Die Goldreserven sind sicher Interview mit der Welt am Sonntag

Das Gespräch führten Anja Ettel und Michael Höfling.

Die Bundesbank und die EZB treiben den digitalen Euro voran. Aber zeigt die geopolitische Lage nicht gerade, dass Bargeld und Gold in Krisenzeiten das größte Vertrauen genießen? 

Ja, aber die geopolitische Lage zeigt auch, wie abhängig Europa im Zahlungsverkehr ist. Rund zwei Drittel aller Transaktionen laufen über US-Anbieter. In einem systemkritischen Bereich ist das eine erhebliche Abhängigkeit. Genau deshalb treiben wir das Projekt voran. Der digitale Euro hat für uns Priorität. 

Viele Bürger verstehen trotzdem nicht, warum es neben Bargeld, Girocard oder Apple Pay noch einen digitalen Euro braucht – der zudem Geld kostet. 

Bargeld verursacht ebenfalls Kosten. Der digitale Euro wäre die erste wirklich gesamteuropäische Zahlungslösung für den Euroraum. Heute haben wir einen Flickenteppich nationaler Systeme, in 13 von 21 Euro-Staaten gibt es nicht einmal ein eigenes Kartenzahlungssystem. Wir wollen Europa hier unabhängiger machen. Zudem soll der digitale Euro zusätzliche Resilienz schaffen – etwa durch eine Offline-Funktion, die Zahlungen auch ohne Internetverbindung ermöglicht. 

Ist es Aufgabe einer Notenbank, Industriepolitik gegen Mastercard, Visa oder PayPal zu betreiben? 

Nein. Aber zentrale Infrastrukturen müssen zukunftsfähig und souverän aufgestellt sein. Zahlungszugänge können politisch beeinflusst werden. Als Zentralbanken im Eurosystem sehen wir es daher als unsere Verantwortung, eine Alternative bereitzustellen. 

Und das trauen Sie den Banken nicht zu?

Ordnungspolitisch gilt für mich: Zunächst sind die Privaten am Zug. Aber die Privatwirtschaft hat es seit Einführung des Euro nicht geschafft, eine paneuropäische Lösung aufzubauen. Das ist ein klassisches Marktversagen. 

Und Sie meinen, der Staat kann es besser?

Es geht nicht um „besser“ im unternehmerischen Sinn. Aber zentrale Infrastrukturen müssen im Zweifel staatlich abgesichert sein. Der digitale Euro ist ein zusätzliches Angebot – kein Monopol. 

Es gibt mit Wero eine private europäische Initiative. Würde deren Erfolg den digitalen Euro überflüssig machen? 

Nein. Ich wünsche Wero Erfolg. Aber entscheidend ist, ob solche Systeme dauerhaft europaweit funktionieren und unabhängig bleiben. In der Vergangenheit war das nicht so. Eurocheque beispielsweise war ein Erfolg und wurde schließlich aufgekauft. Der digitale Euro ist kein Konkurrenzprojekt, sondern wird mit privaten Wallets zusammenarbeiten. Die letzten Meter zum Kunden werden Banken und andere Anbieter übernehmen. Die Bundesbank ist keine Unternehmerin und will auch keine sein. 

Kritiker sagen: Die EZB würde vom Aufseher zum Anbieter von Zahlungssystemen.

Unser Kernprodukt ist Bargeld. In einer zunehmend digitalen Welt müssen wir uns fragen, wie dieses Kernprodukt in die Zukunft übertragen werden kann. Ich sehe den digitalen Euro als eine Art digitalen Zwilling des Bargelds. Wir stehen klar zum Bargeld – investieren in seine Infrastruktur, bereiten eine neue Banknotenserie vor und haben ein nationales Bargeldforum initiiert. Aber wir leben nicht mehr in einer rein analogen Welt. 

Bargeld verschwindet Schritt für Schritt. Immer mehr Bereiche, etwa bestimmte Verkehrsverbünde, akzeptieren es gar nicht mehr. 

Ein Verschwinden sehe ich nicht. Wir beobachten eher ein Bargeld-Paradoxon: Jahr für Jahr wird mehr Bargeld produziert, während der Anteil der Barzahlungen im Alltag sinkt. Zuletzt lag der Anteil bei 51 Prozent aller Transaktionen. Er wird weiter sinken – aber Bargeld wird präsent bleiben.

Kann das Projekt digitaler Euro noch scheitern?

Wir bereiten das Projekt sehr gut vor. Politisch rechne ich noch in diesem Jahr mit einer Entscheidung. Danach folgt ein Testbetrieb, die Ausschreibungen dafür laufen bereits. Am Ende bin ich überzeugt: Der digitale Euro wird kommen. 

Und wenn ihn am Ende niemand nutzt?

Wir werden alles dafür tun, dass er angenommen wird. Dazu gehört auch eine breit angelegte Informationskampagne, ähnlich wie bei der Einführung des Euro-Bargelds. Letztlich bietet der digitale Euro viele Vorteile für die Verbraucherinnen und Verbraucher. Damit muss er überzeugen. 

Viele Bürger sorgen sich um Datenschutz und mögliche politische Eingriffe.

Diese Sorgen nehmen wir sehr ernst. Die Infrastruktur würde mit pseudonymisierten Daten arbeiten. Zentralbanken könnten weder einzelne Zahlungen noch Kontostände einsehen oder Personen zuordnen. Wir haben keinerlei Interesse an persönlichen Zahlungsdaten. Geschäftsbanken sehen Transaktionen – wie heute beim Girokonto auch –, um Geldwäsche und Betrug zu bekämpfen. Eine kommerzielle Nutzung von Daten ist ihnen nur mit ausdrücklicher Zustimmung möglich. 

Lassen Sie uns noch über das Gold sprechen, das Edelmetall gilt als Stabilitätsanker, gerade in Krisenzeiten. Nur: Warum lagert dann fast jede zweite Tonne der deutschen Goldreserven im Ausland? 

Die Frage unterstellt, dass Gold außerhalb Deutschlands weniger sicher wäre. Entscheidend ist etwas anderes: Sollte es jemals nötig sein, unsere Goldreserven zu mobilisieren, müssen sie an den Handelsplätzen physisch verfügbar sein. Das ist der zentrale Grund für die Lagerung im Ausland. New York und London sind die wichtigsten Goldhandelsplätze der Welt. Wir überprüfen regelmäßig, ob unser Lagerstellenkonzept sinnvoll ist. 51 Prozent unserer Goldreserven liegen in Frankfurt. Rund 37 Prozent lagern in New York, etwas mehr als zwölf Prozent in London. 

Also geht es weniger um Sicherheit als um Handelbarkeit?

Beides gehört zusammen. Der US-Dollar ist die wichtigste Reservewährung, und New York ist ein zentraler Goldhandelsplatz. Das verschafft uns bei Bedarf Flexibilität. Wir fühlen uns mit dieser Struktur gut aufgestellt. 

Gleichzeitig gibt es politischen Druck aus dem Weißen Haus auf die US-Notenbank. Bleibt Ihr Vertrauen unerschüttert? 

Wir betrachten die Fed weiterhin als unabhängige Zentralbank. Natürlich gibt es politische Debatten. Aber ich sehe keinerlei Hinweise, dass unsere Goldreserven dort nicht sicher wären. Jede Einflussnahme würde den Finanzplatz New York selbst beschädigen. 

Kritiker verweisen darauf, dass nur ein kleiner Teil der im Ausland gelagerten Barren bisher physisch geprüft worden sei. Zudem genügten veröffentlichte Inventarnummern angeblich nicht internationalen Standards. Reicht das wirklich aus, um Transparenz zu gewährleisten? 

Zu konkreten Prüfquoten oder Prüfverfahren äußere ich mich nicht, dazu bestehen vertragliche Vereinbarungen mit den Zentralbanken, die das Gold für uns lagern. Grundsätzlich gilt: Wir überprüfen unsere Bestände regelmäßig. An der Sicherheit der Goldreserven besteht aus unserer Sicht kein Zweifel und auch die Eigentumsverhältnisse sind klar: Die Goldbestände im Ausland sind Bestandteil der offiziellen deutschen Währungsreserven. 

2013 hat die Bundesbank im Rahmen eines Rückholprogramms Gold nach Deutschland gebracht. Unter welchen Voraussetzungen könnte das wieder nötig werden? 

Auch dazu äußere ich mich nicht. Aber seien Sie sicher: Wir überprüfen regelmäßig, ob die Verteilung unserer Goldreserven auf die drei Lagerstellen angemessen ist. Sollten Anpassungen sinnvoll sein, würden wir entsprechend handeln.

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