Umwelt und Bankensektor: Neue Herausforderungen infolge des Klimawandels und des Biodiversitätsverlusts Research Conference on Climate- and Nature-Related Risks in the Economic and Financial System
Es gilt das gesprochene Wort.
Einleitung
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Gastgeber und Partner der Banque de France, der Paris School of Economics und der Toulouse School of Economics,
ich fühle mich geehrt, und es ist mir eine große Freude, die Forschungskonferenz zu Klima- und Umweltrisiken im Wirtschafts- und Finanzsystem hier in Paris eröffnen zu dürfen.
Wir kommen zu einem Zeitpunkt zusammen, an dem die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel und zur Umweltzerstörung ein immer ernüchternderes Bild zeichnen. Zugleich haben neue politische Gegebenheiten und Herausforderungen dazu geführt, dass die Thematik für viele politische Entscheidungsträger in den Hintergrund gerückt ist.
Beide Faktoren erhöhen die an den gesamten Finanzsektor gestellten Erwartungen. Vor diesem Hintergrund sollten wir dennoch sorgfältig abwägen, welche Forderungen wir an die Zentralbanken und Aufsichtsbehörden stellen. Je mehr sie über ihre Kernaufgabe – die Gewährleistung von Preis- und Finanzstabilität – hinausgehen und sich in Bereiche begeben, die in die Zuständigkeit gewählter Regierungen und Parlamente fallen, desto größer ist die Gefahr, dass ihre Unabhängigkeit infrage gestellt wird.
Unser Engagement im Bereich der Klima- und Umweltrisiken ist daher fest in unserem Mandat verankert: Wir handeln dort, wo diese Risiken für die Preis- und Finanzstabilität relevant sind. Dabei sind wir uns der Grenzen bewusst, jenseits derer andere die Initiative ergreifen müssen. Diese Konferenz ist daher notwendig und kommt auch genau zur rechten Zeit.
In meinen heutigen Ausführungen gehe ich auf drei wichtige Punkte ein:
Erstens erscheint das im Pariser Klimaschutzabkommen festgelegte Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, den meisten aktuellen Modellen zufolge mittlerweile unerreichbar zu sein. Daraus ergeben sich weitreichende Folgen für unsere Volkswirtschaften und Finanzsysteme.
Vor diesem Hintergrund rücken zweitens die Kosten der Anpassung zunehmend in den Fokus, einschließlich ihrer Auswirkungen auf das Risikomanagement der Banken und auf die Finanzstabilität. Dies ist also mein zweiter Punkt.
Drittens sind finanzielle Risiken durch Umweltschäden nicht ausschließlich auf den Klimawandel zurückzuführen. Auch aus dem Rückgang der Artenvielfalt und dem Wegfall von Ökosystemleistungen könnten finanzielle Risiken entstehen. Diese sollten daher in das Risikomanagement und die Aufsichtsrahmen einfließen.
Kommen wir zunächst zu einer aktuellen Bestandsaufnahme.
Das 1,5-Grad-Ziel: Vom Anspruch zur Realität
Als das Pariser Klimaabkommen 2016 in Kraft trat, wurde das darin festgelegte Ziel, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius zu begrenzen und alle Anstrengungen zu unternehmen, um sie auf 1,5 Grad zu beschränken, zu Recht als historischer Erfolg gefeiert. Das Abkommen bot eine klare quantitative Orientierung für die Klimapolitik, für Unternehmensstrategien und auch immer mehr für die Erwartungen der Finanzmärkte.
Heute, also fast ein Jahrzehnt später, fällt der wissenschaftliche Konsens ernüchternd aus. Den meisten aktuellen Klimamodellen und Szenarioanalysen zufolge ist das 1,5-Grad-Ziel mittlerweile praktisch unerreichbar. Forschungsergebnisse, die auf der IPCC-Methodik[1] und aktuellen Daten basieren, deuten darauf hin, dass das verbleibende CO2-Budget bei den derzeitigen Emissionswerten in drei Jahren aufgezehrt sein dürfte.[2]
Hierin sehe ich aber keinen Grund zur Resignation. Stattdessen sind wir zu Realismus und tatkräftigem Handeln aufgefordert.
Realismus heißt anzuerkennen, dass wir uns wahrscheinlich in einer Welt wiederfinden werden, in der die physischen Auswirkungen des Klimawandels häufiger und in schwerwiegenderer Form auftreten. Dazu gehören mehr Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen und Stürme sowie eher allmähliche, aber tiefgreifende Veränderungen wie der Anstieg des Meeresspiegels.
Realismus heißt andererseits auch zu erkennen, dass der Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft nach wie vor unabdingbar ist. Jeder Bruchteil eines Grads, um den wir die Erwärmung eindämmen können, lindert menschliches Leid und verringert wirtschaftliche Schäden. Der Unterschied zwischen 1,5 und 2 Grad ist beträchtlich, der Unterschied zwischen 2 und 3 Grad sogar noch gravierender. Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels sind daher nach wie vor unerlässlich.
Realismus bedeutet aber auch, dass Anpassungsmaßnahmen – also die Vorbereitung unserer Volkswirtschaften, Gesellschaften und Finanzsysteme auf ein wärmeres und unbeständigeres Klima – in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit rücken müssen.
Diese Verlagerung hat erhebliche Auswirkungen auf Geschäftsbanken, Zentralbanken und Aufsichtsbehörden. Wir müssen also nicht nur die sich aus der Klimapolitik und dem technologischen Wandel ergebenden Transitionsrisiken berücksichtigen, sondern auch die physischen Risiken, die im Zuge des fortschreitenden Klimawandels eintreten – und ebenso die Anpassungsmaßnahmen, derer es als Reaktion darauf bedarf.
Die zugrunde liegende Logik ist einfach: Je weniger es uns gelingt, den vom Menschen verursachten Klimawandel durch weltweit koordinierte Maßnahmen einzudämmen, desto größer und gravierender werden die physischen Risiken für unsere Volkswirtschaften, die Finanzstabilität und die Institutionen, die für die Gewährleistung der Finanzstabilität zuständig sind.
Anpassungskosten und Finanzsystem
Ist das 1,5-Grad-Ziel den meisten Modellen zufolge also mittlerweile praktisch unerreichbar, stellt sich nicht mehr die Frage, ob wir uns anpassen müssen, sondern in welchem Umfang, wie schnell und zu welchen Kosten. Diese Anpassung wirkt sich auch auf den Finanzsektor aus.
Der Weltklimarat (IPCC) definiert Klimaanpassung als „Initiativen und Maßnahmen, um die Empfindlichkeit natürlicher und menschlicher Systeme gegenüber tatsächlichen oder erwarteten Auswirkungen der Klimaänderung zu verringern“. Eine wirksame Anpassung kann Schäden begrenzen, die Resilienz stärken und wirtschaftliche Folgen verringern. Dabei sind jedoch stets die Zielkonflikte zwischen Anpassungskosten, dem entstehenden Nutzen und den verbleibenden Restrisiken abzuwägen.
Diese sind heute nicht mehr nur abstrakt: So setzen Unternehmen bereits konkrete Anpassungsmaßnahmen um. Hierzu zählen der Hochwasserschutz für Umspannwerke im Energiesektor, die Verstärkung der Netzinfrastruktur in der Telekommunikationsbranche sowie Versicherungs- und Folgerückversicherungslösungen zur Absicherung gegen Schadensspitzen.[3] Derartige Maßnahmen belegen sowohl die Notwendigkeit als auch die Komplexität der Anpassung.
Gleichzeitig zeigen sie mehrere Dimensionen von Anpassungsrisiken auf, die für das Finanzsystem von großer Bedeutung sind.
Obwohl einige Unternehmen Extremwetterereignisse als „wahrscheinlich“ einstufen und die potenziellen Verluste in manchen Fällen auf Hunderte Millionen Euro beziffern, haben sie bislang nur in begrenztem Umfang in Schutzmaßnahmen investiert. Damit nehmen sie die in Bezug auf Betriebsunterbrechungen und Schäden verbleibenden Restrisiken bewusst in Kauf.
Für Banken heißt das, dass selbst bereits erkannte Risiken möglicherweise nicht in vollem Umfang begrenzt werden können und erhebliche Restrisiken in ihren Bilanzen verbleiben.
Ebenso kann Versicherungsschutz zwar kurzfristig Abhilfe schaffen, sich jedoch als trügerisch erweisen, sobald Rückversicherer die Risikoprämien stark anheben oder den Versicherungsschutz einschränken. Einige Unternehmen reagieren bereits darauf, indem sie beispielsweise Klimarisiken intensiver modellieren oder firmeneigene Versicherungsgesellschaften – sogenannte Captives – gründen, um die Prämien zu stabilisieren. Für Banken ergibt sich daraus die Frage, inwieweit die derzeitigen Versicherungslösungen mittelfristig tatsächlich zur nachhaltigen Risikominimierung geeignet sind.
Darüber hinaus konzentrieren sich Risikobewertungen von Unternehmen häufig auf einzelne Betriebsstätten. Doch machen Klimaschocks nur selten am Werkstor halt. Davon betroffen sind auch Beschäftigte ebenso wie Zulieferer und die gemeinsam genutzte Infrastruktur. Wiederkehrende Ereignisse erhöhen sowohl die Häufigkeit als auch die Korrelation von Verlusten. Diese Entwicklung entzieht herkömmlichen, auf bestimmte Zeitpunkte bezogenen Risikoannahmen die Grundlage und kann aus scheinbar voneinander unabhängigen Risiken eine Belastung für das gesamte System werden lassen.
Hinzu kommt, dass sich zukünftige extreme Klimaereignisse nicht einfach als Rückstellungen bilanziell erfassen lassen. Denn Rückstellungen setzen in der Regel eine konkrete Verpflichtung sowie eine Eintrittswahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent zum Bilanzstichtag voraus. Legen Unternehmen keine gesonderten Investitionsprogramme für Anpassungsmaßnahmen auf, kann es zu Governance-Lücken zwischen den intern bereits erkannten Risiken und den tatsächlich vorhandenen Liquiditätspuffern kommen. Dies ist auch für die Bilanzen der Banken selbst und für die Bewertung ihrer Kunden von Bedeutung.
Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sind Anpassungsmaßnahmen kostenträchtig, aber auch dringend geboten. Es wird angenommen, dass mit dem Klimawandel im Zusammenhang stehende Extremwetterereignisse das BIP einkommensschwacher Länder im Zeitraum von 2000 bis 2019 bereits um durchschnittlich rund 1 Prozent pro Jahr haben sinken lassen.[4]
Gleichzeitig stellt die EZB fest, dass Anpassungsmaßnahmen im Vergleich zu Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels stark unterfinanziert sind.[5] Derzeit fließen lediglich etwa 4 Prozent der weltweit gemeldeten Klimaschutzfinanzierungen in die Anpassung. Davon stammen rund 98 Prozent aus staatlichen Quellen.[6]
Die Investitionen des Privatsektors sind nach wie vor unzureichend. Dem Finanzsektor kann eine entscheidende Rolle dabei zukommen, die Finanzierung dieser privaten Anpassungsmaßnahmen zu ermöglichen. Hierfür könnten Instrumente wie Blended Finance, Katastrophenanleihen und grüne Anleihen zum Einsatz kommen. Diese befinden sich jedoch noch in der Frühphase der Einführung.
Die Frage, ob in ausreichendem Umfang in Anpassungsmaßnahmen investiert wird, ist für Zentralbanken und Aufsichtsbehörden keineswegs nur ein marginales Problem, denn die Resilienz der Wirtschaft wird auch davon abhängen, inwieweit diese die sich aus dem Klimawandel ergebenden physischen Risiken berücksichtigt.
Forschungsergebnisse[7] deuten darauf hin, dass nahezu ein Drittel der im Euroraum in den vergangenen Jahrzehnten verzeichneten Inflationsschwankungen auf klimabedingte Ernteschocks zurückzuführen ist.
Allerdings ist der Finanzsektor darauf nicht ausreichend vorbereitet. Eine aktuelle Studie[8], in der 50 der weltweit größten Geschäftsbanken anhand von 17 Indikatoren zum Fortschritt der Klimaanpassung bewertet wurden, ergab, dass 88 Prozent dieser Banken den Anpassungsrisiken nicht angemessen Rechnung tragen. Nur sieben Kreditinstitute erfüllen mehr als die Hälfte der Kriterien, und keine einzige Bank erfüllt sie in vollem Umfang. Europäische Banken liegen hier tendenziell vorn, während sich viele Kreditinstitute mit Sitz in den Vereinigten Staaten und in Australien eher im unteren Teil der Rangliste wiederfinden.
Versäumt man also, Anpassungsmaßnahmen umzusetzen, wirkt sich dies unmittelbar sowohl auf die Preis- als auch auf die Finanzstabilität aus.
Für das Risikomanagement der Banken hat die zunehmende Bedeutung der Klimaanpassung mehrere Konsequenzen:
Erstens müssen Banken physische Klimarisiken – und die Wirksamkeit von Anpassungsmaßnahmen – auf wesentlich granularerer Ebene nachvollziehen. Diese Betrachtung umfasst nicht nur aktuelle Gefahren, sondern auch deren Entwicklung im Zeitverlauf, die nach der Anpassung verbleibenden Restrisiken sowie die Art und Weise, wie sich diese Risiken über Betriebsstätten, Sektoren und Wertschöpfungsketten hinweg aggregieren.
Zweitens müssen Banken einen Beitrag zur Finanzierung von Anpassungsmaßnahmen leisten. Kreditinstituten, Versicherern, Vermögensverwaltern und den Kapitalmärkten kommt bei der Mobilisierung und Allokation von Kapital für Anpassungsprojekte eine zentrale Rolle zu. Daraus ergeben sich einerseits neue Chancen, der Prozess erfordert andererseits jedoch auch belastbare Kennzahlen, Instrumente und Offenlegungspflichten, um Fehlbewertungen und eine Fehlallokation von Kapital zu verhindern.
Drittens müssen Banken erkennen, dass Anpassung und Innovation zwei Seiten ein und derselben Medaille sind. Denn der Klimawandel birgt nicht nur Risiken; er ist auch Triebfeder für die Nachfrage nach neuen Technologien, Geschäftsmodellen und Finanzprodukten. Der Übergang zu einer widerstandsfähigeren Wirtschaft erfordert erhebliche Investitionen in Innovationen. Diese umfassen beispielsweise eine klimaresiliente Infrastruktur und eine dürreresistente Landwirtschaft ebenso wie moderne Frühwarnsysteme und Hochwasserschutzanlagen der nächsten Generation. Schätzungen zufolge beläuft sich das aus der Finanzierung des ökologischen Wandels entstehende Ertragspotenzial für Banken und Finanzinstitute bis zum Jahr 2030 auf 44 Milliarden US‑Dollar pro Jahr.[9]
Viertens kann auch der Finanzsektor selbst über seine traditionelle Rolle als Kreditgeber hinaus den Weg für grüne Innovationen bereiten. Neuartige Instrumente wie an Nachhaltigkeitskriterien ausgerichtete Darlehen, Blended Finance oder Zweckgesellschaften für die Finanzierung von Klimaschutztechnologien können dazu beitragen, die Finanzierungslücke zu schließen, die durch öffentliche Mittel allein nicht abgedeckt werden kann. Finanzinstitute, die eine derartige Expertise frühzeitig entwickeln, dürften ihre internen Transitionsrisiken effektiver steuern und sich einen echten Wettbewerbsvorteil verschaffen können.
Die Herausforderung der Klimaanpassung ist also zwar einerseits erheblich, andererseits aber auch eine der wirkmächtigsten Investitions- und Innovationschancen unserer Zeit. Ein Finanzsystem, das Klimaschocks lediglich abfängt, reicht nicht aus. Vielmehr muss es die Lösungen für die daraus entstehenden Probleme auch aktiv finanzieren.
Auch den Regulierungs- und Aufsichtsbehörden kommt hier eine wichtige Rolle zu. So sollten sie die Kennzahlen und Instrumente zur Messung und Berichterstattung von Anpassungsmaßnahmen weiterentwickeln. Zu prüfen ist darüber hinaus, ob nicht auch die aufsichtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen anzupassen sind.
Bei der Bundesbank arbeiten wir gemeinsam mit unseren europäischen und internationalen Partnern daran, unser Verständnis zu vertiefen, Methoden zur Analyse von physischen Risiken und Transitionsrisiken – einschließlich anpassungsbezogener Aspekte – zu entwickeln und diese in unsere Analyse- und Aufsichtstätigkeit einfließen zu lassen.
Es liegt an uns, die Kluft zwischen dem Ausmaß der Herausforderung und der aktuell gängigen Praxis zu überwinden. Nur so kann das Finanzsystem in einer Welt, in der Anpassung nicht mehr nur optional, sondern unabdingbar ist, robust bleiben.
Mehr als nur Klima: Natur und Ökosystemleistungen
In meinen bisherigen Ausführungen habe ich mich vor allem auf den Klimawandel konzentriert. Doch stellt dieser lediglich eine von mehreren Dimensionen der umfassenderen ökologischen Herausforderungen dar, denen wir uns gegenübersehen. Auch der Rückgang der Artenvielfalt und die Zerstörung von Ökosystemen sind dringliche Probleme mit erheblichen Auswirkungen auf die Wirtschaft und das Finanzsystem.
Ökosysteme erbringen eine Vielzahl von Leistungen, die die Basis der Wirtschaftstätigkeit bilden. Dazu zählen unter anderem die Bestäubung, die Wasserreinigung, die Bodenfruchtbarkeit, der Hochwasserschutz und die CO2-Bindung und -Speicherung. Diese Leistungen werden häufig als selbstverständlich betrachtet und werden an den Märkten nicht bepreist. Sind sie jedoch beeinträchtigt oder überhaupt nicht mehr möglich, kann dies erhebliche wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen.
So kann sich eine abnehmende Zahl von Bestäubern auf Ernteerträge und Lebensmittelpreise auswirken. Die Abholzung von Wäldern kann das Risiko von Überschwemmungen und Erdrutschen erhöhen, die in der Folge zu Infrastruktur- und Sachschäden führen. Die Zerstörung von Feuchtgebieten kann den natürlichen Hochwasserschutz und die Wasserfilterung beeinträchtigen. Dadurch entstehen Kosten für den Bau von Hochwasserschutzanlagen und die Wasseraufbereitung. Die Überfischung und die Zerstörung von Korallenriffen können sowohl die Fischerei als auch den Tourismus gefährden.
Wenn bestimmte Ökosystemleistungen zukünftig nicht mehr oder nur noch eingeschränkt zur Verfügung stehen, können sich daraus wirtschaftliche und finanzielle Risiken ergeben. Diese naturbedingten Risiken können sich in den Kreditportfolios der Banken niederschlagen und folglich die Stabilität des gesamten Bankensektors gefährden.
Für Banken erscheint es daher sinnvoll, Ökosystemleistungen in ihre Risikobewertung und strategische Planung einzubeziehen.
Fachleute der Deutschen Bundesbank haben kürzlich analysiert, inwieweit deutsche Banken durch ihre Kreditvergabe an nichtfinanzielle Unternehmen indirekt von Ökosystemleistungen abhängig sein könnten. Dies hilft uns zu verstehen, welche finanziellen Risiken mit der Zerstörung natürlicher Ressourcen einhergehen. Dabei wurde auch untersucht, ob sich die genannten Abhängigkeiten je nach Art der Bank unterscheiden.[10]
In der Analyse wurden Daten zu Bankkrediten mit Informationen darüber verknüpft, inwieweit die kreditnehmenden nichtfinanziellen Unternehmen von naturbedingten Faktoren abhängig sind. Dies gibt Auskunft über die Stärke der Verbindung zwischen Unternehmenskrediten und Ökosystemleistungen. Insgesamt wurden 1.200 deutsche Banken analysiert, die mit Stand Dezember 2025 ein Gesamtkreditvolumen von rund 1,7 Billionen Euro an nichtfinanzielle Unternehmen ausgereicht hatten.
Den Ergebnissen zufolge ist etwa die Hälfte dieses Kreditvolumens in hohem Maße von mindestens einer Ökosystemleistung abhängig. Dabei spielen wasserbezogene Ökosystemleistungen eine besonders wichtige Rolle.
Fast alle diese Kredite weisen eine hohe Abhängigkeit von mindestens einer wasserbezogenen Ökosystemleistung auf. Das unterstreicht die überragende Bedeutung von Wasser – etwa Wasserversorgung und Wasserregulierung – als Grundvoraussetzung für die Wirtschaftstätigkeit. Nach Angaben des Umweltbundesamtes gehört Deutschland zu den Regionen mit dem weltweit höchsten Wasserverlust, obwohl das Land nach europäischen Maßstäben nicht als von Wasserstress betroffen eingestuft wird.
Betrachtet man die verschiedenen Kategorien von Banken, dann weisen Genossenschaftsbanken und Sparkassen die größten Anteile an Krediten mit mindestens einer hochgradigen Abhängigkeit auf – und zwar sowohl in Bezug auf Ökosystemleistungen insgesamt als auch speziell in Bezug auf wasserbezogene Ökosystemleistungen. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass Sparkassen und Genossenschaftsbanken einen größeren Teil ihrer Kredite an Sektoren mit mindestens einer starken Abhängigkeit vergeben, insbesondere an den Immobiliensektor.
Im vergangenen Jahr führten die Bundesbank und die BaFin eine Umfrage unter kleineren deutschen Kreditinstituten durch. Daraus ging hervor, dass sich die befragten Banken inzwischen damit beschäftigen, welche Auswirkungen ESG-Risiken auf ihre wichtigsten Risikokategorien, darunter Kredit-, Markt- und operationelle Risiken, haben.[11] Diese Entwicklung ist insbesondere mit Blick auf die Ergebnisse früherer Umfragen zu begrüßen.
Nach meinem Dafürhalten sollten die Banken diese positive Dynamik aufrechterhalten. Sie sollten ihre Abhängigkeit von Ökosystemleistungen untersuchen und Strategien entwickeln, um Risiken, die sich aus Biodiversitätsverlusten ergeben, in ihrem Risikomanagement zu berücksichtigen.
Schluss
Damit komme ich zum Ende meiner Ausführungen.
Dass das 1,5-Grad-Ziel den meisten Modellen zufolge inzwischen praktisch nicht mehr zu erreichen ist, macht uns die Dringlichkeit und das Ausmaß der vor uns liegenden Herausforderungen schmerzlich bewusst. Die Anpassung an eine wärmere Welt ist also nicht mehr nur optional, sondern unabdingbar. Die Kosten dieser Anpassung – und die Risiken unzureichender Anpassungsmaßnahmen – werden unsere Volkswirtschaften und Finanzsysteme zunehmend prägen.
Für die Banken und Aufsichtsbehörden ergibt sich daraus eine zweifache Aufgabe: Einerseits gilt es, die Risiken zu steuern, die sich sowohl aus dem Übergang zu einer emissionsarmen Wirtschaft als auch aus den physischen Auswirkungen des Klimawandels ergeben. Andererseits muss anerkannt werden, dass Umweltrisiken über reine Klimarisiken hinausgehen und auch den Rückgang der Artenvielfalt und den Wegfall von Ökosystemleistungen umfassen.
Das heißt aber auch, dass wir uns über die Grenzen unserer Rolle im Klaren sein müssen. Zentralbanken und Aufsichtsbehörden, die zu weit über ihre Mandate hinausgehen, laufen Gefahr, genau jene Unabhängigkeit zu untergraben, die ihre Wirksamkeit ausmacht. Unser Engagement für den Umgang mit ESG-Risiken ist ungebrochen, basiert jedoch auf unserer Verantwortung für Preis- und Finanzstabilität und ist durch diese definiert.
Die Aufsichtsbehörden müssen auch anerkennen, dass den Banken über das Risikomanagement hinaus noch eine weitere Rolle zukommt: Sie finanzieren die Lösungen und stellen das Kapital für die Innovationen und Investitionen bereit, die für den Aufbau einer resilienteren und nachhaltigeren Wirtschaft erforderlich sind. Banken, die sich diesem doppelten Mandat aus Risikomanagement und Innovationsförderung stellen, werden besser aufgestellt sein, um die bevorstehenden Herausforderungen zu meistern.
Gleichzeitig müssen wir unseren Blick weiten und auch naturbedingte Risiken sowie den Verlust von Ökosystemleistungen berücksichtigen. Diese Risiken sind real, sie nehmen zu, und sie stehen in Wechselwirkung mit Klimarisiken. Daher müssen sie in das Risikomanagement der Banken sowie die Aufsichtsrahmen einbezogen werden.
Alleine können die Zentralbanken und Aufsichtsbehörden diese Ziele allerdings nicht erreichen. Dafür bedarf es einer Beteiligung des gesamten Finanzsektors, der politischen Entscheidungsträger, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft. Auch Erkenntnisse und Beiträge aus der Forschung sind hier gefragt.
Die heutige Konferenz ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Als Teilnehmende werden Sie aktuelle Forschungsergebnisse diskutieren, Erfahrungen austauschen und neue Ideen erörtern. Ich bin mir sicher, dass uns die heutigen Gespräche helfen werden, die Risiken, denen wir uns gegenübersehen, besser nachzuvollziehen und wirksamere Gegenmaßnahmen zu entwickeln.
Im Namen der Deutschen Bundesbank möchte ich unseren Partnern – der Banque de France, der Paris School of Economics und der Toulouse School of Economics – für die Organisation dieser Konferenz danken. Ebenso gilt mein Dank Ihnen allen für Ihr Engagement für dieses überaus wichtige Thema.
Ich wünsche Ihnen eine inspirierende und produktive Konferenz.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Fußnoten:
Siehe https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg2/chapter/summary-for-policymakers/
Forster, P. M. et al. (2025), Indicators of global climate change 2024: Annual update of key indicators of the state of the climate system and human influence, Earth System Science Data, Bd. 17(6), S. 2641‑2680.
Krapp, C. und A. Lauterjung, (19. Dezember 2025), Unterschätzte Klimarisiken, Handelsblatt.
Newman, R. und I. Noy (2023), The global costs of extreme weather that are attributable to climate change, Nature Communications, Bd. 14, S. 6076.
Mongelli, F. P., A. Ceglar und B. A. Scheid (2024), Why do we need to strengthen climate adaptations? Scenarios and financial lines of defense, Working Paper Series der EZB, Nr. 3005.
Buchner, B. et al. (2023), Global landscape of climate finance, Climate Policy Initiative.
Peersman, G. (2022), International Food Commodity Prices and Missing (Dis)Inflation in the Euro Area, The Review of Economics and Statistics, Bd. 104(1), S. 85–100, MIT Press.
Climate X (2024), Climate X Research Shows 88 % of Top Global Banks Unprepared for Climate-Related Disruptions, https://www.climate-x.com/articles/press-releases/top-50-banks-tackling-climate-adaptation
Siehe https://www.bain.com/about/media-center/press-releases/2024/banks-to-play-a-pivotal-role-in-the-low-carbon-transition-contributing-up-to-$600-billion-annually-through-2030--bain--company/
Die Studie erscheint im Monatsbericht April 2026 der Deutschen Bundesbank.
Die Umfrageergebnisse werden im Monatsbericht April 2026 der Deutschen Bundesbank veröffentlicht.