Weidmann bei seiner Rede an der Humboldt Universität Berlin

Weidmann: Geldpolitik muss eigene Grenzen erkennen und respektieren

Nach Ansicht von Bundesbankpräsident Jens Weidmann sollten sich Zentralbanken nicht von der Fiskalpolitik oder den Finanzmärkten vereinnahmen lassen. „Eines der Erfolgsgeheimnisse einer unabhängigen Geldpolitik war schon immer, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu respektieren“, erklärte Weidmann bei einer Rede beim European Banking Congress in Frankfurt am Main. Zentralbanken seien zweifelsohne starke Institutionen. Dennoch sollten ihre Fähigkeiten keinesfalls überschätzt werden. „Dem Eurosystem wurde Unabhängigkeit gewährt, um sein vorrangiges Ziel der Preisstabilität zu erreichen. Je weiter wir unser Mandat auslegen, desto mehr laufen wir Gefahr, uns mit der Politik zu verstricken und uns mit zu vielen Aufgaben zu überfrachten“, warnte der Bundesbankpräsident.

Geldpolitik ist auf solide Fiskalpolitik angewiesen

Damit die Geldpolitik die Preisstabilität langfristig sichern könne, sei sie auf eine solide Fiskalpolitik angewiesen, so Weidmann weiter. Es sei daher von entscheidender Bedeutung, dass alle Mitgliedstaaten des Euroraums nach der Krise einen Weg zu soliden öffentlichen Finanzen einschlügen.

Für eine dauerhaft stabilitätsorientierte Geldpolitik müssten aus Sicht des Bundesbankpräsidenten drei Dinge zusammenkommen: „Erstens ein fiskalpolitischer Rahmen innerhalb der Währungsunion, der solide Staatsfinanzen gewährleistet; zweitens, Zentralbanken, die sich nicht von der Fiskalpolitik oder den Finanzmärkten vereinnahmen lassen und drittens, eine enge Auslegung unseres Mandats.“ Bei der anstehenden Reform der EU-Fiskalregeln sollten daher die Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden. „Wir brauchen ein glaubwürdiges und verbindlicheres Regelwerk. Zu diesem Zweck müssen diese Regeln einfacher und transparenter werden.“

Lagarde: Geldpolitik muss geduldig und beharrlich bleiben

Ein weiteres Thema der Konferenz war die zuletzt starke Zunahme der Inflation und die Frage, wie lange diese Entwicklung anhalten wird. Gemessen am Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) belief sich die Teuerung im Euroraum im Oktober auf 4,1 Prozent und lag damit deutlich über dem von der EZB mittelfristig angestrebten Zielwert von 2 Prozent.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte dazu in ihrer Rede, dass der starke Preisauftrieb gegenwärtig vor allem durch außergewöhnliche Umstände in Folge der Pandemie verursacht werde. Die Notenbank dürfe „nicht zu einer vorzeitigen Straffung der Geldpolitik übergehen, wenn sie mit vorübergehenden oder angebotsbedingten Inflationsschocks konfrontiert ist“, so Lagarde. „In einer Zeit, in der die Kaufkraft bereits durch höhere Energie- und Treibstoffkosten geschmälert wird, würde eine unangemessene Straffung einen ungerechtfertigten Gegenwind für den Aufschwung bedeuten.“ Daher müsse die Geldpolitik geduldig und beharrlich bleiben und gleichzeitig auf mögliche destabilisierende Dynamiken achten.

Weidmann: Risiken einer zu hohen Inflation nicht ignorieren

Der Bundesbankpräsident zeigte sich mit Blick auf die aktuellen Preisentwicklungen im Euroraum besorgt. „Die erhöhten Inflationsraten brauchen wahrscheinlich länger als bislang prognostiziert, um sich wieder zurückzubilden“, sagte Weidmann. So könnten etwa die Angebotsknappheiten noch einige Zeit andauern. Darüber hinaus seien die Preisaussichten außerordentlich unsicher: „Höhere Inflationserwartungen und ein höheres Lohnwachstum könnten den Preisdruck mittelfristig verstärken. Die Auswirkungen der Pandemie könnten einen spürbaren Einfluss auf das Inflationsumfeld haben“, erklärte der Bundesbankpräsident.

Weidmann rief dazu auf, wachsam zu bleiben und die Risiken einer zu hohen Inflation nicht auszublenden. Angesichts der beträchtlichen Unsicherheiten über die Inflationsaussichten sollte sich die Geldpolitik nicht zu lange auf ihren derzeit sehr expansiven Kurs festlegen, so Weidmann. Außerdem betonte er: „Wenn es zur Sicherung der Preisstabilität erforderlich ist, muss die Geldpolitik insgesamt normalisiert werden. Das sollte jedem klar sein - den Finanzmärkten ebenso wie den Regierungen, deren Finanzierungskosten steigen könnten.“