Ein souveränes Europa ist auch für unsere Finanzen wichtig Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Weltordnung wandelt sich mit ungeahnter Wucht, nicht erst seit dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos. Für die Europäische Union steht viel auf dem Spiel, denn sie hat sich militärisch, digital und ökonomisch teilweise in Abhängigkeit begeben. Diese erstreckt sich auch auf das Finanzuniversum. Hier zeigt sich einprägsam, wie einseitige Abhängigkeiten nicht nur den Staat und europäische Großunternehmen verletzlich machen, sondern sich auch auf Einzelhändler und Privathaushalte auswirken.

Die US-Börsen dominieren die globalen Märkte. Börsengänge europäischer Unternehmen finden mehr und mehr in den USA statt, weil dort der größte Finanzmarkt beheimatet ist. Die bei europäischen Aktiensparern sehr beliebten ETFs beruhen oft auf globalen Aktienindizes, die zu 70 Prozent aus US-Aktien bestehen. Das digitale Bezahlen erfolgt in Europa häufig mit einer Kreditkarte oder einem Onlinebezahldienst eines US-Unternehmens. Und für heimische Einzelhändler, Großunternehmen oder Banken lässt es sich selten vermeiden, die Finanzdienstleistungen der US-Konzerne zu nutzen.

Diese Dominanz hat sich nach der Finanzkrise im Jahr 2008 verstärkt. US-Unternehmen einschließlich der Finanzdienstleister haben nach der Krise den Fokus auf Innovation und Digitalisierung gesetzt und stark investiert. In Europa wurde weit weniger und weit später in eine digitale Welt investiert. Das erklärt nicht nur den Erfolg der US-Finanzdienstleister in der EU, sondern auch die damit geschaffenen Abhängigkeiten. Diese drohen sich auszuweiten, denn die USA und China investieren ein Vielfaches der europäischen Summen in digitale Innovationen und Künstliche Intelligenz.

In der sich wandelnden Weltordnung muss es aber darum gehen, Europas Abhängigkeiten abzubauen und die Souveränität der EU zu stärken. Eine Maßnahme ist Diversifizierung. Die Handelsabkommen mit Indien und das hoffentlich zeitnah umzusetzende Mercosur-Abkommen zeigen, wie viel Potential weitere Partnerschaften haben können. Das gilt auch für Afrika, den in absehbarer Zeit bevölkerungsreichsten Kontinent der Welt. China hat dies erkannt und nutzt den Kontinent bereits strategisch.

Neben der Erschließung neuer Märkte muss es vor allem darum gehen, Europas Innovationskraft und dadurch auch seine Produktivität drastisch zu steigern. Nur so werden wir im globalen Wettbewerb bestehen und den Wohlstand sichern können. Auch in der Finanzwelt von morgen geht es vor allem um Innovationen. Das Finanzuniversum der 2030er wird ein völlig anderes sein als jenes, das wir kennen. Vermögenswerte wie etwa Immobilien, Wertpapiere oder Kunstwerke werden in digitale Token umgewandelt und damit auch in Bruchteilen erworben oder veräußert werden können. Menschen in aller Welt werden in Sekunden und vor allem günstig Geld in ihre fernen Heimatländer senden können. Der Wunsch jüngerer Anleger, für wenig Geld einen Aktienkauf oder -verkauf in Minuten komplett abgewickelt zu bekommen, wird sich erfüllen.

Die Wunschliste ist lang, denn alle Wünsche zielen am Ende darauf ab, das tägliche Leben der Menschen einfacher, bequemer und kostengünstiger zu gestalten. Im Finanzuniversum der 2030er geht es um den Menschen und seinen Lebensalltag, der im Mittelpunkt steht. Daher ist so wichtig, dass die EU diese Entwicklungen im Blick hat und weitere empfindliche Abhängigkeiten verhindert, indem sie selbst innovativ und produktiv ist.

Die neuen führenden Märkte werden dort entstehen, wo Innovationen gefördert, entwickelt und umgesetzt werden. Innovation ist eine deutsche Stärke. Deutschland ist Europameister bei den Patentanmeldungen und weltweit Nummer fünf. Nur leider werden die in Deutschland entwickelten Ideen oft nicht hier, sondern im Ausland zu Geld gemacht. Selbst bei den in Deutschland erfolgreich umgesetzten Ideen ebnet sich oft der Weg in die USA oder nach Asien. Dies geschieht in der Regel dann, wenn es darum geht, das Geschäft mit der Innovation groß aufzuziehen. Um auch die großen Früchte der deutschen Innovationen zu ernten, braucht es also mehr Bereitschaft in Europa, sogenanntes Risikokapital zu geben. Die „German Angst" müssen wir dazu überwinden.

Europa hat Herausforderungen, das gilt auch für Deutschland. Doch diese sind nicht unlösbar. Das hohe Interesse internationaler Investoren an der EU und besonders an Deutschland zeigt, dass wir viel zu bieten haben. Die Summe der ausländischen Direktinvestitionen dürfte sich 2025 gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt haben. Menschen außerhalb Deutschlands haben oft eine sehr viel positivere Sicht auf unser Land als wir selbst. Denn Deutschland hat die Voraussetzungen, zu einem führenden Innovationsstandort aufzusteigen, und zwar in allen Schlüsselbranchen.

Es ist an der Zeit, dass wir Deutschland so präsentieren, wie es dieses Land verdient: ein Land mit einer sehr guten Substanz und Herausforderungen, die bewerkstelligt werden können. Für die EU und Deutschland ist der Wandel der Weltordnung eine Chance, einen starken und souveränen Kontinent aufzubauen.