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Finanzstabilitätsbericht 2019: Deutsches Finanzsystem bleibt verwundbar

Finanzstabilitätsbericht 2019: Deutsches Finanzsystem bleibt verwundbar

Das deutsche Finanzsystem bleibt verwundbar gegenüber schlechten wirtschaftlichen Entwicklungen. Im gegenwärtigen Umfeld könnten zukünftige Kreditrisiken unterschätzt und die Werthaltigkeit von Kreditsicherheiten wie Immobilien überschätzt werden. „Ein unerwarteter Konjunktureinbruch und abrupt steigende Risikoprämien könnten das deutsche Finanzsystem empfindlich treffen“, sagte Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch anlässlich der Pressekonferenz zur Vorstellung des neuen Finanzstabilitätsberichts der Bundesbank.

Noch im vergangenen Jahr wurde ein langsam steigendes Zinsniveau erwartet. Diese Erwartungen haben sich allerdings nicht erfüllt. Das Zinsniveau ist im Zuge der konjunkturellen Eintrübung – vor allem die exportorientierte Industrie befindet sich in Deutschland in einem Abschwung – weiter gefallen, und Marktteilnehmer erwarten weiterhin niedrige Zinsen. „Gerade bei niedrigen Zinsen bauen sich zyklische Risiken im deutschen Finanzsystem aber weiter auf“, betonte Buch. „Die niedrigen Zinsen setzen die Zinsmarge der Institute zunehmend unter Druck, belasten deren Profitabilität und stellen so auch ein Risiko für die Finanzstabilität dar“, ergänzte Joachim Wuermeling, das für Bankenaufsicht zuständige Vorstandsmitglied der Bundesbank, bei der Pressekonferenz.

Unterschätzung von Risiken

Finanzstabilitätsbericht 2019: Zyklische Systemrisiken
 
Die bestehenden Verwundbarkeiten könnten bei einem unerwarteten Konjunktureinbruch offengelegt werden, heißt es in dem Bericht. Insgesamt hat sich demnach die Bonität der deutschen Unternehmen zwar verbessert, in den Kreditportfolios der deutschen Banken hat der Anteil relativ riskanterer Kreditnehmer aber zugenommen. Bei einem unerwarteten Konjunktureinbruch könnten Wertberichtigungen und Kreditausfälle daher schneller und stärker steigen als bei einer gleichmäßigeren Verteilung der Kreditrisiken. „Diese Allokationsrisiken sind in den vergangenen Jahren gestiegen und tragen zu den zyklischen Verwundbarkeiten im gesamten Bankensystem bei“, erklärte Buch. Die schwache Konjunktur zeigt sich dem Bericht zufolge allerdings nicht unmittelbar an den Finanzmärkten: Die Kreditvergabe der Banken sei weiterhin schwungvoll, die Bewertungen an den Märkten seien zum Teil hoch. Die niedrigen Zinsen und eine weiterhin robuste Binnenkonjunktur stützten diese Entwicklung. Die geringen Kreditrisiken spiegeln laut Bundesbank auch die niedrigen Insolvenzen im Unternehmenssektor und die geringe Arbeitslosigkeit wider. Entsprechend gering ist die seit vielen Jahren rückläufige Risikovorsorge der Banken. Die zukünftige Entwicklung von Kreditrisiken könnte damit aber unterschätzt werden.

Die Preise für Wohnimmobilien in Deutschland entwickeln sich nach wie vor dynamisch. Umfragen zufolge erwarten die privaten Haushalte und Banken weiter steigende Preise. „Damit besteht die Gefahr, dass Marktteilnehmer die vergangene Entwicklung zu optimistisch in die Zukunft fortschreiben und dabei die Werthaltigkeit von Sicherheiten überschätzen“, sagte Buch. Bundesbank-Untersuchungen zufolge sind Wohnimmobilien in städtischen Gebieten zwischen 15 und 30 Prozent überwertet. Die Bundesbank verwies in dem Bericht aber darauf, dass es gegenwärtig keine Hinweise auf eine Spirale aus stark steigenden Wohnimmobilienpreisen, übermäßig steigenden Wohnimmobilienkrediten und erodierenden Kreditvergabestandards gebe.

Darüber hinaus bestehen im deutschen Finanzsystem zudem Risiken gegenüber abrupt steigenden Zinsen fort. Die Banken haben die Fristentransformation ausgeweitet, um ihre Erträge im Zinsgeschäft zu stützen. Jeder zweite neu vergebene Wohnungsbaukredit hat eine Zinsbindungsfrist von über zehn Jahren. „Vor diesem Hintergrund müssen Banken die eingegangenen Risiken adäquat bepreisen und mit auskömmlichen Margen kalkulieren“, sagte Wuermeling.

Antizyklischer Kapitalpuffer auf 0,25 Prozent gesetzt

Als Reaktion auf die zyklischen Systemrisiken empfahl der Ausschuss für Finanzstabilität (AFS) der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) im Mai 2019, den antizyklischen Kapitalpuffer zu aktivieren und diesen auf 0,25 Prozent der risikogewichteten inländischen Forderungen anzuheben. Die BaFin ist der Empfehlung zum dritten Quartal 2019 gefolgt. Die Banken haben zwölf Monate Zeit, die Anforderung zu erfüllen. „Der antizyklische Kapitalpuffer stärkt die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems und stützt die Kreditvergabe in Stressphasen“, sagte Buch. Mit dem Puffer soll eine übermäßige Einschränkung der Kreditvergabe in Stressphasen weniger wahrscheinlich und eine mögliche prozyklische Wirkung des Bankensystems auf die Realwirtschaft verringert werden.

Klimarisiken beeinflussen auch das Finanzsystem

Erstmals widmet die Bundesbank klimabezogenen Risiken ein eigenes Kapitel im Finanzstabilitätsbericht. Dabei gehe es nicht darum, politische Entscheidungen zu bewerten. Vielmehr wolle die Bundesbank die Auswirkungen des Klimawandels und der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Reaktionen analysieren, erklärte Buch. Ergebnisse einer Sonderumfrage von BaFin und Bundesbank deuteten darauf hin, dass knapp zwei Drittel der befragten Finanzinstitute klimabezogene Risiken noch nicht in ihre Risikobetrachtung integriert hätten. Aktuell planten allerdings 22 Prozent der Institute, ihr Risikomanagement um Klimarisiken zu erweitern, heißt es in dem Bericht.

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