Der Kampf gegen den Klimawandel kann nicht allein von den Zentralbanken geführt werden Gastbeitrag von Jens Weidmann in der Financial Times

19.11.2020 | Jens Weidmann EN FR

Stellen Sie sich vor, Sie hätten Zauberkräfte und könnten die weltweite Klimakrise verschwinden lassen. Würden Sie diese Kräfte nicht einsetzen? Ich würde das mit Sicherheit tun. Die Bewältigung dieser Krise ist zweifellos eine der größten und dringlichsten Herausforderungen unserer Zeit. Wir alle müssten mehr tun, um die globale Erwärmung einzudämmen.

Dies gilt auch für Zentralbanken. Dazu gehört, dass sie ihren CO2-Fußabdruck reduzieren, doch das allein kann nicht unsere einzige Antwort auf diese Frage sein. Wir müssen vor allem mehr über die Bedeutung des Klimawandels und der ergriffenen Gegenmaßnahmen für die Geldpolitik erfahren. Ein weiterer Faktor, den Zentralbanken berücksichtigen müssen, sind klimabezogene Finanzrisiken. Da wir mit der Bankenaufsicht betraut sind und über die Finanzstabilität wachen, müssen wir gewährleisten, dass diese Risiken hinreichend in das Risikomanagement der Banken einfließen.

Überdies müssen Zentralbanken mit gutem Beispiel vorangehen. Wir sind es den Steuerzahlerinnen und -zahlern schuldig, die sich aus unseren geldpolitischen Geschäften ergebenden Finanzrisiken unter Kontrolle zu halten. Aus diesem Grund müssen die Zentralbanken sicherstellen, dass die klimabezogenen Finanzrisiken in ihrem eigenen Risikomanagement gebührend berücksichtigt werden.

Zu diesem Zweck ist es gerechtfertigt, von den Wertpapieremittenten und Ratingagenturen bessere Informationen zu erwarten. Das Eurosystem – also die Europäische Zentralbank und die nationalen Zentralbanken – sollte erwägen, nur solche Wertpapiere zu erwerben oder im Rahmen geldpolitischer Geschäfte als Sicherheit zu akzeptieren, deren Emittenten bestimmte klimabezogene Berichtspflichten erfüllen.

Des Weiteren könnten wir prüfen, nur Einstufungen von Ratingagenturen heranzuziehen, bei denen die klimabezogenen Finanzrisiken angemessen berücksichtigt werden. Mit solchen Maßnahmen könnte das Eurosystem dazu beitragen, Markttransparenz und Standards mit Blick auf die Ratingagenturen und Banken zu fördern. Wir würden als Katalysator zugunsten eines „grüneren“ Finanzsystems fungieren und die Klimapolitik unterstützen.

Die Ökonomen stimmen weitgehend darin überein, dass eine Anhebung des Kohlenstoffpreises wesentlich ist, um die Erderwärmung zu verlangsamen. Darüber müssen indes Regierungen und Parlamente entscheiden. Sie verfügen über die geeigneten Instrumente, z. B. Steuern und feste Obergrenzen beim Emissionshandel, und sind darüber hinaus demokratisch legitimiert, diese zu nutzen.

Es ist nicht Aufgabe des Eurosystems, bestimmte Industriezweige zu bestrafen oder zu fördern. Unser vorrangiges Ziel ist es, Preisstabilität zu gewährleisten. Um dieses Ziel in wirtschaftlichen Krisenzeiten – wie wir sie derzeit erleben – zu erreichen, ist es für die Geldpolitik unabdingbar, die Zinssätze niedrig zu halten und die Gesamtwirtschaft zu unterstützen. Ein Bestandteil unserer expansiven Geldpolitik sind Wertpapierankaufprogramme. Damit sie ihre Wirkung entfalten können, müssen sie breit angelegt sein. Um dies sicherzustellen und eine Verzerrung der Marktergebnisse zu verhindern, gilt der Grundsatz der „Marktneutralität“. Es muss geprüft werden, ob wir unabsichtlich eine bestimmte Ausrichtung unseres Wertpapierportfolios zugelassen haben, wobei wir zum Vergleich die Gesamtheit der notenbankfähigen Anleihen heranziehen müssen. Allerdings steht es uns nicht zu, Marktstörungen, politische Maßnahmen oder Versäumnisse zu korrigieren.

Die Ziele des Pariser Abkommens wurden von gewählten Politikerinnen und Politikern festgelegt. Leider haben sie bislang noch keinen konkreten Anpassungspfad vereinbart. Als Vater zweier Kinder bedauere ich sehr, dass Klimapolitik oft nur halbherzig betrieben wird und ein glaubwürdiges Bekenntnis zugunsten eines klaren Übergangs fehlt. Aber sollten die Zentralbanken eine fehlende politische Entschlossenheit ausgleichen? Wie würde man ihre Interventionen bewerten? Als Maßnahmen zur Unterstützung der Politik? Als den Versuch, diese Politik auszuhebeln? Oder als Ansatz, die politisch Verantwortlichen aus ihrer Verantwortung zu entlassen? Würden Zentralbanken in die Politik hineingezogen und ihre eigene Unabhängigkeit untergraben?

Die Unabhängigkeit der Zentralbanken stellt keine Rechtfertigung für Untätigkeit dar. Vielmehr ist sie Verpflichtung, uns weiterhin auf unser vorrangiges Ziel zu konzentrieren. Sie folgt aus der Erkenntnis – und dem breiten Konsens –, dass die Preisstabilität der beste Beitrag ist, den die Geldpolitik zu unser aller Wohlstand leisten kann.

Der Geldpolitik wurden häufig außergewöhnliche Kräfte zugesprochen. Diese Lobeshymnen waren noch nie zutreffend. Einen Zauberstab für die Rettung der Erde besitzen die Zentralbanken jedenfalls nicht.