Das Gebäude der EZB und im Hintergrund die Skyline von Frankfurt am Main

Anleihekäufe der Zentralbanken: Der Zusammenhang zwischen Zentralbankbilanz und Staatsfinanzen

Die Staaten können gegenwärtig sehr günstig Schulden aufnehmen, teils zu Negativzinsen. Sie finanzieren sich wohl auch deshalb zunehmend längerfristig. Die umfangreichen Anleihekäufe der Zentralbanken tragen zu den sehr niedrigen Zinsen bei und haben darüber hinaus weitere vielfältige Wirkungen. Die Fachleute der Bundesbank beschreiben im aktuellen Monatsbericht, wie dabei der bilanzielle Zusammenhang zwischen Zentralbank und Staat wirkt. Da die Staaten durch die Anleihekäufe die Anleihezinsen quasi an sich selbst zahlen, wird faktisch der Zins, der auf die Anleihe zu entrichten ist und insbesondere von der Laufzeit der Anleihe und dem begebenden Staat abhängt, auf einen einheitlichen, kurzfristigen Zentralbankzins umgestellt. Dadurch werden die Staatsfinanzen entlastet – umso stärker, je höher die Anleiheezinsen des jeweiligen Mitgliedstaates am Kapitalmarkt sind. Allerdings erhöht sich dadurch auch die Anfälligkeit der Staatsfinanzen im Fall von Zinsänderungen.

Staaten nutzen die aktuell sehr günstigen Finanzierungskosten

Die Eurostaaten können sich derzeit außerordentlich günstig über den Kapitalmarkt finanzieren. So ist die Durchschnittsverzinsung der Staatsschulden in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen und die Zinsbelastung gesunken.

Auch aufgrund der sehr günstigen Finanzierungskonditionen haben sich viele Staaten zunehmend längerfristig verschuldet. Damit haben sie sich den Bundesbank-Fachleuten zufolge gegen kurzfristig steigende Zinsen stärker abgesichert.

Grafik der Schuldenquote, die Durchschnittsverzinsung der Staatsschulden und die Zinsausgabenquote von 2010 bis 2020
 
Die Grafik stellt die durchschnittlichen Restlaufzeiten von Staatsanleihen ausgewählter Länder von 2000 bis 2020 dar.

Im Ergebnis führen Anleihekäufe zunächst häufig zur Entlastung der Staatsfinanzen, erhöhen aber deren Sensitivität auf Zinsänderungen

Über den bilanziellen Zusammenhang zahlen die Staaten durch die Anleihekäufe die Anleihezinsen quasi an sich selbst, so die Bundesbank-Fachleute. Faktisch wird dadurch der Zins, der auf die Anleihe zu entrichten ist, auf einen kurzfristigen risikofreien Zentralbankzins umgestellt. Im Ergebnis führen die Anleihekäufe der Zentralbanken des Eurosystems dazu, dass sich die Mitgliedstaaten effektiv kurzfristiger verschulden, als es die eher langen (und in den vergangenen Jahren noch gestiegenen) Restlaufzeiten ihrer Anleihen nahelegen.

Die Grafik stellt Renditen der PSPP-/PEPP-Bestände im Vergleich zum einheitlichen Einlagesatz des Eurosystems im Jahr 2020 dar.
Somit werden die Staatsfinanzen in der Regel zunächst entlastet. Dies fällt umso stärker aus, je höher die Finanzierungskosten des jeweiligen Mitgliedstaates am Kapitalmarkt sind. Die Risikoprämien fließen an die nationale Zentralbank, die (aufgrund der hierfür ausgeschlossenen Risikoteilung innerhalb des Eurosystems) auch ein etwaiges Ausfallrisiko übernimmt. Das untenstehende Schaubild zeigt den Abstand der Renditen von Anleihebeständen der nationalen Zentralbanken und dem kurzfristigen Einlagensatz für einige Mitgliedstaaten des Euroraums. 

Das Bild zeigt die Tabelle mit den Werten der Gewinne der nationalen Zentralbanken im Euroraum für das Geschäftsjahr 2020.
Die von den Zentralbanken vereinnahmten Anleihezinsen fließen im Zeitverlauf über die Zentralbankbilanz als Gewinnausschüttung (oder Steuerzahlung) an den Staat zurück. Die Gewinne der einzelnen nationalen Zentralbanken des Eurosystems werden von vielen Faktoren beeinflusst, die sich von Zentralbank zu Zentralbank verschieden sind. Die unterschiedlich hohen Zinserträge spielen aber eine wichtige Rolle. Die Zahlungen der nationalen Zentralbanken des Eurosystems an ihre jeweiligen Staaten variieren etwa für das Geschäftsjahr 2020 erheblich. 

Staatsanleihebestände im Eurosystem steigen absehbar weiter

Die Europäische Zentralbank und die nationalen Zentralbanken haben in großem Umfang Staatsanleihen insbesondere im Rahmen des Programms zum Ankauf von Wert­papieren des öffentlichen Sektors (Public Sector Purchase Programme: PSPP) und des Pandemie-Notfallankaufprogramms (Pandemic Emergency Purchase Programme: PEPP) erworben. Für die nächsten Monate sind weitere Käufe vorgesehen. Im kommenden Jahr könnte sich damit im Eurosystem der Bestand öffentlicher Anleihen der Mitgliedstaaten und supranationaler Einheiten einer Größenordnung von 40 % der Wirtschaftsleistung des Euroraums nähern. Die Fachleute der Bundesbank weisen darauf hin, dass mit Blick auf die Zinssensitivität der Staatsfinanzen nicht nur die Zinsbindungsfrist der Staatsverschuldung, sondern auch der bilanzielle Zusammenhang mit der Zentralbank beachtet werden sollte.