„Erneuern, Forschen, Digitalisieren – Fitnessprogramm für Deutschland und die Bundesbank“ Keynote beim Abendempfang „Bundesbank.connected – Bundesbank trifft Wiesbaden“

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Begrüßung

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie ebenfalls recht herzlich zu unserem Abendempfang „Bundesbank.connected“.

Wenn ich an ein Fitnessprogramm für Deutschland denke – denn das ist der Inhalt meines heutigen Impulses – dann denke ich an eines der packendsten Basketball-Spiele, die ich je gesehen habe. 

2023 hat mein Sohn das WM-Endspiel Deutschland gegen Serbien geschaut. Ich habe das Spiel nur nebenbei wahrgenommen. Es hat mich dann aber schnell in seinen Bann gezogen. 

Das Spiel hat mich dann aber schnell in seinen Bann gezogen. Es war fesselnd zu beobachten, dass Deutschland unbedingt gewinnen wollte und gekämpft hat.

Das hat dann auch funktioniert – wir wurden Weltmeister im Basketball.

Wir betrachten uns gern als Fußballnation und vergessen manchmal, dass Deutschland auch gut im Basketball ist. Das sieht man auch daran, dass Basketball zu den Sportarten zählte, die wenig mit öffentlichen Mitteln gefördert wurden.[1] Und trotzdem ist uns dieser Erfolg gelungen.

Der Gewinn einer Weltmeisterschaft kann vielleicht noch ein glückliches einmaliges Ereignis sein, aber wir sind auch Europameister geworden. Vielleicht sind wir jetzt auch eine Basketballnation?

Ich finde, das ist ein gutes Bild, denn wir wissen heute noch gar nicht, in welchen Disziplinen Deutschland künftig herausragend sein kann – und das gilt eben nicht nur für den Sport.

Jetzt arbeite ich nicht als Basketballtrainerin, sondern bin Ökonomin und arbeite in einer Zentralbank. Da ich unter anderem auch für IT zuständig bin, kann ich eine ökonomische und technologische Perspektive einbringen, wie Deutschland wieder fit werden kann. 

Das werde ich heute Abend anhand von drei Fragen mit Ihnen diskutieren:

  • Wie kommen wir in Deutschland wieder auf einen steileren Wachstumspfad?

  • Was braucht es, damit wir die aktuellen technologischen Entwicklungen dafür nutzen können? 

  • Welche Rolle spielen dabei technologische Abhängigkeiten?

2 Mehr wirtschaftliche Dynamik durch Digitalisierung

2.1 Ursachen der Wachstumsschwäche

Wenn wir uns die Wirtschaftsentwicklung des letzten Jahrzehnts anschauen, sehen wir eine ausgeprägte Wachstumsschwäche in Deutschland.

Während andere Volkswirtschaften wie die USA und der restliche Euroraum gewachsen sind, ist das reale BIP in Deutschland heute kaum höher als vor der Pandemie.

Das hätte sich in diesem Jahr ändern sollen. Denn die Fachleute der Bundesbank hatten im Dezember für dieses Jahr den Beginn einer Erholung vorhergesagt, die sich im kommenden Jahr fortsetzen sollte.

Durch den Krieg in Nahost haben sich die Aussichten aber merklich eingetrübt. Denn die schlagartig angestiegenen Energiepreise belasten nicht nur die Privathaushalte, deren Kaufkraft geschmälert wird. Sie belasten auch die Unternehmen, die mit steigenden Kosten und einer erheblichen Unsicherheit zu kämpfen haben.

Deswegen haben andere Institutionen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die Wirtschaftsforschungsinstitute ihre BIP-Prognosen für Deutschland bereits deutlich nach unten revidiert.

Dass wir überhaupt noch mit einem nennenswerten Wachstum rechnen dürfen, ist insbesondere auf den Fiskalimpuls durch die zusätzlichen Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur zurückzuführen. 

Deren kumulierte Wachstumseffekte belaufen sich nach Bundesbank-Schätzung bis 2028 auf 1,3 Prozentpunkte. 

Es handelt sich mithin nicht um einen selbsttragenden Aufschwung. Das sonderschuldenfinanzierte Ausgabenprogramm reicht nicht aus, um die strukturelle Wachstumsschwäche der deutschen Wirtschaft auszumerzen. Denn die davon ausgehenden Effekte auf das Potenzialwachstum sind begrenzt.

Dieses liegt derzeit laut unseren Schätzungen bei gerade einmal 0,4 Prozent pro Jahr.

Dieser Wert, der vor einem Jahrzehnt noch einen Prozentpunkt höher lag, beschreibt das Trendwachstum unserer Volkswirtschaft. 

Man kann das auch so veranschaulichen: Das Potenzialwachstum beschreibt die Grundfitness einer Volkswirtschaft, Konjunkturschwankungen entsprechen hingegen der Tagesform. Die ist mal besser und mal schlechter. Aber je fitter wir sind, desto besser ist die Leistung, die wir an guten Tagen bringen können. Oder auf den Basketball umgemünzt: Man kann nicht jede Weltmeisterschaft gewinnen. Aber wenn sich Deutschland in der Weltspitze etabliert, war es sicherlich nicht der letzte große Turniersieg.

Wirtschaftlich sind wir derzeit jedenfalls nicht (mehr) Weltspitze.

Strukturelle Faktoren spielen für die deutsche Wachstumsschwäche eine entscheidende Rolle:

Fachkräftemangel, Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung, ungünstige Rahmenbedingungen für Unternehmen. Das sind strukturelle Hemmnisse, die einem steileren Wachstumspfad entgegen stehen.

Wenn wir also auf einen steileren Wachstumspfad kommen wollen, müssen wir diese strukturellen Hemmnisse beseitigen.

Dazu brauchen wir Strukturreformen. Und wir müssen Bürokratie abbauen. Denn überbordender Verwaltungsaufwand ist ein veritables Investitionshemmnis.

In unserem Bundesbank-Online-Panel haben wir Firmen nach den drängendsten Problemen gefragt: Bürokratie wird mittlerweile von Unternehmen aller Sektoren und Größenklassen am häufigsten genannt.

Wir sind als Produzent von öffentlichen Statistiken und als Aufsichtsinstanz auch Verursacher von Bürokratie. Hier arbeiten wir daran, das öffentliche Informationsinteresse und die Sicherung der Stabilität des Finanzsystems möglichst effizient zu erfüllen. 

Wir haben beispielsweise gemeinsam mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) die Einstellung des Millionenkreditmeldewesens angestoßen. Die Gesetzesänderung wurde Anfang des Jahres beschlossen. Durch die europäische Datenerhebung in der Kreditdatenstatistik AnaCredit und der Statistik über Wertpapierinvestments stehen inzwischen Daten zur Verfügung, die diesen Teil des deutschen Meldewesens ersetzen können. Damit entlasten wir die Institute jährlich finanziell im mittleren zweistelligen Millionenbereich.

Bürokratieabbau ist ein Ansatzpunkt, um das Wachstum zu steigern. Digitalisierung ist ein anderer. Lassen Sie mich das kurz erläutern.

Wie schnell eine Wirtschaft im Trend wächst, hängt zum einen vom Einsatz der Produktionsfaktoren wie Arbeit und Kapital ab. 

Zum anderen hängt das Wachstum von der Totalen Faktorproduktivität (TFP) ab. Die TFP beschreibt, wie effizient die eingesetzten Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit genutzt werden, um Output zu erzeugen. 

Effizienzsteigerungen liefern mithin einen wichtigen Beitrag für ein höheres Wachstum.

Und wenn wir kräftigere Effizienzfortschritte erreichen wollen, spielt Digitalisierung eine wichtige Rolle.

2.2 Produktivitätssteigerung durch Digitalisierung und Einsatz von KI

Eine Bundesbank-Studie aus dem Jahr 2023 hat gezeigt, dass die Digitalsektoren in der Vergangenheit im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen sehr starke Effizienzgewinne aufwiesen und überproportional zum gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstum beigetragen haben.

Zwischen 1996 und 2020 ist die Totale Faktorproduktivität in den Digitalsektoren im Schnitt siebenmal stärker gewachsen als in den anderen Sektoren.

Während sie in den digitalen Sektoren, zu denen beispielsweise elektronische und optische Erzeugnisse oder Information und Kommunikation gehören, im Mittel um 3,5 Prozent pro Jahr stieg, wuchs sie in den anderen Wirtschaftssektoren nur um etwa 0,5 Prozent jährlich.

Dabei endet der Untersuchungszeitraum dieser Studie noch vor dem Digitalisierungsschub durch die Pandemie und vor dem jüngsten KI-Boom.

Zusammenfassend: Um wieder auf einen steileren Wachstumspfad zu kommen, brauchen wir Strukturreformen. Gerade im Bereich der Digitalisierung liegen zahlreiche Möglichkeiten, die Produktivität zu steigern.

Aber was braucht es, damit wir die aktuellen technologischen Entwicklungen dafür nutzen können? Das möchte ich als Nächstes mit Ihnen diskutieren. 

3 Übersetzung von Innovationen in marktfähige Produkte

Wie sehr der Einsatz von KI die Produktivität steigern und somit das Wachstum fördern wird, ist derzeit noch unklar. Studien zum potenziellen Einfluss der KI auf die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität zeichnen diesbezüglich ein gemischtes Bild.

Eine aktuelle Studie auf Basis von Befragungsergebnissen aus unserem Bundesbank Online Panel – Firmen (BOP-F)[2] zeigt, dass immer mehr Firmen KI nutzen. Zudem nimmt die durchschnittliche Arbeitszeit, in der KI genutzt wird, zu.[3]

Die Studie zeigt überdies, dass eine Mehrheit (54 Prozent) der Unternehmen, die KI bereits nutzen, sich davon eine deutliche Zunahme ihrer Arbeitsproduktivität versprechen.

Im EU-Vergleich zum Einsatz von KI liegt Deutschland auf Rang 9.[4] Das ist zwar gut, aber die KI-Nutzung gerade in skandinavischen Ländern ist höher. Hier gibt es für Deutschland noch Möglichkeiten zur Verbesserung.

Gerade Start-ups haben oft Schwierigkeiten, den Finanzierungsbedarf für ihr Wachstum zu decken. 

Der Wert von Start-ups liegt vor allem in ihrem immateriellen Kapital. Mitarbeitende und Ideen lassen sich aber schlecht als Sicherheit bei Banken hinterlegen. Deshalb gehen junge, innovative Unternehmen oft den Finanzierungsweg über Wagniskapital (venture capital).

Eine strukturelle Herausforderung ist der Zugang zu Wagniskapital: Der Venture-Capital-Markt ist in Deutschland und Europa deutlich weniger ausgeprägt als etwa in den USA. Daten von KfW Research zeigen, dass Deutschland im Verhältnis zu seinem BIP 0,24 Prozent in Venture Capital investiert. In den USA sind es 0,87 Prozent. 

Der Durchschnitt der EU27-Länder liegt bei 0,23 %. 

Die Zahlen geben jeweils den Durchschnittswert zwischen 2020 und 2025 (3. Vj.) an.[5]

Das Volumen von VC-Investitionen ist in Europa also nach wie vor deutlich geringer als in den USA. 

Immerhin sehen wir Entwicklungen, die in die richtige Richtung gehen. Neben dem Zukunftsfonds (2021) und der WIN-Initiative (Wachstums- und Innovationskapital für Deutschland, 2024) setzt der im vergangenen Jahr von der Bundesregierung gestartete Deutschlandfonds neue Impulse. Mit 30 Milliarden Euro öffentlicher Mittel und Garantien soll ein Investitionsvolumen von insgesamt 130 Milliarden Euro bereitgestellt werden. Die Förderung von Start-ups steht hier im Fokus.

Merklich verbessert hat sich in den letzten Jahren zwar insbesondere die Frühphasenfinanzierung. In der Spätphasenfinanzierung, bei welcher weitaus größere Summen mobilisiert werden müssen, weist der deutsche VC-Markt jedoch noch Schwächen auf.

Woran es in Deutschland übrigens nicht mangelt, sind gute Ideen.

Beim Global Innovation Index liegen wir in der Kategorie Patentanmeldungen auf Platz 7.[6] Bei Finanzierungsaspekten, wie etwa Marktkapitalisierung oder Venture-Capital-Finanzierung sind wir im internationalen Vergleich, insbesondere auch bei vergleichbaren Pro-Kopf-Einkommen, hingegen schlechter aufgestellt. Deshalb liegen wir insgesamt im Index nur auf Rang 11. 

Insofern bleiben die Übersetzung in marktfähige Produkte und die Skalierung vielversprechender Unternehmen herausfordernd. Woran liegt das?

Ein möglicher Ansatzpunkt für die Stärkung des VC-Marktes ist es, die steuerliche Benachteiligung von Eigenkapital gegenüber Fremdkapital aufzuheben. Denn sie macht Fremdkapital-Finanzierung relativ attraktiver. Start-ups verfügen aber über weniger Sicherheiten, weshalb sie schwieriger an Bankkredit kommen.

Weitere Ansatzpunkte, um die Finanzierung durch Wagniskapital zu steigern, liegen in der Vertiefung des europäischen Binnenmarktes, um Skaleneffekte für Unternehmen zu ermöglichen, und der Vollendung der Kapitalmarktunion.

Grenzüberschreitende VC-Investitionen werden nach wie vor durch strukturelle Hemmnisse wie eine uneinheitliche Regulierung gebremst. 

Die EU-Kommission hat vor einigen Wochen einen Gesetzesvorschlag zur Einführung eines neuen EU-weiten Regimes im Unternehmensrecht (EU Inc.) vorgelegt. Hiermit soll es vor allem jungen und innovativen Unternehmen erleichtert werden, im EU-Binnenmarkt zu operieren und Wachstumsmöglichkeiten zu verbessern. Dieser Vorschlag muss nun verhandelt werden.

Ein weiterer Hebel, der langfristig dazu beitragen könnte, die Kapitalmärkte in Europa zu stärken, ist die finanzielle Bildung.

Nach Angaben der EZB beliefen sich die finanziellen Vermögenswerte der Haushalte in der EU Ende 2023 auf etwa 34,5 Billionen Euro, wobei etwa ein Drittel (rund 11,5 Billionen Euro) in Bargeld und Einlagen gehalten wurde.[7] 

Finanzielle Bildung kann Haushalte ermutigen, ihr Geld in renditeträchtigere Anlagen zu investieren. Eine Umfrage der Bundesbank zeigt, dass der Anteil der Haushalte, die Aktien oder Fondsanteile oder beides besitzen, seit einiger Zeit zunimmt: 2017 waren dies 20 Prozent, 2023 schon 31 Prozent.[8] Das ist erfreulich. 

Finanzielle und ökonomische Bildung müssen für jede Schülerin und jeden Schüler zugänglich sein – sie sind heutzutage kein „nice to have“ mehr. 

Es ist bedauerlich, dass wir weiterhin keine nationale Finanzbildungsstrategie haben. Stattdessen gibt es eine Vielzahl von unkoordinierten Einzelinitiativen.

Dasselbe gilt für digitale Bildung: Auch sie gehört heute zum Curriculum.

Empirisch belegt ist, dass Deutschland Nachholbedarf bei den Digitalkompetenzen der Bevölkerung aufweist: Laut dem Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI) der EU-Kommission, der die Digitalisierung-Fortschritte der EU-Mitgliedstaaten misst, haben die Deutschen unterdurchschnittliche Digitalkompetenzen.[9]

Und im Vergleich zu den Niederlanden, die hier Spitze sind, weist Deutschland einen beträchtlichen Rückstand auf:

  • Beim Bevölkerungsanteil mit mindestens grundlegenden Digitalkenntnissen beträgt der Abstand 30 Prozentpunkte. 

Bei Personen mit fortgeschrittenen Digitalkompetenzen sind es sogar 35 Prozentpunkte Differenz. 

Digitale Bildung ist angesichts der rasanten digitalen Entwicklungen eine dringende Notwendigkeit und zugleich Herausforderung.

Stellen Sie sich vor, wir stehen gemeinsam in einem modernen Stadion und beobachten Sportarten, die sich verändern. 

Mit Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz, Quantencomputing und Blockchain werden die Karten im globalen Wettbewerb neu gemischt. Oder, um im Sportbild zu bleiben: Es entstehen neue Disziplinen, für die wir uns fit machen müssen, um vorne dabei zu sein.

Gerade auch für den Finanzplatz Frankfurt ist es wichtig, bei der technischen Entwicklung nicht nur am Ball zu bleiben, sondern auch in Führung zu gehen.

Denn starke Innovationen tragen einen starken Finanzplatz.

Der Finanzplatz Frankfurt bringt – als Teil des Finanzplatzes Deutschland und Europas – dafür beste Voraussetzungen mit. Innovationen am Finanzplatz Frankfurt werden durch eine hervorragende Universitätsinfrastruktur gestützt. 

Hier möchte ich mit Hessian.AI, dem Hessischen Zentrum für Künstliche Intelligenz an der TU Darmstadt, und dem Projekt „Baby Diamond“, dem ersten hessischen Quantencomputer an der Frankfurter Goethe-Universität, zwei Beispiele nennen. Das sind Stärken, die es weiter auszubauen und zu unterstützen gilt. 

Frankfurt ist heute ein zentraler Knotenpunkt für Rechenzentren – nicht zuletzt, weil hier mit dem DE-CIX der größte Internetknoten der Welt angesiedelt ist. Diese Infrastruktur zieht zahlreiche Rechenzentren an, die von der exzellenten Konnektivität profitieren und einen sicheren Datenaustausch gewährleisten. So ist Frankfurt zu einem digitalen Drehkreuz Europas geworden.

Aber auch das Start-up-Ökosystem wächst: Mit dem TechQuartier oder innovativen FinTechs wie dem Insuretec CLARK, einem neuen Einhorn am Versicherungsmarkt, werden relevante Impulse gesetzt.

Die Bundesbank leistet für diesen Technologiebereich ebenfalls einen wichtigen Beitrag. Denn Zentralbanking ist Technologie: Wir betreiben unser eigenes Rechenzentrum sowie mit TARGET auch europäische Zahlungsverkehrsinfrastrukturen, nutzen KI, RPA (Robotic Process Automation) und bauen DLT-Expertise auf (Distributed Ledger Technology). Wir haben unser eigenes Team für Quantencomputing und treiben unsere Journey-to-Cloud voran.

Das sind zugegebenermaßen technische Fachbegriffe, mit denen nicht jeder und jede vertraut ist. Sie zeigen Ihnen aber, wie technologieaffin wir als Zentralbank sind.

In der Bundesbank sind technologische Innovationen nicht allein in der IT verankert. Neben unseren spezialisierten IT-Teams, die beispielsweise an explorativen Technologien arbeiten, fördern wir Innovation auch gezielt in anderen Bereichen – etwa im InnoWerk, unserer Innovationswerkstatt, sowie in weiteren Fachabteilungen. So stellen wir sicher, dass technologische Entwicklungen und neue Ideen bereichsübergreifend entstehen und in die gesamte Organisation getragen werden.

Vielleicht halten Sie es gar nicht für möglich, aber wir beschäftigen uns auch mit quantensicherer Verschlüsselung und arbeiten hier eng mit Start-ups zusammen. Drei meiner Kollegen haben sogar gemeinsam mit einem Start-up ein Patent zu quantensicherer Verschlüsselung angemeldet. 

Die sogenannte „Verwertungsvereinbarung“ durfte ich vor zwei Wochen mitzeichnen, das hat mich außerordentlich gefreut. 

Auch das Digitalministerium Hessen ist am Finanzplatz Frankfurt sehr aktiv. Beispielsweise initiiert das Digitalministerium gerade eine Machbarkeitsstudie zu Quantencomputing im Finanzsektor. Dort beteiligen wir uns als Bundesbank als Mitherausgeberin.

Um es zusammenzufassen: Damit die Digitalisierung den Wachstumseffekt erzielen kann, müssen wir in Deutschland digitale Zukunftstechnologien in die Anwendung bringen, Innovationen in diesem Bereich finanzieren und in marktfähige Produkte übersetzen.

Technologie rückt vor dem Hintergrund der rasanten technologischen Entwicklungen und den gleichzeitigen geopolitischen Verschiebungen – Stichwort Iran-Krieg – auch ins Zentrum unserer Souveränität. 

Damit komme ich zur dritten Frage: Welche Rollen spielen technologische Abhängigkeiten für unsere Weltmeisterchancen?

4  Strategische Handhabung digitaler Abhängigkeiten

In Europa importieren wir über 80 Prozent der digitalen Infrastruktur und Technologien, was mit Blick auf die geopolitischen Risiken die Handlungsfähigkeit einschränken kann. 

In der Bundesbank haben wir eine umfassende Analyse unserer IT-Landschaft durchgeführt – also unserer Infrastruktur, der eingesetzten Betriebssoftware und Anwendungen. Eine solche Untersuchung kann ich auch anderen Institutionen und Unternehmen sehr empfehlen.

Auf Grundlage dieser Analyse können wir gezielt entscheiden, welche technologischen Abhängigkeiten wir bewusst akzeptieren und bei welchen wir diese reduzieren oder sogar vollständig auflösen.

In der Bundesbank verfolgen wir dabei eine Doppelstrategie: Wir stärken gezielt unsere Innovationskraft und gehen zugleich strategisch mit technologischen Abhängigkeiten um. Dabei setzen wir bewusst auf souveräne, europäische Lösungen und Open-Source-Angebote, um unsere Unabhängigkeit zu erhöhen.

Ein Beispiel dafür ist die Anpassung unserer Cloud-Strategie. Unser mittelfristiges Ziel ist es, eine EU-eigene, souveräne Public Cloud als bevorzugte Zielumgebung für unsere Anwendungen und Daten zu etablieren. Diese Lösung verschafft uns die notwendige Kontrolle über unsere Daten. 

Aktuell schreiben wir einen neuen Rahmenvertrag aus, in dem wir gezielt auch souveräne, europäische Dienstleister berücksichtigen. So können wir künftig je nach Anwendungsfall flexibel und strategisch entscheiden, welche Umgebung am besten geeignet ist.

Gleichzeitig nutzen wir weiterhin die Angebote großer internationaler Cloud-Anbieter, sogenannter Hyperscaler, insbesondere dann, wenn diese innovative Services bieten, die europäische Anbieter derzeit noch nicht bereitstellen. Auf diese Weise profitieren wir von den neuesten technologischen Entwicklungen, ohne unsere strategische Unabhängigkeit aus dem Blick zu verlieren. 

So übertragen wir derzeit unsere integrierte Daten- und Analyseplattform IDA in die Public Cloud eines solchen Hyperscalers, um die dort angebotenen Analysewerkzeuge bestmöglich nutzen zu können.

In der Stärkung der europäischen Souveränität liegen auch Chancen für das Wirtschaftswachstum. Gerade mit Blick auf das Zusammenspiel der Nutzung von KI und der Auswertung des Datenschatzes, den deutsche große und mittelständische Industrieunternehmen mit Blick auf Anwendungsdaten haben, ergeben sich hier Marktchancen. 

Als Beispiel sei der KI-Einsatz in industriellen Umgebungen genannt, der sicher, zuverlässig und vertrauenswürdig sein muss. Europa hat gerade in diesem anspruchsvollen Bereich eine Chance, industrielle KImade in Europe“ zum internationalen Maßstab zu machen und durch KI- Grundlagenmodelle, die auf realen Industriedaten trainiert sind, Produktionen effizienter und nachhaltiger, Gebäude und Städte intelligenter und Infrastrukturen widerstandsfähiger zu gestalten. 

Laut dem Beratungsunternehmen Gartner wurden in Europa im Jahr 2025 1,3 Billionen USD insgesamt für IT ausgegeben. Weltweit waren es sogar 5,6 Billionen USD. Hier ein Angebot zu schaffen, um diesen Bedarf aus Europa heraus zu bedienen und damit die Abhängigkeit von nichteuropäischen Anbietern zu reduzieren, kann einen positiven Wachstumseffekt haben.

Gerade für die öffentliche Hand ist es relevant, sich der eigenen Rolle als Nachfragerin bewusst zu sein. Die Marktmacht der öffentlichen Hand hat das Potenzial, europäische Anbieter zu stärken, Innovation zu skalieren und resilientere digitale Ökosysteme aufzubauen.

Zusammenfassend: Vor dem Hintergrund der geopolitischen Verschiebungen müssen Deutschland und Europa sich ihrer digitalen Abhängigkeiten bewusstwerden, diese strategisch handhaben und perspektivisch reduzieren. Hierin liegen auch Chancen.

5 Schluss

Meine Damen und Herren,

es ist nie sicher, ob man Weltmeister wird. Schon gar nicht beim Basketball. Vielleicht wissen wir auch noch gar nicht genau, in welcher Disziplin wir Weltmeister werden wollen. 

Aber es gibt konkrete Maßnahmen, die wir ergreifen können, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass wir in bestimmten Technologiefeldern eine Chance haben, Weltspitze zu werden.

Denn unser Anspruch muss sein, vorne mitzuspielen.

In Europa, in Deutschland, in Hessen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Fußnoten:

  1. https://www.deutschlandfunk.de/potas-kritik-100.html
  2. Bundesbank Online Panel – Firmen (BOP-F) | Deutsche Bundesbank
  3. Deutsche Bundesbank (2026), Monatsbericht März.
  4. Europäische Kommission, DESI indicators – Digital Decade DESI visualisation tool.
  5. KfW Research (2025), Nationale Venture Capital-Märkte im Vergleich, Volkswirtschaft Kompakt, Nr. 255, 11. Dezember.
  6.  Global Innovation Index 2025. Innovation at a Crossroads.
  7.  ECB (2025), Capital markets union: a deep dive.
  8. Bundesbank (2025), PHF-Studie (die genannten Zahlen sind in dem Bericht nicht veröffentlicht).
  9. Europäische Kommission, 2025 State of the Digital Decade package | Shaping Europe’s digital future.