Herausforderungen für die europäische Geldpolitik im neuen geopolitischen Umfeld Rede anlässlich der Sitzung der Euro50 Group

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Einleitung

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

vor einigen Jahren entwickelten Dario Caldara und Matteo Iacoviello, Ökonomen bei der Federal Reserve, eine nachrichtenbasierte Messgröße für negative geopolitische Ereignisse und Risiken, die sie als Index für geopolitische Risiken bezeichneten.[1] Technisch beruht der Index auf der Anzahl an Artikeln über negative geopolitische Ereignisse, die in führenden Zeitungen in den Vereinigten Staaten, im Vereinigten Königreich und in Kanada erschienen sind. Diesem Index zufolge befinden wir uns derzeit – wenig überraschend – in einer Phase hoher geopolitischer Risiken. So lag der Index im vergangenen Jahr bei durchschnittlich 145 Punkten und damit nur leicht unter dem Wert von 158 im Jahr 2022, als Russland in die Ukraine einmarschierte. Zum Vergleich: Im Pandemiejahr 2020 wies er einen durchschnittlichen Stand von 78 Punkten auf. Und im ersten Monat dieses Jahres kletterte der Index bereits auf 164 Punkte. Damit ist er fast so hoch wie im Durchschnitt des Jahres 2001.[2] Betrachtet man die vergangenen Jahrzehnte, so erreichte der Index seinen Höchststand im Jahr 2001. Grund waren die Terroranschläge vom 11. September. 

Wir alle wissen, dass geopolitische Ereignisse und Risiken die wirtschaftlichen Aktivitäten privater Haushalte und Unternehmen, und dabei vor allem die Investitionen, beeinflussen.[3] In meiner Rede möchte ich mich jedoch mit den potenziellen Herausforderungen befassen, die die neue geopolitische Realität für die europäische Geldpolitik mit sich bringt. Dabei werde ich auf drei Punkte eingehen: die Volatilität der Inflation, die Unabhängigkeit von Zentralbanken und die zunehmende Bedeutung von Stablecoins.

2 Volatilität der Inflation

Beginnen möchte ich mit dem ersten Punkt, also der Volatilität der Inflation. Sie kann sich aufgrund negativer geopolitischer Schocks erhöhen, was kurz nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine zu beobachten war. Damals stiegen die Energiepreise deutlich an. Es kam zu Störungen bei einigen Lieferketten, und zwar vor allem bei Nahrungsmitteln. Zusammen mit den pandemiebedingten wirtschaftlichen Verwerfungen führte dies zur größten Inflationswelle seit den 1970er-Jahren. Glücklicherweise haben wir die Inflation trotz der erheblichen Handelskonflikte des vergangenen Jahres erfolgreich unter Kontrolle gebracht. Es gibt jedoch keine Garantie dafür, dass ähnliche Schocks in Zukunft nicht wieder auftreten. 

Vor dem Hintergrund der Entwicklungen, die seit der Pandemie zu verzeichnen waren, hat das Eurosystem seine geldpolitische Strategie im vergangenen Jahr aktualisiert. Das Eurosystem ist sich bewusst, dass geopolitische und wirtschaftliche Fragmentierung zu einer volatileren Inflationsdynamik führen kann. Es ist wichtig, agil auf neue Schocks reagieren zu können. Die überarbeitete Strategie trägt dieser Notwendigkeit Rechnung. 

Insbesondere sieht sie kraftvolle oder lang andauernde Maßnahmen als Reaktion auf starke oder dauerhafte Abweichungen von unserem Inflationsziel vor. Das bezieht sich sowohl auf positive als auch auf negative Abweichungen. Dieser Punkt unterstreicht die Symmetrie unseres Inflationsziels und geht auf die Kritik ein, dass der Fokus unserer geldpolitischen Strategie in der Vergangenheit stärker auf der Unterschreitung des Inflationsziels lag. Und nicht zuletzt halte ich es für entscheidend, dass wir unsere Bilanzsumme weiter reduzieren, da dies den Spielraum für geldpolitische Maßnahmen in unerwarteten Szenarien erhöht.

Darüber hinaus sieht die neu überarbeitete Strategie des Eurosystems vor, dass wir bei unseren Prognosen häufiger auf Szenarioanalysen zurückgreifen, anstatt uns auf ein einzelnes, am wahrscheinlichsten erscheinendes Basisszenario zu konzentrieren. Dieser Ansatz ermöglicht es uns, Risiken und Unsicherheit umfassender und systematischer zu berücksichtigen.

3 Unabhängigkeit von Zentralbanken

Ich komme nun zu meinem nächsten Punkt: die Unabhängigkeit von Zentralbanken. Wie wir alle wissen, ist Zentralbankunabhängigkeit von zentraler Bedeutung für die Preisstabilität. Die theoretische Grundlage für diese Aussage lässt sich auf die wegweisende Arbeit von Kydland und Prescott zurückführen, die vor fast fünfzig Jahren veröffentlicht wurde.[4] Empirische Studien zeigen einen negativen Zusammenhang zwischen dem Grad der Zentralbankunabhängigkeit und der Inflationsrate: Je unabhängiger eine Zentralbank ist, desto niedriger ist die Inflation – unter sonst gleichen Bedingungen.[5]

Allerdings könnte ein zunehmender geopolitischer Wettbewerb zwischen den Ländern den Druck auf unabhängige Zentralbanken erhöhen, die Priorität auf finanzpolitische Ziele und nicht auf die Eindämmung der Inflation zu legen. Derzeit beobachten wir, dass die Federal Reserve unter einem erheblichen politischen Druck steht. Wird der politische Druck erfolgreich ausgeübt, so könnte dies von Politikern in anderen Ländern als Blaupause verstanden werden, eine ähnliche Strategie zu verfolgen. In diesem Fall könnte das Inflationsniveau weltweit steigen.

Da die Weltwirtschaft vernetzt ist, könnte politischer Druck in einem Land dazu führen, dass es auch im Eurosystem schwieriger wird, das Ziel der Preisstabilität zu verfolgen. Das ist einer der Gründe, warum es meines Erachtens so wichtig ist, sich klar für die Unabhängigkeit von Zentralbanken einzusetzen. Was das Eurosystem betrifft, so ist die Unabhängigkeit im Primärrecht der Europäischen Union verankert. Aber wir dürfen uns nicht zu sicher sein. Wir müssen stets wachsam bleiben, was unsere eigene Unabhängigkeit anbelangt.

4 Zunehmende Bedeutung von Stablecoins

Der letzte Punkt, auf den ich eingehen möchte, betrifft die zunehmende Bedeutung von Stablecoins. Sie haben sicherlich schon gehört, dass die US-Regierung den Markt für Kryptowerte offiziell fördert, insbesondere den Markt für Stablecoins, die in US‑Dollar denominiert sind. Stablecoins sind Kryptowerte, die darauf abzielen, einen stabilen Wert gegenüber einem bestimmten Vermögenswert – in der Regel einer nationalen Währung, einem Rohstoff oder einem finanziellen Vermögenswert – zu erhalten. Im Vergleich zu anderen „geldähnlichen“ Vermögenswerten wie etwa Einlagen machen Stablecoins zwar nur einen geringen Anteil am Markt aus, doch verzeichneten sie zuletzt eine kräftige Zunahme. Aktuell beläuft sich ihr Marktvolumen je nach Definition auf gut 300 Milliarden US‑Dollar.[6]

Stablecoins haben gewiss Vorteile. Sie ermöglichen beispielsweise programmierbare Transaktionen, die mit Zentralbankgeld noch nicht möglich sind. Durch geringere Transaktionskosten und eine kürzere Bezahldauer können Stablecoins auch grenzüberschreitende Zahlungen erleichtern. Allerdings könnte die zunehmende Bedeutung von Stablecoins Risiken für den Euroraum bergen, wenn nämlich Stablecoins, insbesondere solche in Fremdwährung, weithin als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel im Euroraum genutzt werden.

Derzeit liegt der Anteil von Stablecoins in Euro bei unter 1 Prozent. Der überwiegende Teil lautet auf US‑Dollar. Bliebe es bei dieser Marktzusammensetzung und würde rein hypothetisch eine heimische Währung durch Stablecoins ersetzt werden, so käme dies einer Dollarisierung der entsprechenden Volkswirtschaft gleich. Die Wirksamkeit der inländischen Geldpolitik könnte in diesem Szenario stark beeinträchtigt werden, ganz zu schweigen davon, dass dies die Souveränität Europas schwächen könnte.

Allerdings ist der Euro eine stabile Währung. Dazu tragen ein sicheres Finanzsystem und eine attraktive Zahlungsinfrastruktur bei. Infolgedessen ist das Risiko gering, dass dieses Szenario eintritt. Um die Wahrscheinlichkeit jedoch noch weiter zu verringern, wird geprüft, wie neue technologische Möglichkeiten bestmöglich genutzt werden können.

Hierzu zählt meiner Meinung nach an erster Stelle die Einführung von digitalem Zentralbankgeld für den Wholesale-Bereich (Wholesale-CBDC). Institutionelle Akteure an den Finanzmärkten könnten dann programmierbare Transaktionen in Zentralbankgeld ausführen. Außerdem würde unser Finanzsystem dadurch effizienter und widerstandsfähiger werden. Das Eurosystem hat bereits die notwendigen Sondierungsarbeiten in diesem Bereich durchgeführt und treibt zwei Projekte voran. Ein Projekt hat die Einführung einer Interoperabilitätslösung für Wholesale-CBDC im laufenden Jahr zum Ziel. Zweitens könnte das Eurosystem DLT-basierte Zahlungsinstrumente unterstützen, die nicht direkt mit Zentralbankgeld verbunden sind, insbesondere tokenisierte Einlagen und auf Euro lautende Stablecoins

Diese Maßnahmen werden es uns ermöglichen, hochmoderne digitale Technologien zu nutzen, um die Wirksamkeit der Geldpolitik in einer unsicheren geopolitischen Zukunft aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus werden sie unsere Souveränität stärken. 

5 Schluss

Meine sehr geehrten Damen und Herren, 

ich möchte nun zum Schluss kommen. Welchen Durchschnittswert wird der Index für geopolitische Risiken von Caldara und Iacoviello dieses Jahr erreichen? Wird er seinen Wert von 2001 übertreffen? Das wird sich zeigen. Sollte es uns trösten, dass wir deutlich unter den Werten liegen, die während der Weltkriege verzeichnet wurden? Ich hoffe sehr, dass wir diese nicht wieder erreichen werden. 

Was können Zentralbanken tun? Ich denke, wir sollten unser Mandat auch in Zeiten grundlegender Veränderungen strikt erfüllen. Das heißt, wir müssen uns auf Preisstabilität konzentrieren, unsere Unabhängigkeit wahren und etwaigen Risiken entgegenwirken, die sich aus den neuen digitalen Technologien ergeben könnten.

Fußnoten:

  1. Vgl.: Caldara, D. und M. Iacoviello (2022), Measuring Geopolitical Risk, American Economic Review, Bd. 112, Nr. 4, S. 1194‑1225.

  2.  https://www.matteoiacoviello.com/gpr.htm

  3. Vgl.: Caldara und Iacoviello (2022); Bondarenko et al. (2025), Geopolitical Risk in the Euro Area: Measurement and Transmission, Mimeo. 

  4. Vgl.: Kydland, F. E. und E. C. Prescott (1977), Rules Rather than Discretion: The Inconsistency of Optimal Plans, Journal of Political Economy, Bd. 85, S. 473‑492.

  5. Cukierman, A., S. B. Webb, und B. Neyapti, (1992), Measuring the Independence of Central Banks and its effect on Policy Outcomes, World Bank Economic Review, Bd. 6, Nr. 3, S. 353‑398.

  6.  Stablecoin Market Opens 2026 at a New $310B Record – Crypto News Bitcoin News