Der digitale Euro: Anker für die strategische Autonomie Europas in einer digitalen Zukunft Keynote-Rede im House of the Euro, Brüssel

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Einleitung: Einfluss technologischer und geopolitischer Entwicklungen auf den Zahlungsverkehr

Meine Damen und Herren,

das Thema, über das wir heute sprechen werden, ist für das Eurosystem von größter Bedeutung. Es geht um den digitalen Euro – ein Thema, das zweifellos große Aufmerksamkeit verdient.

Lassen Sie mich Ihnen mit einer kurzen Anekdote erzählen, bei welcher Gelegenheit mir das wirklich klar wurde: Vor einigen Jahren flog ich mit der Lufthansa von Marokko nach Deutschland, also mit einer europäischen Fluggesellschaft nach Europa. Nachdem wir die Reiseflughöhe erreicht hatten, gab es die übliche Durchsage, dass nun der Kabinenservice beginnen würde und Duty-free-Artikel käuflich erworben werden könnten. Akzeptiert würden dabei nur digitale Zahlungen mit Mastercard, Visa, Apple Pay oder Google Pay. Da stellte sich mir die Frage: Warum gibt es eigentlich keine digitale europäische Zahlungsoption?

Es besteht kein Zweifel: Digitale Zahlungen sind auf dem Vormarsch. Vor allem zwei Faktoren prägen die Zukunft des Zahlungsverkehrs: zum einen technologische Innovationen, die die Effizienz steigern können, aber auch neue Risiken mit sich bringen; zum anderen die Veränderungen des geopolitischen Umfelds, wodurch Fragen bezüglich der Souveränität Europas aufgeworfen werden. Diese Entwicklungen führen dazu, dass Zentralbanken und Politik die Architektur von Geld und Zahlungsverkehr überdenken müssen. Die Entscheidungen, die wir heute zu Regulierung, Marktinfrastruktur und Formen des digitalen Geldes treffen, werden Europas Widerstandsfähigkeit und Handlungsspielraum in den kommenden Jahren prägen.

Das Eurosystem hat deshalb eine umfassende Strategie für den Zahlungsverkehr erarbeitet. Diese Strategie deckt den europäischen Zahlungsverkehrsmarkt ganzheitlich ab, da sie Großbetragszahlungen, Zahlungen zwischen Unternehmen, Massenzahlungen und grenzüberschreitende Zahlungen umfasst.[1] Der digitale Euro wäre Bestandteil eines umfassenderen digitalen Ökosystems in Europa. Hierzu würden auch digitales Zentralbankgeld für Großbetragszahlungssysteme, tokenisierte Vermögenswerte und private digitale Zahlungslösungen zählen, mit sich ergänzenden öffentlichen und privaten Rollen. Ziel ist ein Ökosystem, in dem öffentliches Geld Vertrauen und Stabilität schafft und private Innovationen für Wahlfreiheit und Effizienz sorgen.

Der Ansatz des Eurosystems basiert auf vier strategischen Zielen: Erstens sollen die Wirksamkeit der Geldpolitik und das reibungslose Funktionieren des Zahlungssystems sichergestellt werden. Zweitens soll der europäische Zahlungsverkehr autonomer und robuster werden. Drittens soll ein integrierter, wettbewerbsfähiger und innovativer Zahlungsverkehr gefördert werden. Und viertens soll die internationale Rolle des Euro gestärkt werden.[2] Heute möchte ich mich darauf konzentrieren, wie ein digitaler Euro zu diesen strategischen Zielen beitragen könnte.

2 Weiterentwicklung der Rolle des Zentralbankgelds und Stärkung des europäischen Zahlungsverkehrsmarktes

Mit der zunehmenden Digitalisierung unserer Volkswirtschaften verändert sich auch unser Zahlungsverhalten. Im Jahr 2024 wurden im Euroraum nur 24 Prozent des Gesamtwerts der täglichen Zahlungen in bar getätigt. Der Anteil der Händler, die kein Bargeld annehmen, hat sich in den vergangenen drei Jahren auf 12 Prozent verdreifacht. Im Zeitraum von 2019 bis 2024 verdoppelte sich der Wert der im Online-Handel erworbenen Waren von 18 Prozent auf 36 Prozent.[3]

Da sich die Zahlungsgewohnheiten verändern und digitale Zahlungsmethoden zur Norm werden, müssen wir sicherstellen, dass Zentralbankgeld weiterhin eine zentrale Rolle für das Vertrauen in das Geldsystem spielt.[4] Für die breite Öffentlichkeit ist Zentralbankgeld bislang nur in Form von Bargeld verfügbar. Da unsere Volkswirtschaften immer digitaler werden, käme ein digitaler Euro als zusätzliche Form von Zentralbankgeld für die breite Öffentlichkeit hinzu. Und lassen Sie mich ganz klar sagen: Es geht nicht darum, Bargeld abzuschaffen, sondern darum, es zu ergänzen. Mit dieser digitalen Ergänzung zum Bargeld werden wir die Rolle von Zentralbankgeld in einer zunehmend digitalen Welt weiterentwickeln.

Zudem könnte ein digitaler Euro dazu beitragen, die Fragmentierung im Zahlungsverkehr des Euroraums zu verringern und die europäische Integration weiter voranzutreiben. Obwohl der Euro bereits vor 25 Jahren eingeführt wurde, ist der Markt für den bargeldlosen Massenzahlungsverkehr in Europa zwischen den einzelnen Ländern immer noch stark fragmentiert. Aktuell gibt es im Euroraum mehr als 100 europäische digitale Zahlungslösungen. Viele davon funktionieren zwar auf nationaler Ebene gut, aber es gibt immer noch keine digitale europäische Zahlungslösung, die im gesamten Euroraum einsetzbar ist.

Die gemeinsame Infrastruktur und ein dichtes Akzeptanznetz für den digitalen Euro wären eine Basis für den Ausbau europäischer Zahlungslösungen. So könnten innovative Dienstleistungen entstehen, die reibungslos im gesamten Euroraum funktionieren. Durch die Möglichkeit für den Privatsektor, auf dieser gemeinsamen Infrastruktur aufzubauen, könnte der digitale Euro zum Katalysator für Effizienz und Innovationen werden.

Dieser Zwei-Säulen-Ansatz erscheint sinnvoll: der digitale Euro als grundlegendes öffentliches Angebot im europäischen Zahlungsverkehr sowie innovative private Lösungen, die seine Infrastruktur nutzen und gegen Entgelt angeboten werden können. Aus meiner Sicht ist die wechselseitige Ergänzung von öffentlichem und privatem Geld die beste Lösung. Letztlich würde eine solche echte Partnerschaft zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor dazu beitragen, die Fragmentierung zu überwinden.

3 Der digitale Euro: Sicherstellung der strategischen Autonomie Europas im digitalen Zahlungsverkehr

Hinter dem digitalen Euro steht nicht nur der Gedanke, die Rolle von Zentralbankgeld weiterzuentwickeln und den europäischen Zahlungsverkehrsmarkt zu stärken. Es geht auch darum sicherzustellen, dass Europa vor dem Hintergrund der zunehmenden geopolitischen Fragmentierung selbstbestimmter in Bezug auf seine monetäre und finanzielle Entwicklung wird.

Die jüngsten geopolitischen Entwicklungen haben eines ganz deutlich gemacht, nämlich, dass es nicht klug ist, unsere Souveränität auszulagern. Die Stärkung der strategischen Autonomie Europas ist für mich daher eines der wichtigsten Argumente für die Einführung des digitalen Euro.

Digitale Zahlungsdienste sind heutzutage kein Luxus mehr. Sie sind für das tägliche Leben unabdingbar. Digitale Zahlungssysteme gehören zweifellos zur kritischen Infrastruktur. Ohne Souveränität in diesem Bereich ist eine echte strategische Autonomie kaum denkbar. Ich begrüße die klare Botschaft der Europäischen Kommission und der europäischen Staats- und Regierungschefs[5]: Europa muss auf eigene Zahlungssysteme bauen.

Dennoch stützt sich ein erheblicher Teil der digitalen Zahlungen in Europa immer noch auf außereuropäische Zahlungslösungen. Dadurch ist Europa von globalen Anbietern abhängig und somit auch von Entscheidungen, die außerhalb Europas getroffen wurden. Denken Sie beispielsweise an Kartenzahlungen. Im ersten Halbjahr 2025 wurden 57 Prozent aller bargeldlosen Transaktionen im Euroraum über Kartenzahlungen abgewickelt.[6] Allerdings gibt es nur fünf Mitgliedstaaten, die über ein europäisches Kartensystem mit nennenswerter Marktpräsenz verfügen.[7]

Das Ergebnis: Rund zwei Drittel aller Kartenzahlungen in Europa werden derzeit von den großen US-Zahlungsdienstleistern abgewickelt. Dies ist eine sehr starke Abhängigkeit in einem systemrelevanten Bereich wie dem Zahlungsverkehr. Und Mastercard, Visa und PayPal gewinnen stetig Marktanteile hinzu.

Globale Lösungen sind zwar bequem, doch um Autonomie und Souveränität zu erlangen, benötigen wir Diversifizierung und eigene Lösungen. Der digitale Euro wäre eine rein europäische Lösung für digitale Zahlungen. Er würde die Abhängigkeiten verringern und die Handlungsfähigkeit Europas stärken.

Außerdem würde der digitale Euro unser Zahlungsverkehrssystem widerstandsfähiger machen. Dank seiner Offline-Funktionalität sind Zahlungen auch ohne Strom oder Internetzugang möglich. Die Offline-Funktion verspricht zudem ein ähnlich hohes Maß an Privatsphäre wie Bargeld. Zahlungen würden direkt zwischen Ihnen und dem oder der Begünstigten erfolgen. Die persönlichen Transaktionsdaten wären also nur zwei Personen bekannt – der zahlenden und der begünstigten Person.

Die breite Öffentlichkeit könnte sich auf einen soliden Rahmen zum Schutz ihrer Privatsphäre verlassen. Das Eurosystem kann keine direkten Rückschlüsse auf einzelne Nutzerinnen und Nutzer des digitalen Euro ziehen. Dadurch wird sichergestellt, dass der Staat keinerlei Zugang zu den persönlichen Zahlungsinformationen der Bevölkerung erhält. Er wird weder sehen, welche Waren und Dienstleistungen die Menschen kaufen, noch wo sie einkaufen.

Der digitale Euro wäre ein sicheres, allgemein akzeptiertes digitales Zahlungsmittel, das unter europäischer Kontrolle steht und dem eine europäische Infrastruktur zugrunde liegt. Er könnte überall in Europa verwendet werden – ob zum Einkaufen im Geschäft, für Online-Bestellungen oder um Geld an Freunde zu senden. Der digitale Euro ist für mich daher ein zentrales Projekt, um die Souveränität Europas im Bereich des digitalen Zahlungsverkehrs zu stärken.

4 Rascher Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens

Lassen Sie mich zusammenfassen: Der digitale Euro ist ein wesentlicher Anker für die strategische Autonomie Europas in einer digitalen Zukunft. Seine Einführung würde dazu beitragen, die Rolle des Zentralbankgeldes in einer digitalen Wirtschaft zu wahren, die Fragmentierung des europäischen Zahlungsverkehrsmarktes zu überwinden und unsere Souveränität in einer Welt, die von zunehmender geopolitischer Unsicherheit geprägt ist, zu stärken. Mit dem digitalen Euro hätten die Verbraucherinnen und Verbraucher in Europa eine einfache, sichere und leicht zugängliche Zahlungsmöglichkeit an der Hand, die noch höhere Datenschutzstandards erfüllt als die aktuellen digitalen Bezahllösungen. Als weithin nutzbare elektronische Form von Zentralbankgeld könnte der digitale Euro auch die Rolle des Euro im globalen Online-Handel unterstützen. Aus diesen Gründen ist zu hoffen, dass ich in einigen Jahren hoch über den Wolken auf einem Flug nach Europa mit dem digitalen Euro bezahlen kann – auf einfache, effiziente und solide Weise.

Erfreulicherweise ist der digitale Euro inzwischen kein rein technisches Konzept mehr, sondern ein politisches Projekt für mehr Souveränität. Es wurden also schon deutliche Fortschritte erzielt. Der digitale Euro soll ebenso wie Bargeld ein gesetzliches Zahlungsmittel werden. Damit er Realität wird, muss ein verbindlicher Rechtsrahmen geschaffen werden.

Ich bin fest davon überzeugt, dass das Gesetzgebungsverfahren bis zum Jahresende abgeschlossen werden kann. Damit wird der Weg für einen digitalen Euro geebnet, der die Vision einer europäischen Souveränität verkörpert und zugleich Raum für private Innovationen und Wettbewerb lässt. Die Stärkung unserer Souveränität steht ganz weit oben auf der strategischen Agenda Europas. Der digitale Euro ist ein konkreter, praktischer Schritt in diese Richtung.

Lassen Sie uns gemeinsam den Weg für eine widerstandsfähige und souveräne europäische Zahlungsverkehrslandschaft ebnen.

Fußnoten:

  1. EZB (2026), The Eurosystem’s comprehensive payments strategy, https://www.ecb.europa.eu/press/pubbydate/2026/html/ecb.eurosystemcomprehensivepaymentsstrategy202603.en.html
  2. Ebd.
  3. EZB (2024): Use of cash by companies in the euro area in 2024
  4. Deutsche Bundesbank (2026), Der digitale Euro: Kernelemente und Perspektiven, Monatsbericht März 2026
  5. https://www.consilium.europa.eu/media/qh4cijws/en-20260319-euro-summit-statement.pdf
  6. EZB‚ (2026), Zahlungsverkehrsstatistik für das erste Halbjahr 2025, 29. Januar 2026, https://www.ecb.europa.eu/press/stats/paysec/html/ecb.pis2025h1~36edd636c8.de.html
  7. Belgien, Deutschland, Frankreich, Portugal und Italien.