Editierte Abschrift der Frage- und Antwortrunde anlässlich der Jahrespressekonferenz am 05.03.2026
Frage:
China hat gerade angekündigt, dass das Wirtschaftswachstum geringer ausfallen wird, und China ist der größte Abnehmer von Öl aus dem Iran und befindet sich mitten im Handelskonflikt mit den USA. Welche Aufmerksamkeit schenken Sie dieser wirtschaftlichen Entwicklung in China? Welche Risiken und Auswirkungen hat sie auf die deutsche Wirtschaft?
Dr. Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank:
Man sieht an dem Beispiel China, wie stark die globale Wirtschaft vernetzt ist. Und natürlich haben die Wirtschaftsentwicklung in China und die aktuelle geopolitische Situation direkte Einflüsse auf Europa und Deutschland. Es gibt auch Rückkopplungseffekte. Ich hatte es in meinem Eingangsstatement zum Ausdruck gebracht: Über Größenordnungen zu spekulieren ist einfach noch zu früh. Das Kriegsgeschehen im Nahen Osten dauert noch nicht einmal eine Woche. Kein Mensch kann sagen, wie lange es anhalten wird und wie groß die Auswirkungen sein könnten, wenn es länger andauerte. Die Auswirkungen wären dann deutlich signifikanter, als wenn der Krieg kurzfristig beendet werden würde. Uns ist allen klar: Wenn der Krieg lange dauert, werden die Auswirkungen auf die europäische und deutsche Wirtschaft nicht gut sein. Deswegen müssen wir uns als Notenbanken unserem Mandat verpflichten. Welche Konsequenzen gäbe es möglicherweise für die Inflation? Ich kann und werde heute nicht darüber spekulieren, was das für die Zinslandschaft bedeuten könnte. Das ist noch zu früh. Wir müssen uns gedulden und schauen, ob die Volatilität bei den Preisen abnimmt. Und ob die nach wie vor hohe Nervosität an den Märkten Konsequenzen hat. Ich denke, wir hoffen alle, dass dieser kriegerische Konflikt bald zu einem Ende kommt und die Auswirkungen glimpflich sein werden.
Frage:
Haben Sie schon mit dem designierten US-Notenbankchef Kevin Warsh gesprochen? Was erwarten Sie von ihm?
Dr. Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank:
Ich habe den zukünftigen Chef der amerikanischen Notenbank, Kevin Warsh, im Dezember letzten Jahres bei einer Veranstaltung in New York gesprochen, als noch nicht klar war, wer Nachfolger von Jerome Powell wird. Ich kenne ihn seit einigen Jahren. Er ist ein erfahrener Notenbanker. Er kennt die Fed wie kaum ein anderer, hat viele Jahre dort verbracht und ist ein sehr anerkannter Kollege. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.
Frage:
Ich würde gerne zur Inflation nachfragen und den Vergleich zum Beginn des Ukraine-Kriegs ziehen. Dass ein Energiepreissprung wie jetzt ohne Auswirkungen auf die Inflation bleibt, kann als ausgeschlossen gelten, würde ich denken. Dann stellt sich die Frage, ob man denkt, es wäre wieder nur etwas Vorübergehendes. Damit ist man letztes Mal reingefallen. Würden Sie dafür plädieren, zumindest nicht auszuschließen, die Zinsen wieder anzuheben, wenn sich die Preissteigerungen jetzt als hartnäckig erweisen?
Dr. Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank:
Ich würde die Phase nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 etwas anders einordnen. Wenn Sie sich zurückerinnern, waren wir damals noch in der Phase des Quantitative Easing. Wir hatten die Entscheidung getroffen, zunächst die Ankaufsprogramme zu beenden. Wir sind sukzessive vorgegangen und haben dann im Juli 2022 den ersten Zinsschritt gemacht. Bevor es zu der eigentlichen Zinsentscheidung kam, gab es vorgelagerte Entscheidungen, die aus meiner Sicht Grundvoraussetzung für diesen Zinsschritt waren. Der erste Zinsschritt war ein relativ robuster. Wir sind dann weiterhin robust vorangegangen, und das Ergebnis war am Ende gut. Wir haben jetzt eine Preisumgebung, die sehr nahe bei unserem Inflationsziel ist. Aber natürlich ist es so: Wenn dieser Krieg lange dauert und die Energiepreise auf diesem hohen Niveau bleiben werden, dann werden sie auf die Inflationsrate insgesamt durchschlagen. Das ist vollkommen klar. Das werden wir in unsere geldpolitische Entscheidung einbeziehen, und wir werden daraus die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Aber es ist mir noch zu früh, mich jetzt schon festzulegen und zu sagen, dass wir das und das machen müssen. Das halte ich aus meiner Sicht jetzt nicht adäquat. Die Umgebung ist sehr erratisch, und deswegen müssen wir das mit der gebotenen Vorsicht analysieren. Ich rate davon ab, Vorfestlegungen zu treffen. Das ist an der Stelle nicht hilfreich.
Frage:
Ich habe eine Frage zur Bilanz beziehungsweise zur Ausschüttung. Sie sagen, es gibt jetzt lange keine Ausschüttung. Sie stellen für dieses Jahr einen weiteren Anstieg des Bilanzverlustes in Aussicht. Derzeit sind es fast 28 Milliarden Euro. Wie lange könnte es dauern, wenn man sich anguckt, was früher ein normaler Bundesbankgewinn war? Der Bund hat, glaube ich, 2,5 Milliarden Euro eingeplant, und dann gab es Ausschüttungen von mal 4, mal 6 Milliarden Euro. Wenn wir 3 Milliarden oder 4 Milliarden Euro annehmen, sind wir locker bei zehn Jahren, bis es überhaupt wieder zu einer Ausschüttung kommen kann. Ist die Rechnung überschlagsmäßig völlig falsch? Oder erwarten Sie demnächst sprudelnde Gewinne, wenn erst einmal die bösen alten Anleihebestände weg sind?
Dr. Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank:
Was ich zu zukünftigen Jahresfehlbeträgen und dem damit verbundenen kumulierten Bilanzverlust sagen kann: Man muss zwischen diesen beiden Größen wirklich trennen. Es ist mir ein großes Anliegen, das nochmal deutlich zu machen. Es hängt von vielen Nebenbedingungen ab, insbesondere der weiteren Zinsentwicklung. Manche Entwicklungen unserer Bilanz gehen auch auf Wechselkurs-Effekte zurück. Insofern ist es schwierig, in die Kristallkugel zu schauen und das exakte Jahr zu identifizieren, wann das alles wieder abgearbeitet ist. Aber eines ist klar, und das räume ich ein: Es wird eine längere Wegstrecke sein. Das heißt, wir müssen erst wieder Gewinne auf der Jahresscheibe haben. Dann werden die Jahresscheiben-Gewinne dazu genutzt, um die bis dahin kumulierten Bilanzverluste zu neutralisieren. Erst dann würden mögliche Gewinne wieder an das Bundesministerium der Finanzen überwiesen. Das wird eine längere Wegstrecke sein. Es wird eine Zeit lang dauern, und im Übrigen haben wir daraus nie einen Hehl gemacht. Im ersten Jahr mit Verlusten haben wir deutlich gemacht, das wird ein langer Weg sein. Es wird ein Marathon sein, der andauern wird, bis Bilanzgewinne wieder an den Bund gehen können.
Frage:
Sie haben sich sehr darüber gefreut, dass das Nettoeigenkapital durch die Höherbewertung des Goldes gestiegen ist. Seit zwei Jahren kennt der Goldpreis nur einen Weg, und zwar nach oben. Aber wir wissen, der kann auch fallen, das heißt, das Nettoeigenkapital kann auch wieder sinken.
Prof. Dr. Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank:
Klar kann man sich vorstellen, dass der Goldpreis in manchen Jahren eine andere Richtung nimmt. Aber der Puffer ist mittlerweile so groß, dass ich nicht besorgt bin, dass das eine Schwierigkeit sein könnte, auch im Hinblick auf den kumulierten Bilanzverlust. Ich möchte es nicht kleinreden, aber aus meiner Sicht ist es hinsichtlich unserer Bilanz kein Thema. Die Bundesbankbilanz ist grundsolide.
Frage:
Wenn wir schon beim Gold sind: Sie wollen sich noch in diesem Quartal dazu äußern, wo künftig der Sitz der Bundesbank sein wird. In Frankfurt hoffentlich, so steht es auch im Gesetz. Aber wo in Frankfurt genau? Das Gutachten, dass Sie in Auftrag gegeben haben, soll vorliegen. Nehmen wir mal an, Sie würden nicht zurückziehen: Wohin mit dem Gold? Gibt es eine Empfehlung seitens des Gutachtens, was man damit machen soll, außer Verkaufen natürlich?
Prof. Dr. Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank:
Ich möchte den aktuellen Bericht zu dem Gutachten nicht kommentieren. Wir werden im ersten Quartal berichten, wie es mit unserer Zentrale weitergeht. Wir haben heute den 5. März, es sind noch 26 Tage bis zum 31. März. Ich kann Ihnen versprechen, dass wir in dieser Zeit berichten werden, was mit dem Campusgelände passiert, ob wir dort bleiben oder ob wir uns möglicherweise ein neues Domizil in Frankfurt suchen werden. Die Entscheidung im Vorstand ist noch nicht getroffen worden. Die Entscheidung wird aber zeitnah erfolgen und dann werden wir auch kommunizieren, wie wir es uns weiter mit dem Goldlagerplatz in Frankfurt vorstellen. Wird das Gold dort bleiben oder wird in Zukunft möglicherweise etwas anderes geschehen? Aber eines kann ich Ihnen auf alle Fälle versichern: Das Gold lagert in Frankfurt sicher und wird auch in Zukunft sicher gelagert werden.
Dr. Sabine Mauderer, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank:
Ich kann das nur unterstreichen. Gold ist ein Safe-Haven-Asset, und Sie haben in den Folien gesehen, dass das Nettoeigenkapital der Bundesbank erheblich ist und die Bewertungsgrößen so viel größer sind als der Bilanzverlust. Die Aussage, dass die Bilanz sehr solide ist, trifft mehr als zu.
Frage:
Ich fand die Volatilität in einem Jahr sehr erstaunlich.
Prof. Dr. Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank:
Für uns ist die Goldvolatilität nichts Neues. Die letzten Jahre kannte der Goldpreis nur eine Richtung. Aber es gab Jahre, in denen der Goldpreis schwächelte. Die Goldvolatilität ist für die Bilanz der Bundesbank nicht mehr so entscheidend. Sie kennen die Größe unseres Goldbestandes, sie kennen den Puffer, der dort aufgebaut wurde. Wir legen eine grundsolide Bilanz vor, trotz des weiterhin bestehenden Jahresfehlbetrags. Es ist wichtig, an dieser Stelle nochmal zu betonen, dass die Richtung stimmt. Wir hatten im letzten Jahr noch einen Jahresfehlbetrag von 19,8 Milliarden und liegen jetzt bei 8,6 Milliarden Euro. Der Betrag wird sich weiterhin verringern, auch für das laufende Jahr. Das werden wir sicherlich im nächsten Jahr an gleicher Stelle berichten können.
Frage:
Zum Thema Bewertung des Golds, die Schweizer Nationalbank macht es anders. Sie bewertet das Gold zu Marktpreisen, was dazu geführt hat, dass sie für letztes Jahr einen Gewinn von 26,1 Milliarden Franken ausgewiesen und [davon 4 Mrd Franken] an Bund und Kantone ausgeschüttet hat. Warum hat die Bundesbank einen komplett anderen Ansatz, und wäre die Bilanzierung zu Marktpreisen nicht eine charmante Idee, das Gold, was praktisch eigentlich keine Relevanz hat, doch irgendwie nutzbar zu machen?
Prof. Dr. Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank:
Bei der SNB sieht man, dass eine andere Bewertungsmethodik zu einer größeren Volatilität führt, was die Bilanzgewinne und -verluste angeht. Und es ist im Übrigen nicht nur die Bundesbank, die so bilanziert, man hat sich im Eurosystem auf eine Bilanzierung verständigt. In der Art der Bilanzierung lässt man auch eine gewisse Vorsicht walten. Deswegen sind wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehr gut damit gefahren. Ich sehe keinen Anlass, an der Bewertungssystematik oder unserer Bilanzierung etwas zu ändern.
Frage:
Ich drehe die Schraube zum Thema Inflation und Geldpolitik ein bisschen weiter mit etwas anderem Blickwinkel. Sie werden sich in der nächsten Ratssitzung in zwei Wochen zur jetzigen Lage eine Meinung bilden. Wie lange kann die EZB zusehen, bevor sie reagiert? Der neue Wirtschaftsweise Felbermayr hat gerade gesagt, die alte Maxime – kurzfristige Energiepreisschocks einfach zu ignorieren und sich auf die langfristigen Inflationsprognosen zu verlassen – sei gescheitert. Ab wann muss die EZB mit Blick auf die Inflation handeln?
Prof. Dr. Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank:
Ich habe gelesen, was der eine oder andere hinsichtlich der Einordnung der Geldpolitik sagt und was möglicherweise zu tun wäre. Das ist einfach, wenn man von außen versucht, die Geldpolitik zu bewerten. Für mich ist es wichtig, dass wir das im EZB-Rat gemeinsam tun mit den Kolleginnen und Kollegen bei der nächsten EZB-Ratssitzung. Wir werden uns wie in der Vergangenheit die Informationen, die bis dann zusammengetragen sind, genau anschauen und das weitere Vorgehen überlegen. Für mich ist wichtig: Wir haben gezeigt, dass wir robust handeln und ein gemeinsames Verständnis haben, dass unser Mandat Preisstabilität ist. Deswegen ist mir nicht bange, dass uns das wieder gelingen wird. Es ist eine andere Situation als mit der Ukraine vor vier Jahren. Damals kamen wir aus der Phase des Quantitative Easing heraus. Es gab noch das eine oder andere Ankaufprogramm, das gestoppt werden musste. In der nächsten Phase musste die Wiederanlage beendet werden. Dann kam erst die Phase des Abschmelzens der Bilanz, in der wir noch immer sind. Heute haben wir eine andere Ausgangssituation. Ich bin mir sicher, dass wir robust handeln werden, wenn wir meinen, dass es notwendig ist.
Dr. Sabine Mauderer, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank:
Wie der Präsident schon gesagt hat, können wir die beiden Notenbanken nicht miteinander vergleichen, weil die Ansätze andere sind. Wir sind sehr gut gefahren mit unserem Ansatz des Vorsichtsprinzips. Und dabei werden wir bleiben.