Eingangsstatement Podiumsdiskussion: „Mehr Drive für Deutschland – Wie Digitalisierung und Innovationskraft das Wachstum steigern können“
Es gilt das gesprochene Wort.
1 Begrüßung
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich begrüße Sie ebenfalls recht herzlich und freue mich über das große Interesse an dieser Diskussionsveranstaltung.
Wir wollen heute darüber reden, wie Digitalisierung und Innovation zu Wachstumstreibern unserer Volkswirtschaft werden können.
Der Titel der Veranstaltung „Mehr Drive für Deutschland“ erinnert mich an Autofahrten mit meinen Eltern während meiner Kindheit. Da schallte das Lied aus dem Radio „jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt“. An mehr als diesen Refrain erinnere ich mich nicht. Ich wünsche mir, dass wir heute diese Stimmung wiederbeleben, denn tatsächlich gibt es viel anzupacken. Wir haben in der Hand, ob das gelingt.
2 Mehr wirtschaftliche Dynamik durch Digitalisierung
Nach der deutlichen Erholung, die dem Wachstumseinbruch durch die Covid‑19‑Pandemie in 2020 folgte, stagnierte die deutsche Wirtschaft jetzt vier Jahre. Die Ursachen sind strukturbedingt: Wachsender Arbeitskräftemangel, niedrige Investitionsraten von Unternehmen – sicher spielen hier Bürokratie und rechtliche Rahmenbedingungen eine Rolle – und geringe Produktivitätszuwächse. Das Potenzialwachstum der deutschen Wirtschaft, also der erwartete mittelfristige Wachstumstrend, hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verlangsamt. Nach Schätzungen der Bundesbank liegt er bei nur noch 0,4 Prozent. Das erklärt auch, warum in einem insgesamt schwierigen internationalen Umfeld die Absatzmärkte deutscher Exportprodukte schneller wachsen als die Exporte aus Deutschland selbst. Die deutsche Wirtschaft hat an internationaler Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Hätten die deutschen Ausfuhren mit den Absatzmärkten Schritt gehalten, wäre die deutsche Wirtschaft zwischen 2021 und 2024 um fast 2,5 Prozentpunkte stärker gewachsen.
Gerade die Digitalisierung kann das Produktivitätswachstum erhöhen und da geht in Deutschland noch mehr: Eine Bundesbank-Studie aus dem Jahr 2023 zeigt, dass die Produktivität gerade in den Digitalsektoren in der Vergangenheit im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen stark gestiegen ist, nämlich um den Faktor 7 stärker.[1] Während die Totale Faktorproduktivität in den digitalen Sektoren wie beispielsweise elektronische und optische Erzeugnisse oder Information und Kommunikation zwischen 1996 und 2020 im Mittel um 3,5 Prozent pro Jahr stieg, wuchs sie in den Nicht-Digitalsektoren nur um etwa 0,5 Prozent jährlich.
Gerade mit Blick auf den Einsatz von KI haben Unternehmen deutlich an Fahrt aufgenommen. Während weniger als ein Drittel der Unternehmen laut einer Bundesbankbefragung Mitte 2024 (BOP-F) generative KI bereits nutzt oder deren Nutzung bis Ende 2024 plante, waren es ein Jahr später über 40 Prozent.[2]
Eine Bundesbank-Studie aus diesem Jahr zeigt, dass eine Mehrheit (54 %) der Unternehmen, die KI bereits nutzen, sich davon eine deutliche Zunahme ihrer Arbeitsproduktivität versprechen.[3]
Im EU-Vergleich zum Einsatz von KI liegt Deutschland auf Rang 8.[4] Das ist gut, allerdings ist die Nutzung gerade in skandinavischen Ländern höher. Hier gibt es für Deutschland noch Möglichkeiten zur Verbesserung.
Gerade mit Blick auf das Zusammenspiel der Nutzung von KI und der Auswertung des Datenschatzes, den deutsche große und mittelständische Industrieunternehmen mit Blick auf Anwendungsdaten haben, ergeben sich Marktchancen. Das heißt im Unternehmenssektor geht noch mehr, teilweise braucht es dafür aber eine Verbesserung der Rahmenbedingungen.
Lassen Sie mich zusammenfassen: Um wieder auf einen steileren Wachstumspfad zu kommen, braucht es Strukturreformen und gerade im Bereich der Digitalisierung gibt es Möglichkeiten, die Produktivität zu steigern.
Und was machen wir bei der Bundesbank in diesem Bereich? Das bringt mich zu meiner zweiten Überlegung: Zentralbanking ist Technologie.
3 Zentralbanking ist Technologie
Die Bundesbank setzt digitale Zukunftstechnologien in vielerlei Hinsicht ein. Denn wir betreiben unser eigenes Rechenzentrum sowie mit TARGET auch europäische Zahlungsverkehrsinfrastrukturen, setzen KI in vielfältiger Weise ein, haben unser eigenes Team im Bereich Quantencomputing und treiben die Journey-to-Cloud voran.
KI nutzen wir beispielsweise im Risikocontrolling, wo mehrstufige neuronale Netze helfen, Gegenparteirisiken frühzeitig abzuschätzen. Im Meldewesen nutzen wir KI-basierte Mustererkennung für die Qualitätssicherung unserer Daten. Inder IT wird zukünftig der SaaS-AI-Agent (Software as a Service) die fachlichen Anforderungen mit der bestehenden Software-Landschaft der Bundesbank abgleichen. Und im Forschungszentrum nutzen wir KI nicht nur, sondern analysieren auch die potenziellen Auswirkungen von KI auf den Finanzsektor.
Vor dem Hintergrund der geopolitischen Entwicklungen, müssen wir gleichzeitig digitale Souveränität und Resilienz stärken und das ist mein dritter Punkt: Deutschland und Europa müssen sich ihrer digitalen Abhängigkeiten bewusstwerden und diese strategisch handhaben und perspektivisch reduzieren.
4 Digitale Abhängigkeiten strategisch handhaben und perspektivisch reduzieren
In Europa importieren wir über 80 Prozent der digitalen Infrastruktur und Technologien, was mit Blick auf die geopolitischen Risiken die Handlungsfähigkeit einschränken kann. Nicht nur für uns als Zentralbank ist es daher unerlässlich, sich aktiv mit den eigenen technologischen Abhängigkeiten zu befassen. Wir haben eine Untersuchung unseres IT-Stack, das heißt der IT-Infrastruktur, der Betriebssoftware und der Applikationen, durchgeführt und das ist bei allen Institutionen und Unternehmen anzuraten.
Auf dieser Basis gilt es dann zu entscheiden, welche Abhängigkeiten wir bewusst eingehen und welche wir reduzieren oder gar auflösen.
In der Bundesbank verfolgen wir dabei eine Doppelstrategie: Einerseits stärken wir unsere Innovationskraft, andererseits handhaben wir Abhängigkeiten strategisch und setzen gezielt auf souveräne, europäische Angebote und Open-Source-Lösungen, um unabhängiger zu werden.
5 Fazit
Zusammengefasst, um so eine Anpackstimmung wie in dem Lied aus den 80er Jahren zu erzeugen, braucht es Strukturreformen, und ein guter Ansatzpunkt hierfür ist die Digitalisierung, insbesondere Künstliche Intelligenz. Bei diesen Zukunftstechnologien ist es zentral, dass wir sie in Europa anwenden und gleichzeitig sicherstellen, dass wir in das entsprechende Ökosystem hier in Deutschland und Europa investieren. Bei der Bundesbank tun wir das.
Ich danke Ihnen fürs Zuhören.
Fußnoten:
- Deutsche Bundesbank (2023), Zur Bedeutung der Digitalisierung für die Entwicklung der Arbeitsproduktivität, Monatsbericht März.
- Deutsche Bundesbank (2024), Verbreitung und Einsatzziele künstlicher Intelligenz in deutschen Unternehmen, Monatsbericht Dezember.
- Deutsche Bundesbank (2026), Monatsbericht März, erscheint in Kürze.
- Deutsche Bundesbank (2025), Nutzung von Künstlicher Intelligenz im europäischen Ländervergleich, Monatsbericht Mai, sowie EU survey on ICT usage and e-commerce in enterprises (Eurostat).