Die Kräfteverhältnisse verschieben sich Gastbeitrag in „Profil – das bayerische Genossenschaftsblatt“

31.01.2020 | Burkhard Balz

Das Jahr 2020 wird zum Schlüssel für die Zukunft des Zahlungsverkehrs in Europa. Es geht nicht nur um Weichenstellungen für die nahe, sondern vor allem auch für die ferne Zukunft. Zwar verfügt Europa heute über eine effiziente und sichere Zahlungsinfrastruktur, aber die Bedürfnisse der europäischen Bürgerinnen und Bürger sind in den vergangenen Jahren gewachsen. Zahlungen sollen schneller, digitaler und bequemer werden. Sie sollen mit Mehrwerten verknüpft und stärker in die Prozesse der Wirtschaft und des Alltags integriert werden.

Die global agierenden Internetkonzerne, die sogenannten BigTechs, haben das erkannt. Sie handeln schnell, innovativ und kundenorientiert. Die Nutzung von Apps lässt den Bezahlvorgang möglichst einfach, rasch und kaum spürbar im Hintergrund ablaufen. Im Onlinehandel werden neue Maßstäbe gesetzt, auch beim Bezahlen. Die BigTechs haben mittlerweile die Ladenkassen im deutschen Markt erobert und machen mit ihren mobilen Bezahllösungen der girocard und dem Bargeld Konkurrenz. Laut einer kürzlich veröffentlichten Erhebung der Bundesbank nutzen in Deutschland bereits fünf Prozent der Befragten Google Pay und vier Prozent Apple Pay.[1]

Hinzu kommt, dass die BigTechs zunehmend direkt mit etablierten Anbietern konkurrieren und eigene Konten, Karten und Kredite offerieren. Apple gibt inzwischen mit Goldman Sachs in den USA eine eigene Kreditkarte heraus. Google plant, unter anderem in Kooperation mit der Citigroup, Bankkonten anzubieten. In beiden Fällen treten die Banken als Zahlungsdienstleister in den Hintergrund. BigTechs besetzen also zum einen die Kundenschnittstelle, zum anderen können durch eine passgenaue Integration von Zahlungsdiensten die eigenen Plattformangebote noch attraktiver gemacht und mit den Zahlungsdaten die verbleibenden Lücken in ihrem digitalen Kundenabbild geschlossen werden. Fazit: Die Kräfteverhältnisse im europäischen Zahlungsverkehr verschieben sich.

Auch die deutschen Kreditinstitute haben ihre Zahlungsangebote weiterentwickelt. Diese decken jedoch meist nur spezifische Bezahlsituationen ab. Die girocard zum Beispiel lässt sich derzeit nur an der Ladenkasse einsetzen. Daneben gibt es Kwitt, paydirekt und giropay als digitale Angebote für Person-zu-Person-Zahlungen und den Onlinehandel. Um diese Fragmentierung hierzulande zu beenden, berät die Kreditwirtschaft unter #DK mögliche Konsolidierungsmaßnahmen. Das ist zweifelsohne ein wichtiger Schritt, um den deutschen Zahlungsverkehr attraktiver zu gestalten. Aber es ist ohne Zweifel nur ein Schritt, um den Zahlungsverkehr in Europa zukunftsfest zu machen.

Im Vergleich zu den weltweit aktiven Plattformen haben die deutschen Kreditinstitute nicht genügend Nutzer, um Netzwerkeffekte voll auszuschöpfen, Skaleneffekte zu realisieren und ausreichend Ressourcen für die notwendigen Innovationen bereitzustellen. Vor dieser Herausforderung stehen allerdings praktisch alle nationalen Anbieter im europäischen Markt. Hinzu kommt, dass die nationalen Zahlungslösungen untereinander nicht kompatibel sind, wodurch der europäische Zahlungsmarkt – nach der Vereinheitlichung durch SEPA – erneut fragmentiert ist.

Daher sind die Überlegungen europäischer Kreditinstitute, ihre Kräfte zu bündeln, zu begrüßen. Übergeordnetes Ziel der europäischen Zahlungsinitiative ist es, für die Kunden – Käufer wie Händler – eine universell einsetzbare, überzeugende europäische Zahlungslösung zu finden. Sie sollte im Einklang mit den Forderungen der Zentralbanken im Eurosystem sicher, einfach und nutzerfreundlich, kostengünstig und effizient SEPA-weit funktionieren. Die europäische Initiative sollte nicht nur oberflächliche Veränderungen vornehmen, sondern sich strategisch schlagkräftiger aufstellen. Was zählt, sind nicht die kleinen Verbesserungen des Status quo, sondern eine einheitliche Nutzererfahrung in Europa mit einheitlichem Markendesgin und europäischer Governance zu schaffen.

Mit Instant Payments ist ein Fundament gelegt, das als Grundlage für eine paneuropäische Abwicklung genutzt werden könnte. Dabei gilt es, auf bestehende Nutzerpräferenzen und etablierte Praktiken Rücksicht zu nehmen. Man könnte beispielsweise mit der Karte weiterhin die Zahlung auslösen und gleichzeitig deutlich einfacher den Transfer über die Instant-Kanäle abwickeln. Dabei müsste die Karte nicht nur in physischer Form verfügbar, sondern auch in die Smartphone-Wallets eingebunden sein. Damit könnten die etablierten Beziehungen zu den Händlern für die Verbreitung der neuen, europäischen Zahlungslösung genutzt werden. Die Kunden wiederum müssten nicht sofort auf Payment-Apps umsteigen. Sie könnten etwa die ihnen vertraute girocard unter einer europäischen Marke weiterverwenden. Auch die neuen PSD2-Schnittstellen, die alle Banken seit September vergangenen Jahres für lizensierte Marktakteure bereitstellen müssen, können ein Element für die europaweite Interaktion der Banken im Zahlungsverkehr bilden.

Ein solch neues europäisches Zahlverfahren muss dabei zum digitalen Alltag passen und zugleich die in Europa hohen Erwartungen an Daten- und Verbraucherschutz erfüllen. Und schließlich müssen die europäischen Banken und Finanzdienstleister als Anbieter einer europäischen Lösung ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln können, um die erforderlichen Investitionen zu wagen. Hier wäre auch die Europäische Kommission bei der Überprüfung der Interchange Fee Regulierung gefragt. Politik, Regulierung und Kartellbehörden müssen die richtigen Weichen stellen. Zu begrüßen ist an dieser Stelle die neue Regelung des § 58 a im Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz. Demnach werden Anbieter von technischen Infrastrukturleistungen wie Apple verpflichtet, Zugang zu ihren Schnittstellen oder Betriebssystemen zu gewähren. Ein richtiger und wichtiger Schritt für Fairplay im digitalen Wettbewerb. Denn wenn Zahlungslösungen nicht mit bestimmten digitalen Endgeräten verwendet werden können, werden sie sich nicht am Markt etablieren. Wir hoffen, dass damit wieder Chancengleichheit erreicht werden kann und die Kreditinstitute ihre Wettbewerbsposition mit Blick auf die BigTechs verbessern können.

Die Kreditinstitute könnten die aktuellen Umwälzungen durchaus auch als Chance begreifen, zumal das bargeldlose Bezahlen stark zunimmt. Laut der aktuellen Zahlungsverkehrsstatistik der Bundesbank stieg zum Beispiel die Zahl der bargeldlosen Zahlungen im Euroraum um fast acht Prozent[2]. Der Markt bietet dabei insbesondere für die vom Niedrigzinsumfeld betroffenen Banken Wachstumspotenzial.

Allerdings muss die Kreditwirtschaft nun schnell und vor allem mutig voranschreiten. Entscheidend wird dabei sein, Verbraucher und Händler auf dem Weg mitzunehmen. Gelingt dieser anspruchsvolle Kraftakt, könnten 500 Millionen Europäer im Jahr 2025 genauso selbstverständlich ein gemeinsames digitales europäisches Bezahlverfahren nutzen wie heute schon das gemeinsame Euro-Bargeld.

 Fußnoten:

  1. https://www.bundesbank.de/de/presse/pressenotizen/kontaktloses-bezahlen-wird-normalitaet-822258
  2. Bundesbank Zahlungsverkehrsstatistik für 2018: https://www.bundesbank.de/resource/blob/802780/c05e924ad107d9fd36b71ee95062a371/mL/2019-07-26-zahlungsverkehrsstatistik-download.pdf