„Toxische Mischung“ Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Das Gespräch führte Dennis Kremer.

Herr Theurer, was ist Ihre größte Sorge, wenn Sie auf den Zustand unseres Finanzsystems schauen?

Eine zentrale Rolle spielen derzeit geopolitische Risiken. Darüber hinaus zeigt die von den USA neu entfachte Zolldebatte, wie angespannt das handelspolitische Umfeld aktuell ist. Damit einher geht ein Rückschlagspotential an den amerikanischen Börsen, aber auch hierzulande. Insbesondere Technologieaktien sind nach unseren Analysen hoch bewertet. Rückschläge können schockartig auftreten, wie beispielsweise Anfang der Woche nach Veröffentlichung des sogenannten Citrini Report. Solche Schocks können zu Ansteckungseffekten in der ganzen Welt führen. Ein anderes Risiko ist die weltweit steigende Staatsverschuldung, die das Finanzsystem in Mitleidenschaft ziehen kann, wenn ihre Tragfähigkeit in Zweifel gerät.

Ob Zölle oder Staatsschulden: Auf beiden Feldern agiert die amerikanische Regierung deutlich aggressiver als in früheren Zeiten. Gehen die Gefahren für die Finanzstabilität also konkret von Donald Trump aus?

So weit würde ich nicht gehen. Das Klima ist rauer geworden, keine Frage. Aus meiner Sicht sind aber nicht die einzelnen Komponenten der US-Politik das größte Problem wie beispielsweise einzelne Zölle. Das Hauptproblem ist das Gesamtbild: Der erratische Politikansatz erschwert den Unternehmen und den Finanzmarktakteuren die Planbarkeit – und solche Unsicherheit macht vieles schwieriger.

Sollten europäische Investoren deswegen weniger auf amerikanische Staatsanleihen setzen? Ein Analyst der Deutschen Bank hat jüngst durchgerechnet, dass sich dies als erhebliches Druckmittel gegenüber den USA einsetzen ließe.

Sie spielen da auf eine Diskussion an, die unter der Überschrift "Sell America", also "Amerika verkaufen", geführt wird. Zu solchen konkreten Fragen äußert sich die Bundesbank grundsätzlich nicht. Allerdings ist uns natürlich nicht entgangen, dass die Märkte auf gewisse politische Entwicklungen mit höheren Renditen reagieren, und das wird ja von den Regierungen wahrgenommen, auch in Washington.

Sie hoffen darauf, dass der Druck der Märkte Donald Trump zur Einsicht bringt?

Die disziplinierende Wirkung von Märkten ist bekannt und spielt gerade bei Staatsanleihen eine Rolle. Das ist einfach die historische Erfahrung: Niedriges Wachstum und eine stark steigende Verschuldung können zu einer toxischen Mischung werden – da müssen Sie gar nicht weit zurückgehen. Denken Sie nur an den sogenannten Liz-Truss-Moment im Herbst 2022, als die damalige britische Premierministerin Liz Truss wegen Zweifeln an ihrer Haushaltspolitik zurücktreten musste. Die Zinsen für britische Staatsanleihen waren damals schnell und stark gestiegen. Und auch die Staatsschuldenkrise im Euroraum liegt ja noch nicht so lange zurück. Wann immer die Tragfähigkeit der Gesamtverschuldung infrage steht, wird es ungemütlich. Darum sind auch alle Mitgliedsländer des Euroraumes dringend dazu angehalten, die Haushalts- und Fiskalregeln zu befolgen.

Halten sich die Länder denn daran? Momentan scheinen besonders die großen Eurostaaten auszuscheren wie Italien und Frankreich, aber auch Deutschland.

Für Deutschland ist entscheidend: Die Gelder aus dem 500 Milliarden Euro schweren Programm der Bundesregierung müssen für Investitionen zum Einsatz kommen, die das Wachstum stärken. Denn ein höheres Wachstum erleichtert es einer Volkswirtschaft, eine höhere Gesamtverschuldung zu tragen und die Schulden relativ zur Wirtschaftskraft auf einem nachhaltigen Niveau zu stabilisieren. Das ist ein entscheidender Punkt, der in der Debatte manchmal unterschlagen wird.

Ob das in Deutschland gut gelingt, ist Gegenstand ständiger politischer Diskussion. Und Italien und Frankreich waren höheren Schulden gegenüber selten abgeneigt. Sind Sie ein einsamer Rufer in der Wüste?

Wir haben den Eindruck, dass unsere Warnungen sehr wohl gehört werden. Und man darf nicht vergessen, was in der Öffentlichkeit nach meinem Dafürhalten zu wenig wahrgenommen wird: Die einstigen Euro-Krisenstaaten Griechenland, Portugal, Irland und Spanien haben damals die Hilfen aus den Rettungsprogrammen nur gegen harte Auflagen erhalten. In der Folge haben sie schmerzhafte Anpassungen vorgenommen und gehören heute zu den Euroländern mit dem höchsten Wirtschaftswachstum. Der Rest Europas kann sich hier einiges zum Vorbild nehmen.

Europa versucht verstärkt, ein Gegengewicht zu den USA zu bilden. Wäre der Euro in der Lage, den Dollar als Leitwährung abzulösen?

Trotz jüngster Wechselkursverluste gegenüber dem Euro steht die Position des Dollar als Leitwährung nicht infrage. Der Großteil des Welthandels wird in Dollar abgewickelt, und die außerordentliche Stellung der USA als Supermacht untermauert diese Bedeutung. Aber ja: Es ist die Position der Bundesbank und des Eurosystems, auch in diesem Bereich Abhängigkeiten zu reduzieren und die Rolle des Euro als international anerkannte Währung zu stärken. Das ist ein wichtiger Ausdruck von europäischer Souveränität. Dazu gehört aus unserer Sicht auch die Entwicklung eines digitalen Euro.

Ist es denn richtig, dass die Notenbanken daran an vorderster Stelle mitwirken? Das Entwickeln eines alternativen Zahlungssystems könnte man doch dem Markt überlassen. Gerade Sie als früherer FDP-Politiker müssten dafür Sympathien haben.

Das ist am Ende eine politische Entscheidung. Der Vorstand der Bundesbank hat richtigerweise entschieden, sich an dem Projekt der Europäischen Zentralbank zur Schaffung des digitalen Euro zu beteiligen. Ich schaue darauf vor allem mit Blick auf die Finanzstabilität und als liberaler Ökonom. Als solcher bin ich grundsätzlich dafür, Innovationen aller Art dem Markt zu überlassen. Aber wir müssen auch bedenken, dass es zu Instabilitäten kommen wird, wenn es im Zahlungsverkehr zu abrupten Veränderungen käme. Mit dem digitalen Euro bauen wir eine eigenständige, neue Infrastruktur, um die Resilienz Europas zu stärken und solchen Instabilitäten entgegenzuwirken.

An welche Instabilitäten denken Sie konkret?

Nehmen Sie zum Beispiel das Aufkommen der Stablecoins. Das sind digitale Vermögenswerte, die meist an den Dollar gekoppelt und durch Vermögenswerte wie amerikanische Staatsanleihen besichert sind. Sollten sich Stablecoins breit durchsetzen, könnten sie das Finanzsystem grundlegend verändern. Allein das Risiko von Ansteckungseffekten im Falle einer Vertrauenskrise ist groß: Wenn viele Besitzer von Stablecoins gleichzeitig ihr Rückzahlungsversprechen einlösen wollen, könnten Notverkäufe der als Reserven gehaltenen Vermögenswerte zu Turbulenzen an den Finanzmärkten führen.

Übertreiben Sie da nicht? Noch ist das Phänomen klein.

Das ist zwar richtig. Aber es wächst mit großer Geschwindigkeit. Und wir sollten auch nicht denken, dass Europa nicht davon betroffen ist. Schon heute gibt es sogenannte Multi-Issuance-Stablecoins in Milliardenhöhe. Diese werden von global tätigen Unternehmen sowohl über Geschäftseinheiten in der EU als auch in anderen Ländern wie den USA emittiert. Dadurch entstehen Zahlungsansprüche gegenüber einer EU-Einheit eines Stablecoin-Emittenten, die in der Praxis nicht immer durch die in der EU vorgehaltenen Reserven gedeckt sein müssen. Hier gibt es eine regulatorische Lücke, die die EU unbedingt schließen muss. Wir als Bundesbank empfehlen, diese speziellen Stablecoins nicht zuzulassen, solange deren spezifische Risiken nicht regulatorisch angemessen adressiert sind. Was mich zurück zum übergeordneten Thema bringt: Wir Europäer müssen selbst den Ordnungsrahmen setzen, wenn wir unsere Souveränität behalten wollen.

Die Firmenpleiten hierzulande nehmen zu. Ist das nicht ein viel größeres Risiko als Stablecoins, weil Kreditausfälle sofort auf die Bilanzen der Banken durchschlagen?

Ich will das nicht miteinander vergleichen. Stablecoins sind ein neues Thema, das wir im Auge behalten müssen, und Kreditausfälle sind ein Risiko, was wir seit jeher sehr genau verfolgen. Die gute Nachricht ist: Die Banken in Deutschland sind widerstandsfähig, das zeigen Stresstests. Selbst im schlimmsten Szenario, also bei einem massiven Wirtschaftsabschwung und einer starken Erhöhung der Arbeitslosigkeit, wären nur wenige Institute kleiner und mittlerer Größe hart betroffen.

Sie geben also Entwarnung?

Wir geben den Instituten die klare Empfehlung, die derzeit noch gute Ertragslage zu nutzen, um Vorsorge zu treffen. Die Zahl der ausfallgefährdeten Kredite ist zwar nicht besorgniserregend hoch. Aber die Zahl der Unternehmensinsolvenzen nimmt weiter zu, und es gibt beispielsweise den Bereich der Gewerbeimmobilien, in dem die Höhe solcher ausfallgefährdeten Kredite zuletzt mit 5,9 Prozent schon deutlich gestiegen ist. Hier ist aus Sicht der Banken kaufmännische Vorsicht angebracht.

Herr Theurer, Sie waren Parlamentarischer Staatssekretär und Fraktionsvize im Bundestag, also ein Vollblutpolitiker. Fehlt Ihnen das nicht?

Der Wechsel zur Bundesbank im Herbst 2024 war schon eine große Umstellung. Gleichzeitig hilft mir in der täglichen Arbeit meine politische Erfahrung, auch auf europäischer Ebene. Ich war ja auch einige Zeit Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Richtig ist, dass die Kommunikation in einer Zentralbank wie der Bundesbank eine andere ist als im politischen Betrieb. Sehr erfüllend fand ich immer die direkten Gespräche mit den Bürgerinnen und Bürgern. Zu keiner Sekunde vermisse ich allerdings sachfremde Diskussionen und ideologischen Schlagabtausch.

Am 8. März wird in Ihrem Heimatbundesland Baden-Württemberg gewählt. Sorgen Sie das Erstarken der AfD und die Schwäche der FDP?

Natürlich bin ich weiterhin ein politischer Mensch. Als Vorstand der Bundesbank bin ich aber zur politischen Neutralität verpflichtet.

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