Wir brauchen mehr europäische Stablecoins Gastbeitrag von Michael Theurer im Handelsblatt

Die Kryptowährung hat sich vom Nischenprodukt zum Systemfaktor entwickelt. Deshalb ist es wichtig, regulatorische Lücken schnell zu schließen, fordert Bundesbank-Vorstand Michael Theurer.

Der globale Markt für Stablecoins ist 2025 um 50 Prozent auf über 300 Milliarden US‑Dollar gewachsen. Aufgrund regulatorischer Entwicklungen und politischer Unterstützung – vor allem in den USA – ist eine Fortsetzung des Wachstums zu erwarten.

Stablecoins sind digitale Vermögenswerte, deren Wert meist im Verhältnis 1:1 an eine Zentralbankwährung gekoppelt ist. Um die Stabilität von Stablecoins zu gewährleisten, halten Emittenten üblicherweise Reserven in Höhe der ausgegebenen Stablecoins in relativ sicheren und liquiden Anlagen wie Staatsanleihen oder Bankeinlagen.

Stablecoins haben Chancen und Risiken. Einerseits versprechen sie im Zusammenspiel mit der Distributed Ledger Technologie (DLT) und der digitalen Abbildung von Vermögenswerten (Tokenisierung) immense Effizienzgewinne für bestimmte Zahlungs- und Abwicklungsprozesse, da Geld- und Vermögenstransfers in einem einzigen, automatisierten Prozess abgebildet werden können. Besonders bei grenzüberschreitenden Zahlungen könnten Stablecoins daher einen Mehrwert bieten.

DLT ist eine Technologie zur Speicherung von Transaktionsdaten. Anders als bei einer zentralen Datenbank, die etwa von einer einzelnen Bank verwaltet wird, erfolgt die Datenverwaltung bei DLT dezentral über mehrere Netzwerkteilnehmer. Die Tokenisierung von Vermögenswerten auf einer DLT-Umgebung bietet verschiedene Vorteile, darunter die Möglichkeit zur automatisierten und simultanen Übertragung von Vermögenswerten gegen Zahlung.

Andererseits könnten die derzeit vor allem von Nicht-Banken emittierten Stablecoins das Finanzsystem grundlegend verändern, sollten sie sich breit durchsetzen. Traditionelle Bankfunktionen wie die Abwicklung von Zahlungen und die Verwahrung von Kundengeldern würden zunehmend auf Stablecoin-Emittenten und DLT-Infrastrukturen übergehen. Mit wachsender Systemrelevanz gilt es, vor allem drei Risiken für die Finanzstabilität zu adressieren.

Drei Risiken für die Stabilität der Finanzmärkte

Erstens wächst das Risiko von Ansteckungseffekten im Falle einer Vertrauenskrise: Kommen Zweifel an der Wertstabilität eines Stablecoins auf, könnten viele Halter gleichzeitig versuchen, ihr Rückzahlungsversprechen einzulösen. Eine solche Rückgabewelle könnte Turbulenzen an den global vernetzten Wertpapier- und Geldmärkten auslösen und Ansteckungsrisiken für das Bankensystem haben.

Zwar hat die EU mit der Verordnung zur Regulierung der Kryptomärkte (MiCAR) bereits einen Rahmen, der diesen Risiken gezielt begegnen soll. Angesichts dynamischer Märkte muss dieser Rahmen jedoch laufend überprüft werden.

Aktuell besteht regulatorischer Handlungsbedarf bei Stablecoins, die von global tätigen Unternehmen sowohl über Geschäftseinheiten in der EU als auch in Drittstaaten wie den USA emittiert werden. Hier befinden wir uns in einer regulatorischen Grauzone. Während nur ein Teil der ausgegebenen Stablecoins EU-Vorschriften unterliegt, muss die EU-Einheit eines Stablecoin-Emittenten gemäß MiCAR alle bei ihr zurückgegebenen Stablecoins umtauschen – einschließlich solcher, die außerhalb der EU emittiert wurden.

Unterschiedliche Regeln für die Rückgabe, etwa in Bezug auf Rücknahmegebühren, könnten so im Krisenfall einen Ansturm auf die nur anteilig vorgehaltenen EU‑Reserven auslösen – mit Ansteckungsrisiken für das EU-Finanzsystem.

Die Bundesbank setzt sich dafür ein, dass solche Konstellationen als rechtlich unzulässig eingestuft werden, solange die damit verbundenen zusätzlichen Finanzstabilitätsrisiken nicht durch eine Anpassung der MiCAR regulatorisch angemessen adressiert sind.

Der digitale Euro ist wichtig für europäische Stablecoins

Zweitens könnten Stablecoins Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern weiter vergrößern. Derzeit sind rund 99 Prozent aller Stablecoins an den US-Dollar gekoppelt. Um die finanzielle Souveränität Europas zu wahren, braucht es wettbewerbsfähige europäische und Euro-denominierte Stablecoins.

Gleichzeitig arbeitet die Bundesbank mit anderen Zentralbanken des Eurosystems an digitalem Zentralbankgeld zur Abwicklung DLT-basierter Transaktionen zwischen Banken, um eine ausfallsichere Alternative zu Stablecoins für Großbetragszahlungen zu bieten.

Drittens könnte der Aufstieg von Stablecoins die Rolle der Banken als zentrale Finanzierungsquelle im Wirtschaftsgefüge spürbar schwächen. Wandern Bankeinlagen zu Stablecoin-Emittenten ab, verlieren Banken eine wichtige Finanzierungsbasis.

Zwar müssen Emittenten ihre Reserven teilweise als Einlagen im Bankensystem halten, doch diese Einlagen wären potenziell teurer, konzentrierter und volatiler als Bankeinlagen von Privatkunden, weil sie als weniger stabile Großguthaben gelten, die bei Marktturbulenzen plötzlich abgezogen werden könnten und deshalb in der Bankenregulierung höheren Liquiditätsanforderungen unterliegen. In der Folge dürfte die Kreditvergabe der betroffenen Banken zurückgehen. Perspektivisch sollten daher tokenisierte Bankeinlagen, also die digitalen Abbildungen realer Vermögenswerte, als Ergänzung zu Stablecoins weiterentwickelt werden.

Um Innovation zu ermöglichen und die Stabilität des Finanzsystems zu sichern, ist es erforderlich, regulatorische Lücken konsequent zu schließen, wettbewerbsfähige europäische Stablecoins zu fördern und die Entwicklung des digitalen Euro voranzubringen. So würde letztlich auch der Weg für mehr europäische digitale Souveränität geebnet.

Michael Theurer ist seit September 2024 Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank. Er verantwortet die Ressorts Banken und Finanzaufsicht sowie Finanzstabilität.