Bundesbankpräsident Joachim Nagel bei einer Podiumsdiskussion in Brüssel ©Iris Haidau

Der digitale Euro und die europäische Souveränität

Es ist nicht klug, unsere Souveränität auszulagern, sagte Bundesbankpräsident Joachim Nagel bei einer Rede im House of the Euro in Brüssel. Anlass war eine Veranstaltung zum digitalen Euro und seiner Bedeutung für die strategische Autonomie Europas. Nagel betonte die Notwendigkeit, Europas Zahlungsinfrastruktur unabhängiger und resilienter zu gestalten. 

Bargeldzahlungen werden weniger

Nagel zufolge habe die Digitalisierung der Wirtschaft die Art und Weise, wie wir mit Geld umgehen, grundlegend verändert. Im Jahr 2024 machte Bargeld im Euroraum nur noch 24 Prozent des Gesamtwerts der täglichen Zahlungen aus, und der Anteil der Händler, die kein Bargeld akzeptieren, hat sich in den letzten drei Jahren auf 12 Prozent verdreifacht, führte er aus. Angesichts dieser Entwicklung sei es wichtig, dass die Öffentlichkeit Zugang zu Zentralbankgeld in digitaler Form erhalte.

Der digitale Euro als Ergänzung zum Bargeld

Nagel machte in seiner Rede deutlich, dass der digitale Euro nicht als Ersatz für Bargeld gedacht sei, sondern als Ergänzung. Es geht nicht darum, Bargeld abzuschaffen, sondern es zu ergänzen, stellte er klar. Der digitale Euro könne zudem dazu beitragen, die Fragmentierung des europäischen Zahlungsmarktes zu überwinden. Trotz der Einführung des Euros vor 25 Jahren ist der bargeldlose Zahlungsmarkt im Einzelhandel in Europa immer noch entlang nationaler Grenzen fragmentiert, so Nagel.

Mit einer gemeinsamen Infrastruktur und einem europaweiten Akzeptanznetzwerk könne der digitale Euro als Katalysator für Innovation und Effizienz dienen. Der digitale Euro solle als grundlegendes öffentliches Angebot fungieren, während private Anbieter auf dieser Infrastruktur aufbauen und innovative Dienstleistungen entwickeln könnten.

Souveränität nur durch strategische Autonomie

Ein zentrales Argument für den digitalen Euro sei laut Nagel die Sicherung der europäischen Souveränität im Zahlungsverkehr. Ohne Souveränität in diesem Bereich ist wahre strategische Autonomie kaum vorstellbar, sagte er. Derzeit werde ein erheblicher Anteil der digitalen Zahlungen in Europa über nicht-europäische Infrastrukturen abgewickelt. Rund zwei Drittel aller Kartenzahlungen in Europa werden von den großen US-Zahlungsanbietern verarbeitet. Das ist ein sehr hohes Maß an Abhängigkeit in einem systemrelevanten Bereich wie Zahlungen, erklärte Nagel.

Der digitale Euro könne diese Abhängigkeiten reduzieren und Europas Handlungsfähigkeit stärken. Als rein europäische digitale Zahlungsalternative würde der digitale Euro Abhängigkeiten verringern und Europas Handlungsfähigkeit stärken, sagte er. 

Politisches Projekt für mehr Souveränität

Nagel zeigte sich optimistisch, dass die Einführung des digitalen Euros bald erfolgen würde. Ermutigend ist, dass der digitale Euro weit über ein technisches Konzept hinausgegangen ist – er ist jetzt ein politisches Projekt für mehr Souveränität, und es werden greifbare Fortschritte erzielt, sagte er. Er betonte die Bedeutung eines rechtlichen Rahmens, der den digitalen Euro als gesetzliches Zahlungsmittel etablieren soll. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Gesetzgebungsprozess bis Ende des Jahres abgeschlossen werden kann, so Nagel. Die erste Ausgabe des digitalen Euro wäre ab 2029 denkbar.

Podiumsdiskussion zur strategischen Autonomie

Anschließend diskutierte Nagel zum Thema „The Digital Euro: Anchoring Europe’s Strategic Autonomy in a Digital Future“ mit José Antonio Álvarez, Vizepräsident von Santander, Isabelle Buscke, Generalsekretärin von Finance Watch, Stelios A. Georgakis, Zentralbank von Zypern, sowie Michael Hager, Kabinettschef von EU-Kommissar Valdis Dombrovskis. Im Mittelpunkt der Debatte stand die Frage, wie der digitale Euro Europas strategische Autonomie in einer zunehmend digitalisierten und geopolitisch fragmentierten Welt stärken kann.