Europa muss dem Home Bias der Banken entgegenwirken Gastbeitrag von Michael Theurer in der Financial Times online
Was für einen Unterschied ein Jahrzehnt doch macht. Während der Staatsschuldenkrise von 2010 bis 2012 im Euroraum weiteten sich die Renditeabstände von Staatsanleihen verschiedener Euro-Länder gegenüber den deutschen Bundesanleihen stark aus.
Seitdem sind diese Spreads im Zuge der anschließenden Reformen und der derzeit günstigen Wachstumserwartungen wieder in die Nähe ihrer historischen Tiefstände gesunken. Diese Ruhe könnte jedoch trügerisch sein. Rückläufige Wachstumserwartungen oder erneute Zweifel an der Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen könnten die Risikoprämien wieder in die Höhe treiben. Angesichts der rasanten Zunahme der Staatsverschuldung und der Zinsausgaben in vielen Ländern ist eine solche Kehrtwende alles andere als abwegig. Darin zeigen sich zudem anhaltende strukturelle Risiken für die Finanzstabilität des Euroraums.
Zahlreiche Banken im Euroraum halten übermäßig hohe Volumina an Staatsanleihen ihres Heimatlandes. Nationale Haushaltsprobleme könnten somit eine Bankenkrise auslösen, wenn die Staatsschuldtitel an Wert verlieren. Im schlimmsten Fall sähen sich die Regierungen gezwungen, die in Schieflage geratenen Banken bei ihrer Rekapitalisierung zu unterstützen. Dies wiederum würde ihre Haushaltslage noch weiter verschlechtern und wahrscheinlich zu einer Verkaufswelle bei den Staatsanleihen führen. Die enge Verflechtung zwischen Staaten und Banken beschreibt den sogenannten Staaten-Banken-Nexus.
Wenn sich die Staatsfinanzen eines Landes verschlechtern, führen Marktwertverluste zu einer Verringerung des Bankkapitals. Dies dürfte die Banken dazu veranlassen, die Kreditvergabe einzuschränken, was das Wachstum dämpfen und den Staatshaushalt noch stärker belasten könnte. Da die Banken in der Währungsunion eng miteinander verflochten sind, können sich solche Spannungen schnell grenzüberschreitend ausbreiten und die Finanzstabilität gefährden. Um die Stabilität des Finanzsystems im Euroraum zu gewährleisten, ist es von entscheidender Bedeutung, diesen Kreislauf zu durchbrechen.
Staatsanleihen sind für Banken von Natur aus attraktiv. Sie werden nämlich an tiefen und liquiden Märkten gehandelt und bieten – gestützt durch die Steuerhoheit des Staates – eine regelmäßige Verzinsung. Diese Attraktivität wird durch die Regulierung noch verstärkt, da Staatsanleihen als nahezu risikofrei einstuft sind. Daher unterliegen sie keinen risikobasierten Eigenkapitalanforderungen und auch keinen Obergrenzen für Großkredite.
Die attraktivste Möglichkeit für Banken Mittel zu parken, sind daher häufig die Staatsschuldtitel ihres Heimatlandes. Infolgedessen verfügen einige Institute mittlerweile über Bestände an inländischen Staatsanleihen, die den Wert ihres Eigenkapitals um ein Mehrfaches übersteigen. Somit sind ihre Bilanzen äußerst anfällig für Risiken ihres Heimatlandes.
Die globalen standardsetzenden Gremien sind sich dieser Gefahr durchaus bewusst. So hat sich der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht jahrelang mit Risikogewichten und Obergrenzen für Engagements in Staatsschuldtitel befasst, doch eine umfassende Einigung erweist sich weiterhin als schwierig. Dies kann keine Rechtfertigung für Untätigkeit im Euroraum darstellen. Seine einzigartige Architektur – eine Währung, aber 21 eigenständige Finanzministerien – verlangt solide Haushaltspositionen und entschlossene Schritte, um den Staaten-Banken-Nexus zu durchbrechen. Um die Pläne der EU zur Vollendung der Bankenunion, einschließlich einer gemeinsamen Einlagensicherung, voranzutreiben, ist es unerlässlich, den übermäßigen Home Bias der Banken zu verringern.
Die sauberste Lösung bestünde darin, die regulatorischen Privilegien für Engagements in Staatsanleihen zu streichen. Für diese Schuldtitel sollten dieselben Regeln gelten, die auch für andere Vermögenswerte wie Kredite an nichtöffentliche Kreditnehmer gelten. So sollte es – je nach Eigenkapital einer Bank – risikogewichtete Anrechnungsbeträge und feste Obergrenzen für Kredite an einen einzelnen Kreditnehmer geben.
Die Banken müssten mehr Kapital für Risikopositionen gegenüber hoch verschuldeten Ländern vorhalten, und Positionen oberhalb eines bestimmten Anteils ihres Eigenkapitals würden gedeckelt. Bislang sind solche Reformen jedoch gescheitert. Diejenigen, die vom Status quo profitieren, lehnen Veränderungen ab. Während Marktteilnehmer vor Volatilität warnen, befürchten Regierungen höhere Finanzierungskosten, insbesondere in Staaten mit einer schwächeren Haushaltslage.
Alternativ dazu könnten „Konzentrationszuschläge“ anstatt strikter Kreditobergrenzen eingeführt werden. Bei diesem Ansatz würden zusätzliche Eigenkapitalanforderungen nur für Kredite an Staaten gelten, die einen bestimmten Schwellenwert überschreiten. Dies würde die Vorzugsbehandlung zwar bis zu einem gewissen Grad aufrechterhalten, aber darüber hinausgehenden übermäßigen Engagements in einem einzelnen Staat entgegenwirken. Dadurch würde sich der Home Bias auf der Aktivseite der Bankbilanzen verringern.
Konzentrationszuschläge würden den Regierungen außerdem zusätzliche Anreize liefern, eine übermäßige Staatsverschuldung zu vermeiden. Dies wäre insbesondere dann der Fall, wenn die Zuschläge an die Entwicklung der Schulden- und Defizitquote gekoppelt würden. Mit einem solchen Kompromiss könnte die richtige Balance zwischen der Eindämmung von Systemrisiken und der Berücksichtigung politischer Bedenken gefunden werden.
Bei jeder Reform sind verschiedene Ziele sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Die Maßnahmen sollten darauf abzielen, dass die Banken ihre übermäßige Konzentration von Engagements in Staatsschuldtiteln abbauen, dabei aber ihre entscheidende Rolle beibehalten, Liquidität am Markt zu gewährleisten. Auch sind die Staatsanleihemärkte von wesentlicher Bedeutung, um die effektive Transmission der Geldpolitik zu unterstützen.
Diese Funktionen müssen intakt bleiben. Angesichts der entscheidenden Rolle der Banken, Liquidität am Markt bereitzustellen, wäre eine schrittweise Umsetzung erforderlich. Dies würde den Banken ausreichend Zeit für die Anpassung ihrer Portfolios einräumen und potenzielle Marktstörungen möglichst gering halten.
Eine zeitnahe Einigung auf stufenweise ausgelegte, stärker risikobezogene Regelungen für das Engagement der Banken in Staatsschuldtiteln wäre ein wichtiger Meilenstein zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit des europäischen Finanzsystems. Außerdem könnte eine solche Einigung dazu beitragen, die Grundlagen für die Vollendung der Bankenunion zu schaffen. Ein derartiger Rahmen würde die Fähigkeit des Euroraums erhöhen, künftige Schocks zu absorbieren, und das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung stärken. Ein zeitnahes Handeln würde Europas Widerstandsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltiges Wachstum dauerhaft steigern.