Der Mann für den digitalen Euro: „Es wird eine Annahmepflicht für Bargeld geben“ Interview mit Focus Online und Business Punk
Das Gespräch führte Oliver Stock.
Herr Balz, was ist eigentlich der Vorteil des digitalen Euro? Warum macht Europa das? Es geht doch auch so ...
... Europa ist heute abhängig von amerikanischen Zahlungsdienstleistern. Im Onlinehandel hat Paypal knapp 30 Prozent Marktanteil in Deutschland. Im Kreditkartenmarkt sind Mastercard, Visa und American Express dominant. Selbst unsere nationale Zahlungslösung, die Girocard, funktioniert in anderen Ländern des Euroraums nicht. Dafür werden die oft zusätzlich in der Bankkarte enthaltenen Verfahren von Mastercard und Visa benötigt. Und es geht noch weiter: Direktbanken geben häufig nicht nur ihre Kreditkarten, sondern auch ihre Debitkarten über Mastercard und Visa heraus. Damit steigen deren Marktanteile zu Lasten der deutschen Girocard.
Also wächst die Abhängigkeit von US-Firmen?
Ja. Von den 21 Euroländern haben nur sieben ein eigenes nationales Zahlungssystem wie die Girocard in Deutschland, die Carte Bancaire in Frankreich oder iDeal in den Niederlanden. Also nur ein Drittel. Die anderen Euroländer sind vollständig von internationalen Zahlungsdienstleistern abhängig, vor allem den großen US-Zahlungsanbietern. Wir müssen aber unabhängig davon bezahlen können.
Solchen Trump-Systemen wollen sie sagen?
Die amerikanischen Zahlungssysteme arbeiten hochprofessionell. Am Ende des Tages könnten sie aber auf Anweisung abgeschaltet werden. In eine solche Situation wollen wir nicht kommen, deswegen brauchen wir aus strategischen Gründen ein eigenes, europäisches Zahlungssystem.
Wo stehen wir beim digitalen Euro? Was ist fertig, was ist offen?
Für den digitalen Euro brauchen wir, die Zentralbanken des Eurosystems, eine gesetzliche Grundlage aus Brüssel. Die Positionen des Rates der EU und der Europäischen Kommission gefallen uns gut. Wir haben aber auch den Berichtsentwurf aus dem Europäischen Parlament zur Kenntnis genommen. Dieser weicht deutlich von unseren Vorstellungen dazu ab, wie es beim digitalen Euro weitergehen soll.
Eine Einzelmeinung?
Zum Bericht des zuständigen Berichterstatters sind schon mehr als 1600 Änderungsanträge eingegangen. Hieraus lässt sich schließen, dass der digitale Euro von vielen Abgeordneten anders gesehen wird. Die Verhandlungen im Parlament beginnen jetzt. Sie dürften munter und zäh zugleich werden.
Was ist der Kern der Änderungsvorschläge?
Die Änderungsvorschläge spiegeln die unterschiedlichen Positionen der politischen Gruppierungen wider. Der Berichterstatter im Europäischen Parlament schlägt vor, ein europäisches Zahlungssystem zunächst von privaten Anbietern aufbauen zu lassen. Demgegenüber wollen erfreulich viele Parlamentarier anderer Fraktionen weitere Verzögerungen verhindern. Sie setzen von Anfang an auf ein Zusammenspiel von einem öffentlichen Basisangebot – dem digitalen Euro – und privaten Anbietern. Diese Haltung teilen wir im Eurosystem, denn die Erfahrung der vergangenen 25 Jahre zeigt, dass es privaten Anbietern bislang nicht gelungen ist, eine wirklich europäische Lösung zu etablieren.
Verzögert das jetzt die Einführung des digitalen Euro?
Die Abstimmung im Europäischen Parlament ist für Mai angesetzt. Da ist jetzt Druck auf dem Kessel. Wenn es gut läuft, kommt die Einigung bis Ende 2026. Das Ziel von uns Zentralbanken im Eurosystem ist es, zur Jahresmitte 2027 einen Pilotbetrieb zu starten. Wir rechnen nach wie vor damit, dass der digitale Euro im Jahr 2029 live gehen wird.
Wer könnte an diesem Pilotbetrieb teilnehmen?
Das Eurosystem wird im März ein Verfahren zur Interessenbekundung starten und damit europäische Banken und andere Zahlungsdienstleister einladen, am Pilotprojekt teilzunehmen.
Aber alles hängt am Parlament ...
... es geht jetzt um die Details. Der Gesetzgeber in Brüssel muss sie vorgeben und entscheiden, wie der digitale Euro aussehen soll. Zum Beispiel beim Thema Haltegrenzen. Die Banken sind besorgt, dass zu viel Liquidität von den Bankkonten abfließt. Deswegen fordern sie eine Höchsthaltegrenze für den digitalen Euro.
Wie hoch?
Im Gespräch waren einmal 3.000 Euro. Aber das wird im Zusammenspiel zwischen der Europäischen Zentralbank und dem Rat der EU entschieden, nachdem der EZB-Rat das endgültige Go für den digitalen Euro gegeben hat.
Ich dachte, die EZB wäre unabhängig.
Unabhängigkeit von Zentralbanken ist ein wichtiges Thema. Der europäische Gesetzgeber muss jedoch den Rahmen für den digitalen Euro als gesetzliches Zahlungsmittel vorgeben. Das Verordnungspaket, das Single Currency Package, enthält übrigens nicht nur die gesetzliche Grundlage für den digitalen Euro, sondern wird auch Bargeld als gesetzliches Zahlmittel stärken. Der digitale Euro soll das Bargeld nicht ersetzen. Und darauf achtet der europäische Gesetzgeber sehr genau. Bargeld soll also nicht abgeschafft werden. Im Gegenteil: Die aktuellen Verordnungstexte des Rats der EU und des Berichterstatters im Europäischen Parlament sehen vor, dass es im Einzelhandel eine Annahmepflicht für Bargeld geben soll.
3.000 Euro sind wenig. Ein Auto kann ich mir mit dem digitalen Euro also nicht kaufen.
Die Menschen können unbegrenzt mit dem digitalen Euro zahlen, wenn sie ihre Wallet, also die digitale Geldbörse auf dem Handy, mit einem Bankkonto verknüpfen. Dann funktioniert das sogenannte Wasserfall-System. Höhere Beträge als das Haltelimit werden damit automatisch vom hinterlegten Konto abgebucht. Für uns Zentralbanken ist dieses Haltelimit deswegen kein entscheidender Punkt. Ich könnte auch mit einem Haltelimit von 500 Euro leben, denn für den Kunden entscheidend ist die Deckung seines hinterlegten Bankkontos.
Gibt es Zinsen auf den digitalen Euro?
Auf Bargeld in der Hosentasche gibt es keine Zinsen und auch nicht auf den digitalen Euro. Er ist der digitale Zwilling des Bargelds. Er soll keine Geldanlage sein, sondern ein Zahlungsmittel.
Wird es eine Offline-Funktion geben?
Ja, das ist eine wichtige Funktion des digitalen Euro. Man wird ihn auch dann nutzen können, wenn das Internet nicht funktioniert oder der Strom ausfällt. Die Privatsphäre wäre dabei ähnlich gut geschützt wie bei Bargeldzahlungen: Die Transaktionsdaten von Offline-Zahlungen in digitalen Euro wären nur dem Zahler und dem Empfänger des Geldes bekannt.
Wer zahlt eigentlich für das System? Das muss ja installiert und betreut werden. Sind das am Ende wir alle?
Die Infrastruktur und der Betrieb müssen von den Zentralbanken des Eurosystems bezahlt werden. Es wird drei Betriebsstandorte in Deutschland, Frankreich und Italien geben, wo der digitale Euro geschaffen und verrechnet wird. Drei Standorte sind nötig, falls ein Standort ausfällt. Die Entwicklungskosten für das Eurosystem liegen nach jetziger Schätzung bei 1,3 Milliarden Euro. Dazu kommen die Betriebskosten. Die Investitionskosten der Banken über vier Jahre hinweg dürften nach Schätzungen der Europäischen Zentralbank und der Europäischen Kommission jährlich bei mehr als einer Milliarde Euro liegen. Die Banken müssten den digitalen Euro zum Beispiel in die Bank-Apps integrieren. Und es muss möglich sein, die Wallet an Geldautomaten mit digitalem Euro aufzufüllen.
Bezahlt aus dem Eurosystem? Sie schöpfen dieses Geld?
Das Eurosystem wird die Kosten für die Infrastruktur tragen und diese den Banken und anderen Zahlungsdienstleistern gebührenfrei zur Verfügung stellen. Ähnlich wie beim Bargeld.
Wo sind denn noch die größten Widerstände?
Bei Teilen der Kreditwirtschaft.
Woran liegt das?
Weil sie um Teile ihres Geschäftsmodells bangen und häufig an Etabliertem festhalten wollen.
Warum?
Weil vieles noch nicht klar ist. Am Ende wollen die Banken verdienen, was ich verstehe. Es gibt auch Sorgen, dass der digitale Euro disruptiv auf die Geschäftsmodelle wirken könnte. Ich teile das nicht, weil wir im Eurosystem dieses Projekt partnerschaftlich mit der Kreditwirtschaft gestalten wollen. Wir können es nicht allein stemmen. Die Banken werden die Schnittstelle zum Kunden bilden. Sie erhalten, wie bei anderen Zahlungsmitteln auch, Gebühren vom Handel. Darüber hinaus können sie Zusatzdienste anbieten, die über die gebührenfreien Basisdienste hinausgehen und so neue Einnahmequellen erschließen.
Wie bringen Sie die Skeptiker in der Kreditwirtschaft zum Mitmachen?
Reden. Es gibt keine Woche, in der ich nicht persönliche Gespräche führe oder auf Konferenzen aufkläre.
Wir haben eine rasante Entwicklung bei Krypto-Währungen ...
Krypto-Assets bitte, das sind keine Währungen ...
Okay. Es gibt inzwischen auch Stablecoins, die beispielsweise an den Dollar gebunden sind. Kommt der digitale Euro zu spät?
Stablecoins werden derzeit vor allem für den Krypto-Handel genutzt. Im europäischen Massenzahlungsverkehr, also als Konkurrenz zum digitalen Euro, sehe ich eine Nutzung von Stablecoins auf absehbare Zeit eher nicht. Aber nur, weil wir es uns heute nicht vorstellen können, kann trotzdem etwas passieren. Auch deswegen dürfen wir Entwicklungen nicht verschlafen, sondern brauchen den digitalen Euro. Parallel sind wir dabei, eine europäische Lösung für Finanzmarkttransaktionen in digitalem Zentralbankgeld zu entwickeln, also für Transaktionen zwischen Banken, Börsen und Clearinghäusern. Eine solche Lösung wird bereits in diesem Jahr zur Anwendung kommen.
Dagegen hat das Europäische Parlament nichts?
Nein, da bedarf es keiner gesetzlichen Grundlage wie beim digitalen Euro, der gesetzliches Zahlungsmittel werden soll.
Sie sind seit fünf Jahren an diesem Projekt. Dauert es Ihnen nicht ein bisschen lange?
Große Projekte auf europäischer Ebene sind keine 100-Meter-Sprints. Das sind alles Marathonläufe.
Wie viele Kilometer hat das Projekt „Digitaler Euro“ schon geschafft?
Nach meiner Einschätzung haben wir die 30-Kilometer-Marke hinter uns gelassen.
© Alle Rechte vorbehalten. Focus Online und Business Punk.