Neues Jahr, alte Herausforderungen – Ein Ausblick auf den deutschen Bankensektor im Jahr 2016 Neujahrsempfang des European Finance Forum

1 Einleitung

Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlichen Dank für die Einladung, ich freue mich sehr, hier bei Ihnen in Berlin auf dem Neujahrsempfang des European Finance Forum zu sprechen.

Zu Beginn eines Jahres herrscht meist eine ganz besondere Atmosphäre der gespannten Erwartung, was das neue Jahr denn so bringen wird. Vielleicht sind die Erwartungen bei vielen Menschen angesichts der aktuellen geopolitischen Lage aber eher gedämpft: Der Syrienkonflikt, der Flüchtlingsstrom nach Europa, die Uneinigkeit in der EU und eine auch in Europa konkreter werdende Bedrohung durch Terroranschläge sind Sturmwolken, die bereits das vergangene Jahr überschattet haben. Und auch im Hinblick auf die wirtschaftliche Lage hat sich die konjunkturelle Verlangsamung in China 2015 bereits deutlich angekündigt, auch wenn sich die Erkenntnis über die damit verbundenen Auswirkungen erst nach und nach an den Märkten durchsetzen. Um nur eine Zahl zu nennen: Der IWF hat aktuell seine Wachstumserwartungen für die Weltwirtschaft aufgrund der Verlangsamung des Wachstums in China, der damit zusammenhängenden Auswirkungen auf Rohstoffpreise und Schwellenländer, der geldpolitischen Straffung in den USA und der Vielzahl der aktuellen politischen Konflikte von 3,8 Prozent auf 3,4 Prozent gesenkt.

Ich möchte heute Abend aber nicht über Probleme referieren. Nein, ich werde vielmehr versuchen, den Ausblick auf das bevorstehende Jahr aufzuhellen und mit Ihnen nach möglichen Silberstreifen suchen. Die gibt es nämlich durchaus: So geht der IWF davon aus, dass sich der Euroraum insgesamt und Deutschland im Speziellen wirtschaftlich besonders positiv entwickeln werden. Seine Deutschland-Prognosen für das laufende und das nächste Jahr hob der Fonds folgerichtig auf jeweils 1,7 Prozent an – Werte, die für entwickelte Volkswirtschaften mit stagnierender Bevölkerung durchaus respektabel sind.

Vor diesem Hintergrund möchte ich Ihnen nun gern einen Überblick über die gegenwärtige Situation und die Herausforderungen geben, denen sich die deutschen Banken, die Aufsicht und Regulierer in diesem Jahr gegenüber sehen werden.

2 Die wirtschaftliche Situation der deutschen Banken:

verbesserte Risikotragfähigkeit ...

Um mit einem positive Aspekt zu beginnen: Die Risikotragfähigkeit der deutschen Banken hat sich in letzter Zeit durch die Aufnahme von Eigenkapital und die Einbehaltung von Gewinnen deutlich verbessert. Anfang 2008, dem Jahr der globalen Finanzkrise, lag die Kernkapitalquote des gesamten deutschen Bankensystems im Durchschnitt noch bei rund 9,1 Prozent. Seitdem hat sie sich deutlich verbessert und betrug Mitte 2015 ganze 15,6 Prozent. Gleichzeitig hat sich zudem die Qualität der Eigenmittel spürbar verbessert.

... bei unbefriedigender Profitabilität

Um die Widerstandskraft dauerhaft zu sichern, müssen Banken allerdings ausreichende und nachhaltige Gewinne erwirtschaften. Tatsächlich ist aber die Gewinnsituation nicht bei allen Instituten zufriedenstellend.

Schauen wir uns zunächst die großen, international tätigen deutschen Banken an. Im Verhältnis zur Bilanzsumme gemessen, haben diese Institute ihre operativen Erträge in den vergangenen Jahren leicht verbessert – von 1,31 Prozent im Jahr 2009 auf 1,46 Prozent im Jahr 2014. Für das gerade abgelaufene Jahr sind belastbare Zahlen leider noch nicht verfügbar. Es deutet sich aber an, dass dieser Wert im Jahr 2015 nochmals gestiegen ist und erkennbar über 1,5 Prozent liegen könnte. Die Gesamtkapitalrendite der großen Banken hat sich 2014 zum dritten Mal in Folge erhöht, könnte im abgelaufenen Jahr jedoch einen Dämpfer erhalten haben. Im internationalen Vergleich befindet sie sich allerdings ohnehin mit unter 0,2 Prozent auf einem niedrigen Niveau. Ein Blick in die konsolidierten Bankdaten der EZB zeigt, dass die Banken in der Europäischen Union insgesamt im ersten Halbjahr 2014 eine Gesamtkapitalrendite von 0,33 Prozent erwirtschaften konnten. Für den Euro-Raum lag diese bei 0,25 Prozent.

Die anhaltend sehr niedrigen Zinsen und die damit einhergehende Einengung der Zinsspanne können mittel- bis langfristig zu einer ernsten Gefahr für die Stabilität der Banken werden, da deren Zinsergebnis immer mehr unter Druck gerät. Bisher sind negative Auswirkungen der niedrigen Zinsen auf die Ertragslage und die Stabilität des deutschen Bankensystems allerdings kaum spürbar. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass das niedrige Zinsniveau einerseits auf der Aktivseite der Bilanz eine Ausweitung des Kreditgeschäfts erlaubt, andererseits aber auf der Passivseite eine Umschichtung in eher nicht verzinste Sichteinlagen fördert. Letztere sind in Deutschland zuletzt im Jahresvergleich um knapp 13 Prozent gewachsen, während kurzfristige Spar- und Termineinlagen in diesem Zeitraum etwas reduziert wurden. Spürbare Rückgänge waren vor allem bei den langfristigen Einlagearten zu verzeichnen; diese sanken auf Jahresfrist um mehr als fünf Prozent. Angesichts der niedrigen Zinsen, die mit längerfristigen Anlagearten derzeit bei Banken zu erzielen sind nutzen die Kunden die Liquiditätsvorteile der Sichteinlagen schon seit geraumer Zeit aus.

Solche Umschichtungen haben aber ihre Grenzen. Je länger die Niedrigzinsphase anhält, desto wahrscheinlicher wird es, dass diese Grenzen auch erreicht werden. Hinzu kommt, dass eine zusätzliche Verflachung der Zinsstrukturkurve die Ertragsmöglichkeiten der Banken belasten kann. Die Institute könnten sich veranlasst sehen, höhere Risiken zu akzeptieren, um überhaupt noch eine für sie akzeptable Rendite zu erzielen. Dadurch können schließlich Risiken für das gesamte Finanzsystem entstehen. Diese können zum Beispiel daher rühren, dass Schuldner allein auf das aktuelle Zinsniveau schauen und die Gefahr künftig steigender Zinsen außer Acht lassen. Steigende Ausfallrisiken im Kreditgeschäft wären dann die Folge. Zudem ist eine Erosion der Kreditvergabestandards wegen des zunehmenden Wettbewerbs um Kreditkunden denkbar. Dies beobachten wir im Moment allerdings nicht. Wir haben jedoch ein wachsames Auge auf diese Entwicklungen – und künftig auch die Instrumente, um zumindest bei Immobiliendarlehen direkt einem Verfall der Vergabestandards entgegenwirken zu können. Wie sie wissen hat der Ausschuss für Finanzstabilität Mitte des vergangenen Jahres der Bundesregierung empfohlen, die rechtlichen Grundlagen für insgesamt vier neue Instrumente zu schaffen, damit die Aufsicht im Bedarfsfall frühzeitig, angemessen und effizient agieren kann. Wie gesagt, derzeit bestünde unseres Erachtens noch kein Grund, diese Instrumente zu nutzen, aber wir wollen vorbereitet sein.

Zwar erodieren die Vergabestandards derzeit nicht, allerdings ist zu beobachten, dass die Zinsänderungsrisiken der Banken deutlich zunehmen, weil die Kunden verstärkt Kredite mit langen Laufzeiten nachfragen. Aus Sicht der Kunden ist es absolut nachvollziehbar, das sehr günstige Zinsniveau für einen möglichst langen Zeitraum festzuschreiben. Zudem sind in Deutschland lange Zinsbindungsfristen ohnehin viel stärker verbreitet, als dies in anderen Ländern zu beobachten ist. Banken refinanzieren sich aber eher kurzfristig, was im Falle einer Zinswende dazu führen kann, dass die Zinsmarge der Institute recht schnell unter Druck gerät. Tatsächlich steigt der sogenannte Baseler Zinskoeffizient als Maß für Zinsrisiken bereits seit 2011 nahezu kontinuierlich an.

Wir sehen daher ein erhebliches Risiko, dass sich in den Kreditinstituten mit anhaltender Niedrigzinsphase ein spürbares Risikopotential aufbaut. Die Kreditinstitute müssen für sich ein angemessenes Niveau der Fristentransformation zwischen langfristiger Kreditvergabe und kurzfristiger Finanzierung bestimmen und einhalten. Und auch wenn die EZB angekündigt hat, ihr Ankaufprogramm und damit die extrem lockere Geldpolitik noch mindestens bis Ende März 2017 fortzusetzen, müssen die Kreditinstitute bereits jetzt über eine geeignete Risikomanagementstrategie und die notwendigen Maßnahmen in einem Umfeld wieder steigender Zinsen nachdenken. Ich halte es daher für sehr sinnvoll, dass die Vorkehrungen zum internen Risikomanagement und die Analyse der Geschäftsmodelle der Banken Schwerpunkte der gemeinsamen europäischen Aufsicht 2016 sein werden.  

Im Jahr 2016 besteht ein Risiko für die Ertragslage der Kreditinstitute in einer Normalisierung der aktuell guten Bewertungsergebnisse, sollte es zu einer unerwarteten Abschwächung der Konjunktur kommen. Wie eingangs erwähnt, stellen sich die aktuelle konjunkturelle Lage und der wirtschaftliche Ausblick insbesondere für Deutschland derzeit sehr positiv dar. Es bleiben aber eben Risiken. So könnten insbesondere aus dem Ausland Impulse für die deutsche und die europäische Wirtschaft ausbleiben. Der anhaltende Öl- und Rohstoffpreisverfall, die Spannungen am Persischen Golf und die jüngsten Finanzmarktturbulenzen in China haben den Ausblick für das weltwirtschaftliche Umfeld etwas eingetrübt.

Aus meiner Sicht sollten wir diese Entwicklungen zwar ernst nehmen, aber nicht überbewerten. Ja, der anhaltende Öl- und Rohstoffpreisverfall stellt eine besondere Belastung für diejenigen Länder dar, die Öl und andere wichtige Rohstoffe exportieren. Und ja, dies könnte die Ausfuhren deutscher Unternehmen in solche Länder dämpfen – was auch die heimische Investitionstätigkeit belasten kann. Gleichzeitig profitieren Unternehmen und Verbraucher von dem Öl- und Rohstoffpreisrückgang, denn nicht nur das Tanken und Heizen wird billiger. Der private Konsum insgesamt, der zuletzt für die deutsche Konjunktur immer bedeutsamer wurde, kann davon profitieren. Gleichzeitig sind die Kapazitäten der hiesigen Unternehmen bereits zunehmend ausgelastet und die Finanzierungsbedingungen weiterhin günstig. Dies alles dürfte dazu beitragen, dass die Folgen des Öl- und Rohstoffpreisrückgangs für die deutsche Wirtschaft in der Summe eher positiv sind. Hinzu kommt, dass es derzeit keine Hinweise auf einen scharfen wirtschaftlichen Einbruch in China gibt. Vielmehr spiegeln die Finanzmarktturbulenzen in weiten Teilen eine unglückliche Regulierung wider. Wir gehen derzeit daher nicht davon aus, dass diese Entwicklungen merkliche Bremsspuren beim Wirtschaftswachstum in Deutschland und im Euro-Raum hinterlassen werden.

Von realwirtschaftlicher Seite sind die Risiken für die Ertragslage der deutschen Kreditinstitute meines Erachtens damit begrenzt. Dagegen könnten sich gewisse, von den Instituten getroffene Annahmen, etwa in Bezug auf eine Senkung der Verwaltungskosten oder eine Steigerung von Provisionserträgen, als zu optimistisch herausstellen. Dies könnte die für 2016 erwartete Profitabilität tatsächlich belasten. 

Der demographische Wandel und seine Folgen für die Banken

Neben dem mutmaßlich vorübergehenden Niedrigzinsumfeld sehen sich die Banken auch strukturellen Veränderungen gegenüber, die das Potenzial haben, zu tektonischen Veränderungen zu führen – und zwar in den Geschäftsarten und -praktiken, die die Institute betreiben, wie auch politisch und gesellschaftlich. Ich denke dabei insbesondere an zwei Entwicklungen, nämlich den demographischen Wandel einerseits und die Digitalisierung der Finanzdienstleistungen andererseits.

Lassen Sie mich zunächst bitte kurz auf den demographischen Wandel eingehen. Selbstverständlich ist dies kein Thema, das nur das bevorstehende Jahr betrifft. Gleichwohl sollten die Kreditinstitute die Zeit nutzen, um sich auf diese Entwicklungen intensiv vorzubereiten.

Gegen Ende dieses Jahrzehnts wird die Erwerbsbevölkerung in Deutschland beginnen zu schrumpfen. Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl der Erwerbspersonen bis zum Jahr 2030 um bis zu drei Millionen im Vergleich zu heute sinkt. Der aktuelle Strom an Zuwanderern kann diese Entwicklung bestenfalls dämpfen, er wird sie aber wahrscheinlich nicht aufhalten können. Auch wenn solche Prognosen mit hoher Unsicherheit behaftet sind, so sind sie doch ausreichend verlässlich, um eine Vorstellung darüber zu bekommen, welche Herausforderungen auf unsere Volkswirtschaft zukommen werden.

Die Folgen für unsere Wirtschaft im Allgemeinen und das Finanzsystem im Speziellen können vielfältig sein. Ein Mangel an Fachkräften zeichnet sich in einigen Wirtschaftsbereichen bereits heute schon ab. Darüber hinaus bedeuten weniger Arbeitnehmer auch weniger Beitragszahler in die Sozialkassen – und damit eine steigende Belastung für den Staatshaushalt. Die EU-Kommission geht davon aus, dass der Anteil der alterungsbedingten öffentlichen Ausgaben in Deutschland, bezogen auf die allgemeine Wirtschaftsleistung, bis 2060 um fünf Prozentpunkte steigen wird. Vor diesem Hintergrund erwarten die Wirtschaftsweisen, dass das deutsche Haushaltsdefizit ohne Anpassungen im Alterssicherungssystem bis zum Jahr 2060 auf fast 250 % des BIP steigen wird. Dies hätte nicht nur für Bundesanleihen, sondern auch für den Finanzmarkt insgesamt weitreichende Folgen.

Erhält dagegen die private Altersvorsorge ein größeres Gewicht, müssen entsprechende Finanzprodukte zur Verfügung stehen. Zudem könnte eine zunehmende Spartätigkeit zu einer dauerhaften Absenkung des Renditeniveaus führen – insbesondere, falls die Investitionstätigkeit der Unternehmen angesichts eines niedrigeren Wachstumspotenzials abnimmt. Die Aussichten für Deutschland sind diesbezüglich alles andere als günstig. Die OECD erwartet beispielsweise, dass Deutschland bis zum Jahr 2060 zu den am schwächsten wachsenden entwickelten Volkswirtschaften zählen wird. Dies wiederum kann Folgen unter anderem für die Kreditnachfrage nach sich ziehen – und betrifft damit letztlich auch die Geschäftsmodelle der Kreditinstitute.

Wir stehen als Volkswirtschaft insgesamt vor enormen Herausforderungen, denen wir intelligent begegnen müssen. Dies erreichen wir meines Erachtens nur über Verbesserungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, über eine graduelle Ausweitung der Lebensarbeitszeit, bessere Ausbildungsmöglichkeiten und ein gezieltes Anwerben von Fachkräften aus dem Ausland.

Segen und Fluch der Digitalisierung

Auch die Digitalisierung des Finanzdienstleistungssektors hat das Potenzial, zu bedeutenden Veränderungen in der Bankenlandschaft zu führen. Sie eröffnet den Kreditinstituten neue Möglichkeiten sowohl zur Senkung der laufenden Verwaltungskosten als auch zur Entwicklung neuer Produkte. Da Banken ohnehin ihre Profitabilität steigern müssen, sind die Möglichkeiten der Digitalisierung zweifellos ein Segen. Nach – zugegebenermaßen mutmaßlich beträchtlichen – Anfangsinvestitionen in die neuen Technologien bietet sich das Potential für bedeutende Zeit- und Kosteneinsparungen, zum Beispiel bei internen Prozessen und dem Meldewesen. Erreichbarkeit und Service können digitalisiert auch bei ausgedünntem Filialnetz gewährleistet werden. Mit einer intelligenten Nutzung von Daten können Kreditinstitute die Kundenbindung stärken, neue Produkte entwickeln und ihr Cross-Selling verbessern.

Aber die Digitalisierung eröffnet auch neue Möglichkeiten für innovative Technologieunternehmen, sogenannte "Fintechs", die Kreditinstitute in angestammten Geschäftsfeldern angreifen. Der Wettbewerb dürfte also zunehmen. Profitable Bereiche sind dafür natürlich besonders attraktiv, so dass die Erträge unter Druck geraten können. Dabei muss es nicht notwendigerweise zu einem Verdrängungswettbewerb zwischen etablierten Kreditinstituten und Fintechs kommen. Denkbar sind auch viele Formen der Kooperation. Ich glaube nicht, dass sich dieser Wettstreit bereits im bevorstehenden Jahr entscheiden wird; die Entwicklung werden wir in der Bundesbank allerdings aufmerksam beobachten. Übrigens steht die Bundesbank mit ihren Hauptverwaltungen in verschiedenen Bundesländern auch bereit, um Fintechs und ähnliche Unternehmen bei regulatorischen Fragen zu beraten.

3 Aufsichtliche Prioritäten für 2016

Lassen Sie mich nun auf die geplanten aufsichtlichen Aktivitäten 2016 eingehen. Es wird Sie als Geschäfts- oder Privatkunden der Banken beruhigen, dass die Aufsicht die Gesamtsituation im Bankensektor in jedem Jahr ausgiebig untersucht. Alle zwei Jahre wird ein umfangreicher Stresstest durchgeführt, so auch wieder 2016.

Der von der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA durchgeführte EU-weite Stresstest wird in ca. einem Monat beginnen. Details zur Methodik und zu den Szenarios sollen erst kurz vorher bekannt gegeben werden. Ich kann Ihnen allerdings schon verraten, dass die größten Bankengruppen der EU einbezogen werden, so dass eine Abdeckung von rund 70 % des europäischen Bankmarktes erreicht wird. Insgesamt werden 52 Banken aus 15 Ländern teilnehmen, darunter zehn deutsche Institute. Auch wenn die gesamtwirtschaftlichen Aussichten für Europa 2016 eigentlich recht positiv sind, werden im Rahmen des Stresstests ausgeprägte Negativszenarien untersucht. Insbesondere Kreditrisiken, Marktpreisrisiken und die bereits angesprochenen Zinsänderungsrisiken, operationelle Risiken sowie Risiken aus Verbriefungen und Staatsanleihen werden berücksichtigt. Erstmals sind die Banken dabei auch aufgefordert, negative Entwicklungen hinsichtlich möglicher Kosten aus bestehenden oder zukünftigen Rechtsrisiken einzubeziehen. Wir erwarten, dass die Ergebnisse des Stresstests im dritten Quartal 2016 veröffentlicht werden.

In Bezug auf die laufende Aufsicht über die Kreditinstitute ist 2016 das zweite Jahr, in dem die EZB für die direkte Aufsicht über die gut 120 bedeutendsten Banken des Euro-Raums zuständig ist, darunter auch für 22 deutsche Institutsgruppen. Angesichts der Größe des Projekts und der kurzen Vorbereitungszeit hat die gemeinsame europäische Bankenaufsicht bislang gut funktioniert, und ich bin zuversichtlich, dass sich die Zusammenarbeit 2016 weiter verbessern wird. Es ist aber auch klar, dass noch Baustellen bleiben. Zum Beispiel besteht eine Notwendigkeit, die gegenwärtig noch recht aufwendigen Entscheidungsprozesse zu verschlanken und sicherzustellen, dass die Aufsichtsintensität der Bedeutung der beaufsichtigten Institute angemessen ist.

4 Fazit

Welches Fazit können wir nun aus all diesen Entwicklungen ziehen? Ich denke, 2016 wird herausfordernd, insbesondere mit Blick auf das andauernde Niedrigzinsumfeld und dessen potenzielle Folgen für die Ertragskraft und Risikoneigung der Kreditinstitute. Die Aufsicht, ganz gleich ob die EZB, BaFin oder Bundesbank, werden aufmerksam beobachten, wie die Banken mit diesen Herausforderungen umgehen und, falls erforderlich, Maßnahmen ergreifen, um eine Destabilisierung des Finanzsystems zu verhindern.

Von konjunktureller Seite deuten sich derweil keine erheblichen Belastungen für die heimischen Banken an. Zwar darf man die belastenden Faktoren für die Weltwirtschaft nicht außer Acht lassen, aber wir erachten diese für die deutsche Wirtschaft im Allgemeinen und das deutsche Bankensystem im Speziellen für beherrschbar.

Und zu guter Letzt wird gerade für mich als Bankenaufseher das Jahr 2016 ein besonderes Jahr sein, weil der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht in diesem Jahr das sogenannte "Basel III"-Reformpaket finalisieren wird. Dies wird in besonderem Maße dazu beitragen, Banken künftig noch stabiler zu machen.

Ich denke, wir haben damit für das bevorstehende Jahr mehr als nur einen Silberstreif am Horizont erblickt. Ich zumindest blicke recht zuversichtlich auf die kommenden zwölf Monate und ich hoffe, dass Sie es mir gleichtun.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.