Ausblick auf das Jahr 2026 vor dem Hintergrund der vielschichtigen weltweiten Herausforderungen Lunch Jour Fixe des Ambassadors Club e.V.

Es gilt das gesprochene Wort.

Leider konnte die Rede aufgrund der Witterungsbedingungen nicht gehalten werden. Dennoch stellen wir Ihnen den vorbereiteten Text zur Verfügung.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist mir eine große Freude und Ehre, heute hier bei Ihnen zu sein. Ich möchte die nächsten Minuten nutzen, um Ihnen einen Überblick über die Konjunkturaussichten in Deutschland aus Sicht der Bundesbank zu geben. Diese Aussichten sind eng mit den großen und vielschichtigen Herausforderungen verknüpft, denen wir uns weltweit gegenübersehen. Daher möchte ich auch darüber sprechen, wie wir solch großen Herausforderungen begegnen können. Welche Beispiele und Erfahrungen gibt es hier aus Zentralbanksicht?

1 Die aktuellen Konjunkturaussichten für Deutschland

Die Bundesbank hat vor etwa einem Monat, also kurz vor Weihnachten, ihre aktuelle Prognose für Deutschland veröffentlicht.[1] Laut der Prognose sinkt die Inflation im laufenden Jahr weiter und nähert sich dem Wert von 2 % an. Die Vorjahresrate gemäß dem harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) in Deutschland dürfte 2026 bei 2,2 Prozent und 2027 sowie 2028 bei rund 2 Prozent liegen. Dies sind für uns alle sehr gute Nachrichten: In Deutschland wie auch im Euroraum entwickelt sich die Inflationsrate wieder in Richtung 2 Prozent – das Niveau, auf dem wir sie sehen wollen. 

Betrachtet man die konjunkturelle Entwicklung, so stieg das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2025 mit einem Plus von 0,3 Prozent kalenderbereinigt leicht an. In den Folgejahren wird die Wirtschaft etwas stärker wachsen, nämlich um rund 0,6 Prozent im Jahr 2026, um 1,3 Prozent im Jahr 2027 und um 1,1 Prozent im Jahr 2028. Ab 2026 wird der expansive fiskalische Kurs das Wirtschaftswachstum in Deutschland deutlich stützen. Der Gesamteffekt der zusätzlichen Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur auf das BIP-Wachstum dürfte sich bis 2028 kumuliert auf 1,3 Prozentpunkte belaufen. Darüber hinaus dürften Transfers und Steuersenkungen die Einkommen der privaten Haushalte und der Unternehmen steigen lassen.

Die staatlichen Defizit- und Schuldenquoten werden sich erheblich erhöhen. Die Fachleute der Bundesbank gehen davon aus, dass die Schuldenquote von 62 Prozent im Jahr 2024 auf 68 Prozent im Jahr 2028 steigen wird. Die Defizitquote dürfte im gleichen Zeitraum von 2,7 Prozent auf 4,8 Prozent zunehmen. Notwendig ist eine belastbare Budgetplanung, die das Defizit mittelfristig wieder zurückführt, ohne die relevanten Infrastrukturinvestitionen zu beschneiden. 

Bei der Nutzung des erweiterten Kreditspielraums für Verteidigung und Infrastruktur sollte die Finanzpolitik sicherstellen, dass die Kreditmittel tatsächlich zu zusätzlichen Investitionen führen. Und sie muss überdies dafür sorgen, dass die Staatsfinanzen auch in Zukunft solide bleiben. Die Bundesbank hat zu diesen beiden Punkten Vorschläge unterbreitet.[2]

Wir gehen davon aus, dass nicht allein die Finanzpolitik zum BIP-Wachstum in Deutschland beitragen wird. Auch eine Belebung der Nachfrage der privaten Haushalte wird über den gesamten Prognosezeitraum hinweg eine wichtige Rolle spielen. Dagegen dürften die Unternehmensinvestitionen durch ein schwieriges Investitionsumfeld aufgrund zyklischer und struktureller Wachstumshemmnisse anhaltend gebremst werden. Die Investitionen schwenken nur langsam und im späteren Jahresverlauf 2026 wieder auf einen Expansionspfad ein. 

Die deutschen Exporte dürften im Laufe des Jahres 2026 nach und nach wieder eine expansive Entwicklung aufzeigen und zum BIP-Wachstum beitragen. Sie werden jedoch noch immer von den höheren Zöllen in Mitleidenschaft gezogen und gewinnen nur zögerlich an Schwung. Diese Annahme gilt aber nur, wenn die Gefahr einer weiteren Eskalation im Zollstreit nicht berücksichtigt wird. 

Zudem gibt es strukturelle Hindernisse, die die Wettbewerbsfähigkeit belasten.[3] Unterdessen werden die deutschen Importe deutlich zunehmen. Somit sinkt der deutsche Überschuss in der Leistungsbilanz (anteilig am nominalen BIP) im Prognosezeitraum von voraussichtlich 4,7 Prozent 2025 auf höchstens 3,2 Prozent 2028. Im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten sind diese Zahlen bemerkenswert niedrig. 

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die deutsche Wirtschaft im Laufe des Jahres 2026 allmählich wieder auf einen Erholungskurs zurückkehrt.

2 Vielschichtige weltweite Herausforderungen

2.1 Internationale Herausforderungen sind allgegenwärtig

Meine Damen und Herren,

es wird Sie nicht überraschen, dass die Aussichten und Prognosen, die ich Ihnen gerade vorgestellt habe, mit Unsicherheit behaftet sind. So könnte das Wirtschaftswachstum schwächer und die Inflation höher ausfallen. Weltweit stehen wir derzeit vor einer Vielzahl unterschiedlicher Herausforderungen. Gestatten Sie mir, Ihnen einige aufzuzählen. 

Die Entwicklung im vergangenen Jahr war von internationalen Handelsstreitigkeiten und geopolitischen Konflikten geprägt, die maßgeblich dazu beigetragen haben, dass sich die Unsicherheit erhöht hat. Dies hatte unter anderem Auswirkungen auf die grenzüberschreitenden Handelsbeziehungen und die Wechselkursentwicklung. Und leider müssen wir aus heutiger Sicht davon ausgehen, dass sowohl die geopolitischen Konflikte als auch die Handelsstreitigkeiten noch eine Weile bestehen bleiben. Das gilt unabhängig davon, ob ein NATO-Land die Besitzansprüche, die es auf das Territorium eines anderen Verbündeten erhebt, zurücknimmt oder nicht.

Aber es gibt noch mehr Herausforderungen. Wir alle sind Zeugen des anhaltenden Vormarschs von künstlicher Intelligenz – diese neue Technologie wird immer wichtiger. KI bringt große Chancen mit sich, aber auch Risiken. 

Zudem dürften digitale Innovationen das Finanzsystem, wie wir es kennen, umkrempeln. Das gilt insbesondere für die Distributed-Ledger-Technologie. Diese Technologie hat nicht nur neue Arten von Vermögenswerten hervorgebracht, sie fordert auch die Geschäftsmodelle vieler bestehender Akteure heraus. Dabei verspricht sie einerseits Effizienzgewinne, lässt andererseits aber auch neue Risiken entstehen.

Und natürlich stellen nicht zuletzt der Klimawandel und seine Folgen Länder und Menschen auf der ganzen Welt vor Schwierigkeiten.

Das sind vier ganz unterschiedliche Beispiele für Herausforderungen, denen sich alle unsere Volkswirtschaften gegenübersehen, und es gibt noch viele mehr. Wir müssen uns also fragen, wie wir geeignete Antworten finden, wie wir reagieren können, und wie wir mit der Unsicherheit umgehen sollen.

2.2 Erfahrung im Umgang mit internationalen Herausforderungen

Meine Damen und Herren, als Präsident der Deutschen Bundesbank habe ich es schon immer für lohnenswert gehalten, sich mit dem zu befassen, was bisher im Umgang mit internationalen Herausforderungen funktioniert hat, und diese Erfahrungen zu nutzen. 

Erstens: Ich bin fest davon überzeugt, dass globale Herausforderungen durch regelbasierte internationale Zusammenarbeit bewältigt werden sollten.

Zweitens: Wir verfügen über Institutionen und Foren für internationale Zusammenarbeit, die sich in der Vergangenheit bewährt haben. Diese sollten wir nutzen!

Derzeit hat man den Eindruck, es gelte das Recht des Stärkeren. Regeln und internationale Zusammenarbeit scheinen nicht mehr in Mode zu sein. Allerdings sind Erpressung und Gewalt keine Grundlage für eine dauerhafte Zusammenarbeit. Eine langfristige Zusammenarbeit wird ermöglicht durch Verständnis, Verlässlichkeit und durch die Einhaltung gemeinsamer Regeln.

Erinnern wir uns an die Finanzkrise, die 2007 in den Vereinigten Staaten begann. Der grenzüberschreitende gemeinsame Einsatz auf internationaler und europäischer Ebene hat seither viel dazu beigetragen, das Finanzsystem widerstandsfähiger zu machen. Als Reaktion auf die globale Finanzkrise gründete die G20 den Finanzstabilitätsrat (FSB), der bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ansässig ist. Die G20 beauftragte den FSB mit der Entwicklung der Reformagenda, und der FSB setzt politische Verpflichtungen in internationale Standards um. Heute spielt der FSB eine zentrale Rolle für die Sicherung der globalen Finanzstabilität, indem er die Widerstandsfähigkeit des weltweiten Finanzsystems stärkt.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich selbst wurde im Jahr 1930 gegründet. Damit ist sie die älteste internationale Finanzorganisation. Sie spielt eine wichtige Rolle bei der Zusammenarbeit von Zentralbanken und anderen Finanzinstituten.

Ein anderes gutes Beispiel ist der Internationale Währungsfonds (IWF). Der IWF fördert die globale Finanzstabilität und die währungspolitische Zusammenarbeit zwischen den Ländern des internationalen Währungssystems. Während der globalen Finanzkrise und der anschließenden Staatsschuldenkrise stellte der IWF seine Rolle als stabilisierender Anker unter Beweis. In der Zeit, in der es am nötigsten war, hat er finanzielle Unterstützung geleistet, Orientierungshilfe geboten und Glaubwürdigkeit bewiesen. Zuletzt erhöhte der IWF sein Engagement noch einmal während der Covid‑19‑Pandemie und dem darauffolgenden Energie- und Inflationsschock. Er stand vielen IWF-Mitgliedern schnell beratend zur Seite und leistete umfangreiche Finanzhilfen, um die Stabilität wiederherzustellen. Neben diesen Institutionen dienen die G7 und die G20 seit vielen Jahren als wesentliche informelle Foren für Dialog und Koordinierung. 

Diese Erfahrungen der internationalen Zusammenarbeit zeigen beispielhaft, wie man mit grenzüberschreitenden Herausforderungen am besten umgehen kann. Störungen im Finanzsystem können erhebliche realwirtschaftliche und soziale Kosten verursachen. Zentralbanken spielen eine wichtige Rolle dabei, wie solche Störungen vermieden werden können und wie mit ihnen umgegangen werden kann. Und wir bei der Bundesbank arbeiten regelmäßig mit all diesen Institutionen zusammen, von denen ich gerade gesprochen habe. Wir wirken aktiv in verschiedenen Foren mit. Dabei motiviert uns unsere unerschütterliche Überzeugung, dass eine von Zusammenarbeit geprägte Welt besser ist als eine Welt der Konfrontation.

Dies gilt auch für eine weitere genannte Herausforderung – die Zunahme neuer Technologien, wie etwa die Verbreitung von künstlicher Intelligenz. Wie die Zusammenarbeit bei neuen Technologien aussehen kann, möchte ich Ihnen anhand des Innovation Hub der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich erläutern. An verschiedenen Standorten weltweit verfügt der Hub über Innovationszentren. Ein solches Innovationszentrum für alle Zentralbanken des Eurosystems befindet sich gemeinsam bei der Bundesbank in Frankfurt am Main und der Banque de France in Paris. Ziel des BIZ Innovation Hub ist es, die Funktionsfähigkeit des globalen Finanzsystems zu verbessern. Hierzu werden wichtige Innovationen im Finanzsektor identifiziert, analysiert und auch für Zentralbanken entwickelt. Darüber hinaus koordiniert der Innovation Hub ein globales Netzwerk von Zentralbank-Fachleuten, in dem das Wissen und die Anstrengungen der Zentralbanken gebündelt sind, um mit der rasanten technologischen Entwicklung Schritt zu halten.

Abschließend möchte ich das Network for Greening the Financial System (NGFS) erwähnen. Das globale Netzwerk mit mehr als 140 Zentralbanken und Aufsichtsbehörden setzt sich für ein nachhaltigeres Finanzsystem ein. Ziel ist es, die Auswirkungen des Klimawandels und des Verlusts natürlicher Ressourcen zu analysieren und die Rolle des Finanzsystems bei der Finanzierung der Transformation hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft zu stärken. Das NGFS wurde im Dezember 2017 gegründet. Seit 2024 hat die Bundesbank den Vorsitz inne.

Nun könnte man sich aber fragen: Was macht man denn, wenn das Recht des Stärkeren auf der Tagesordnung zu stehen scheint? Wenn keine Kooperationsbereitschaft besteht? Meine Antwort lautet: Wir müssen uns den Tatsachen stellen. Die internationale Zusammenarbeit ist mühevoller geworden. Einige Länder versuchen vielleicht, internationale Institutionen zu umgehen oder an den Rand zu drängen. Das bedeutet aber nicht, dass wir alle die internationale Zusammenarbeit einfach aufgeben sollten. 

Für diejenigen unter uns, die immer noch an eine regelbasierte Welt glauben, gilt nach wie vor ein Grundprinzip: Gemeinsam sind wir stärker. Wir sollten gemeinsame Lösungen suchen, wo dies möglich ist und mit wem dies möglich ist. Das ist die Empfehlung, die mein ehemaliger Kollege Mark Carney uns vor fünf Tagen in einer herausragenden Rede in Davos mitgegeben hat.[4] Und ich stimme ihm zu.

3 Schluss

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich mit einer kurzen Zusammenfassung schließen. Wie Sie sicherlich bemerkt haben, bin ich stolz darauf, Teil der Gemeinschaft von Zentralbanken zu sein, die sich gemeinsam großen Herausforderungen stellt. Die Erfahrung lehrt, dass dies sehr hilfreich sein kann. 

Die deutsche Wirtschaft steht nach Ansicht der Bundesbank vor beträchtlichen Herausforderungen. Die Rezession, die Deutschland 2023 und 2024 verzeichnete, ist Hinweis genug darauf. Im vergangenen Jahr wuchs das BIP nur geringfügig. Die Bundesbank geht davon aus, dass Deutschland in diesem Jahr langsam wieder auf einen Erholungskurs einschwenken wird. Im vergangenen März habe ich skizziert, welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen Deutschland dabei helfen könnten, seine Herausforderungen zu bewältigen.[5] Seitdem konnten wir erste Schritte in die richtige Richtung beobachten, aber es gibt noch viel zu tun.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat letzte Woche in Davos anschaulich dargelegt, dass wir in vier Bereichen gleichzeitig Fortschritte erzielen müssen. Er sagte: Wir müssen die Ukraine weiterhin in ihrem Kampf für einen gerechten Frieden unterstützen. Wir müssen in der Lage sein, uns in Europa selbst zu verteidigen. Wir wollen Abhängigkeiten verringern, die uns derzeit verwundbar machen. Und schließlich wollen wir sicherstellen, dass unsere Wirtschaft ihr Innovations- und Wachstumspotenzial voll ausschöpfen kann.[6]

Eines ist klar: Viele der heutigen Herausforderungen kann ein Land allein nicht bewältigen. Denn viele dieser großen Herausforderungen sind globaler Natur. Am besten lassen sie sich gemeinsam lösen, indem wir miteinander sprechen und verhandeln, dabei kooperationsbereit sind und nach einem Konsens suchen und alle einen respektvollen und regelbasierten Austausch pflegen. 

Ich habe die Vermutung, dass Sie als Botschafterinnen und Botschafter dies ebenfalls die meiste Zeit über anstreben. Daher freue ich mich nun auf unseren Meinungsaustausch und danke Ihnen sehr für Ihre Aufmerksamkeit.

Fußnoten:

  1. Deutsche Bundesbank (2025), Deutschland-Prognose: Wirtschaft geht allmählich wieder auf Erholungskurs, Monatsbericht, Dezember 2025.

  2. Deutsche Bundesbank (2025), Weiterentwicklung der Schuldenbremse – ein Beitrag der Bundesbank zur Reformdiskussion, November 2025. Deutsche Bundesbank (2025), Gelockerte Schuldenbremse stabilitätswahrend ausgestalten, Monatsbericht, Mai 2025. 

  3. Deutsche Bundesbank (2025), Was steckt hinter dem mehrjährigen Rückgang der deutschen Exportmarktanteile?, Monatsbericht, Juli 2025.

  4. Carney, M. (2026), Principled and pragmatic: Canada’s path, Rede anlässlich des Jahrestreffens des Weltwirtschaftsforums, Davos, Schweiz, 20. Januar, https://www.pm.gc.ca/en/news/speeches/2026/01/20/principled-and-pragmatic-canadas-path-prime-minister-carney-addresses

  5. Nagel, J. (2025), Wirtschaftspolitische Maßnahmen für mehr Wachstum in Deutschland, Rede bei der Berlin School of Economics, Humboldt-Universität zu Berlin, 10. März. 

  6. Merz, F. (2026), Rede von Bundeskanzler Merz beim Weltwirtschaftsforum, Davos, Schweiz, 22. Januar.