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Weidmann: Geldpolitik sollte keine Verteilungsziele verfolgen

Aus Sicht von Bundesbankpräsident Jens Weidmann sollten die Notenbanken mit ihrer Geldpolitik keine Verteilungsziele verfolgen. „Dazu fehlt nicht nur die demokratische Legitimation, sondern die Unschärfe der Effekte macht die Geldpolitik auch wenig geeignet für gezielte Interventionen zur Lösung von Verteilungsfragen“, sagte er bei einer internationalen Forschungskonferenz der Bundesbank. Die Verantwortung für diese Aufgabe liege bei den Regierungen und Parlamenten, die dafür sowohl die demokratische Legitimation als auch die entsprechenden Instrumente besäßen.

Verteilungseffekte der Geldpolitik insgesamt unscharf

Laut Weidmann sind die Effekte der Geldpolitik auf Vermögens- und Einkommensungleichheit besonders schwer zu bestimmen. Denn die Geldpolitik könne Einkommen und Vermögen eines Privathaushalts über verschiedene direkte und indirekte Kanäle beeinflussen. So legen Studien nahe, dass unkonventionelle geldpolitische Maßnahmen die Vermögensungleichheit kurzfristig erhöhten, indem sie die Wertpapierpreise in die Höhe trieben. Allerdings kämen auch steigende Immobilienpreise zahlreichen Hauseigentümern zugute. Darüber hinaus habe die lockere Geldpolitik zu einem höheren Wachstum von Produktion, Beschäftigung und Löhnen beigetragen. Von diesem indirekten Kanal dürften vor allem einkommensschwache Haushalte profitiert haben, da ihre Arbeitslosenquote in der Folge vermutlich überproportional gesunken sei, erklärte Weidmann. Daher dürfte die unkonventionelle Geldpolitik die Einkommensungleichheit kurzfristig reduziert haben. Aber der mittel- bis langfristige Einfluss auf die Ungleichheit der Vermögen sei schwieriger zu beurteilen.

Den Gesamteffekt der Geldpolitik auf die Verteilung abzuschätzen, sei damit vergleichbar, einen Zauberwürfel zu lösen, so der Bundesbankpräsident. „Jede Facette bringt andere in Bewegung. Durch das Isolieren eines Aspekts – oder beim Versuch, eine Seite des Würfels zu fixieren – läuft man Gefahr, andere Übertragungskanäle zu übersehen.“

Geldpolitik kann helfen, die Folgen der Pandemie abzufedern

Indem sie die Preisstabilität wahre, helfe die Geldpolitik, die Wirtschaft in Krisenzeiten zu stabilisieren und die Arbeitslosigkeit einzudämmen. So würden auch schmerzliche Folgen verhindert, die auf längere Sicht zu einer größeren Ungleichheit führen würden, sagte Weidmann. „In dieser Hinsicht hat das Eurosystem im Rahmen seiner Geldpolitik einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, die wirtschaftlichen Folgen der gegenwärtigen Krise abzufedern“, erklärte er.

Pandemie trifft Haushalte unterschiedlich stark

Weidmann zufolge haben private Haushalte in Deutschland ihre Konsumausgaben in der Pandemie drastisch reduziert. Die Sparquote sei sprunghaft gestiegen – von 11 Prozent im Jahr 2019 auf 16 Prozent im Jahr 2020. In einer Bundesbank-Befragung hätten 40 Prozent der Haushalte angegeben, dass sie im vergangenen Jahr Einkommens- und sonstige finanzielle Verluste erlitten hätten. Dabei hätten die Einkommenseinbußen vor allem die Haushalte mit niedrigem Einkommen betroffen, während Haushalte mit hohem Einkommen aufgrund fehlender Konsummöglichkeiten mehr sparten.

Der Bundesbankpräsident äußerte sich in seiner Rede besorgt darüber, dass die Ungleichheit infolge der Pandemie zunehmen könnte. So könnten Lernausfälle im Zuge von Schulschließungen gerade die Chancen benachteiligter Schülerinnen und Schüler im späteren Berufsleben einschränken. Darüber hinaus könnten auch die ungleichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf dem Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle spielen. Die Krise scheine junge Menschen, Frauen und Arbeitnehmer mit niedrigeren Einkommen besonders hart getroffen zu haben, so der Bundesbankpräsident. Beispielsweise hätten einem Bericht des Statistischen Bundesamts zufolge die Beschäftige in der oberen Einkommensgruppe deutlich häufiger die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, als andere. „Angesichts der verschiedenen arbeitsmarktbezogenen Risiken einer steigenden Ungleichheit ist es umso wichtiger, dass wir die Pandemie schnell überwinden und dass die Regierungen in der Zwischenzeit den Haushalten und Unternehmen die notwendige Unterstützung zukommen lassen.“