Frage- und Antwortrunde Pressekonferenz zum Finanzstabilitätsbericht der Deutschen Bundesbank am 14. November 2013

Frage:
Ich habe zwei Fragen: Die erste gleich an den letzten Satz von Herrn Dombret anknüpfend: "… sobald wir Gefahren für die Finanzstabilität sehen, werden wir handeln." Können Sie das noch mal klarer machen? Und eine Frage noch an Frau Lautenschläger zu den Risiken aus dem Bankenbereich: Sie haben sehr lang und ausführlich über den Gesundheitscheck geredet, den die Banken gerade durchlaufen. Ist dieser Gesundheitscheck und alles was damit zusammenhängt – auch mögliche Unsicherheiten in den kommenden zwölf Monaten, aber auch der Kapitalbedarf, der am Ende stehen kann, nicht selbst auch ein großes Risiko für die Finanzstabilität?

Dr. Andreas Dombret:
Erst einmal ist es ja unser gesetzliches Mandat seit Anfang dieses Jahres, wenn wir Systemrisiken sehen, dann auch zu handeln. Und ich hatte auch gesagt, dass wir einige wenige Instrumente zur Verfügung haben, dass aber viele Instrumente noch in der Entwicklung sind. Der Ausschuss für Finanzstabilität besteht erst seit Anfang dieses Jahres. Frau Lautenschläger und ich sind dort Mitglied seitens der Bundesbank, sodass wir an diesen Instrumenten mitarbeiten. Eins ist natürlich klar, wir haben hier heute keine Warnung ausgesprochen. Im Gegenteil, wir haben, was die Immobilienpreise und die Versicherer betrifft, und auch die Banken, auf Probleme hingewiesen, die bei einer langanhaltenden Niedrigzinsphase entstehen können, haben aber ausdrücklich gesagt, dass wir hier noch keine Risiken für die Finanzstabilität sehen. Aber eines ist außerdem klar: Wenn wir Risiken sehen würden, müssten wir handeln. Dazu gehört, dass wir heute schon sensibilisieren. Nicht nur heute, ich hatte auf den Monatsbericht Oktober der Bundesbank verwiesen, ich hatte sogar auf den letztjährigen Finanzstabilitätsbericht verwiesen. Präventiv sind wir ohnehin schon unterwegs. Frau Lautenschläger hat klare Aussagen gemacht, die sich an die Banken gerichtet haben. Ich hatte auch einige klare Aussagen an die Versicherer gerichtet, hatte mich zu den zentralen Gegenparteien geäußert, bei denen sich immer mehr Risiken konzentrieren, die wir ebenfalls beachten müssen. Ich möchte das Handeln nicht vorwegnehmen. Sie können aber davon ausgehen, dass wir nicht mit dem Ziel handeln, nachträglich die Systemkrise festzustellen, sondern dass wir mit dem Ziel handeln, bei Problemen für die Finanzstabilität mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln gegenzusteuern.

Sabine Lautenschläger:
Der Gesundheitscheck ist für mich letztendlich mit einer großen Chance verbunden. Nämlich der, dass die Aufsicht, die an die EZB übergeben wird, genauestens weiß, wie die Risikolage bei den einzelnen Instituten aussieht. Das ist die eine Chance. Die andere Chance ist Vertrauen im Markt wiederherstellen zu können. Damit sind natürlich auch gewisse Risiken verbunden, weil es eine Kommunikationsherausforderung ist, in diesen zwölf Monaten die Öffentlichkeit in einer angemessenen Art und Weise über die Methodologie, über das, was an Verfahren, an Stufen im Verfahren abläuft zu informieren. Und damit genau diese Unsicherheit heraus zu nehmen. Es ist eine große Chance. Es ist auch ein Muss, um Altlasten zu entdecken und verursachergerecht zuweisen zu können. Man muss Unsicherheiten eliminieren, indem man die Kommunikation über die zwölf Monate verteilt, ganz klar und deutlich auf Transparenz ausrichtet, so dass bekannt ist, was die EZB macht, was die nationalen Aufsichtsbehörden derzeit machen, nach welcher Art und Weise sie die Institute prüfen.

Moderator:
Aber es ist natürlich klar, dass keine Zwischenergebnisse veröffentlicht werden, weil das kommunikativ völlig unangemessen wäre.

Sabine Lautenschläger:
Das haben wir deutlich gesagt, dass es am Ende eine Zahl gibt. Aber über das Verfahren muss Transparenz herrschen, ebenso über die Methodologie.

Frage:
Ich habe eine Frage zu den Auswirkungen der niedrigen Zinsen. Die Bundesbank hatte ja schon ein Auskunftersuchen bei den Banken platziert, um abzufragen, wie sich die Zinsergebnisüberschüsse entwickeln dürften, wenn die Phase niedriger Zinsen weiter anhalten würde. Können Sie diesbezüglich die Ergebnisse skizzieren? Zum anderen interessiert mich die Abfrage bei den Wohnimmobilienkrediten. Ist das auch eine Art Auskunftsersuchen? Wie ist diese Abfrage genau beschaffen? Außerdem habe ich eine Frage zu der Immobilienblase, die es ja gar nicht gibt. Wenn ich das richtig zusammenrechne, haben wir jetzt in drei Jahren ein Viertel Preisanstieg und nächstes Jahr noch mal um 9 %, da ist man ja schon fast bei gut einem Drittel. Wenn jetzt die Kreditvergabe so bliebe, um wie viel Prozent müssten denn die Preise steigen, dass Sie von einer Blase sprechen?

Sabine Lautenschläger:
Ich kann Ihnen die Ergebnisse noch nicht skizzieren. Die Daten sind eingegangen, wir befinden uns in der Auswertung. Ich kann Ihnen aber auch sagen, dass man es nicht auf einzelne Regionen, bestimmte Bankengruppen, bestimmte Banken in bestimmten Regionen, klein oder groß, konzentrieren kann. Sie müssen sich einfach gedulden und abwarten. Die Frist ist ja gerade erst abgelaufen und wir sind jetzt in der Analyse.

Dr. Andreas Dombret:
Sie hatten gefragt: Wie stark müssten denn noch die Preise steigen? Erst einmal haben wir diese starken Anstiege nur in den Großstädten, während wir uns im Gesamtmarkt komplett anders entwickeln und bei weitem nicht mit diesen großen Preissteigerungen konfrontiert sind. Für den gesamtdeutschen Markt hatten wir eine lange Phase sich seitwärts entwickelnder Immobilienpreise. Ein Preisanstieg von 9 %, den wir in diesem Jahr erwarten, ist, signifikant. Insbesondere, wenn die Preise kumuliert zwischen 2005 und 2008 in den Großstädten nur um knapp 5 %  und zwischen 2009 und 2012 schon relativ stark gestiegen sind. Aber dieser Preisanstieg 2013 hat sich nicht erhöht gegenüber dem Vorjahr. Wir müssen den gesamten deutschen Markt sehen und dann die Großstädte auch noch mal differenzieren. Die wichtigste Aussage ist aber folgende: Immobilienpreissteigerungen sind dann aus Sicht der Finanzstabilität bedenklich, wenn sich das in der Kreditvergabe, in den Bilanzen der Banken und teilweise auch denen der Versicherer, die auch in Immobilien anlegen niederschlägt. Das ist aber bisher in den zwei wichtigsten betrachteten Komponenten nicht der Fall. Zum einen steigt das Kreditvolumen nicht, das typisch für eine Kreditblase ist, und eine Veränderung in den Loan to Values, also in der Frage der Beleihungsgrenze, gibt es auch nicht. Werden Kreditvergabestandards gesenkt, gibt man viel bereitwilliger zu schlechteren Beleihungswerten Kredite. Auch das findet nicht statt, das hatten wir letztes Jahr schon festgestellt. Insofern liegt aus Sicht der Finanzstabilität noch keine die Finanzstabilität bedrohende Situation vor. Starke Preisentwicklungen bei Wohnimmobilien können aber durchaus dazu führen, dass Sie als Investor bei einer Korrektur Vermögensverluste erleiden können. Das bedeutet nicht, dass es eine Gefahr für die Finanzstabilität gibt, weil wir eben bei den privaten Haushalten eine Schuldentragfähigkeit haben und weil wir, was die Kreditvergabestandards und das Volumen an Immobilienkrediten betrifft, uns auf der sicheren Seite sehen. Nichtsdestotrotz ist der Immobilienmarkt sehr, sehr wichtig. Immobilienkredite machen ungefähr zwei Drittel der Verschuldung der privaten Haushalte in Deutschland aus und sie machen 40 % des Exposures in den deutschen Banken aus. Immobilienkredite bei Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken machen sogar 50 % aus. Es handelt sich also um ein sehr, sehr großes Segment, das man sich sehr genau anschaut. Es ist kein sektorales Risiko.

Sabine Lautenschläger:
Es sind tatsächlich gesonderte Abfragen, die wir nicht bei allen Kreditinstituten, sondern bei einer ausgewählten Gruppe von Kreditinstituten durchgeführt haben und auch weiter durchführen werden. Und gefragt wird eben nicht nur nach Altgeschäft und Neugeschäft, sondern gefragt wird beispielsweise nach den Kreditvergabestandards, wie die Loan-to-Value-Ratio aussieht, welche Art von Covenant Lights es gibt, ob es zusätzliche Sicherheiten gibt. Auch eine Loan-to-Value-Ratio von beispielsweise 100 % ist als solches kein Problem, wenn die Institute letztendlich zusätzliche Sicherheiten mit reinnehmen. Also man muss ganz genau hinschauen. Man fragt beispielsweise auch, welche Art von Beleihungswertermittlung führen Sie denn durch? Haben Sie was geändert in Ihren Richtlinien? Wie aktuell sind Ihre Bewertungen? All diese Fragen werden bei diesen Umfragen an die Institute gerichtet, neben den vielen quantitativen Zahlenfragen – also qualitativ und quantitativ.

Frage:
Frau Lautenschläger, Sie haben im Rahmen des Gesundheitschecks das Wort "Transparenz" benutzt. Wenn ich mir anschaue, was gerade in Italien passiert, mit Hochschreibungen von Bankbeteiligungen einer Notenbank mit einer Garantie für aktivierte latente Steuern – gibt das wirklich Transparenz? Gibt das das Level Playing Field und ist nicht zu befürchten, dass die deutschen Kreditinstitute hier zu schlecht wegkommen? Zweite Frage, Ertragslage – hier haben Sie die hohe Versorgung mit Bankdienstleistungen angesprochen, die vielen Banken, die wir in Deutschland haben. Wenn ich das übertrage, führt das doch dazu, dass wir eben extrem günstige Gebühren für die Verbraucher haben. Wenn man das ändern will, oder wenn man das kritisiert, heißt das doch im Umkehrschluss, der Ausweg für höhere Erträge sind steigende Gebühren für die Verbraucher. Verstehe ich das richtig und meinten Sie das so? Und Herr Dombret, von manchen Bankenvertretern wird immer wieder gerne das Thema "Gefahren für die Realwirtschaft" nach oben gezogen durch die niedrigen Margen, Rückzug aus dem Kreditgeschäft. Wie ernst ist das zu nehmen?

Sabine Lautenschläger:
Über mögliche Bilanzierungsregelveränderungen in anderen Ländern ist die Transparenz hergestellt und man kann damit rechnen. Transparenz heißt ja letztendlich, dass ich nicht nur Zahlen erhalte, die wohlgemerkt beim Stresstest und beim AQR ganz am Ende und am Schluss kommen, sondern dass ich über die Verfahren und Methoden Bescheid weiß und dass ich sie in meiner eigenen Bewertung mit einbeziehen kann. Das ist Transparenz. Ich werde jetzt nichts zu anderen Bilanzierungsregeln sagen, ich kenne nicht alle 28 in der EU. Wichtig ist, dass man sich bewusst ist, dass es auch bei harmonisiertem Aufsichtsrecht noch andere Entscheidungsgrundlagen und Rechtsgrundlagen gibt, die noch sehr national ausgerichtet sind und dass man weiß, welche Auswirkungen diese nationalen Unterschiede haben. Das ist Transparenz und genau das sollte man versuchen, zu erreichen. Zu Ihrer zweiten Frage: Es gibt Überkapazitäten im deutschen Bankensektor und das führt letztendlich zu einem sehr harten Wettbewerb, der immer das Risiko in sich trägt, dass die Institute nicht die Marge erhalten, die sie für das Risiko, das sie mit den Geschäften eingehen, eigentlich erhalten müssten, um gesund zu bleiben. Ich rede nicht davon, dass Institute übersprudelnde Gewinne machen sollen, sondern es geht mir darum, dass ich einen Bankensektor habe, der risikoadäquate Preise durchsetzen kann. Sie reden vom Verbraucher, ich gehe mal davon aus, Sie meinen Kontoführungsgebühren, etc. Für mich ist vor allem das Bepreisen der Risikomargen für Kreditgeschäfte ein ganz wesentliches Element. Denn die Risikomarge, die ein Institut nimmt, sorgt letztendlich dafür, dass das Institut wenn ein Kreditnehmer seinen Kredit nicht zurückbezahlt, mit den Erträgen, die es erwirtschaftet hat, die Risiken auch abdecken kann. Darum geht es mir.

Dr. Karlheinz Bischofberger:
Die Sorge, dass zu niedrige Margen die Kreditversorgung der Wirtschaft beeinträchtigen, ist unbegründet. Das können wir so nicht feststellen. Wir haben in Deutschland zumindest in der Breite keinen Credit Crunch. Wir sehen auch im Mittelstandsbereich keine Unterversorgung an Krediten. Wenn es niedrige Margen gibt und die ein Problem für die Ertragslage darstellen, dann muss man sicherlich daran denken, alle Potenziale für Kostensenkungen auszuschöpfen. Aber ein Problem der Kreditversorgung sehen wir für Deutschland auf jeden Fall nicht.

Frage:
Frau Lautenschläger, Sie haben gesagt, es braucht eine Änderung des Primärrechts für die Etablierung der Abwicklungsbehörde. Und ich habe nicht recht verstanden: Ist das jetzt Ihre persönliche Meinung? Oder ist das die offizielle Meinung der Bundesbank? Und falls es die private ist: Gibt es auch eine offizielle der Bundesbank und wie lautet die?

Sabine Lautenschläger:
Also, ich sage auf einer Pressekonferenz selten meine private Meinung. Und wenn, dann würde ich es Ihnen ganz deutlich sagen. Dürfte aber eigentlich nicht vorkommen. …. Ich bin ja Juristin und habe mir natürlich den Artikel 114 angeschaut. Und privat wie dienstlich bin ich dieser Meinung. Es gibt zumindest Fragestellungen, ob dieser Artikel ausreichen kann, um eine europäische Abwicklungsbehörde aufzubauen und entsprechenden Klagewellen Stand zu halten.

Frage:
Herr Dombret, Sie haben wiederholt gesagt, man müsste an den makroprudenziellen Instrumenten arbeiten und sie jetzt für den praktischen Einsatz vorbereiten. Wie schnell wären Sie handlungsfähig? Und die zweite Frage ist: Sie sagen in Ihrer Rede, man sollte die Geldpolitik nun wieder auf ihre Kernaufgabe ausrichten. Bedeutet das, aktuell ist sie das nicht?

Dr. Andreas Dombret:
Zunächst zur zweiten Frage:  Es ist schon sehr wichtig – und es ist nicht das erste Mal, dass wir das sagen – dass die Geldpolitik auf das ursprüngliche Mandat, nämlich die Preisstabilität, zurückgeführt werden soll. Es ist sicherlich so, dass wir gegenwärtig eine sehr expansive Geldpolitik haben. Die ist aus unserer Sicht, angesichts der Inflationsvorhersagen und der aktuellen Inflationszahlen, auch gerechtfertigt. Wir müssen aber wieder darauf achten, dass wir die außergewöhnlichen Maßnahmen, die wir zur Stabilisierung des Finanzwesens durchaus berechtigterweise durchgeführt haben, auch mittel- bis langfristig wieder zurückführen. Insofern gibt es da keinen Widerspruch zur aktuellen Geldpolitik. Es ist aber wichtig, dass die Geldpolitik sich auf das ursprüngliche und primäre Mandat der Preisstabilität konzentriert. Finanzstabilität ist ein wichtiges Ziel. Aber die Preisstabilität steht im Kern der Geldpolitik. Die zweite Frage gebe ich an meinen Kollegen Herrn Bischofberger weiter.

Dr. Karlheinz Bischofberger:
Mit dem Paket CRD IV und CRR wird ab 2014 eine ganze Reihe von Instrumenten bereit stehen. Allerdings nicht alle sofort. Wir werden ab Januar schon zwei wichtige Instrumente haben. Zum einen können wir im Immobilienbereich mit der Variation von Risikogewichten auf eine – wenn wir sie denn feststellen würden – übermäßige Kreditexpansion reagieren. Es gibt dazu auch ab 1. Januar schon die theoretische Möglichkeit, einen Systemrisikopuffer einzusetzen. Aber lassen Sie mich gleich anfügen: Wir haben mit diesen Instrumenten bislang wenig Erfahrung in Deutschland. Insbesondere deswegen nicht, weil wir bisher im Gegensatz zu anderen Ländern noch keine ausgeprägte Immobilienkrise hatten. Deswegen müssen wir uns Indikatoren auch unter Verwendung von Vorgaben, die aus dem europäischen Bereich kommen, erarbeiten. Grundsätzlich ist das etwas, wo alle Aufseher und Notenbanken in Europa jetzt daran arbeiten. Wir sind handlungsfähig. Aber es ist nicht so, dass wir letztendlich alle Details wüssten, die wir wissen müssen, um unsere Instrumente ganz gezielt einsetzen zu können.

Frage:
Diese Abhängigkeit vom Zinsüberschuss und das Schrumpfen des Zinsüberschusses: Inwiefern sind die deutschen Banken da stärker betroffen als Banken in anderen europäischen Ländern? Und: Bei den Versicherern und den Bewertungsreserven: Können Sie da ein bisschen konkreter werden, wie man da die Regeln anpassen müsste? Also müsste es eine geringere Beteiligung an den Bewertungsreserven generell geben oder müsste man eine stärkere Differenzierung vornehmen? Was sind Scheingewinne und was sind keine Scheingewinne? Welche Möglichkeiten haben die Versicherer aus Ihrer Sicht überhaupt noch, zu reagieren, wenn man nicht die Garantien über Bord werfen will? Und eine Verständnisfrage: Dieses Szenario, das Sie für die Banken durchgerechnet haben und bei dem Sie einen weiteren Konjunktureinbruch modelliert haben. Verstehe ich das richtig, dass die ermittelten Ertragseinbrüche inklusive Risikovorsorge sind?

Sabine Lautenschläger:
Ein Vergleich ist hier sehr schwierig, weil es letztendlich auf die Spezifika in den jeweiligen Ländern ankommt. Die Wettbewerbssituation ist eben in Großbritannien, in Frankreich, in Spanien oder in Italien eine andere als für die deutschen Institute. Und ich beziehe mich auf die deutsche Kreditwirtschaft in der Gesamtheit. Das kann man nicht miteinander vergleichen. Wir haben sehr viele Banken. Wir haben ein sehr umfassendes Filialnetz. Wir haben einen hohen Wettbewerb um Kunden im Mittelstand und im Privatkundengeschäft, weil sehr viele Institute in der Vergangenheit im Ausland ihre Lehren, ihre Verluste  aus dem Kreditersatzgeschäft gezogen haben. Jetzt kommen sie alle zurück in den Markt. Und deswegen ist einfach der Wettbewerb in Deutschland hart. Ich habe Ihnen mal eine Zahl rausgegriffen: Die durchschnittlichen Bankzinsen für Unternehmenskredite in Deutschland im Neugeschäft sind von 5,8 % im September 2008 auf 2,1 % im September 2013 gesunken. Daran kann man erkennen, welcher Wettbewerb stattfindet. Und der findet sowohl auf der Aktivseite als auch auf der Passivseite statt. Unter anderem auch durchaus ausgelöst durch regulatorische Maßnahmen. Denn wenn Sie die Privatkundeneinlagen privilegieren in der LCR – in den neuen Liquiditätskennziffern –, dann gibt das noch mal ein Momentum für den Wettbewerb auf der Passivseite. Also es ist nicht wirklich vergleichbar mit andern Ländern.

Dr. Andreas Dombret:
Sie hatten Fragen zu Versicherern und zu Banken gestellt. Dieser Betrag ist inklusive der Risikovorsorge. Es wäre auch traurig, wenn wir dann tatsächlich noch größere Verluste in unserer Modellrechnung herausbekommen hätten. Was die Versicherer betrifft gab es zwei Fragen. Erstens, was kann man mit Blick auf die Bewertungsreserven tun? Es ist ja durchaus eine politische Diskussion, in die ich mich nicht unbedingt einmischen möchte. Allerdings muss man aus Sicht der Finanzstabilität feststellen, dass die Kapitalpuffer aufgezehrt werden, wenn Bewertungsreserven hälftig ausgeschüttet werden und wir in diesem Zinsumfeld sind. Ist das ein Systemrisiko? Nicht unbedingt. Aber Lebensversicherungen sind ein ganz erheblicher Teil der Altersvorsorge in Deutschland. Was könnte man tun? Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Man könnte z. B. sagen, dass man von den Bewertungsreserven zuerst die stillen Lasten abziehen müsste, bevor es überhaupt zur Ausschüttung kommt, man also die Bewertungsreserven um bestimmte Elemente reduziert.

Jetzt übersteigen sogar teilweise die stillen Lasten die Bewertungsreserven. Wenn das der Fall ist, dann könnte man etwa darüber nachdenken, ob man möglicherweise seitens der Aufsicht, in dem Fall also seitens der BaFin, Versicherern Vorschläge macht, nur den Garantiezins auszuschütten. Dass man möglicherweise komplett auf die Ausschüttung von Bewertungsreserven verzichtet. Das sind aber Gedankenübungen, darüber wird diskutiert. Es ist keine Ankündigung einer Maßnahme, das sind alles Überlegungen, was man theoretisch tun könnte. Sie hatten gefragt, was können Versicherer tun, welche Möglichkeiten hätten Versicherer. Es werden jetzt häufiger Lebensversicherungen ohne Garantiezins angeboten. Das ist eine Möglichkeit zu reagieren. Dann läuft man in diese Situation nicht hinein. Es wird auch künftig noch Situationen geben, in denen Garantiezinsen ausgesprochen werden, lang in die Zukunft hinein dauernde Garantieverzinsung, aber es wird auch alternative Modelle geben. Es wird auch auf der Kostenseite einiges gemacht werden, aber das ist bei Lebensversicherungen nicht ganz so relevant. Es gibt Möglichkeiten seitens der Lebensversicherer darauf zu reagieren, und nach unserem Eindruck nutzen die Lebensversicherer diese Möglichkeiten bereits.

Frage:
Ich habe zwei Fragen an Herrn Dombret. Es geht um die Immobilienpreise. Sie haben eine Preisübertreibung von bis zu 20 % identifiziert. Ich verstehe das so, dass es in Deutschland eine Großstadt oder mehrere Großstädte gibt, in denen eine solche Preisübertreibungsquote maximal erreicht wird. Wenn es ein Durchschnittswert ist, wenn also auch höhere Werte festzustellen sind, würde ich Sie bitten, die Stadt oder die Städte zu identifizieren. Die zweite ist eine Lernfrage: Wenn Sie einerseits eine Übertreibung konstatieren und andererseits sagen, bei den Banken ist soweit alles okay, verstehe ich das nicht ganz, denn diese Übertreibung müsste ja eigentlich eine Bankbilanz belasten. Wenn das nicht so ist, können Sie vielleicht erklären, wie das geht, dass die Banken schon automatisch eine Risikovorsorge für die Preisübertreibungen zurückstellen müssen.

Dr. Andreas Dombret:
Die Preisübertreibung in diesen sieben Städten von bis zu 20 % das ist die Spitze und nicht der Durchschnitt. Das sollte in dieser Formulierung ausgedrückt werden. Ich möchte die jeweiligen Städte nicht identifizieren, weil das auch Lagen in Städten betrifft. [Nachfrage, ob Berlin, wie im vergangenen Jahr, weiterhin besonders von Preisübertreibung gekennzeichnet ist.] Wenn Sie von Preisübertreibungen sprechen, dann meinen Sie ja immer, inwieweit hält die Mieterhöhung stand mit der Preiserhöhung. Die Mieterhöhungspotenziale in Berlin sind aus vielen vielen demografischen und auch wirtschaftsstrukturellen Gründen geringer als dies in anderen Städten der Fall ist. Dann hatten Sie gefragt, wie es denn sein kann, dass es die Banken nicht belastet, wenn die Mietpreise, wenn die Immobilienpreise steigen. Es ist also durchaus so, dass es zu Übertreibungen gekommen ist. Gehen Sie mal davon aus, dass es auch tatsächlich in vielen – bei weitem nicht in allen Fällen – dazu gekommen ist, das Investoren mehr Eigenkapital in die Transaktionen eingeschossen haben, sodass das Risiko bei den Banken nicht proportional mitsteigt, sondern dadurch auch abgefedert wird. Das ist die Erklärung dafür.

Moderator:
Interessant ist in dem Zusammenhang die Lektüre des entsprechenden Aufsatzes in dem Monatsbericht. Da haben die Ökonomen das Modell erläutert, dass der Analyse zugrunde liegt, und warum sie zu dem Ergebnis kommen, dass es derzeit zu solchen fundamentalen, nicht gerechtfertigten Überbewertungen kommt.

Frage:
Eine kurze Frage, Herr Dombret. Sie haben gesagt, der Risikoverbund zwischen dem Staat und dem heimischen Bankensektor habe sich in eigenen Ländern in diesem Jahr noch weiter verstärkt. Könnten Sie uns sagen, in welchen Ländern Sie diese Risiken sehen, und welche weiteren Entwicklungen man erwarten kann.

Dr. Andreas Dombret:
Ja, der Risikoverbund zwischen Staat und Banken hat sich weiter verstärkt. Es geht hier um die deutsche Finanzstabilität, deshalb möchte ich mich im Wesentlichen mit der deutschen Finanzstabilität beschäftigen. Aber Sie gehen nicht falsch in der Annahme, dass das im Wesentlichen die sogenannten Peripherie-Länder sind. Und darunter sind es sehr große Länder, die sich in der letzten Zeit ganz besonders stark dadurch auszeichnen, dass die dort ansässigen Banken ihre Bestände an Staatsanleihen noch erhöht haben. Und es ist dieser Risikoverbund, der gegenseitige Ansteckung letztlich bewirkt. Gegenseitige Ansteckung macht uns durchaus Sorgen. Frau Lautenschläger hat ausführlich das wichtige Konzept der einheitlichen Aufsicht erklärt. Das ist eine der Ideen, wie man diesen Risikoverbund möglichst wieder auflösen möchte oder daran mitarbeiten möchte, diesen Risikoverbund aufzulösen.

Frage:
Ich habe zwei Fragen, eine an Herrn Dombret. Sie haben bezüglich der Lebensversicherer zwei Szenarien vorgestellt. Auch wenn Sie keine Glaskugel haben, können Sie uns trotzdem einen Einblick geben, welches Szenario wahrscheinlicher ist und warum? Und eine Frage an Frau Lautenschläger: Sie haben einen Überblick über den Comprehensive Assessment gegeben. Könnten Sie uns im Sinne der Transparenz einen Einblick geben, was den Zeitplan anbelangt. Bis November 2014 muss das Ganze stehen. Wie genau verlaufen die Stufen, die Sie vorgestellt haben, in dieser Zeit? Gibt es aus Ihrer Sicht eine Stufe, die bedeutender ist als eine der anderen?

Sabine Lautenschläger:
Also ich würde ungern einer Stufe eine größere Bedeutung als der anderen zumessen. Die erste Stufe ist das Risk Assessment. Das heißt, dass die Aufseher sich über alle Risikoarten hinweg, über das Risikomanagement, über die Kapitalsituation, einen ganz genauen Einblick verschaffen. Das heißt, dass sie sich Gedanken darüber machen, welche Art von Geschäftsfeldern in welchem Umfang vor allem die sogenannten Risky Portfolios umfassen, die man dann ganz besonders überprüft in der zweiten Phase. Ich würde diese Phase für die eigene Vorbereitung als sehr wesentlich empfinden, und auch dort wird es eine Art Qualitätssicherung durch die EZB und andere nationale Aufseher geben. Die zweite Phase bezieht sich auf die gegenwartsbezogenen Positionen, Wertungen, etc. Ich gehe davon aus, dass die erste Phase circa im Februar abgeschlossen sein wird, und die zweite Phase dann anfängt. Das ist dann die sogenannte Bilanzüberprüfung, das Balance Sheet Assessment. Da wird es Überprüfungen auf Basis der Ergebnisse der ersten Phase geben, eine Stichprobenziehung, in ziemlich umfangreicher Art und Weise. Ich erwarte, dass das bis Juni dauern wird. Zum Schluss müssen sie sich die Daten, die sie von den Banken und Instituten geliefert bekommen haben, anschauen. Sie gehen in die Banken hinein. Dann wird es eine Art von Datenintegritätsanalyse geben, es wird also geprüft, ob sich diese Daten auch in den Kreditakten wiederfinden. Dann trägt man das Ganze zusammen. Dann macht man nochmal eine Qualitätssicherung über die EZB, über andere nationale Aufseher. Und dann geht es in die dritte Phase: Auf Basis der Erkenntnisse aus den ersten zwei Phasen wird dann der Stresstest durchgeführt. Ich rechne im Sommer mit dem Beginn.

Dr. Andreas Dombret:
Der Ansatzpunkt Ihrer Frage geht auf die Folie auf der Seite 15 [in der Präsentation von Herrn Dombret] zurück, wo die drei Szenarien nochmal kurz abgetragen sind. Szenarien sind nicht unbedingt eine Frage der Wahrscheinlichkeit, das sind Modellrechnungen, um Verwundbarkeiten aufzuzeigen, etwa bei simulierten Einbrüchen an bestimmten Märkten. Kurz- und mittelfristig sehen wir für die deutschen Lebensversicherer kein Gefährdungspotenzial. Kurz- und mittelfristig können aus unserer Sicht deutsche Lebensversicherer ihre Verpflichtungen selbstverständlich erfüllen. Die Überlegung, die auf der Seite 15 der Charts dargestellt wurde und die auch in meinem Vortrag zum Tragen kam, ist: Was würde in der fernen Zukunft geschehen, wenn wir diese beiden Stressszenarien unterstellen. Wir sprechen vom Jahr 2023. Jeder, der behauptet, er könne Ihnen heute schon sagen, was im Jahr 2023 wahrscheinlich sei, ist relativ stark als Scharlatan unterwegs. Es geht aber trotzdem darum, modellhaft zu überlegen, "Was könnte passieren?". Ich hatte Ihnen die beiden Szenarien vorgestellt. In dem einen rentieren öffentliche Anleihen wie die japanischen öffentlichen Anleihen. Und das verschärfte Szenario ist ein Szenario, in dem sich auch noch die anderen Assetklassen anstecken. Meine persönliche Erfahrung ist: Wenn wir überhaupt zu dem milden Szenario kommen, dann ist der Schritt zum verschärften Szenario relativ klein. Die Hauptfrage ist eigentlich: Kommen wir in dieses Szenario hinein, und können die Versicherer bis dahin nicht Schritte unternehmen, wirkungsvolle Schritte, die das Szenario auch abmildern würden. Ich kann Ihnen keine Wahrscheinlichkeit zu den Szenarien sagen. Ich kann Ihnen nur sagen, wo die Verwundbarkeiten sind und was das für den deutschen Lebensversicherungsmarkt bedeuten würde. Wir haben in diese Simulation nicht alle deutschen Lebensversicherer eingerechnet, aber die 85 großen deutschen Lebensversicherer. Es zeigt aber deutlich, dass wenn wir zu solchen Stressszenarien kämen, die in anderen Ländern wie Japan ja durchaus eingetreten sind, dann wäre tatsächlich fast die Hälfte des deutschen Lebensversicherungsmarktes von Verlusten betroffen. Um es noch deutlicher zu machen: Dann wären sie mit einer Bedeckungsquote unter 100 % konfrontiert, was natürlich für eine Lebensversicherung eine bedenkliche Situation ist. Das hat aber mit einer kurz- und mittelfristigen Aussicht oder sogar mit einer Wahrscheinlichkeit in dem Sinne nichts zu tun, sondern soll die Verwundbarkeit der ja schon gefallenen Bedeckungsquote zeigen. Ich hatte dazu die beiden Zahlen genannt: auf 169 % Ende letzten Jahres, weiter fallend von 186 % kommend. Das ist natürlich eine Entwicklung, die wir aus Finanzstabilitätsgründen nicht besonders gerne sehen.

Frage:
Frau Lautenschläger, können Sie uns sagen, ob Sie sich für den Vorsitz der Supervision beworben haben? Und falls nicht, welche Voraussetzungen sollte der ideale Kandidat oder die ideale Kandidatin mitbringen? Haben Sie einen Favoriten?

Sabine Lautenschläger:
Diese Frage habe ich vergangenes Jahr schon nicht beantwortet, und das werde ich auch dieses Jahr nicht tun. Was muss die ideale Kandidatin oder der ideale Kandidat mitbringen? Ich denke, sehr viel Erfahrung in der Bankenaufsicht, möglichst Erfahrungen und Kenntnisse über das internationale Regulierungsfeld, Erfahrungen in internationalen Verhandlungen, im Baseler Ausschuss beispielweise, oder bei der European Banking Authority, ein sehr gutes Netzwerk zu allen anderen Aufsichtsbehörden im Euro-Land, in Europa, in den USA und in Asien. Ebenso sind Durchhaltefähigkeit, Teamfähigkeit, Gestaltungsdrang und Intelligenz wesentlich. 

Frage:
Herr Dombret, Sie haben in Ihrer Rede die Risiken der niedrigen Zinsen für die Sparer in Deutschland angesprochen. Herr Cœuré hat vor einigen Tagen genau dies dementiert und gesagt, höhere Zinsen seien viel gefährlicher für die deutschen Sparer. Wer von Ihnen beiden irrt denn nun?

Dr. Andreas Dombret:
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das ein Widerspruch ist. Ich habe nur gesagt: Des einen Freud ist des anderen Leid. Es gibt sicherlich Investoren, Aktionäre, diejenigen, die in Immobilien investieren oder ein Haus bauen, die sich freuen. Die Sparer sind eher betrübt. Auch Stiftungen sind übrigens sehr betroffen, wenn das Stiftungsvermögen relativ niedrig verzinst wird. Ich hatte aber auch die Inflationserwartung erwähnt und die niedrigen Inflationszahlen dagegen kontrastiert. Wir glauben, dass die durchaus sehr expansive Geldpolitik momentan angemessen ist. Also insofern ist es immer ein Spagat für den Sparer zwischen den sehr niedrigen Erträgen einerseits, die sie auf ihre Spareinlagen bekommen, und der richtigen geldpolitischen Maßnahme des EZB-Rats und des Eurosystems auf die Inflationszahlen andererseits. Das Wort "angemessen" ist hier relativ deutlich.