Ökonomen ehren Otmar Issing zum 80. Geburtstag

Ottmar Issing auf dem Festakt zu Ehren seines 80. Geburtstags

Mit einem Festakt zu Ehren des 80. Geburtstags von Otmar Issing hat das Center for Financial Studies (CFS) in Frankfurt das Wirken ihres Präsidenten und früheren Chefvolkswirts der Bundesbank und der Europäischen Zentralbank gewürdigt. Im Zentrum der Veranstaltung stand ein Festvortrag des ehemaligen Gouverneurs der Bank of England, Mervyn King. Auch der frühere italienische Premierminister Mario Monti, der ehemalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Rolf Breuer, sowie der Direktor des CFS, Jan Pieter Krahnen, hielten Festreden auf Issing. Sie alle betonten insbesondere Issings Rolle als einer der führenden Architekten der Europäischen Währungsunion. An der Feierstunde in der Goethe-Universität nahmen mehrere hundert teils hochrangige Gäste aus Wissenschaft und Finanzwirtschaft teil.

Unter dem Titel "Herausforderungen für Zentralbanken: Lehren von Issing" schilderte Mervyn King in seinem Festvortrag drei zentrale Erkenntnisse, die er aus Issings Arbeiten gezogen habe: die Schwierigkeiten mit festen Wechselkurssystemen, die zentrale Bedeutung von Preisstabilität für die Geldpolitik sowie die Gefahren durch die Schaffung eines Zentralstaats ohne das dafür nötige demokratische Mandat.

Problem fester Wechselkurse

King schilderte in seinem Vortrag, wie er Issing vor beinahe 25 Jahren bei der Bundesbank kennenlernte. Am 14. September 1992 habe er als damaliger Chefökonom der Bank of England die Bundesbank in Frankfurt und das Bundesfinanzministerium in Bonn besucht. Das britische Pfund war damals Teil des Europäischen Währungssystems (EWS), womit sein Wechselkurs von damals 2,95 D-Mark je Pfund nur in einem engen Band schwanken durfte. "Mein Auftrag lautete, Otmar Issing davon zu überzeugen, dass das Sterling fair bewertet war und dass Deutschland mithelfen sollte, das Pfund im EWS zu halten", so King. "Selbst unzählige bunte Diagramme konnten nicht verbergen, dass weder Otmar noch ich glaubten, die Bundesbank könnte oder sollte etwas tun", berichtete er. Zwei Tage später flog das Pfund krachend aus dem EWS. Die Lehre daraus sei eindeutig, so King: "Feste Wechselkurse waren problematisch. Zur Wahl standen flexible Wechselkurse, für die sich das Vereinigte Königreich entschied, und eine Währungsunion, die Deutschland mit seinen Partnern eingegangen ist."

Große Bedeutung der Preisstabilität

Issing war es King zufolge auch, der ihm die Bedeutung von Preisstabilität nahebrachte. Nach der leidvollen Erfahrung zweier Phasen mit hohen und stark schwankenden Inflationsraten in den 1970er und 1980er Jahren habe auch Großbritannien die Preisstabilität ins Zentrum seiner Geldpolitik gerückt. King betonte dabei die große Bedeutung geldpolitischen Urteilsvermögens, das nicht durch Prognosen des genauen Zinspfads zu ersetzen sei. Geldpolitik könne nicht die mechanische Umsetzung einer Regel sein, ebenso wenig aber Gegenstand freien Ermessens. Nötig sei eine förmliche Verpflichtung auf Preisstabilität. "Wie Otmar stets gesagt hat, lassen sich ernsthafte Überlegungen und Analysen darüber, was gegenwärtig in der Wirtschaft passiert und wie man darauf am besten reagiert, durch nichts ersetzen", so King.

Demokratische Legitimation von Entscheidungen

King sprach in seinem Vortrag auch die Zukunft der Europäischen Währungsunion an, die nach seiner Einschätzung vor existenziellen Problemen steht. "Mit der Schaffung einer Währungsunion vor einer politischen Union wurde das Pferd von hinten aufgezäumt", so King. Dies habe dazu geführt, dass sich die EZB wie eine supranationale Steuerbehörde verhalte. Weder sie noch die Regierungen hätten jedoch das Mandat, eine Transferunion zu schaffen. King unterstrich Äußerungen Issings, wonach eine Verletzung der "No-bail-out"-Klausel in den Europäischen Verträgen die Tür weit öffnen würde für eine massive Verletzung des Prinzips "Keine Besteuerung ohne Mitspracherecht". Dies bedeute einen großen Schritt hin zu einer Transferunion ohne politische Legitimation. Ignorierten die Politiker solche Warnungen, könnten sie von einer Welle der Unzufriedenheit der Bevölkerung weggespült werden, warnte King. "Angesichts dieser gewaltigen Herausforderungen für die wirtschaftliche Zukunft Europas ist es tröstlich für uns alle, dass Otmar Issing im besten Alter bleibt"; sagte der Ökonom.

Kampfgeist für Europa

Der frühere italienische Ministerpräsident Mario Monti hob in seinen Worten an Otmar Issing hervor, dass beide nie ihren Kampfgeist für die europäische Integration verloren hätten. "Otmar ist nicht nur einer Reihe stichhaltiger ökonomischer Grundsätze treu geblieben", sagte er. "Schon früh habe ich in unseren Unterhaltungen seine Neigung entdeckt, auf den ethischen Unterbau ökonomischer Argumente zu achten".

Herausragender Brückenbauer

CFS-Direktor Jan Pieter Krahnen erinnerte in seiner Laudatio an die Zeit, als er Issing vor mehr als zehn Jahren vorschlug, nach seiner Tätigkeit als Chefvolkswirt der EZB als Präsident zum CFS zu kommen. "Für ihn war das von den Höhen des Euro-Towers in die Niederungen einer Universität vermutlich nur ein kleiner Schritt, für das CFS bedeutete es jedoch einen großen Schritt voran", so Krahnen. Issing sei stets ein wahres Vorbild und ein herausragender Brückenbauer zwischen Forschung und Politik gewesen.