ich kurz auf die theoretischen Beweggründe für die Unabhängigkeit von Zentralbanken ein. 

Zweitens beziehe ich mich auf die frühe und die neuere empirische Literatur zum Zusammenhang zwischen Zentralbankunabhängigkeit und Inflation. 

Drittens stelle ich aktuelle Forschungsarbeiten der Bundesbank vor, in denen die Auswirkungen der jüngsten Angriffe auf die Unabhängigkeit der Federal Reserve untersucht werden.

2 Zentralbankunabhängigkeit und Inflation: theoretische Grundlagen

Lassen Sie mich zunächst auf die theoretischen Beweggründe für die Unabhängigkeit der Zentralbanken eingehen. Warum haben viele Notenbanken bei der Eindämmung der Inflation während der Energiekrise der 1970er-Jahre so spektakulär versagt?

Volkswirte machten hier ein strukturelles Defizit des geldpolitischen Handlungsrahmens aus: Die Zentralbanken waren zu anfällig für politischen Druck. Die Lösung: Abschirmung der Geldpolitik vor politischer Einflussnahme – durch die Schaffung unabhängiger Zentralbanken.

In Deutschland war dies „gängige Praxis seit August 1957“ – diese nüchterne Feststellung würden Personen, die mit der Deutschen Bundesbank vertraut sind, treffen. Damals war dieser Grundsatz jedoch noch keineswegs universell verankert.

Die beiden maßgeblichen Publikationen, die nach allgemeiner Auffassung die Vorstellung stützen, dass Zentralbankunabhängigkeit zur Senkung der Inflationsraten beitragen könnte, wurden tatsächlich verfasst, ohne dass diese konkrete Vorstellung dabei im Vordergrund stand.

Ein wichtiger, diese Vorstellung untermauernder Beitrag erschien im Jahr 1977. Kydland und Prescott erkannten eine grundlegende Schwachstelle bei den diskretionären Politikmaßnahmen: die Zeitinkonsistenz.[2] Ihre Erkenntnis war einfach, aber tiefgreifend. 

Politische Entscheidungsträger stehen häufig vor einem Dilemma: Ein Plan, der aus heutiger Sicht optimal erscheint, ist möglicherweise schon morgen nicht mehr optimal. Grund dafür ist, dass für politische Entscheidungsträger der Anreiz bestehen könnte, ihr Versprechen zu brechen, sobald private Akteure ihr Verhalten als Reaktion auf den Plan angepasst haben.

Private Akteure erwarten geradezu, dass politische Entscheidungsträger versucht sein könnten, von ihrem ursprünglichen Plan abzuweichen. Und genau aus diesem Grund schenken diese privaten Akteure dem angekündigten Plan von vornherein kein volles Vertrauen und ändern ihr Verhalten entsprechend. Nur ein Narr fällt zweimal in dieselbe Grube – dieses Sprichwort kommt einem hier in den Sinn.

Und was folgt daraus? Politische Entscheidungsträger erzielen ein schlechteres Ergebnis, als wenn sie sich zuvor zur Einhaltung ihres Plans verpflichtet und auch daran festgehalten hätten. So lässt sich das Prinzip der Zeitinkonsistenz in aller Kürze erklären. 

Barro und Gordon haben diese Erkenntnis im Jahr 1983 auf die Geldpolitik übertragen – und identifizierten die klassische Inflationsverzerrung.[3] In ihrem Modell will der politische Entscheidungsträger die Produktion über ihr natürliches Niveau hinaus steigern, indem er eine Überraschungsinflation herbeiführt. 

Aber auch hier lässt sich die rationale Öffentlichkeit nicht hinters Licht führen, denn sie erwartet diesen Anreiz. Infolgedessen verzeichnet die Wirtschaft letztlich keine dauerhaften Produktionssteigerungen, sondern lediglich eine höhere Trendinflation – damit kommt es zur klassischen Inflationsverzerrung. Barro und Gordon vertraten die These, dass Zentralbanken die Inflationsverzerrung vermeiden und eine niedrige und stabile Inflation gewährleisten können, indem sie ihren Ermessensspielraum durch Regeln oder Reputation begrenzen.

Der erste konkrete Ansatz zur Bewältigung dieser Herausforderung auf institutioneller Ebene wurde im Jahr 1985 von Rogoff formuliert. Er schlug vor, die Geldpolitik einem inflationsaversen, „konservativen“ Zentralbanker zu übertragen.[4]

Allgemein betrachtet bestand der Weg, die Inflationsverzerrung zu beseitigen, also darin, die Geldpolitik vor kurzfristigem politischen Druck zu schützen. Abhilfe auf institutioneller Ebene herbeizuführen bedeutete also, eine unabhängige Zentralbank zu schaffen, deren Ziel die Gewährleistung einer niedrigen und stabilen Inflation ist.[5]

Die genannten Beiträge zur Zeitinkonsistenz und Übertragung von Aufgaben hatten weitestgehend abstrakten Charakter und bezogen sich nicht konkret auf die Bundesbank. Die Bundesbank entwickelte sich jedoch schnell zu einem zentralen empirischen und politischen Bezugspunkt in der Debatte. Sie galt weithin als erfolgreiches Beispiel einer unabhängigen Zentralbank, die für eine niedrige Teuerung sorgte.[6]

3 Zentralbankunabhängigkeit und Inflation: empirische Belege

3.1 Frühe Beiträge

Zu Beginn der 1990er-Jahre untersuchten Volkswirte die Hypothese, dass die Unabhängigkeit der Zentralbank laut Empirie die Inflation senkt.[7]

Alesina und Summers analysierten 16 OECD-Länder und kamen zu dem Schluss, dass eine größere Zentralbankunabhängigkeit tatsächlich mit einer niedrigeren durchschnittlichen Teuerung und geringeren Variabilität der Inflation einhergeht.[8] Zudem wurde die niedrigere und stabilere Inflation nicht auf Kosten eines schwächeren oder volatileren Wirtschaftswachstums erreicht.

Die Autoren erfassten die Unabhängigkeit der Zentralbanken anhand eines Index, der politische und wirtschaftliche Aspekte miteinander verknüpft. Politische Unabhängigkeit bedeutet, dass die Zentralbank ihre geldpolitischen Ziele ohne Einflussnahme seitens der Regierung verwirklichen kann. Wirtschaftliche Unabhängigkeit bedeutet, dass die Zentralbank ihre Instrumente uneingeschränkt nutzen kann. Dieser Index bildet den rechtlichen Handlungsrahmen für die Zentralbank ab und dient daher als Messgröße für ihre rechtliche Unabhängigkeit.

Cukierman, Webb und Neyapti weiteten die Analyse auf Schwellen- und Entwicklungsländer aus und zogen hierfür eine verfeinerte Messgröße für die rechtliche Unabhängigkeit heran.[9] Sie fanden auch empirische Belege dafür, dass in Industrieländern eine größere Unabhängigkeit mit einer niedrigeren und stabileren Inflation einhergeht. Für Schwellen- und Entwicklungsländer konnten sie diesen Nachweis allerdings nicht erbringen.

Doch aus welchem Grund? Die Autoren führen an, dass die rechtliche und die tatsächliche Unabhängigkeit zwei unterschiedliche Dinge sind. Doch beide sind für ein wirksames Zentralbankwesen notwendig. Als Cukierman und seine Koautorinnen und Koautoren einen Näherungswert für die tatsächliche Unabhängigkeit heranzogen – nämlich die Fluktuation bei Zentralbankpräsidenten –, zeigte sich dieser negative Zusammenhang erneut.[10]

Von dieser wichtigen Erkenntnis aus frühen Untersuchungen lasse ich mich bei meinen weiteren Ausführungen leiten: Die rechtliche Unabhängigkeit senkt und stabilisiert die Inflation nur dann, wenn sie durch die tatsächliche Unabhängigkeit untermauert wird.

3.2 Zu Endogenität und Heterogenität

Ich möchte nun darauf eingehen, wie sich die Literatur seit den 1990er-Jahren weiterentwickelt hat – von einfachen Korrelationen hin zu stringenteren Untersuchungen der Kausalität.

Entsprechend den in den späten 1980er-Jahren vorherrschenden ökonometrischen Instrumenten dokumentierten die frühen Studien hauptsächlich Querschnittskorrelationen. Seither nutzen Forschende ausgefeiltere empirische Methoden, um diesen Zusammenhang eingehend neu zu beurteilen. Das zentrale Thema, mit dem sie sich befassten, ist die Endogenität – ein ökonometrisches Problem, das die Schätzungen zu den Auswirkungen der Zentralbankunabhängigkeit auf die Inflation beeinflussen kann.

Zum Beispiel werden möglicherweise sowohl die Inflationsergebnisse als auch die Unabhängigkeit der Zentralbanken von ein und demselben unbeobachteten Faktor bestimmt – etwa durch eine gesellschaftliche Präferenz für niedrige Inflation. Dies kann den Anschein erwecken, dass die Unabhängigkeit zu einer niedrigeren Inflation führt, obwohl hierfür andere Faktoren relevant sind.

Eine in diesem Zusammenhang wichtige Kritik veröffentlichte Mitte der 1990er-Jahre Adam Posen, der damals bei der Federal Reserve Bank of New York tätig war.[11] Er vertrat die Auffassung, dass die Unabhängigkeit der Zentralbanken keine willkürlich von der Politik getroffene Entscheidung sei. Vielmehr spiegele sie die Tatsache wider, dass sich die Finanzmarktakteure in der Regel gegen hohe Inflationsraten aussprechen. Sowohl die Unabhängigkeit als auch die niedrige Inflation könnten also auf demselben Faktor basieren, nämlich einer gesellschaftlichen Präferenz für Preisstabilität.

Allgemeiner gesagt vertritt Posen die Auffassung, dass eine Zentralbank, deren Mandat die Aufrechterhaltung der Preisstabilität ist, auf breiter Basis von der Gesellschaft, also der Politik, den Finanzmärkten und der Öffentlichkeit, unterstützt werden muss. Folglich ist die Unabhängigkeit der Zentralbank einer der Faktoren, die für eine niedrige und stabile Inflation notwendig sind, aber sie allein reicht nicht aus.[12]

Oder, wie es Otmar Issing 1993 ausgedrückt hat: Die Unabhängigkeit ist eine notwendige, jedoch keineswegs hinreichende Bedingung für Preisstabilität.[13]

In späteren Arbeiten wurde dieser Ansatz weiterentwickelt und erweitert, wobei vor allem herausgearbeitet wurde, wie politische Institutionen und Rahmenbedingungen die Auswirkungen der Unabhängigkeit auf die Inflation beeinflussen.[14] Insgesamt lassen die genannten Beiträge darauf schließen, dass die einfache Formel: Macht die Zentralbank unabhängig, dann ergibt sich zwangsläufig eine niedrige und stabile Inflation zu kurz greift.[15]

Dennoch rütteln sie nicht an der zentralen Erkenntnis, dass die Unabhängigkeit der Zentralbanken zu einer niedrigeren Inflation beiträgt.[16] Das trifft sogar auf die meisten Studien zu, die sich eingehend mit der Endogenität befassen.[17] Berücksichtigt man diese mögliche Verzerrung, fällt der Effekt oft geringer aus, bleibt aber dennoch statistisch und wirtschaftlich signifikant. Zudem ist der Einfluss je nach Land unterschiedlich stark, was auf Divergenzen hinsichtlich der Institutionen, Politik und wirtschaftlichen Strukturen zurückzuführen ist.[18]

Zum Einfluss der Heterogenität haben Ioannidou und Koautoren jüngst eine Studie vorgelegt, die diesen Einfluss gut verdeutlicht.[19] Ihnen zufolge wurde zwar in vielen Ländern die rechtliche Unabhängigkeit seit 1980 gestärkt, aber die Ernennung von Zentralbankpräsidenten wurde zunehmend zum Politikum. Diese politisch motivierten Ernennungen beeinträchtigen die tatsächliche Unabhängigkeit. Dies wiederum schwächt den Zusammenhang zwischen der rechtlichen Unabhängigkeit und der Teuerung, was zu einer ungünstigeren Inflationsentwicklung führt.

3.3 Schlussfolgerungen aus der Literatur

Welche Lehren können wir also letztlich aus der Literatur ziehen? Meine Schlussfolgerung ist eindeutig: Die Unabhängigkeit der Zentralbanken ist nach wie vor von entscheidender Bedeutung für die Preisstabilität.

Die theoretischen Grundlagen für Zentralbankunabhängigkeit sind weiterhin valide. Zudem bestätigt die aktuelle empirische Forschung, dass eine größere Unabhängigkeit mit einer niedrigeren Inflation einhergeht – auch wenn die entsprechenden Effekte unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Konkret werden meiner Ansicht nach in der Literatur folgende drei Voraussetzungen genannt, damit die Unabhängigkeit der Zentralbanken zu Preisstabilität führen kann:

Dies ist zum einen die rechtliche Unabhängigkeit. Die Zentralbank braucht einen schützenden Rechtsrahmen, der sie vor politischer Einflussnahme abschirmt. 

Zweitens ist dies die tatsächliche Unabhängigkeit. Die Zentralbank benötigt Führungspersönlichkeiten, die sich dem Ziel der Preisstabilität verschreiben und ihre Befugnisse aktiv nutzen, um politischem Druck zu widerstehen.

Und drittens zählt hierzu ein breiter gesellschaftlicher Rückhalt. Die Zentralbank muss sich auf einen breiten – von politischen Entscheidungsträgern, den Finanzmärkten und der Öffentlichkeit getragenen – Konsens stützen können, dass Preisstabilität angestrebt wird. Und selbstverständlich muss die Politik das Ziel der Preisstabilität durch nachhaltige finanzpolitische Maßnahmen unterstützen. 

Bereits vor zwanzig Jahren kam ein visionärer Zentralbanker – damals bemerkenswert jugendliche 70 Jahre alt – zu einem ähnlichen Schluss. Ich zitiere: 

Theorie und Praxis haben gezeigt, wie wichtig ein angemessener institutioneller Rahmen für die Zentralbank ist, der auf Unabhängigkeit und einer klaren Ausrichtung auf Preisstabilität beruht […]. Man muss jedoch auch anerkennen, dass es auch auf die „Stabilitätskultur“ in der Gesellschaft ankommt.[20]

Dieses Zitat stammt natürlich von Dir, lieber Otmar. Es enthält eine Wahrheit, die heute genauso gilt wie damals.

4 Jüngste Bedrohungen der Unabhängigkeit der Zentralbanken

Denn heute erleben wir, was geschieht, wenn diese Stabilitätskultur ins Wanken gerät – und wenn sich politische Entscheidungsträger gegen die Unabhängigkeit der Zentralbank wenden. 

Ein prägnantes Beispiel sind die seit Anfang 2025 stattfindenden Angriffe auf die Federal Reserve. Sie sind nicht nur für die Vereinigten Staaten von Bedeutung, sondern für uns alle, denn das Handeln der Fed bestimmt die globalen Finanzierungsbedingungen.

Haben diese Angriffe bereits ihr Ziel erreicht? Und wie wirken sie sich auf die Unabhängigkeit der Fed aus? Eine neue Studie von Ivan Frankovic und Sören Karau, zwei bei der Bundesbank tätigen Volkswirten, liefert Antworten auf diese Fragen.[21]

In der Studie wird untersucht, wie sich der politische Druck, den US-Präsident Trump auf die Fed ausübt, auf die Finanzmärkte auswirkt. Konkret identifizieren die Autoren „Schocks durch Druck auf die Fed“. Diese basieren auf den Social-Media-Posts von Präsident Trump und ausgewählten Presseartikeln seit seinem erneuten Amtsantritt im Jahr 2025.

Die Bildung von Messgrößen für den „Druck auf die Fed“ erfolgt anhand hochfrequenter Schwankungen der Renditen von US-Staatsanleihen, der Aktienkurse, des Goldpreises und des USD/EUR-Wechselkurses, die in zeitlicher Nähe zu den Posts auftreten. Die Messgrößen fließen in das statistische Modell ein, mit dem die Autoren abschätzen können, wie die Märkte im Zeitverlauf auf diese Schocks reagieren.

Welche Erkenntnisse ergeben sich nun daraus? Die Ergebnisse sind überdeutlich.

Steigt der Druck, sinken die Renditen für Staatsanleihen, was darauf hinweist, dass die Märkte eine Lockerung der Geldpolitik erwarten. Dennoch steigen die Aktienkurse nicht, wie eigentlich zu erwarten wäre. Stattdessen sinken sie, und die Volatilität nimmt zu. Darüber hinaus geht der Goldpreis deutlich nach oben, und der US-Dollar wertet besonders stark ab.

Die Autoren interpretieren diese Entwicklung als eine Neubewertung der Risiken, und zwar auf zwei Ebenen: Zum einen schichten Anleger an den US-Märkten von Aktien in Staatsanleihen um – eine Flucht in sichere Häfen im Inland. Zum anderen liefern der schwächere US-Dollar und der höhere Goldpreis Anhaltspunkte dafür, dass Investoren ihre Anlagen aus US-Vermögenswerten abziehen – eine Flucht in sichere Häfen außerhalb der Vereinigten Staaten.

Wichtig ist, dass die Studie keine Belege für steigende Inflationserwartungen findet. Tatsächlich sind die marktbasierten Messgrößen – wenn überhaupt – leicht rückläufig. 

Die Anleger erwarten also offenbar nicht nur eine Lockerung des geldpolitischen Kurses; sie zeigen sich auch beunruhigt über die Integrität der US-Institutionen und die weitreichenden Folgen, die ein Integritätsverlust mit sich brächte. Oder anders ausgedrückt: Die Befürchtungen hinsichtlich einer Abschwächung des US-Wirtschaftswachstums oder eine höhere Unsicherheit scheinen gegenüber der Angst vor Inflation zu überwiegen.

Die wichtigste Erkenntnis ist jedoch klar: Gehen die Märkte davon aus, dass politischer Druck die Unabhängigkeit der Fed untergräbt, löst dies eine Flucht aus US-Anlagen und dem Dollar aus. Dieser Kanal unterscheidet sich von den Mechanismen, die in der früheren Literatur zum Druck auf die Fed während Präsident Trumps erster Amtszeit vorrangig genannt werden. Die jüngsten Angriffe dürften also schwerwiegender gewesen sein.[22] 

Dennoch liegt hierin eine neuerliche Mahnung: Angriffe auf die Zentralbankunabhängigkeit gehen nach hinten los. 

Insgesamt rufen uns die jüngsten Ereignisse und die zitierten Quellen eine unbequeme Wahrheit ins Gedächtnis Die Unabhängigkeit der Zentralbanken ist kein Selbstläufer. Dazu braucht es Menschen, die bereit sind, dafür zu kämpfen.

5 Schlussbemerkungen

Meine Damen und Herren, Otmar Issing ist einer dieser Menschen. 

Seit über 60 Jahren verfolgt er aufmerksam die Entwicklung des Zentralbankwesens. Er hat das Zentralbankwesen im Euroraum maßgeblich mitbestimmt. Und er macht sich regelmäßig für die Unabhängigkeit von Zentralbanken stark. 

Vor 62 Jahren legte Otmar Issing seine Dissertation zu monetären Problemen der Konjunkturpolitik in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft vor. Über einen Zeitraum von 16 Jahren wirkte er an entscheidender Stelle an der Gestaltung der Geldpolitik in Deutschland und im Euroraum mit. Eine Aufzählung der zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen, die ihm im Laufe der Jahre zuteilwurden, dürfte die Geduld des Publikums wohl übermäßig auf die Probe stellen. 

Den meisten der heute hier Versammelten ist sicher bekannt, dass Otmar Issing ein sehr belesener Weltbürger ist. Aber einige von Ihnen wissen vielleicht nicht, dass er vor 72 Jahren Klassische Philologie studierte.

In „Hermann und Dorothea“, einem typischen Werk der Weimarer Klassik, schrieb Goethe: Die rüstige Jugend verspricht ein glückliches Alter.

In diesem Sinne wünsche ich Dir, Otmar, noch viele weitere glückliche Jahre und sage: ad multos annos!

 

Fußnoten:

  1. Vgl.: Issing, O. (2017), Central banks – are their reputations and independence under threat from overburdening?, International Finance, Bd. 20(1), S. 92–99; Issing, O. (2021), Central Banks – independent or almighty?, SAFE Policy Letter Nr. 92; Issing, O. (2025), How Central Banks Jeopardized their Independence, Project Syndicate.
  2. Vgl.: Kydland, F. und E. Prescott (1977), Rules rather than discretion: The inconsistency of optimal plans, Journal of Political Economy, Bd. 85(3), S. 473–492.
  3. Vgl.: Barro, R. und D. Gordon (1983), Rules, discretion and reputation in a model of monetary policy, Journal of Monetary Economics, Bd. 12(1), S. 101–121.
  4. Vgl.: Rogoff, K. (1985), The Optimal Degree of Commitment to an Intermediate Monetary Target, Quarterly Journal of Economics, Bd. 100(4), S. 1169–1189.
  5. Vgl.: Cukierman, A. (1992), Central Bank Strategy, Credibility, and Independence: Theory and Evidence, MIT Press.
  6. Vgl.: Debelle, G. und S. Fischer (1994), How independent should a central bank be?, Working Papers in Applied Economic Theory, Bd. 05, Federal Reserve Bank of San Francisco.
  7. Ein noch früherer Beitrag zu dieser Thematik ist Bade, R. und M. Parkin (1988), Central Bank Laws and Monetary Policy, unveröffentlichtes Manuskript.
  8. Vgl.: Alesina, A. und L. Summers (1993), Central Bank Independence and Macroeconomic Performance: Some Comparative Evidence, Journal of Money, Credit and Banking, 1993, Bd. 25(2), S. 151–162. Diese Publikation baut auf dem wegweisenden Beitrag von Grilli, V., D. Masciandaro, G. Tabellini, E. Malinvaud und M. Pagano (1991) über den Zusammenhang zwischen Institutionen und Politikgestaltung auf: Political and Monetary Institutions and Public Financial Policies in the Industrial Countries, Economic Policy, Bd. 6(13), S. 341–392.
  9. Vgl.: Cukierman, A., S. Webb und B. Neyapti (1992), Measuring the Independence of Central Banks and Its Effect on Policy Outcomes, The World Bank Economic Review, World Bank, Bd. 6(3), S. 353–398.
  10. Die Messung der tatsächlichen Unabhängigkeit anhand der Fluktuation ist nicht unumstritten, da sich die Kausalität nur schwer beurteilen lässt: Ist die Inflation infolge politischer Einflussnahme hoch, oder werden die Zentralbankpräsidenten ihres Amtes enthoben, weil die Teuerung zu hoch ist? Vgl. z. B.: Dreher, A., J. Sturm und J. de Haan (2008), Does high inflation cause central bankers to lose their job? Evidence based on a new data set, European Journal of Political Economy, Bd. 24(4), S. 778–787.
  11. Vgl.: Posen, A. (1995), Declarations Are Not Enough: Financial Sector Sources of Central Bank Independence, NBER Macroeconomics Annual, Bd. 10, S. 253–274. Eine kritische Betrachtung dieses Ansatzes findet sich in de Haan, J. und G  van'T Hag (1995), Variation in Central Bank Independence across Countries: Some Provisional Empirical Evidence, Public Choice, Bd. 85(3/4), S. 335–351.
  12. Eine frühe empirische Einschätzung mit einer direkten Untersuchung des relativen Einflusses der Unabhängigkeit der Zentralbank und anderer Determinanten auf die Inflationsentwicklung findet sich in Campillo, A. und J. Miron, Why Does Inflation Differ across Countries?, NBER Chapters, in: Reducing Inflation: Reducing Inflation: Motivation and Strategy, S. 335–362.
  13. Vgl.: Issing, O. (1993), Central Bank Independence and Monetary Stability, Institute of Economic Affairs, Occasional Paper 89.
  14. Vgl. z. B.: Keefer, P. und D. Stasavage (2003), Checks and Balances, Private Information, and the Credibility of Monetary Commitments, International Organization, Bd. 56(4), S. 751–774; Acemoglu, D., S. Johnson, P. Querubin und J. Robinson (2008), When Does Policy Reform Work? The Case of Central Bank Independence, Brookings Papers on Economic Activity, Bd. 39(1), S. 351–429; Daunfeldt, S. und X. de Luna (2008), Central Bank Independence and Price Stability: Evidence from OECD Countries, Oxford Economic Papers, Bd. 60(3), S. 410–422.
  15. Eine entsprechende frühe Einschätzung findet sich in Eijffinger, S. und J. de Haan (1996), The Political Economy of Central-Bank Independence, Princeton Studies in International Economics 19.
  16. Vgl. z. B.: Berger, H., J. De Haan und S. Eijffinger (2001), Central bank independence: an update of theory and evidence, Journal of Economic Surveys, Bd. 15(1), S. 3–40; Crowe, C. und E. Meade (2007), The Evolution of Central Bank Governance around the World, Journal of Economic Perspectives, Bd. 21(4), S. 69–90; Klomp, J. und J. de Haan (2010), Inflation And Central Bank Independence: A Meta‐Regression Analysis, Journal of Economic Surveys, Bd. 24(4), S. 593–621. Eine kritischere Betrachtung der Fachliteratur findet sich in Hayo, B. und C. Hefeker (2002), Reconsidering central bank independence, European Journal of Political Economy, Bd. 18(4), S. 653–674.
  17. Vgl. z. B.: Crowe, C. und E. Meade (2008), Central bank independence and transparency: Evolution and effectiveness, European Journal of Political Economy, Bd. 24, S. 763–777; Brumm (2011), Inflation and central bank independence: Two-way causality?, Economics Letters, Bd. 111, S. 220–222; Agur, I. (2021), Central bank independence and low inflation: who leads the dance?, Applied Economics Letters, Bd. 28(6), S. 477–481. Crowe und Meade (2008) stützten sich auf Schätzungen unter Verwendung instrumenteller Variablen und fanden belastbare Belege dafür, dass eine größere Unabhängigkeit der Zentralbank mit einer niedrigeren Inflation einhergeht. Brumm (2011) wies nach, dass die Teuerung und die Unabhängigkeit der Zentralbank endogen determiniert sind, zwischen beiden Faktoren jedoch nach wie vor eine robuste negative Korrelation besteht. Agur (2021) kam zu dem Schluss, dass in Industrieländern Reformen zur Stärkung der Unabhängigkeit der Zentralbanken signifikant zum Inflationsabbau beitragen, während in umgekehrter Richtung keine Granger-Kausalität vorliegt.
  18. Eine Studie, die ausdrücklich eine Heterogenität der Parameter zwischen den Ländern berücksichtigt, findet sich in Klomp, J. und J. de Haan (2010), Central bank independence and inflation revisited, Public Choice, Bd. 144, S. 445–457. Demnach hat die Unabhängigkeit der Zentralbank nur in einer Minderheit der über 100 in der Stichprobe enthaltenen Länder einen signifikanten Einfluss. Zu den Studien, in denen die Stichproben in Industrie- und Entwicklungsländer aufgegliedert sind, zählen Kokoszczyński, R. und J. Mackiewicz-Łyziak (2019), Central bank independence and inflation – Old story told anew, International Journal of Finance and Economics, Bd. 25(1), S. 72–79; Lim (2021), The limits of central bank independence for inflation performance, Public Choice, Bd. 186, S. 309–335. Während Kokoszczyński und Mackiewicz-Łyziak (2019) lediglich für Entwicklungsländer einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Unabhängigkeit der Zentralbank und der Inflation nachwiesen, kam Lim (2011) zum gegenteiligen Ergebnis, dem zufolge dieser Zusammenhang nur in Industrieländern besteht.
  19. Vgl.: Ioannidou, V., S. Kokas, T. Lambert und A. Michaelides (2025), (In)dependent central banks, bei SSRN verfügbar; Ioannidou, Vasso und Kokas, Sotirios und Lambert, Thomas und Michaelides, Alexander, (In)dependent Central Banks (31. Oktober 2022)
  20. Vgl.: Issing, O. (2006), Central Bank Independence – Economic and Political Dimensions, National Institute Economic Review, Bd. 196, S. 73–74.
  21. Vgl.: Frankovic, I. und S. Karau (2026), Political Pressure on the Fed – Is This Time Different?, Mimeo.
  22. Zu Erkenntnissen aus Trumps erster Amtszeit siehe Bianchi, F., R. Gómez-Cram, T. Kind und H. Kung (2023), Threats to central bank independence: High-frequency identification with twitter, Journal of Monetary Economics, Bd. 135(C), S. 37–54. Eine weiter gefasste Betrachtung der Auswirkungen des politischen Drucks auf die Federal Reserve findet sich in Drechsel, T. (2025), Political Pressure on the Fed, zur Veröffentlichung in der Review of Economic Studies angenommen.