2026-04-23 - Geburtstag Otmar Issing Symposium - Sophie Glombik ©Sophie Glombik

Kolloquium zu Ehren des 90. Geburtstags von Otmar Issing

Von 1990 bis 1998 war Otmar Issing Chefvolkswirt der Deutschen Bundesbank, bevor er der erste Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank wurde. Dort war er maßgeblich an der Ausgestaltung der geldpolitischen Strategie der EZB beteiligt. Bei einem Kolloquium anlässlich des 90. Geburtstags von Otmar Issing unterstrich Bundesbankpräsident Joachim Nagel dessen prägenden Einfluss. Du hast die Tradition der Unabhängigkeit der Bundesbank auf die europäische Ebene übertragen, so Nagel. Die Bundesbank und das Eurosystem würden auch künftig von seinem Lebenswerk profitieren. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Finanzexperten David Marsh. Auch der ehemalige Bundesbankpräsident Axel Weber und der ehemalige Gouverneur der Bank of England, Sir Mervyn King nahmen daran teil. Bis heute bringt die Bundesbank Issings Beitrag zur Geldwertstabilität höchste Anerkennung entgegen.

Unabhängigkeit als Eckpfeiler

Nagel zufolge ist die überzeugende Begründung, dass Zentralbankunabhängigkeit eine notwendige Voraussetzung für Preisstabilität ist, eine entscheidende Leistung Otmar Issings. Anhand der Wirtschaftstheorie und der empirischen Forschung erläuterte er, dass die Abschirmung der Geldpolitik vor politischem Druck entscheidend sei, um eine niedrige und stabile Inflation zu gewährleisten. Unabhängigkeit sei jedoch mehr als die bloße Einhaltung rechtlicher Rahmenbedingungen. Sie erfordere überdies engagierte Führungspersönlichkeiten und eine breite gesellschaftliche Unterstützung.

Nagel schloss sich der von Issing seit Langem vertretenen Auffassung an, dass Unabhängigkeit für die Preisstabilität notwendig, aber nicht hinreichend sei. Er stellte fest, dass auch die jüngsten Forschungsergebnisse den Zusammenhang zwischen Unabhängigkeit und niedrigerer Inflation bestätigten. Zugleich zeigten sie auch die Risiken auf, die sich ergäben, wenn politische Einflussnahme die Glaubwürdigkeit der Notenbanken untergrabe.

Ein über die Geldpolitik hinausgehendes Lebenswerk

Nagel unterstrich in seinen Schlussbemerkungen, dass die Arbeit Otmar Issings auch heute noch relevant ist. Seit über 60 Jahren verfolgt er aufmerksam die Entwicklung des Zentralbankwesens, sagte er. Und er macht sich regelmäßig für die Unabhängigkeit von Zentralbanken stark.

Im Jahr 2006 schied Otmar Issing im Alter von 70 Jahren aus der EZB aus, nachdem seine achtjährige Amtszeit als Chefvolkswirt abgelaufen war. Anschließend leitete er das Center for Financial Studies in Frankfurt am Main und war als internationaler Berater für eine US-Investmentbank tätig. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.