Tannenwald vom Aussterben bedroht

Monatsbericht: Klimawandel und Klimapolitik stellen neue Herausforderungen für die gesamtwirtschaftliche Analyse dar

In den vergangenen Jahrzehnten ist die globale Durchschnittstemperatur spürbar gestiegen. Diese Erwärmung kann sich laut aktuellem Monatsbericht der Bundesbank auf verschiedene Weise auf die Wirtschaftsleistung eines Landes auswirken. Bei hohen Temperaturen könnten beispielsweise Arbeitszeiten eingeschränkt werden und die Arbeitsproduktivität nachlassen. Bei niedrigen Ausgangstemperaturen könnten Länder aber auch vorübergehend von einem Temperaturanstieg profitieren – etwa, wenn sich Produktionsbedingungen in der Landwirtschaft verbessern würden. Neben steigenden Temperaturen gehe der Klimawandel mit weiteren, regional teilweise recht unterschiedlichen Auswirkungen einher, schreiben die Bundesbank-Fachleute. Hierzu zählten beispielsweise häufigere sowie extremere Wetterereignisse. Diese können zu gesamtwirtschaftlich bedeutsamen und zugleich schwer vorhersehbaren Störungen von Angebot und Nachfrage führen.

Eigene Schätzungen deuten darauf hin, dass der Temperaturanstieg der vergangenen Jahrzehnte auch die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Europa beeinflusst hat. Für Deutschland und andere große mitteleuropäische Volkswirtschaften hätten sich zwar keine statistisch signifikanten Effekte der Erderwärmung auf das Wirtschaftswachstum nachweisen lassen. In einigen südlichen Ländern zeigten sich allerdings bereits jetzt deutliche negative Auswirkungen des Temperaturanstiegs. Auch die wirtschaftlichen Folgen von Extremwetterlagen wie Stürmen, Fluten und Dürren auf die Wirtschaftsleistung fallen laut dem Bericht in Europa regional unterschiedlich aus. Die bisherigen gesamtwirtschaftlichen Verluste seien jedoch nicht so hoch gewesen, dass sie eine größere Bedeutung für die Geldpolitik hatten.

Warum der Klimawandel die Arbeit von Notenbanken betrifft

Die Folgen von Klimawandel und Klimapolitik beeinflussen die Arbeit von Notenbanken. Beispielsweise können der Anstieg der Durchschnittstemperaturen oder die Häufung von Extremwetterereignissen das gesamtwirtschaftliche Potenzialwachstum nachhaltig schwächen. Dies würde auch den Handlungsspielraum konventioneller geldpolitischer Maßnahmen einschränken. Denn ein niedrigerer gleichgewichtiger Realzins erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Geldpolitik an die Nullzinsgrenze stößt. Die Folgen des Klimawandels können zudem das Finanzsystem belasten und auf diese Weise die geldpolitische Transmission erschweren, wenn beispielsweise Extremwetterereignisse mit größeren finanziellen Schäden einhergehen.

Neben den gesamtwirtschaftlichen Folgen von Extremwetterereignissen und des allmählichen Temperaturanstiegs dürften in näherer Zukunft insbesondere die Auswirkungen der Klimapolitik in den Fokus rücken. Maßnahmen wie die erhebliche Verteuerung des Ausstoßes von Treibhausgasen sollen weitgehende wirtschaftliche Anpassungsprozesse in Gang bringen. Dies kann die Gewährleistung von Preis- und Finanzstabilität erschweren, wenn es beispielsweise im Zuge eines tiefgreifenden Strukturwandels zur umfassenden Neubewertung von Vermögenswerten kommt. Darüber hinaus werden einzelne Wirtschaftszweige und Regionen vermutlich sehr unterschiedlich betroffen sein. Diese Heterogenität kann Auswirkungen für die gesamtwirtschaftliche Dynamik haben. 

Veränderung des BIP-Wachstums bei Erhöhung der Durchschnittstemperatur um 1 °C für ausgewählte Ausgangstemperaturen
Für Europa gibt es bisher kaum Untersuchungen, wie sich der Anstieg der Temperatur auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirkt. Berechnungen zeigen, dass nordeuropäische Länder von dem Temperaturanstieg profitiert zu haben scheinen, während sich in südlichen Ländern negative Auswirkungen zeigen. Für den west- und mitteleuropäischen Raum (darunter Deutschland, Frankreich und die Niederlande) finden sich keine statistisch signifikanten Effekte.

Klimawandel wird deutsche Wirtschaft künftig stärker belasten

Dass der Klimawandel an sich die Wirtschaft hierzulande noch nicht allzu stark belastet, wird laut Einschätzung der Bundesbank-Fachleute nicht zwangsläufig so bleiben. In der laufenden Dekade werde der erwartete Temperaturanstieg zwar nur zu relativ geringen BIP-Verlusten führen. Ab dem Jahr 2030 könnten die Auswirkungen bei klimapolitischer Inaktivität jedoch stärker ausfallen, auch wenn derartige Schätzungen (siehe Grafik unten) großer Unsicherheit unterliegen. Durch eine frühzeitige und stringente Klimapolitik ließe sich ein Teil künftiger Schäden hierzulande allerdings vermeiden. Die Kosten verspäteter oder schlecht koordinierter Maßnahmen seien deutlich höher.

BIP-Niveaueffekte des graduellen Temperaturanstiegs in Deutschland
Der Bericht befasst sich auch mit den gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen klimapolitischer Maßnahmen. Zu diesen gehöre die erhebliche Verteuerung des Treibhausgasausstoßes, etwa durch die Einführung von Emissionssteuern, eines Emissionshandelssystems oder mögliche Verbote bestimmter emissionsintensive Wirtschaftsaktivitäten oder Produkte. Solche klimapolitischen Maßnahmen würden die Wirtschaft auf vielfältige Art beeinflussen. Höhere Energiekosten würden etwa die Budgets von privaten Haushalten und Unternehmen belasten. Dies dämpfte den Konsum und die Investitionen, mit entsprechenden Folgen für Löhne, Beschäftigung und gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Klimapolitische Maßnahmen könnten aber auch darin bestehen, Anreize für klimafreundliche Innovationen von Unternehmen zu schaffen. Dies könne den technischen Fortschritt verstärken beziehungsweise in eine klimafreundliche Richtung lenken.

In der Gesamtschau ergebe sich eine vielschichtige Komposition angebots- und nachfrageseitiger Auswirkungen, deren gesamtwirtschaftlicher Effekt nicht immer eindeutig sei, schreiben die Fachleute. Frühzeitige und entschlossene Maßnahmen dürften für sich genommen zwar das gesamtwirtschaftliche Wachstum zunächst dämpfen, klimabedingte Schäden würden längerfristig aber verringert und spätere, kostspieligere Maßnahmen vermieden. „Der Preisanstieg dürfte sich im Fall einer verschärften CO2-Bepreisung zumindest temporär verstärken“, heißt es in dem Bericht. Die mittelfristigen Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum hingen zudem von der Ausgestaltung der Klimapolitik und ihrer Berechenbarkeit ab.

Neues Modell der Bundesbank

Gerade weil sich die gesamtwirtschaftlichen Effekte je nach Region und Wirtschaftssektor unterscheiden dürften, bauen die Expertinnen und Experten der Bundesbank ihr Instrumentarium für die Analyse klimapolitischer Maßnahmen aus. Ein erster Schritt ist dabei die Entwicklung des neuen Modells EMuSe (Environmental Multi-Sector) gewesen, mit dem die Wirkung klimapolitischer Anpassungsprozesse auf die Gesamtwirtschaft und einzelne Wirtschaftssektoren sowie im internationalen Zusammenhang analysiert werden kann. Das Modell enthält neben ökonomischen auch ökologische Schlüsselgrößen wie etwa CO₂-Emissionen. Zudem können internationale Zusammenhänge zwischen bis zu drei Ländern beziehungsweise Regionen analysiert werden.

EMuSe: Das multisektorale Umweld-DSGE-Modell der Bundesbank