Welt im Umbruch – wohin steuert die globale Wirtschaftsordnung? Rede beim Symposium des Instituts für Bank- und Finanzgeschichte e.V. (IBF) in Kooperation mit dem Center for Financial Studies (CFS) auf Einladung der Deutschen Bundesbank
Es gilt das gesprochene Wort.
1 Begrüßung
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich sehr, Sie hier in der Bundesbank-Hauptverwaltung in Hessen begrüßen zu dürfen.
Haben Sie auf dem Weg in unseren Kuppelsaal die Treppe genommen? Falls ja, ist Ihnen vielleicht das große Mosaik an der Stirnseite der zentralen Halle aufgefallen. Aus der Entfernung war es für Sie nicht schwer zu erkennen, was es zeigt: ein Muster aus Ginkgo-Blättern, die vor den Strahlen der Sonne aufscheinen. Wären Sie jedoch bis direkt vor das Mosaik gegangen, hätten Sie nur unzählige bunte Glassteinchen gesehen. Erst mit dem nötigen Abstand erschließt sich das ganze Bild. Und das, meine Damen und Herren, gilt nicht nur in der Kunst. Es gilt auch für die Themen, die das Institut für Bank- und Finanzgeschichte für seine Symposien auswählt.
Die Symposien greifen das aktuelle Zeitgeschehen auf und ordnen es in historischer Perspektive ein. Im von kleinteiligen Nachrichten geprägten Alltag leisten sie damit etwas sehr Wichtiges: Sie helfen uns, den berühmten Schritt zurückzutreten, um das ganze Bild zu sehen. Dieses Mal lautet das Thema: Quo vadis, globale Wirtschaftsordnung? Es ist weit mehr als eine rhetorische Frage. Wir erleben eine Welt im Umbruch. Alte Gewissheiten bröckeln angesichts neuer geopolitischer Realitäten. Aufbrechende Handelskonflikte sind dabei Teil einer größeren, tiefgreifenderen Entwicklung.
Was bedeutet das für die internationale Wirtschaftsordnung? Wohin steuert sie? Und wie sollte Europa damit umgehen? Diesen Fragen möchte ich mich nun Schritt für Schritt nähern – wobei einige dieser Schritte auch zurückführen werden.
2 Wie hat sich die globale Wirtschaftsordnung über die Zeit entwickelt?
Der erste Schritt zurück führt nicht in die Geschichte, sondern zur Definition von globaler Wirtschaftsordnung. Ich meine damit das Gefüge aus Regeln, Institutionen und Verfahren, das den weltweiten Austausch von Waren, Dienstleistungen und Kapital strukturiert.
Im Kern geht es darum, wie die internationalen Wirtschafts- und Finanzbeziehungen grundsätzlich organisiert sind: offen und frei oder protektionistisch und abgeschottet; arbeiten alle kooperativ an gemeinsamen Lösungen oder versucht jedes Land für sich den größten Vorteil herauszuschlagen; hält man sich an vereinbarte Regeln oder müssen wir jederzeit damit rechnen, das Vereinbartes morgen nicht mehr gilt. Wie die Weichen hier gestellt werden, entscheidet mit darüber, wie offen Märkte sind, wie stabil Lieferketten funktionieren und welche Chancen Länder auf Entwicklung und Wohlstand haben.
In diesen Weichenstellungen spiegeln sich auch die Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit. Nach dem Zweiten Weltkrieg suchte man eine Antwort auf die bitteren Erfahrungen der Zwischenkriegszeit – auf Protektionismus, Blockbildung, Währungsturbulenzen und politische Eskalation, die im Krieg mündete. Man fand eine Antwort darin, wirtschaftliche Beziehungen stärker in gemeinsame Institutionen und Verfahren einzubetten.
Der Multilateralismus, verstanden als regelbasierte Zusammenarbeit souveräner Staaten, prägte die wirtschaftliche Nachkriegsordnung der westlichen Welt. Währungs- und finanzpolitische Säulen dieser Ordnung waren die neu gegründeten Organisationen Internationaler Währungsfonds (IWF) und Weltbank. Hinzu kam eine handelspolitische Säule: Das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) führte zu einer schrittweisen Öffnung der Märkte geleitet von Prinzipien wie der Gleichbehandlung aller Handelspartner.
Ab den 1980er Jahren beschleunigte sich das Zusammenwachsen der Weltwirtschaft – auch über die westliche Welt hinaus. Lassen Sie mich drei Meilensteine auf diesem Weg hervorheben: Erstens fiel der Eiserne Vorhang – und damit das vermeintlich letzte Relikt einer Welt in Blöcken. Zweitens wurden weitreichende Handelsliberalisierungen vereinbart und die Welthandelsorganisation (WTO) gegründet. Drittens trat China der WTO bei und stieg zu einer der führenden Exportnationen auf.
Hinzu kamen die Revolution der Informations- und Kommunikationstechnologien sowie sinkende Transportkosten. In der Folge organisierten Unternehmen ihre Lieferketten immer stärker global: Nicht nur Endprodukte, sondern auch Vor- und Zwischenprodukte wurden zunehmend weltweit gehandelt. Und das zeigte Wirkung: Von 1980 bis zur globalen Finanzkrise wuchs der internationale Handel etwa doppelt so schnell wie die weltweite Wirtschaftsleistung. Globalisierung und Multilateralismus erlebten eine Glanzzeit.
Die ersten Kratzer auf diesem Bild entstanden durch die Finanzkrise ab 2007. Weitere Kratzer sind in den 2010er Jahren hinzugekommen. Die Staatsschuldenkrise im Euroraum ließ bei manchen Zweifel an der multilateralen Ordnung aufkommen. Hinzu kam der höhere Wettbewerbsdruck in einigen Industriebranchen durch die neue Konkurrenz vor allem aus Asien.
Infolgedessen wuchs die Unzufriedenheit über die Globalisierung und eine Debatte über die ungleiche Verteilung ihrer Vorteile nahm Fahrt auf. Teils stellte man den Nutzen multilateraler Zusammenarbeit generell infrage. Eine nach innen gerichtete Politik erschien manchen als einfache Lösung. Man denke nur an den Brexit oder den Kurswechsel in der US-Handelspolitik bereits in der ersten Amtszeit von Präsident Trump.
Das blieb nicht ohne Folgen: Die Zahl protektionistischer Maßnahmen ist wieder gestiegen. Kurzfristig können solche Maßnahmen helfen, heimische Unternehmen vom internationalen Wettbewerbsdruck abzuschirmen. Langfristig schaden sie damit aber mehr, als sie nutzen. Der kanadische Ökonom Daniel Trefler brachte es einmal so auf den Punkt: Abschottungsmaßnahmen sind etwa so nützlich wie ein Föhn in einem Iglu.
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Zudem konnte sich die Staatengemeinschaft immer seltener auf notwendige Reformen der internationalen Ordnung verständigen. Im WTO-Rahmen ging es zum Beispiel um handlungsfähige Schiedsgerichte sowie zeitgemäße Regeln für Subventionen und Staatsunternehmen. Im Rückblick erscheinen alle genannten Ereignisse als Vorboten noch größerer Umwälzungen, die die globale Wirtschaftsordnung erschüttern sollten.
3 Wie wirken die geopolitischen Umbrüche auf die globale Wirtschaftsordnung?
In den vergangenen Jahren hat eine Reihe von Entwicklungen zu einer veränderten geopolitischen Lage und Risiko-Einschätzung geführt: Chinas Aufstieg zu einer selbstbewussten Weltmacht, die ihre wirtschaftliche Stärke auch zu politischen Zwecken einsetzt, verbunden mit der strategischen Konkurrenz zu den USA. Die COVID-19-Pandemie, in der globale Lieferketten gerissen sind und viele Staaten in der Krise auf Abschottung gesetzt haben. Russlands Invasion in der Ukraine, die die Friedensordnung erschüttert und die Abhängigkeit von russischer Energie offengelegt hat. Und nicht zuletzt der drastische Schwenk in der US-Handelspolitik, mit einer Vielzahl neuer Zölle und einer Herausforderung der regelbasierten multilateralen Handelsordnung.
Die geopolitischen Umbrüche wirken über verschiedene Kanäle auf die globale Wirtschaftsordnung ein. Drei möchte ich kurz skizzieren.
Erstens haben viele Länder ihre Wirtschaftsbeziehungen unter geo- und sicherheitspolitischen Erwägungen neu bewertet. Staatliche Maßnahmen zielen vor allem darauf ab, die eigene Souveränität zu stärken und Abhängigkeiten in sensiblen Bereichen zu reduzieren. Es ist sinnvoll, Resilienz auszubauen und kritische Abhängigkeiten zu begrenzen. Zugleich entstehen dort Kosten, wo sich wirtschaftliche Beziehungen weniger an Effizienz orientieren. Mögliche Folgen sind Produktivitätsverluste, höhere Preise und geringere Wohlfahrtsgewinne aus der internationalen Arbeitsteilung. Hier gilt es also, die richtige Balance zu finden.
Zweitens erleben wir, dass handelspolitische Instrumente nicht mehr nur handelspolitischen Zwecken dienen. Mit ihnen werden zunehmend auch industrie-, außen- und sicherheitspolitische Ziele verfolgt. Dadurch erscheinen wirtschaftliche Verflechtungen in einem neuen Licht: nicht mehr nur als Quelle von Effizienz und Wohlstand, sondern auch als potenzielle Verwundbarkeit. Diese Verwundbarkeit wird zum Beispiel greifbar, wenn ein Land seine Marktmacht bei Seltenen Erden als Hebel gegenüber anderen Staaten einsetzt und die Ausfuhr beschränkt. Wer Handelspolitik beliebig mit anderen Politikfeldern vermischt, untergräbt das gegenseitige Vertrauen. Wie verlässlich können internationale Wirtschaftsbeziehungen dann noch sein? Schließlich besteht jederzeit das Risiko, dass sie aus politischen Motiven einseitig infrage gestellt werden.
Drittens stehen die multilateralen Regeln und ihre Institutionen massiv unter Druck. Einflussreiche Länder setzen zunehmend auf bilaterale Deals. Sie versprechen sich mehr eigene Vorteile von einer Ordnung, die vor allem auf Macht und Stärke basiert. Wenn aber die regelbasierte multilaterale Ordnung an Bindungskraft verliert, steigt die Unsicherheit. Das gilt umso mehr, wenn an ihre Stelle bilaterale, machtgestützte Arrangements treten. Ohne die etablierten Verfahren und Foren des Austauschs könnte auch die Anfälligkeit für Konflikte zunehmen. Wir sehen bereits heute, dass die Rivalitäten in der Welt wachsen. Das geopolitische Klima ist rauer geworden.
4 Wie sollte Europa mit der veränderten Lage umgehen?
Was heißt das für uns in Europa? Wie sollten wir mit der veränderten Lage umgehen? An dieser Stelle lohnt es sich, noch einmal einen Schritt zurückzugehen, an den Anfang der europäischen Einigung. Sie war eine Lehre aus den Katastrophen der beiden Weltkriege. Es ging darum, dauerhaft Frieden in Europa zu sichern. Die Idee war: Staaten, die politisch und wirtschaftlich eng miteinander verflochten sind, führen keinen Krieg gegeneinander. Das Experiment gelang. Seitdem sind ehemals verfeindete Staaten wie Frankreich und Deutschland in einer Union geeint. Sie haben gemeinsam Frieden, Freiheit und Wohlstand erreicht. Und europäische Staaten haben mit der Europäischen Union auch eine Wertegemeinschaft geschaffen.
All diese Errungenschaften gilt es abzusichern – aber heute nicht mehr nur nach innen, sondern auch gegenüber Bedrohungen von außen. Als einzelne Länder laufen wir Gefahr, zum Spielball der Großmächte zu werden. Als ein Europa, das zusammensteht, haben wir die Chance, unsere Zukunft selbst bestimmen zu können.
Unser wichtigster Hebel ist dabei der gemeinsame europäische Markt – der zweitgrößte Wirtschaftsraum der Welt. Dieses wirtschaftliche Gewicht sollte die EU in die Waagschale legen, um ihre Interessen selbstbewusst zu vertreten – auch gegenüber Schwergewichten wie den USA und China. Dabei schwächen Abhängigkeiten in kritischen Bereichen unsere Verhandlungsposition. So ist Europa bei bestimmten Rohstoffen auf Importe aus einzelnen Lieferländern angewiesen. Hier ist es wichtig, stärker zu diversifizieren, also auf unterschiedliche Quellen zu setzen. Wo immer möglich, sollten wir aber auch den Binnenmarkt weiter ausbauen, um weniger von Anbietern außerhalb Europas abzuhängen und damit unsere eigene Souveränität stärken. Das wäre neben dem Verteidigungsbereich zum Beispiel bei einigen digitalen Technologien angeraten.
Einseitige Abhängigkeiten gibt es auch im Finanzsystem: etwa bei Börsengängen, bei der Finanzierung von jungen, innovativen Unternehmen mit Wagniskapital, bei internationalen Finanzdienstleistungen oder beim digitalen Bezahlen in Europa durch Kreditkarten oder Online-Bezahldienste.[2]
Als Zentralbankerin möchte ich zwei Projekte hervorheben: die Spar- und Investitionsunion sowie der digitale Euro. Wir benötigen sie aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt für mehr Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum der europäischen Wirtschaft. Sie sind aber eben auch unter geostrategischen Gesichtspunkten sehr sinnvoll. Denn sie könnten Abhängigkeiten verringern und die Resilienz erhöhen.
Auch mit dem digitalen Euro verhelfen wir Europa bei einer kritischen Infrastruktur zu mehr Souveränität. Aber internationale Kooperation bleibt eine Priorität für Deutschland und Europa! Die EU sollte in ihrem Streben nach mehr Souveränität offen sein für engere internationale Zusammenarbeit.
Mit ihrem Binnenmarkt kann sich die EU auf der Weltbühne als attraktiver und verlässlicher Partner präsentieren. Das hat bereits Früchte getragen: Denken Sie an die jüngst abgeschlossenen Freihandelsabkommen mit Indien, Australien und den Mercosur-Staaten. Neuere Forschung, an der auch die Bundesbank beteiligt war, zeigt den Wert regionaler Handelsabkommen: Sie führen zu deutlich größeren Handelsgewinnen als bisher angenommen.[3] Die EU sollte daher den eingeschlagenen Kurs fortsetzen und weitere Abkommen anstreben.
Dennoch: Regionale Freihandelsabkommen können das multilaterale Handelssystem mit der WTO im Zentrum nicht ersetzen. Würde man den Welthandel allein auf regionale Abkommen stützen, entstünde ein Flickenteppich unterschiedlicher Regelungen. Die allermeisten Staaten streben nach wie vor einen freien und regelbasierten Handel an. Der Großteil des Welthandels wird weiterhin nach dem WTO-Prinzip der „Meistbegünstigung“ abgewickelt.[4] Zugleich sind dringend notwendige Reformen der WTO wegen des Einstimmigkeitsprinzips blockiert. Wie kommt man aus diesem Dilemma?
Ein Ausweg könnte sein, dass sich veränderungsbereite Gleichgesinnte zusammentun und vorangehen. Wie das aussehen kann, hat sich im März bei der WTO-Ministerkonferenz in Kamerun gezeigt: 66 WTO-Mitglieder, die für rund 70 % des Welthandels stehen, haben eine Rahmenvereinbarung für Regeln zum digitalen Handel getroffen. Sie ist unter dem Dach der WTO angesiedelt und steht auch allen anderen WTO-Mitgliedern offen: Wer am Anfang noch nicht mit von der Partie ist, kann sich später anschließen. Solche Formate dürften künftig eine größere Rolle spielen. Der zugehörige Begriff „plurilateral“ hört sich noch nicht vertraut an – das könnte sich aber ändern.
Klar ist: Die globale Wirtschaftsordnung ist im Wandel. Ein Zurück in die Welt von einst wird es nicht geben. Wir sollten die sich kontinuierlich ändernde Welt kraftvoll mitgestalten.
5 Schluss
Meine Damen und Herren,
mein letzter Schritt ist ein besonders langer. Blickt man zurück auf die vergangenen 150 Jahre, so zeigt sich: Die Globalisierung erlebte ein Auf und Ab. Phasen der Öffnung und der Abschottung wechselten sich ab.[5] Gerade deshalb wäre es leichtfertig, die aktuellen Spannungen als bloße Episode abzutun, die spurlos vorübergehen wird. Der Blick in die Geschichte macht eines sehr deutlich: Gewonnene wirtschaftliche Offenheit hat keine Ewigkeitsgarantie.
Als Europäer ist unser Ziel nach wie vor eine multilaterale und regelbasierte Weltordnung. Gleichzeitig sollten wir uns auch darauf vorbereiten, mit veränderten Rahmenbedingungen klarkommen zu können. Dafür sollten wir unser Europa selbst stärken und uns mit gleichgesinnten Ländern zusammentun.
Ich freue mich nun auf ein anregendes Symposium.
Fußnote:
- Trefler, D. (2006), Service Offshoring: Threats and Opportunities, Brookings Trade Forum: 2005, pp. 35–73.
- Mauderer, S., Ein souveränes Europa ist auch für unsere Finanzen wichtig, Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.2026.
- Nagengast, A. J. und Y. V. Yotov (2025), Staggered Difference-in-Differences in Gravity Settings: Revisiting the Effects of Trade Agreements, American Economic Journal: Applied Economics, Vol. 17, No. 1.
- World Trade Organization, Global Trade Outlook and Statistics, March 2026.
- Aiyar, S., et al. (2023), Geoeconomic Fragmentation and the Future of Multilateralism, Staff Discussion Note SDN/2023/001, International Monetary Fund.