Stabilität sichern, Zukunft gestalten Rede beim Bankenabend der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Baden-Württemberg

Es gilt das gesprochene Wort.

1 Einleitung

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich, heute Abend wieder hier in Stuttgart zu sein, der Hauptstadt des Bundeslandes, das wie kaum ein anderes für Ingenieurskunst, Tüftlergeist und wirtschaftliche Stärke steht.

Vor 140 Jahren wurde hier in Baden-Württemberg Geschichte geschrieben: Im Januar 1886 meldete Carl Benz sein Patent für das Automobil an. Die neue Technik stieß damals durchaus auf Skepsis. Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung, soll der damalige Herrscher des Deutschen Reiches, Kaiser Wilhelm II., noch im Jahr 1904 gesagt haben.

Rückblickend ist es leicht zu sagen, dass er sich geirrt hat. Aber die Episode zeigt etwas Grundsätzliches: Niemand kann mit Sicherheit vorhersagen, wie sich neue Technologien und Trends entwickeln. Die Welt wandelt sich ständig, und Entwicklungen verlaufen heute oft schneller als früher. Gerade deshalb ist es wichtig, Veränderungen frühzeitig zu erkennen, sich vorausschauend darauf einzustellen und neue Chancen aktiv zu nutzen.

Das gilt für technologische Umbrüche wie die Digitalisierung ebenso wie für gesellschaftliche und wirtschaftliche Trends. Unternehmen aus dieser Region haben in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass sie genau dazu in der Lage sind – sich an neue Märkte anzupassen, innovative Technologien zu entwickeln und auf veränderte Lieferketten zu reagieren. Gleichzeitig spüren gerade exportorientierte Regionen wie Baden-Württemberg die aktuellen Unsicherheiten besonders deutlich.

Dazu zählen unter anderem geopolitische Spannungen, Handelskonflikte, hohe Energiepreise sowie der demografische Wandel. Und nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen Schritt halten mit den Anforderungen der Wirtschaft. In einer solchen Lage braucht es zweierlei: ein stabiles Fundament – und die Bereitschaft, sich zu verändern. Das gilt für Unternehmen, das gilt für die Volkswirtschaft insgesamt, und es gilt auch für den Finanzsektor.

Ich möchte heute auf drei Themen eingehen: Erstens: die wirtschaftliche Lage in Deutschland. Zweitens: warum aus Sicht der Bundesbank Reformen notwendig sind, um Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Drittens: was das für die Banken und für die Regulierung bedeutet – Stichworte sind Proportionalität, Simplification und Entbürokratisierung.

2 Wirtschaftliche Lage in Deutschland

Die deutsche Wirtschaft hat mehrere schwache Jahre hinter sich. Nachdem sie in den Jahren 2023 und 2024 geschrumpft war, ist die deutsche Wirtschaft 2025 nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wieder leicht gewachsen, um 0,3 Prozent. Ab dem zweiten Quartal 2026 wird sich das Wachstum merklich verstärken, und für das laufende Jahr gehen unsere Fachleute von einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um 0,6 Prozent aus – für 2027 rechnen wir mit einem Wachstum von 1,3 Prozent. Getragen wird diese Erholung vor allem von drei Faktoren.

Erstens von der Finanzpolitik: Zusätzliche staatliche Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur dürften bis 2028 kumuliert rund 1,3 Prozentpunkte zum Anstieg des Bruttoinlandsprodukts beitragen. Weitere fiskalische Maßnahmen stützen ebenfalls die Konjunktur.

Zweitens von der Binnennachfrage: Kräftig steigende Löhne und ein sich nach und nach verbessernder Arbeitsmarkt stärken die realen Einkommen und damit den privaten Konsum.

Drittens von Investitionen und Exporten, die sich langsam erholen: Die Unternehmensinvestitionen bleiben zunächst zwar noch durch zyklische und strukturelle Faktoren gebremst. Im Zuge der steigenden Kapazitätsauslastung und unter der Annahme, dass die Unsicherheit nachlässt, dürften sie aber ab Mitte des Jahres wieder spürbar zunehmen. Auch die Exporte erholen sich, profitieren aber nur begrenzt von der Verbesserung der Weltkonjunktur. Ein Grund ist die verschlechterte Wettbewerbsposition deutscher Unternehmen auf dem Weltmarkt.

Erfreulich ist, dass sich die Inflationsaussichten nachhaltig verbessert haben. Für Deutschland erwarten wir, dass die Inflationsrate gemessen am Harmonisierten Verbraucherpreisindex von 2,3 Prozent im Jahr 2025 auf 2,2 Prozent im Jahr 2026 sinkt und in den Jahren 2027 und 2028 wieder nahe der vom Eurosystem anvisierten Zielrate von 2 Prozent liegen wird.

Die straffere Geldpolitik des Eurosystems hat wesentlich dazu beigetragen, die hohe Inflationsdynamik der vergangenen Jahre zu brechen. Doch die wirtschaftliche Unsicherheit ist nach wie vor hoch. Der EZB‑Rat wird deshalb weiterhin von Sitzung zu Sitzung in Abhängigkeit von der Datenlage entscheiden, wie es weitergeht. 

Handelskonflikte, geopolitische Spannungen und eine zunehmende Fragmentierung der Weltwirtschaft prägen das wirtschaftliche Umfeld. Sie wirken sich auf Investitionen, Lieferketten und Wechselkurse aus.

Die Diskussion um Grönland zu Beginn dieses Jahres steht exemplarisch für die neue Verflechtung von Geopolitik und Wirtschaftspolitik. Zeitweilig hatte die US-Regierung in diesem Zusammenhang mehreren europäischen Ländern zusätzliche Zölle auf Importe angedroht. Solche Drohungen – auch wenn sie mittlerweile zurückgenommen wurden – erhöhen die Unsicherheit und erschweren langfristige Investitionsentscheidungen. Gerade auch in einer exportorientierten Region wie Baden-Württemberg.

Für sich genommen hätten die angedrohten Zölle im Euroraum und in Deutschland zwar nur zu eher begrenzten Wachstumsverlusten geführt. Dennoch ist es aus Sicht der Bundesbank äußerst bedenklich, wenn Zölle als Druckmittel in politischen Auseinandersetzungen eingesetzt werden. Denn verlässliche Regeln und eine friedliche, multilaterale Zusammenarbeit sind eine wichtige Voraussetzung für dauerhafte Stabilität und globalen Wohlstand.

3 Struktureller Gegenwind und Reformbedarf

Meine Damen und Herren,

die konjunkturelle Erholung ist eine gute Nachricht. Sorgen bereitet uns allerdings das niedrige Potenzialwachstum. Unsere Fachleute bei der Bundesbank gehen davon aus, dass das deutsche Potenzialwachstum aktuell nur bei 0,4 Prozent pro Jahr liegt – deutlich weniger als zu Beginn des Jahrtausends.

Grund dafür sind strukturelle Hemmnisse – wie etwa der demografische Wandel und ein zunehmender Mangel an Fachkräften, hohe Energiepreise und die Kosten der Transformation zur Klimaneutralität. Hinzu kommen ein Investitionsklima, das durch Bürokratie belastet wird, sowie eine Infrastruktur, die gerade im digitalen Raum nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Ohne strukturelle Reformen wird es schwer, Wachstum und Wohlstand dauerhaft zu sichern. Aus Sicht der Bundesbank braucht es deshalb eine Reformagenda, die die Rahmenbedingungen für Wachstum verbessert. Ich möchte Ihnen ein paar Beispiele nennen.

Beim Arbeitskräfteangebot geht es darum, die Erwerbsbeteiligung zu stärken und Fachkräfte zu gewinnen. Ansatzpunkte wären eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine gezielte, arbeitsmarktorientierte Zuwanderung und Rahmenbedingungen, die eine längere Erwerbsbeteiligung Älterer ermöglichen und attraktiv machen.

Bei Energie und Dekarbonisierung ist ein verlässlicher, langfristig konsistenter Rahmen entscheidend – etwa bei der CO₂‑Bepreisung, beim Ausbau der Infrastruktur und bei Genehmigungsverfahren. Unternehmen investieren nur dann in neue Technologien und Geschäftsmodelle, wenn sie Planungssicherheit haben.

Für eine allgemeine Verbesserung des Investitionsklimas sind der Abbau unnötiger Bürokratie, schnellere Verfahren und eine stärkere Digitalisierung der Verwaltung zentrale Hebel. Gerade innovative Startups und mittelständische Unternehmen dürfen nicht an administrativen Hürden scheitern. Auf europäischer Ebene würden Fortschritte bei der Spar- und Investitionsunion helfen, die hohen europäischen Ersparnisse besser in produktive Investitionen zu lenken. Das könnte die Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmen verbessern, wovon gerade der Mittelstand profitieren würde.

4 Banken und Regulierung: Stabilität sichern, Spielräume schaffen

Ohne einen leistungsfähigen, stabilen Bankensektor wird es nicht gelingen, die notwendigen Investitionen in Deutschland und Europa zu finanzieren – von der Klimatransformation über die Digitalisierung bis hin zu Infrastruktur und Innovation. Gerade in einem mittelständisch geprägten Land wie Deutschland und in einer Region wie Baden‑Württemberg sind Banken zentrale Partner der Realwirtschaft.

Die Reformen nach der globalen Finanzkrise – insbesondere die Basel‑III‑Standards und der gemeinsame europäische Aufsichtsrahmen – haben die Kapital- und Liquiditätsausstattung der Banken nachhaltig gestärkt. Die europäischen Institute sind zuletzt gut durch Pandemie, Zinswende und Finanzmarktturbulenzen gekommen.

Wenn ich vor diesem Hintergrund von Modernisierung und „Simplification“ der Regulierung spreche, meine ich ausdrücklich nicht Deregulierung, sondern eine Vereinfachung der komplexen Anforderungen in der Bankenregulierung. Es geht darum, unnötige Komplexität zu reduzieren und damit den Erfüllungsaufwand für die Banken zu senken. Gleichzeitig gilt es, den Rahmen an neue Risiken und Technologien anzupassen, ohne die erreichten Stabilitätsstandards infrage zu stellen.

Ein zentraler Leitgedanke ist die Proportionalität, also die Ausrichtung der aufsichtsrechtlichen Anforderungen an Größe, Komplexität und Risikoprofil eines Instituts. Ein international tätiges Großinstitut stellt andere Anforderungen an Regulierung und Aufsicht als eine regional tätige, weniger vernetzte Bank. Viele Institute erleben im Alltag, wie aufwendige Vorgaben und Meldepflichten wertvolle Ressourcen binden. Als Bundesbank setzen wir uns dafür ein, die Aufsichtsintensität stärker am institutsspezifischen Risiko auszurichten und kleinere Institute dort zu entlasten, wo dies ohne Abstriche bei der Stabilität möglich ist. Proportionalität heißt nicht, Risiken zu übersehen, sondern die Aufsicht dort zu konzentrieren, wo die Risiken am größten sind.

Der zweite Leitgedanke ist die Vereinfachung des Regelwerks. Über die Jahre ist ein sehr komplexes Gefüge aus Ebenen, Pufferarten und Detailvorschriften entstanden. Komplexität ist aber kein Qualitätsmerkmal an sich. Unser Anspruch lässt sich in drei Worten zusammenfassen: strikt, aber simpler. Die Schutzwirkung der Regulierung soll erhalten bleiben. Gleichzeitig können Struktur und Verständlichkeit verbessert werden. Das erreichen wir zum Beispiel durch einfachere Ansätze für kleine, weniger komplexe Institute und einen stärkeren Fokus auf die wesentlichen Risiken statt auf Detailfragen.

Drittens geht es um Entbürokratisierung im Aufsichtsalltag. Melde‑ und Berichtspflichten sind umfangreich und teilweise werden ähnliche Daten mehrfach erhoben. Gemeinsam mit der BaFin und unseren europäischen Partnern arbeiten wir daran, Doppelmeldungen zu vermeiden, vorhandene Daten besser zu nutzen und digitale Schnittstellen zu vereinheitlichen. So schaffen wir effizientere Prozesse und entlasten sowohl die Institute als auch die Aufsicht. Die Leitlinie ist klar: Daten nur dort erheben, wo sie für Aufsicht und Stabilität wirklich erforderlich sind.

Bei aller Diskussion über Proportionalität, Simplification und Entbürokratisierung bleibt eines unverändert: Die erste Verteidigungslinie für Stabilität liegt in den Instituten selbst. Ein solides Risikomanagement, eine gute Governance und eine robuste IT‑ und Cyber‑Sicherheit sind zentrale Führungsaufgaben. Auch die zukünftige Regulierung wird kein Institut von dieser Verantwortung entbinden.

5 Schluss

Meine Damen und Herren,

wir leben in einer Zeit großer Umbrüche – wirtschaftlich, geopolitisch und technologisch. Das bringt auch neue Chancen für Wachstum und Wohlstand mit sich. Ob wir sie nutzen, hängt von klugen wirtschaftspolitischen Entscheidungen und von einem stabilen Finanzsystem ab.

Dafür setzt sich die Bundesbank ein – durch stabiles Geld, ein widerstandsfähiges Finanzsystem und einen verlässlichen Zahlungsverkehr. Dazu gehört auch, den Zahlungsverkehr ins digitale Zeitalter zu führen – etwa mit einem digitalen Euro als sicherem, europäischen Zahlungsmittel.

John F. Kennedy hat einmal gesagt: Change is the law of life. And those who look only to the past or present are certain to miss the future. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass die deutsche Wirtschaft und das deutsche Finanzsystem auch in Zukunft innovativer und widerstandsfähiger werden und damit den Nährboden für zukünftige Investitionen und zusätzliches Wachstum schaffen – gerade in einer Region wie Baden-Württemberg.

Ich freue mich nun auf den Austausch mit Ihnen und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.