Stabil und stark in unruhigen Zeiten – Europas Antworten auf globale Herausforderungen Rede beim Lions Club Frankfurt-Am Leonhardsbrunn
Es gilt das gesprochene Wort.
1 Einleitung
Sehr geehrte Damen und Herren,
herzlichen Dank für die Einladung und die freundliche Begrüßung. Ich freue mich, heute bei Ihnen zu sein.
Wir treffen uns am Vorabend des Europatags des Europarats. Am 9. Mai folgt der Europatag der Europäischen Union. Dann wird der Jahrestag der Schuman-Erklärung gefeiert. Sie markiert den Beginn eines neuen Zeitalters der friedlichen Zusammenarbeit in Europa. Damit legte sie den Grundstein für die Europäische Union. Beides sind Feiertage der europäischen Einigung. Sie erinnern an zwei Wegmarken im Entstehen eines Europas, das aus den Erfahrungen der Geschichte gelernt hat: Nach den Verwüstungen und dem Leid der beiden Weltkriege setzte man auf die Stärke des Rechts, der Kooperation und der gemeinsamen Institutionen. Wir kennen es heute nicht mehr anders, als in Frieden, Freiheit und Wohlstand zu leben. Das haben wir ganz wesentlich der europäischen Einigung zu verdanken. Es ist gut, dass die beiden Europatage daran erinnern – gerade in Zeiten wie diesen.
Wir erleben eine Welt im Wandel: Die Rivalitäten wachsen, das geopolitische Klima ist rauer, die Lage ändert sich immer wieder abrupt. Allein im laufenden Jahrzehnt waren wir bereits mit vier großen Einschnitten konfrontiert: der Pandemie mit ihren Folgen für die globalen Lieferketten, dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit der folgenden Energiekrise in Europa, der unberechenbaren US-Handelspolitik mit ihren Zoll-Kapriolen und nun dem Konflikt im Nahen Osten, der die Öl- und Gaspreise abermals in die Höhe treibt.
All diese Einschnitte haben Spuren hinterlassen: Alte Gewissheiten sind neuen Realitäten gewichen. Das gilt zuallererst für unsere Sicherheit, aber auch für unsere Handelspartnerschaften und unsere Energieversorgung. In diesem schwierigen Umfeld gilt es, die Errungenschaften der europäischen Einigung abzusichern. Frieden, Freiheit und Wohlstand sind keine Selbstverständlichkeit. Wir haben sie in Europa gemeinsam errungen – und wir müssen sie gemeinsam sichern.
Wie sich die Welt um uns herum verändert, können wir nur begrenzt beeinflussen. Aber es liegt in unserer Hand, Europa so stabil und stark zu machen, dass es der neuen Weltlage gewachsen ist. Was bedeutet stabil und stark? Das hat viele Facetten. Ich werde mich in meiner Rede auf jene beschränken, die auch für uns als Zentralbank relevant sind.
Es wird um den Binnenmarkt gehen und wie er Europa noch stärker machen kann. Aus meiner Sicht spielen dabei die Spar- und Investitionsunion und der digitale Euro eine wichtige Rolle. Doch an erster Stelle steht für mich als Zentralbanker natürlich die Preisstabilität. Starten wir also mit einem Blick auf Inflation und Geldpolitik im Euroraum.
2 Preisentwicklung und Geldpolitik im Euroraum
Noch vor Kurzem hat dieser Teil der Rede eher für Langeweile gesorgt: Die Inflationsrate pendelte um 2 %. Die Aussichten versprachen Ähnliches. Kurzum: Im Euroraum herrschte Preisstabilität. Die Geldpolitik hatte ihr Ziel erreicht. Ich konnte mit dieser Langeweile gut leben.
Aber dann begann der Iran-Krieg und änderte die Lage. Die wirtschaftlichen Folgen werden uns noch eine ganze Weile beschäftigen. Am Weltmarkt sind die Preise für Öl und Gas zeitweilig drastisch gestiegen. Und noch immer schwanken die Preise weit über dem Vorkriegsniveau. Das wirkt doppelt negativ: Es kühlt die Konjunktur ab und heizt die Inflation an.
In den Verbraucherpreisen spüren wir die höheren Rohölpreise unmittelbar, über Kraftstoffe und Heizöl. Deshalb ist die Inflationsrate im Euroraum nach oben gesprungen: zunächst auf 2,6 % im März und laut erster Schätzung auf 3,0 % im April. Das ist die höchste Inflationsrate seit September 2023. Gleichzeitig lässt sich weltweit beobachten, wie die Verwerfungen an den Energiemärkten auf Liefer- und Wertschöpfungsketten ausstrahlen. So werden energieintensive Produkte ebenfalls teurer und knapp. Und mit den Preisen für verschiedene Treibstoffe steigen auch die Transportkosten.
Den abrupten Anstieg der Energiepreise kann die Geldpolitik nicht verhindern. Sie kann weder Schifffahrtswege freihalten noch Förder- und Hafenanlagen in Stand setzen. Die Geldpolitik kann aber beeinflussen, wie es mittelfristig mit der Inflation weitergeht.
Im Augenblick gibt es hier noch viele Unwägbarkeiten. Wie lange bleibt die Straße von Hormus blockiert? Wie groß sind die Schäden an der Energieinfrastruktur in der Region? Wie schnell können sie behoben werden? Wann werden die üblichen Produktionsmengen wieder erreicht? Wann spielen sich die aus dem Takt geratenen Lieferketten wieder ein? Und schließlich: Wann sinken die Öl- und Gaspreise wieder spürbar – und auf welches Niveau?
Klar ist: Je länger, der Konflikt anhält, desto größer ist das Risiko, dass die Inflation erhöht bleibt, wenn die Geldpolitik nicht handelt. Deshalb schauen wir ganz genau auf zwei Faktoren. Zum einen: Wie stark fressen sich die hohen Energierohstoffpreise in die Verbraucherpreise und in die Lohnverhandlungen hinein? Und inwieweit verstärken sich in der Folge der heimische Preis- und Lohndruck gegenseitig? Zum anderen: Welche Inflationsrate erwarten die Profis am Finanzmarkt, aber auch die Unternehmen und privaten Haushalte mittelfristig? Beides ist wichtig für die zukünftige Entwicklung der Inflation. Und auf beides kann die Geldpolitik Einfluss nehmen.
Nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs haben wir gesehen, wie ein Anstieg der Energierohstoffpreise zu einer breiten Teuerungswelle geführt hat. Diese Erfahrung ist noch frisch. Sie könnte daher beeinflussen, wie Unternehmen und private Haushalte auf diesen neuen Preisschock reagieren. Und tatsächlich sehen wir, dass die Bürgerinnen und Bürger inzwischen eine deutlich höhere Inflation erwarten: Von Februar auf März stiegen die mittelfristigen Inflationserwartungen privater Haushalte im Euroraum von durchschnittlich 2,5 % auf 3,0 %.[1]
Aber die aktuelle Situation unterscheidet sich stark von jener 2021 und 2022. Als der russische Krieg gegen die Ukraine begann, war die Inflation bereits hoch und der Einlagensatz negativ. Als der Irankrieg begann, lag die Inflation bei rund 2 %, und die Leitzinsen waren in etwa neutral. Die Ausgangsposition ist heute also eine andere als damals.
Vor diesem Hintergrund traf sich der EZB-Rat vergangene Woche. Dabei kamen wir zu dem Schluss, dass es sich derzeit lohnt, abzuwarten, um mehr Klarheit zu gewinnen. Wir haben die Leitzinsen deshalb konstant gehalten. Man sollte das wachsame Abwarten des EZB-Rats nicht mit Zögerlichkeit verwechseln. Wir sind uns der Risiken für die Preisstabilität bewusst und jederzeit handlungsbereit.
Der EZB-Rat trifft sich im Juni zur nächsten geldpolitischen Sitzung. Dann wissen wir mehr darüber, wie sich die Lage im Nahen Osten entwickelt. Zusätzlich werden uns neue Projektionen vorliegen. Sollten sich die Inflationsaussichten darin nicht merklich verbessern, spricht dies für eine Zinserhöhung.
Der EZB-Rat hat bewiesen, dass er entschlossen handelt, wenn es nötig ist: Er hat die Leitzinsen von Juli 2022 bis September 2023 zehnmal angehoben, danach achtmal gesenkt.
Ich erwarte, dass sich im Juni der Nebel etwas lichtet und wir klarer sehen, wohin die Reise geht. Unser Ziel ist klar: Wir wollen, dass sich die Inflationsrate mittelfristig wieder bei 2 % einpendelt. Danach richten wir den geldpolitischen Kurs aus.
3 Herausforderungen in volatilen Zeiten – und Europas Antworten
Doch so wichtig eine angemessene geldpolitische Reaktion auf akute Preisschocks auch ist – sie ist nur ein Teil der Antwort auf die aktuellen Herausforderungen. In einer Welt anhaltender Unsicherheit geht es nicht allein darum, auf einzelne Ereignisse zu reagieren, sondern unsere wirtschaftspolitischen Strategien insgesamt robuster und anpassungsfähiger zu machen. Der Blick richtet sich daher stärker auf die strukturellen Veränderungen, die das volatilere Umfeld begründen, insbesondere die geoökonomische Fragmentierung. Welche Herausforderungen sich daraus ergeben – und wie Europa und das Eurosystem darauf antworten können – möchte ich nun näher beleuchten.
Der Internationale Währungsfonds definiert geoökonomische Fragmentierung als politisch motivierte und häufig von strategischen Überlegungen geleitete Umkehr der ökonomischen Integration.[2] Geoökonomische Fragmentierung beeinflusst den Handel mit Waren und Dienstleistungen ebenso wie Finanzströme und Migration.
Europa ist als stark in den Welthandel und globale Wertschöpfungsketten integrierte Volkswirtschaft von diesem Trend besonders betroffen. Er hat in den vergangenen Jahren zu schwächerem Wirtschaftswachstum und abnehmender Wettbewerbsfähigkeit beigetragen. Vor diesem Hintergrund müssen wir entschlossen handeln, um der europäischen Wirtschaft wieder mehr Schwung zu verleihen.
Dabei geht es nicht nur darum, unsere Weltmarktanteile zu sichern oder neue zu gewinnen, sondern vor allem auch darum, das riesige Potenzial des europäischen Binnenmarkts besser auszuschöpfen. Die vielzitierten Berichte von Enrico Letta und Mario Draghi plädieren in diesem Zusammenhang für eine deutliche Vereinfachung der Vorschriften in der Europäischen Union, um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft zu stärken.[3]
Problematisch ist dabei weniger die Existenz von Regeln und Vorschriften als vielmehr ihre hohe Komplexität und Starrheit. Ein mittelständisches Unternehmen, das in der EU tätig sein will, sieht sich in der Praxis oft nicht einem einheitlichen Markt gegenüber, sondern einem Flickenteppich unterschiedlicher nationaler Vorschriften, Meldepflichten und Verfahren.
Die Europäische Kommission hat bereits Initiativen ergriffen, um die Regulierung in der Europäischen Union zu vereinfachen und die Bürokratiekosten zu senken.[4] Im März hat die EU-Kommission einen Gesetzesvorschlag zur Einführung eines neuen 28. EU-weiten Regimes im Unternehmensrecht vorgelegt.[5] Hiermit soll vor allem jungen und innovativen Unternehmen erleichtert werden, im EU-Binnenmarkt zu operieren und Wachstumsmöglichkeiten zu verbessern. Dieser Vorschlag muss nun in Europa verhandelt werden. In meinen Augen bietet er großes Potenzial, die Gründung und Skalierung von Unternehmen im Europäischen Binnenmarkt zu erleichtern.
Auch im Bereich der Finanzmarktregulierung gibt es Spielraum für Vereinfachungen – ohne dabei die Finanzstabilität aufs Spiel zu setzen. Der EZB-Rat hat eine hochrangige Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich gezielt mit der Frage befasst, wie die bankenaufsichtlichen Anforderungen im Euroraum effizienter und weniger komplex gestalten lassen. Ich bin Mitglied dieser Gruppe.
Wir brauchen allerdings mehr als nur eine Vereinfachung der Regulierung und Bürokratieabbau, um der europäischen Wirtschaft mehr Schwung zu verleihen. Die Folgen des Nahost-Kriegs zeigen uns, wie dringlich es ist, die Abhängigkeit der EU von Energieimporten Stück für Stück zu senken. Hier gilt es, mehr gemeinsame Sache zu machen in Europa, erneuerbare Energien auszubauen und die europäischen Energienetze besser zu verknüpfen.
Weitere erfolgskritische Bereiche, in denen wir weniger abhängig werden sollten, sind Verteidigung und Digitalisierung, insbesondere die Entwicklung von KI. Diese Herausforderungen sind mit öffentlichen Mitteln allein nicht zu stemmen. Die Öffentliche Hand kann aber die Rahmenbedingungen verbessern, damit die Privatwirtschaft investieren, Lösungen entwickeln und auf den Markt bringen kann. Für private Investitionen braucht es jedoch Finanzierung.
Vor allem die private Finanzierung von jungen, innovativen Unternehmen in Europa ist derzeit noch ausbaufähig. Gerade bei Eigenkapitalfinanzierung stoßen diese Unternehmen in Europa bislang auf weit weniger Interesse bei Investoren als Unternehmen jenseits des Atlantiks. Europas Antwort auf diese Herausforderung lautet Spar- und Investitionsunion.
Den europäischen Binnenmarkt gibt es nun seit mehr als 30 Jahren – und dennoch besteht zwischen den Mitgliedstaaten weiterhin ein erheblicher Grad an wirtschaftlicher Fragmentierung. Vor allem auf dem europäischen Finanzmarkt sind die Integrationsfortschritte überschaubar. Faktisch handelt es sich nach wie vor um einzelne nationale Finanzmärkte. Dies belastet die europäische Wirtschaft insgesamt und hemmt vor allem die Entwicklung junger und innovativer Unternehmen, denn sie kommen kaum an Finanzierung über die Grenzen hinweg.
Wir könnten viel gewinnen, wenn wir die Integration der europäischen Kapitalmärkte weiter vorantreiben. Denn Europa verfügt über hohe Ersparnisse. Und sie ließen sich dann besser nutzen, um Innovation, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit auf dem europäischen Kontinent zu stärken.
Die Europäische Union hat bereits wichtige Fortschritte auf dem Weg zu einer Spar- und Investitionsunion gemacht. Einige Maßnahmen werden bereits umgesetzt. Weitere konkrete Vorschläge liegen zur Beratung auf dem Tisch. Beispielsweise gab der Rat der Europäischen Union vor kurzem grünes Licht zur stärkeren Harmonisierung der Insolvenzvorschriften in der EU.[6] Weitere Schritte zur Beseitigung von Hemmnissen im grenzüberschreitenden Wertpapierhandel, bei der Nutzung neuer Technologien wie Distributed Ledgers im Finanzbereich als auch eine stärkere Konvergenz und Zentralisierung der Aufsicht für Finanzmarktinfrastrukturen werden aktuell auf EU-Ebene beraten.[7]
Aus meiner Sicht ist es für Europa entscheidend, bei der Spar- und Investitionsunion in absehbarer Zeit weiter voranzukommen. Die Arbeit an diesem Vorhaben sollte beschleunigt werden. Vor dem Hintergrund begrüße ich das jüngst erfolgte gemeinsame Bekenntnis vom Europäischen Rat, Europäischen Parlament und Europäischer Kommission zentrale Elemente für den EU-Binnenmarkt bis spätestens Ende 2027 zu verabschieden. Viele wichtige Vorhaben – gerade im Bereich der Spar- und Investitionsunion – sollen bereits bis Ende dieses Jahres beschlossen werden.[8]
4 Digitaler Euro: Schlüsselprojekt für einen souveränen europäischen Zahlungsverkehr
Kritische Abhängigkeiten bestehen auch in einem Bereich, für den die Zentralbanken Sorge tragen. Meinen Damen und Herren, Sie könnten heute Abend noch davon betroffen sein: nämlich dann, wenn es ans Bezahlen geht und Sie nicht bar zahlen.
Derzeit werden rund zwei Drittel aller Kartenzahlungen im Euroraum über außereuropäische Systeme abgewickelt. Es gibt nur fünf Euro-Staaten, in denen europäische Kartensysteme überhaupt eine nennenswerte Rolle spielen. Deutschland mit der Girocard ist einer davon.[9]
Der Trend zum digitalen Bezahlen stärkt die außereuropäischen Platzhirsche wie Mastercard, Visa und PayPal weiter. Daraus erwächst eine Abhängigkeit, die ähnlich riskant sein kann wie in der Verteidigung oder bei KI. Zu spüren bekamen dies bereits Richterinnen und Richter des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag: Nach US-Sanktionen sperrten Banken und Zahlungsdienstleister ihnen Konten und Karten.
All das unterstreicht die Notwendigkeit zu handeln: Europa darf im Zahlungsverkehr nicht nur Beifahrer sein. Europa muss mit am Steuer sitzen.
Genau hier setzt der digitale Euro an. Er ist ein Schlüsselprojekt zur Stärkung von Europas Souveränität im Zahlungsverkehr. Es geht um ein sicheres, allgemein akzeptiertes digitales Zahlungsmittel, basierend auf europäischer Infrastruktur und unter europäischer Kontrolle. Die Euro-Zentralbanken arbeiten gemeinsam daran. Und die Bundesbank ist Teil des Konsortiums, das das Vorhaben im Einzelnen umsetzt.
Der digitale Euro wäre eine zusätzliche elektronische Form von Zentralbankgeld. Die Betonung liegt auf zusätzlich: Er wird Bargeld ergänzen, nicht ersetzen. Wer bar zahlen will, kann das auch künftig tun. Wer aber digital zahlen möchte, soll dies erstmals auch mit Geld von der Zentralbank tun können.
Der digitale Euro wird eine europaweit nutzbare digitale Zahlungslösung bieten. Das klingt erstmal abstrakt. Aber für die Menschen ist der Nutzen sehr konkret. Der digitale Euro soll im Geschäft funktionieren, im Online-Handel und bei Zahlungen zwischen Privatleuten. Und zwar nahtlos im gesamten Euroraum.
Heute gibt es fast ausschließlich nationale Insellösungen. Bildhaft gesprochen: Wir haben in Europa einen Flickenteppich – und selbst der hat noch viele Lücken.
Was fehlt, ist eine echte europäische digitale Bezahlmöglichkeit, die überall funktioniert. Genau diese Lücke kann der digitale Euro schließen. Das wäre nicht nur bequem. Es wäre auch ein Gewinn an Resilienz. Und das nicht nur gegenüber außereuropäischen Anbietern: Der digitale Euro soll auch offline funktionieren. Im Fall der Fälle könnte man damit also ohne Strom- oder Internetzugang zahlen. Das unterstützt Strategien, Verwundbarkeiten bei kritischer Infrastruktur abzubauen.
Ich weiß, dass viele Menschen beim digitalen Euro noch ein weiteres Thema bewegt: Was passiert mit meinen Daten? Der digitale Euro wird von Anfang an mit hohen Standards für den Datenschutz entwickelt. Das Eurosystem wird keinen Einblick in die persönlichen Zahlungsdaten der Nutzerinnen und Nutzer haben. Der Staat wird also weder sehen, was die Menschen kaufen, noch, wo sie einkaufen. Mit der vorgesehenen Offline-Funktion wird ein noch höheres Maß an Privatsphäre erreicht, ähnlich wie Bargeld. Die persönlichen Transaktionsdaten sind nur zwei Personen bekannt: der zahlenden und der begünstigten Person.
Und noch etwas möchte ich betonen: Der digitale Euro richtet sich nicht gegen Banken oder private Anbieter. Öffentliche und private Lösungen können sich ergänzen. Der digitale Euro könnte eine gemeinsame europäische Infrastruktur schaffen, auf der private Zahlungsdienstleister eigene Angebote entwickeln.
Alles in allem geht es beim digitalen Euro um weit mehr als um eine neue App oder ein neues Bezahlverfahren. Es geht um Wahlfreiheit, Privatsphäre und Zugang zu öffentlichem Geld – auch im digitalen Umfeld. Und es geht darum, im europäischen Zahlungsverkehr Effizienz, Widerstandsfähigkeit und strategische Autonomie zu stärken.
Damit der digitale Euro Realität wird, muss ein verbindlicher Rechtsrahmen geschaffen werden. Hier ist der EU-Gesetzgeber am Zug. Ich bin zuversichtlich, dass bis Jahresende rechtlich alles unter Dach und Fach ist. Wenn die Rechtsgrundlage steht, wird der EZB-Rat final entscheiden, ob der digitale Euro tatsächlich kommt. 2029 könnte dann alles bereit sein für eine mögliche Erstausgabe.
5 Schluss
Meine Damen und Herren,
mein Ziel ist es nicht, solange zu reden, bis der Europatag anbricht. Ich komme daher zum Schluss.
Die kommenden Tage erinnern uns daran: Die europäische Einigung war eine Antwort auf die Verheerungen der Weltkriege. Aber auch danach gelang es Europa immer wieder, passende Antworten auf die Herausforderungen der jeweiligen Zeit zu finden. Dies ist heute wieder gefragt, vielleicht so sehr wie lange nicht.
Ich bin davon überzeugt, dass ein stabiles und starkes Europa, die beste Antwort ist, die wir geben können. Dazu leistet die Bundesbank im Eurosystem ihren Beitrag: indem wir uns für stabiles Geld einsetzen, die Spar- und Investitionsunion unterstützen und den digitalen Euro vorantreiben.
Jetzt bin ich gespannt, wie Sie die aktuelle Lage sehen. Ich freue mich auf unsere Diskussion!
Fußnoten:
- Siehe EZB (2026), Inflation perceptions and expectations, Schaubild 10.
- Aiyar, S. et al. (2003), Geoeconomic Fragmentation and the Future of Multilateralism, IMF Staff Discussion Notes 2003/001.
- Draghi, M. (2024), The future of European competitiveness; Letta, E. (2024), Much more than a market.
- Simplification – European Commission
- EU Inc.: A new harmonised corporate legal regime – European Commission
- Rat der Europäischen Union, Rat gibt grünes Licht für gemeinsame EU-Vorschriften zu Insolvenzverfahren, Pressemitteilung vom 30. März 2026.
- Market integration and supervision package – Finance – European Commission
- Rat der Europäischen Union, European institutions agree roadmap to achieve 'One Europe, One Market' by end of 2027, Pressemitteilung vom 24 April 2026.
- Deutsche Bundesbank, Zahlungsverkehr im Wandel: aktuelle Entwicklung des Kartenmarkts in Deutschland, Monatsbericht, Dezember 2025.