Finanzstabilitätsbericht 2016 der Deutschen Bundesbank

16.11.2016 | Deutsche Bundesbank EN

Die weiterhin niedrigen Zinsen und das verhaltene realwirtschaftliche Wachstum begünstigen den Aufbau von Risiken für die Finanzstabilität. "Im aktuellen makroökonomischen Umfeld besteht die Gefahr, dass Marktteilnehmer Risiken unterschätzen und nicht ausreichend berücksichtigen, dass die Vermögenspreise fallen und die Zinsen steigen können", sagte Claudia Buch, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank, anlässlich der Vorstellung des Finanzstabilitätsberichts 2016. "Umso wichtiger ist es daher, dass die Marktteilnehmer auf eine angemessene Vertragsgestaltung achten und hinreichend hohe Risikopuffer aufbauen, um auch Verluste aus unvorhergesehenen Entwicklungen abfedern zu können", betonte Buch.

Vor allem Banken und Lebensversicherer würden dem Bericht zufolge unter einem Anstieg des Zinsniveaus leiden. Eine ausreichende Eigenkapitalbasis ist deswegen Voraussetzung dafür, dass die Finanzmärkte ihre Funktion für die Realwirtschaft übernehmen und die realwirtschaftliche Dynamik fördern können.

Mit den niedrigen Zinsen erhöhen sich zudem auch die Anreize, in Wohnimmobilien zu investieren. Risiken für die Finanzstabilität können dem Bericht zufolge dann entstehen, wenn stark steigende Preise für Wohnimmobilien mit einer deutlichen Kreditexpansion und nachlassenden Standards bei der Kreditvergabe zusammenfallen. Dies kann vor allem dann auftreten, wenn viele Marktteilnehmer die zukünftige Schuldentragfähigkeit zu positiv einschätzen. "Obwohl die Preise für Wohnimmobilien in Deutschland seit dem Jahr 2010 deutlich steigen, gibt es aber aktuell keine Anzeichen für eine exzessive Kreditvergabe oder eine Abschwächung der Kreditvergabestandards", sagte Buch.

Aufgrund der gesunkenen Kreditzinsen geraten auch die Geschäftsmodelle der deutschen Banken und Sparkassen, die stark vom Kredit- und Einlagengeschäft abhängen, unter Druck. "Die Banken vergeben in Deutschland Kredite mit längeren Laufzeiten, um ihre Zinserträge stabil zu halten", sagte Andreas Dombret, der im Bundesbankvorstand für die Banken- und Finanzaufsicht zuständig ist, bei der Vorstellung des Berichts. Diese längeren Zinsbindungsfristen führten unter anderem dazu, dass der Bankensektor weniger flexibel auf Zinsänderungen reagieren könne. "Durch die längere Laufzeitbindung gehen Banken und Sparkassen höhere Zinsänderungsrisiken ein. Diese gilt es aktiv abzusichern", so Dombret. Hier müsse eine ausreichende Kapitalisierung vorliegen. Insgesamt sieht Dombret die deutschen Banken und Sparkassen gut aufgestellt: "Die Solvenz und Liquidität der deutschen Banken und Sparkassen steht außer Frage. Positiv ist hervorzuheben, dass die Institute ihre Eigenmittel in den vergangenen Jahren erhöht und beim diesjährigen EBA-Stresstest gut abgeschnitten haben", erklärte Dombret weiter. Gleichzeitig wiederholte er seine Warnung, dass viele deutsche Banken zu wenig profitabel seien. Neben der ausgedehnten Niedrigzinsphase und den Regulierungsreformen im Bankensektor stelle aber auch die Digitalisierung der Finanzbranche eine Herausforderung für die deutschen Banken und Sparkassen dar.

Der Finanzstabilitätsbericht widmet sich vor diesem Hintergrund auch der zunehmenden Verbreitung technologischer Finanzinnovationen, den sogenannten Fintechs. Die neuen Technologien können dazu beitragen, das Finanzsystem stabiler zu machen, indem sie beispielsweise die Kreditvergabe und die Streuung von Risiken verbessern. Sie können aber auch gleichgerichtetes Verhalten begünstigen. Aus diesem Grund beobachtet die Bundesbank diese Märkte sehr genau.

Außerdem wird im Bericht die gestiegene Bedeutung sogenannter zentraler Gegenparteien (Central Counterparties, CCPs) thematisiert. Die G20-Mitgliedstaaten hatten im Jahr 2009 beschlossen, dass das Clearing standardisierter außerbörslich gehandelter Derivate nur noch über CCPs erfolgen soll. CCPs können dazu beitragen, Ansteckungskanäle zwischen Banken zu reduzieren. Gleichzeitig müssen sie aber mit Blick auf Systemrisiken angemessen reguliert werden.