Geldvermögensbildung und Außenfinanzierung in Deutschland im zweiten Quartal 2020 Sektorale Ergebnisse der gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung

16.10.2020 | Deutsche Bundesbank EN

Im Verlauf des zweiten Quartals 2020 stieg das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland um 253 Mrd € oder 4,0 % auf 6 630 Mrd € Ende Juni. Damit lag es nach einem Rückgang im ersten Quartal zur Jahresmitte wieder über dem Niveau von Ende 2019. Die privaten Haushalte bauten Forderungen im Wert von 109 Mrd € auf und profitierten gleichzeitig von Bewertungsgewinnen im Umfang von 144 Mrd €. Die durch die Pandemie und die Unsicherheit über ihre wirtschaftlichen Folgen ausgelösten Bewertungsverluste bei Aktien im Vorquartal wurden zum großen Teil kompensiert. Die Verbindlichkeiten lagen bei 1 908 Mrd € und damit 16 Mrd € über dem Vorquartalswert. Insgesamt wuchs damit das Nettogeldvermögen deutlich um 236 Mrd € auf 4 722 Mrd €.

Bei der Außenfinanzierung der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften war der sehr bedeutende transaktionsbedingte Anstieg der Schuldverschreibungen außergewöhnlich. Dieser erreicht mit 24 Mrd € den höchsten Wert seit den 1990er Jahren. Insgesamt fiel die Außenfinanzierung mit gut 5 Mrd € allerdings moderat aus, denn die Finanzierung über Handelskredite und Anzahlungen ging stark zurück. Die Geldvermögensbildung und die Nettogeldvermögensbildung waren mit -14 Mrd € bzw. -19 Mrd € negativ.

Deutliche Steigerung beim Geldvermögen der privaten Haushalte

Das Geldvermögen der privaten Haushalte stieg im zweiten Quartal wieder erkennbar an und erreichte mit 6 630 Mrd € ein höheres Niveau als Ende 2019. Eine treibende Kraft waren dabei insbesondere die Bewertungsgewinne bei den Aktien und sonstigen Anteilsrechten in Höhe von 74 Mrd €. Von Bewertungsgewinnen profitierten auch die Anteile an Investmentfonds, die unter Berücksichtigung sämtlicher Transaktionen und Bewertungseffekte um 64 Mrd € (10,6%) zulegten. Ferner stockten die Haushalte ihre Anlagen in Bargeld und Einlagen um 72 Mrd € (2,8%) auf.

Die transaktionsbedingte Geldvermögensbildung der privaten Haushalte erreichte im Berichtsquartal mit per saldo 109 Mrd € erneut einen historischen Höchstwert. Hierzu trugen maßgeblich die bereits genannten Zuflüsse in Bargeld und Einlagen bei; sogar die Anlagen in Sparbriefe und -einlagen wurden weniger reduziert als im Vorquartal. Nettokäufe von Aktien und sonstigen Anteilsrechten (Beteiligungen) waren mit 16 Mrd € ebenfalls ein wichtiger Faktor. Dabei machten börsennotierte inländische und ausländische Aktien jeweils gut 6 Mrd € aus. Neben Aktien erwarben die privaten Haushalte Investmentfonds im Umfang von netto 13 Mrd €.

Der transaktionsbedingte Anstieg der Verschuldung der privaten Haushalte lag mit 18 Mrd € wieder etwas höher als im Vorquartal. Zur Nettokreditaufnahme trugen in diesem Quartal erneut vornehmlich die Kredite bei monetären Finanzinstituten bei. Dabei handelte es sich wie in den Vorquartalen überwiegend um Wohnungsbaukredite.

Bis zum Ende des Berichtsquartals stiegen die gesamten Verbindlichkeiten der privaten Haushalte erneut um 0,9% auf 1 908 Mrd €. Ihre Verschuldungsquote, definiert als Summe der Verbindlichkeiten in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt (gleitende Vierquartalssumme), legte damit im Vergleich zum Vorquartal um 1,7 Prozentpunkte auf 56,5 % zu. Dieser Anstieg ist zum Teil auf die weiter gestiegene Verschuldung der privaten Haushalte zurückzuführen, aber vor allem auf den deutlichen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts. Nichtsdestotrotz führte die Entwicklung von Geldvermögen und Verbindlichkeiten insgesamt betrachtet zu einem deutlichen Anstieg des Nettogeldvermögens der privaten Haushalte um 236 Mrd € auf 4 722 Mrd €.

Verschuldungsquote nichtfinanzieller Kapitalgesellschaften erneut gestiegen

Die Außenfinanzierung der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften war mit 5 Mrd € im Berichtsquartal zwar per saldo recht niedrig; hinter dem moderaten Anstieg verbergen sich jedoch gegenläufige Entwicklungen. So war die Kapitalmarktaktivität im Vergleich zum Vorquartal überaus hoch. Zum einen erreichten die Emissionen von Schuldverschreibungen mit 24 Mrd € einen historischen Höchstwert. Zum anderen sammelten die nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften durch Emissionen von Aktien und Anteilsrechten 10 Mrd € ein. Auch die Zunahme der Kreditfinanzierung blieb mit 21 Mrd € relativ hoch. Anders als in den vergangenen Quartalen waren hier nicht die Kredite von inländischen Banken, sondern vor allem die Kredite von anderen inländischen Kapitalgesellschaften mit 11 Mrd € Treiber dieser Entwicklung, ebenso wie Staatskredite. Dagegen reduzierten die nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften ihre Kreditverbindlichkeiten gegenüber inländischen Banken per saldo um 3 Mrd €. Gedämpft wurde der Anstieg der Außenfinanzierung zudem durch den starken Abbau der sonstigen Verbindlichkeiten um 48 Mrd €, unter anderem bei Handelskrediten.

Die Geldvermögensbildung der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften war im zweiten Quartal 2020 negativ (-14 Mrd €). Hierzu trugen unter anderem Nettoverkäufe von Aktien und sonstigen Anteilsrechten in Höhe von 6 Mrd € bei. Diese Anlageformen hatten die nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften netto zuletzt 2008 abgebaut. Auch bei den Finanzderivaten und Mitarbeiteraktienoptionen kam es zu Nettoabflüssen. Dafür wurden Bargeld und Einlagen aufgestockt.

Diesen vorwiegend negativen Impulsen aus Transaktionen standen jedoch – wie bei den privaten Haushalten – deutliche Bewertungsgewinne gegenüber, die die Verluste im ersten Quartal teilweise kompensierten. So profitierten die nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften von Wertgewinnen in Höhe von 171 Mrd € bei ihren Anlagen in Aktien, Investmentfondsanteilen und sonstigen Anteilsrechten. Per saldo wuchs das Geldvermögen der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften auf 4 763 Mrd € und erreichte somit immerhin wieder das Niveau des dritten Quartals 2019.

Unter Berücksichtigung sämtlicher Transaktionen und Bewertungseffekte ging das Nettogeldvermögen der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften stark auf -1 907 Mrd € (-16,3%) zurück. Ihre Verschuldungsquote, die anhand der Summe der Kredite, Schuldverschreibungen und Pensionsrückstellungen in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt (gleitende Vierquartalssumme) berechnet wird, stieg im zweiten Quartal besonders deutlich um 2,7 Prozentpunkte auf nunmehr 71,0 %. Dies ist nicht nur der höchste Wert seit 2003, sondern auch der größte Anstieg innerhalb eines Quartals. Ursächlich für den sprunghaften Anstieg war die anziehende Verschuldung in Verbindung mit dem starken Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Aktivität.

Aufgrund zwischenzeitlich durchgeführter Revisionen der gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung sowie der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen sind die Angaben dieser Pressenotiz nicht mit denen früherer Pressenotizen vergleichbar.