Finanzstabilitätsbericht 2020 der Deutschen Bundesbank

13.10.2020 | Deutsche Bundesbank EN

Die globale Corona-Pandemie hat im ersten Halbjahr 2020 zum schwersten Wirtschaftseinbruch in Deutschland seit Jahrzehnten geführt. Weltweit haben Regierungen und Zentralbanken umfangreiche Maßnahmen ergriffen, um die Wirtschaft, Arbeits- und Finanzmärkte zu stabilisieren. „Das deutsche Finanzsystem hat sich als stabil erwiesen. Bislang hat es in der Corona-Pandemie seine zentralen Funktionen erfüllt“, sagte Claudia Buch, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank, bei der Vorstellung des Finanzstabilitätsberichts 2020. Im weiteren Verlauf der Pandemie dürften vermehrt Insolvenzen im Unternehmenssektor auftreten. Das erfordert eine ausreichende Vorbereitung. Um Auswirkungen auf die Kreditvergabe zu mindern, sollten die Banken ihre Kapitalpuffer nutzen. Die nach der globalen Finanzkrise beschlossenen Reformen zahlen sich aus: Die Banken sind besser kapitalisiert, haben zusätzliche Kapitalpuffer und können diese flexibler nutzen. Zukünftig wird es darum gehen, bestehende Verwundbarkeiten zu begrenzen.

Liquiditätsklemme abgewendet

Im Frühjahr gingen die Produktion und Umsätze vieler Unternehmen stark zurück. Die finanziellen Verpflichtungen sanken aber nicht im gleichen Umfang, so dass der Liquiditätsbedarf in vielen Branchen sprunghaft stieg. Im Unternehmenssektor drohte eine Liquiditätsklemme, die jedoch insbesondere dank umfangreicher staatlicher Maßnahmen abgewendet wurde. 

Bisher hat die Corona-Krise kaum zu höheren Wertberichtigungen in den Bilanzen der Banken geführt. „Die Banken funktionieren, die Kreditvergabe läuft. Aktuell erfüllt das Bankensystem damit seine zentrale Rolle“, sagte Joachim Wuermeling, das für Bankenaufsicht zuständige Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank. „Wichtig ist jetzt, dass die Banken weiterhin ihre Aufgabe erfüllen: gute von schlechten Risiken zu unterscheiden – und Kredite an gute Kreditnehmer auch zu vergeben.“ 

Auf vermehrte Insolvenzen von Unternehmen vorbereiten

Bislang zeigen sich die Spuren der Krise nicht in steigenden Insolvenzen im Unternehmenssektor. Hierfür sind nicht zuletzt krisenbedingte staatliche Maßnahmen und Sonderregelungen verantwortlich, insbesondere das vorübergehende Aussetzen der Insolvenzantragspflicht. Künftig dürften die Zahl der Insolvenzen und Marktaustritte von Unternehmen jedoch zunehmen. Verlaufen diese Anpassungen ähnlich wie in der Vergangenheit, dürfte dies für die Banken verkraftbar sein. 

Es sind aber auch Szenarien möglich, in denen Insolvenzen und die damit verbundenen Kreditausfälle unerwartet stark steigen. Dies würde die Kapitalquoten der Banken belasten. Die Banken könnten dann ihre Kreditvergabe einschränken, um die vom Markt und der Aufsicht geforderten Eigenkapitalquoten einzuhalten. Dadurch würde die wirtschaftliche Erholung gebremst oder ein Wirtschaftseinbruch verschärft. „Banken sollten ihre vorhandenen Kapitalpuffer nutzen, um weiterhin angemessen Kredite zu vergeben“, sagte Buch. Die Puffer wurden präventiv in guten Zeiten aufgebaut, damit sie in Krisenzeiten genutzt werden können. Diesen Spielraum haben die seit der globalen Finanzkrise umgesetzten aufsichtlichen Reformen geschaffen. 

Der Schlüssel zu einer guten Vorbereitung auf steigende Insolvenzen liegt für Banken, Politik und öffentliche Verwaltung darin, ausreichende administrative Kapazitäten zu schaffen, erfahrenes Personal bereitzustellen und die Vereinfachung von Insolvenzverfahren zu prüfen.

Strukturwandel ermöglichen und Verwundbarkeiten begrenzen

Ein funktionierendes Finanzsystem wird für den bevorstehenden Strukturwandel zentral sein. Mit der Zeit werden die künftigen wirtschaftlichen Strukturen nach und nach sichtbar werden. „Anders als in der globalen Finanzkrise geht es nicht darum, das Finanzsystem zu reparieren, sondern mithilfe des Finanzsystems Anpassungen in der Realwirtschaft zu ermöglichen“, betonte Buch. Das erfordere stabile Banken und funktionierende Anleihemärkte, aber auch die Finanzierung von Innovationen und Investitionen durch Eigenkapital.

Durch die Pandemie verstärken sich bestehende Verwundbarkeiten im Finanzsystem. Die Verschuldung im privaten und öffentlichen Sektor ist gestiegen, niedrige Zinsen begünstigen eine Suche nach Rendite und eine Unterschätzung von Kreditrisiken. „Das Finanzsystem muss ausreichend robust sein, um mit negativen Entwicklungen umgehen zu können. Die Reformagenda der vergangenen zehn Jahre sollte konsequent fortgeführt werden“, so Buch. Dank der Reformen stehen heute auch bessere Instrumente zur Verfügung, um mit Schieflagen von Banken umgehen zu können. In der Krise wurde die bestehende aufsichtliche Flexibilität temporär genutzt. Das bedeutet aber nicht, dass die Anforderungen an die Widerstandskraft des Finanzsystems dauerhaft gesenkt werden dürfen.