Gaskraftwerk

Krieg gegen die Ukraine: Energieembargo könnte deutsche Wirtschaft deutlich schwächen

In ihrem jüngsten Monatsbericht analysiert die Bundesbank anhand von Szenariorechnungen, welche gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen eine weitere Eskalation des Krieges gegen die Ukraine haben könnte. Konkret unterstellen die Fachleute, dass der Handel mit Russland einschließlich der Energieimporte bis auf Weiteres eingestellt wird und es dann neben Preiseffekten auch zu einer Rationierung des Energieeinsatzes kommen könnte. Kurzfristig könnte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland in diesem Fall bis zu 5 Prozent niedriger ausfallen als in der März-Prognose der Europäischen Zentralbank (EZB) angelegt. Im Vergleich zum Vorjahr würde das reale BIP um knapp 2 Prozent zurückgehen.

Mögliche wirtschaftliche Folgen des Krieges in der Ukraine

Inflation könnte längere Zeit höher ausfallen

Den Bundesbank-Fachleuten zufolge würde sich auch der Preisanstieg nochmals erheblich verstärken. In dem betrachteten Szenario könnte die Inflationsrate in Deutschland 2022 um 1½ Prozentpunkte und 2023 um 2 Prozentpunkte höher liegen als in der EZB-Prognose veranschlagt. Als Hauptgrund dafür nennen sie die bei einer weiteren Eskalation deutlich steigenden Energiepreise. Auch 2024 dürfte die Teuerungsrate noch erhöht sein, allerdings nicht mehr so stark. Insgesamt überwiegen laut Bundesbank bei der Inflation die Aufwärtsrisiken, da möglicherweise Preissteigerungen auf nachgelagerten Produktionsstufen oder Lohnerhöhungen stärker ausfallen könnten.

Die Expertinnen und Experten betonen, dass alle Ergebnisse angesichts der komplexen Problemlage erheblichen Unsicherheiten unterlägen. Die ermittelten Entwicklungen könnten, vor allem für das BIP, sowohl über- als auch unterzeichnet sein, warnen sie.

Erdgaspreise dürften am stärksten steigen

Die Expertinnen und Experten nutzen für ihre Simulationen mehrere makroökonomische Modelle, um so den verschiedenen Aspekten und Wirkungskanälen des betrachteten Szenarios Rechnung zu tragen. Mithilfe dieser Modelle haben sie untersucht, wie sich eine hypothetische weitere Eskalation des Konflikts auf die Wirtschaft in Deutschland und im Euroraum auswirken könnte. Für den Fall eines Energieembargos gegen Russland durch wichtige Abnehmerländer sei davon auszugehen, dass die Preise für Rohöl, Erdgas und Kohle deutlich zulegen. Der Preis für ein Fass Rohöl der Sorte Brent könnte auf über 170 US-Dollar steigen. „Am stärksten dürften die Erdgaspreise in Europa anziehen, da russische Lieferungen kurzfristig nur schwer zu ersetzen sind“, schreibt die Bundesbank. Bei sonstigen Rohstoffen wäre insgesamt mit moderateren Preisaufschlägen zu rechnen.

Die Autorinnen und Autoren führen in dem Bericht mehrere Faktoren an, die im Zuge des Krieges zu BIP-Verlusten in Deutschland führen könnten. So würde ein Anstieg der Rohstoffpreise, der mittelbar den Einkommensspielraum der privaten Haushalte schmälert, das Wachstum erheblich schwächen. Darüber hinaus würde die Auslandsnachfrage, und damit die deutschen Exporte, deutlich zurückgehen. Der dritte Faktor sei die erhöhte Unsicherheit, die die gewerblichen Investitionen sowie den privaten Konsum drücke. Die einbezogenen fiskalischen Maßnahmen würden nur einen kleinen Teil dieser Verluste auffangen, so die Fachleute. „Allerdings ist davon auszugehen, dass es in einem solchen Szenario über die berücksichtigten und die inzwischen zusätzlich geplanten staatlichen Maßnahmen hinaus zu weiteren fiskalischen Stützungsmaßnahmen kommen dürfte, um den negativen Effekt auf das BIP stärker abzufedern“, heißt es im Bericht.

Energierationierung bei vollständigem Embargo

Hinzu komme, dass der abrupte Ausfall russischer Energielieferungen die inländische Produktion wohl erheblich hemmen würde. Die Expertinnen und Experten unterstellen in ihrer Analyse, dass sich der Einsatz von Erdgas, Steinkohle und Mineralöl in den betroffenen Sektoren ab dem zweiten Quartal 2022 für den Rest des Jahres um 40 Prozent vermindert. Zur Schwere des Szenarios trage auch bei, dass annahmegemäß für das laufende Jahr keine Substitutionsmöglichkeiten fossiler Energieträger bestünden.

Diesen ergänzenden Modellrechnungen zu den Lieferausfällen bei Energie zufolge könnte es kurzfristig zu einem zusätzlichen realen BIP-Verlust von 1 Prozent für das laufende Jahr kommen, wenn ausschließlich die Sektoren der Energieproduktion und -versorgung von den russischen Energielieferungen abgeschnitten würden. Sollte der Schock zudem auch die energieintensiven Branchen direkt treffen, die ihre Produktionsanlagen mit fossilen Energieträgern befeuern oder die Energieträger als Rohstoffe verarbeiten, könnte sich der Verlust auf 3 ¼ Prozent erhöhen. Auch diese Rechnungen seien mit hohen Unsicherheiten behaftet, unter anderem da sie stark davon abhingen, ob und wann es Substitutionsmöglichkeiten gäbe.