Stabiles Geld für Europa Rede als Ehrengast bei der 470. Bremer Schaffermahlzeit

1 Begrüßung

Sehr geehrte Schaffer, sehr geehrte Damen und Herren,

es ist eine große Ehre für mich, bei der 470. Bremer Schaffermahlzeit dabei zu sein und die Gästerede halten zu dürfen.

Die Schaffermahlzeit ist nicht nur ein besonderes Aushängeschild Bremens, sie ist auch eine der traditionsreichsten Veranstaltungen im ganzen Land. Ich danke dem Haus Seefahrt deshalb sehr herzlich für die Einladung. Ich sage das ausdrücklich auch im Namen der anderen Gäste, die heute das einmalige Erlebnis haben, bei der Schaffermahlzeit dabei zu sein.

Wir sind wirklich beeindruckt. Wir haben heute viel über Bremen gelernt, über die Bremer und die bremische Geschichte. Wir haben ausgezeichnet und üppig gespeist und wir haben ordentlich unser Besteck an der Serviette abgewischt - so wie es bewährte Tradition ist bei der Schaffermahlzeit.

Ich wurde darum gebeten, zu einem Thema "aus meinem beruflichen Umfeld" zu sprechen; das möchte ich gerne tun.

So möchte ich heute über Geld und Geldwertstabilität reden, über die Aufgabe der Notenbanken und die Bundesbank, über die Bewältigung der Krise im Euro-Raum und die Bewahrung der Währungsunion als Stabilitätsgemeinschaft.

2 Geld und Geldwertstabilität

Beginnen möchte ich mit einer grundlegenden, aber gar nicht so leicht zu beantwortenden Frage: Was ist eigentlich Geld?

Schon Platon und Aristoteles haben kontrovers diskutiert, was Geld ist. In der Literatur findet man häufig die Aussage, dass Geld letztlich das ist, was die Menschen als Geld verwenden - sprich als Zahlungsmittel. Damit ist bereits eine der drei wesentlichen Funktionen genannt, die Geld erfüllen muss, damit es Geld ist: Es muss als allgemeines Tauschmittel dienen. Des Weiteren dient Geld als Rechenmittel und als Wertaufbewahrungsmittel.

Die Verwendung von Geld erleichtert unser Leben. Ohne Geld müsste man beschwerlich nach Tauschpartnern suchen, nach dem Motto "frierender Bäcker sucht hungrigen Schneider". Und Geld macht die moderne Arbeitsteilung überhaupt erst möglich.

Karl Marx sah gerade diesen Aspekt des Geldes kritisch. Er schrieb: "Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit, und dieses fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an." Tatsächlich gilt in vielen Gesellschaften Geld als Synonym für Reichtum und Macht.

Für das Verständnis der Ökonomie ist Geld nicht zentral. Insofern irrt Kurt Tucholsky, wenn er in seinem kurzen Abriß über die Nationalökonomie (1931) schreibt: "Die Grundlage der Nationalökonomie ist das sog. 'Geld'."

Die Grundlage der Ökonomie ist vielmehr die Knappheit. Erst die Knappheit von Gütern macht wirtschaftliches Handeln überhaupt erforderlich. Im Schlaraffenland wären Ökonomen arbeitslos. Im Schlaraffenland bräuchte man aber auch kein Geld.

Dazu fällt mir das Bonmot des österreichischen Dichters Johann Nepomuk Nestroy ein: "Die Phönizier haben das Geld erfunden. Aber warum so wenig?" Die Antwort ist, weil sich das Problem der Knappheit nicht lösen lässt, indem man das Geld vermehrt.

Eine Lehre der Geschichte, nicht zuletzt der deutschen, lautet, wenn der Geldumlauf über längere Zeit deutlich schneller wächst als die gesamtwirtschaftliche Produktion, steigen die Güterpreise. Die hergestellte Gütermenge lässt sich durch mehr Geld bestenfalls kurzfristig steigern.

Inflation kann aber ernste negative Folgen haben: Inflation verzerrt die Signale, die die Preise über die relative Knappheit der Güter aussenden. Inflation ist schlecht für das Wachstum einer Volkswirtschaft. Inflation hat unerwünschte Verteilungswirkungen, denn gerade die sozial Schwächeren können sich nicht vor Inflation schützen. Die Rentenzahlungen oder Sozialleistungen lauten schließlich fast immer auf einen festen Währungsbetrag.

In ähnlicher Weise sind auch anhaltend sinkende Preise schädlich. Deflation ist sogar noch gefährlicher als Inflation, weil sie schwieriger zu bekämpfen ist. Am besten ist es daher, sowohl Inflation als auch Deflation zu vermeiden. Preisstabilität sollte deshalb die oberste Maxime der Geldpolitik sein.

Tatsächlich ist die Geschichte des Geldes und insbesondere die Geschichte des Papiergeldes aber eine Geschichte der Inflation. Zu groß ist meist die Versuchung, mit der Notenpresse die Taschen des Souveräns zu füllen.

Zur Prägung von Gold- und Silbermünzen mussten die Münzherren immerhin die entsprechenden Edelmetallvorräte haben. Das setzte der Geldschöpfung gewissermaßen eine natürliche Grenze. Aber auch in diesem Geldsystem versuchten die Münzherren häufig, den Edelmetallgehalt einer bestimmten Münze zu reduzieren, ohne ihren Nominalwert zu verringern. Die Münzen wurden mit der Zeit kleiner, flacher oder ihre Legierung weniger edel.

Banknoten kamen in Europa erst im 17. Jahrhundert auf. Anfangs waren sie durch Edelmetallvorräte gedeckt, später nur noch teilweise. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beendeten die Staaten die Deckungspflicht. In Deutschland endete die Möglichkeit der Goldeinlösung von Banknoten mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs, also vor fast genau 100 Jahren.

Und so ist es kein Wunder, dass die schlimmsten Inflationen im 20. Jahrhundert stattfanden. Von 56 Episoden von Hyperinflation, die weltweit gezählt wurden, waren 54 im 20. Jahrhundert.

3 Zentralbankunabhängigkeit

Eine Zentralbank, die nicht zur Einlösung von Banknoten gegen Edelmetall verpflichtet ist, kann Geld quasi aus dem Nichts schaffen. Damit war die Zentralbank in besonderer Weise der Versuchung ausgesetzt, die Finanznöte des Staates durch das Drucken von Geld zu überwinden.

Den gefährlichen Zusammenhang von Papiergeldschöpfung, Staatsfinanzierung und Inflation hat übrigens schon Goethe in seinem Faust II eindrucksvoll beschrieben. Es gibt darin eine Szene, in welcher Mephisto dem von Geldnöten geplagten Kaiser rät (ungedecktes) Geld zu drucken: "Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr", verspricht Mephisto dem Kaiser.

Dank der wundersamen Geldschöpfung kann sich der Kaiser seiner Schulden entledigen und es kommt zu einer vorübergehenden wirtschaftlichen Blüte im Land. Im weiteren Verlauf kommt es aber eben auch zu Inflation und schließlich zur Zerstörung des Geldwesens.

Doch was kann man tun, um Geldwertstabilität wirkungsvoll zu sichern? Das Beste ist, die Sicherung der Geldwertstabilität einer Zentralbank zu übertragen, die möglichst unabhängig von den Einflüssen der Regierung ist.

Modernes Geld, das keiner Deckungspflicht unterliegt, basiert vor allem auf Vertrauen. Vertrauen darauf, dass die Zentralbank ihr Stabilitätsversprechen halten wird und sich nicht zu Lasten der Geldwertstabilität für andere Zwecke einspannen lässt. Der Historiker Harold James sagt deshalb: "Zentralbanken brauchen als Betriebskapital ein Vertrauensguthaben."

In Deutschland haben wir das Glück, seit 1948 eine unabhängige Zentralbank zu haben. Sie konnte sich über die Jahre hinweg ein solches Vertrauensguthaben aufbauen. Trotz zum Teil schwieriger Bedingungen war die D-Mark von Anfang an eine stabile Währung. Selbst in den ölkrisengeplagten siebziger Jahren war die Inflationsrate in Deutschland mit durchschnittlich 5 % deutlich niedriger als in vielen anderen Industrieländern.

Die Erfahrungen dieser Ära haben weltweit Anstoß dazu gegeben, Notenbanken Unabhängigkeit zu gewähren und ihre Rolle auf die Wahrung der Preisstabilität zu konzentrieren.

4 Ordnungsrahmen der Europäischen Währungsunion

Das stärkere politische Zusammenwachsen Europas und der sich herausbildende Konsens einer stabilitätsorientierten Geldpolitik führten dazu, dass sich Ende der achtziger Jahre die Pläne für eine europäische Gemeinschaftswährung konkretisierten. Im Dezember 1991 einigte sich der Europäische Rat in Maastricht auf die Gründung einer Wirtschafts- und Währungsunion.

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl trat Bedenken bezüglich der Stabilität einer neuen europäischen Währung entgegen und versicherte in seiner Regierungserklärung am 30. Januar 1991: "Unser Ziel ist eine einheitliche europäische Währung, die an Stabilität unserer D-Mark nicht nachsteht. Institutionelle Voraussetzung hierfür ist eine unabhängige Europäische Zentralbank, die […] für die Geldpolitik verantwortlich ist und ebenso wie die Deutsche Bundesbank vorrangig der Sicherung der Geldwertstabilität verpflichtet ist."

Der institutionelle Aufbau des Eurosystems, also des Zentralbanksystems der Euro-Länder, orientierte sich deshalb eng am Vorbild der Bundesbank. Selbst mit der Wahl des Standorts Frankfurt am Main wurde die Absicht unterstrichen, dass die EZB in der Tradition der Bundesbank steht. Mit dieser engen Anlehnung an die Bundesbank sollte auch das weltweite Vertrauen in ihre Stabilitätsorientierung auf die EZB übertragen werden.

Der Euro ist, wie versprochen, eine stabile Währung. In den ersten 15 Jahren - so lange gibt es ihn schon - sind die Preise im Euro-Raum um durchschnittlich 2,0 % pro Jahr gestiegen. Das liegt sogar noch unter den Preissteigerungsraten zu D-Mark-Zeiten, wobei die geldpolitischen Heraus-forderungen in den beiden Zeiträumen aber sehr unterschiedlich waren.

Die Krise im Euro-Raum hat jedoch eindrücklich vor Augen geführt, dass die Geldpolitik auch von Bedingungen abhängt, die sie selbst nicht beeinflussen kann.

Solide Staatsfinanzen sind eine solche Bedingung: Geraten die Staatsfinanzen aus dem Ruder, wird es für die Zentralbank schwer, Preisstabilität zu gewährleisten.

Das gilt besonders in der Währungsunion. Mit der Währungsunion wurde die Geldpolitik vergemeinschaftet, die Finanzpolitik blieb dagegen in der Entscheidungshoheit der Mitgliedstaaten.

Die Gefahren, die von dieser Konstruktion ausgehen, wie zum Beispiel die verstärkte Verschuldungsneigung der Staaten, wurden durchaus gesehen. Deswegen wurden ja auch entsprechende Vorkehrungen getroffen:

  1. wurde ein Haftungsausschluss beschlossen: Die Mitgliedstaaten sind nach dieser No Bailout-Regel nicht für die Schulden der anderen Mitgliedstaaten verantwortlich.

  2. wurde dem Eurosystem untersagt, Kredite an die Mitgliedstaaten zu vergeben oder Staatsanleihen von den Staaten direkt zu erwerben.

  3. wurden Verschuldungsregeln formuliert, die durch den Stabilitäts- und Wachstumspakt konkretisiert wurden. Übermäßige Staatsdefizite sollten durch ein Verfahren, an dessen Ende finanzielle Sanktionen stehen, möglichst vermieden werden.

Leider haben die Mitgliedstaaten gegen diese Spielregeln des Euro zu häufig verstoßen. Auch in Berlin, Paris und Rom hat man die Regeln missachtet und sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass entsprechendes Fehlverhalten nicht bestraft wird.

Die Konzentration auf die öffentlichen Finanzen erwies sich außerdem als ein Schwachpunkt des Ordnungsrahmens der Währungsunion. Gefahren für die Gemeinschaftswährung gehen nämlich auch von anderen Fehlentwicklungen aus, die in ihrer Bedeutung bei der Konzeption der Währungsunion unterschätzt wurden:

Die Einführung des Euro brachte den früheren Hochzinsländern einen deutlichen Zinsrückgang. Durch diesen Vertrauensvorschuss der Anleger und den Wegfall des Wechselkursrisikos floss reichlich Kapital unter anderem von den Kernländern des Euro-Raums wie Deutschland und Frankreich in die Peripherie wie Irland, Spanien und Griechenland.

Leider floss dabei viel Geld in den privaten Wohnungsbau oder in den Staatskonsum, was sich als wenig produktiv erwies. Die Kapitalzuflüsse ermöglichten auch eine Zeit lang kräftig steigende Löhne. Da aber die produzierten Gütermengen nicht im gleichen Ausmaß zunahmen, stiegen die Lohnstückkosten. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen sank rapide.

Da die Staaten nun nicht mehr mit einer Abwertung ihrer Währung reagieren konnten, so wie sie es in der Vergangenheit häufig getan hatten, entwickelten sich hohe Leistungsbilanzdefizite. Die private und öffentliche Verschuldung stieg teilweise deutlich an. Kurzum, die Länder lebten "über ihre Verhältnisse".

Die Krise im Euro-Raum ist mehr als eine Staatsschuldenkrise. Sie ist auch eine Zahlungsbilanzkrise und eine Bankenkrise. Was die Krise aber deutlich gezeigt hat, ist, dass von übermäßiger Verschuldung gravierende Risiken ausgehen.

Das wusste übrigens schon Friedrich III. von Brandenburg. Als er sich 1701 zum König Friedrich I. in Preußen krönen ließ, wurde eine Generalamnestie verkündet. Ausgenommen waren lediglich Gotteslästerer, Mörder, Hochverräter und - Schuldenmacher.

Die Krise hat ebenfalls gezeigt, wie schnell ein überschuldetes Bankensystem die Zahlungsfähigkeit ganzer Staaten gefährden kann. So wurden auch Staaten in ihrer Stabilität bedroht, die - wie Irland und Spanien - vor der Krise eine relativ niedrige Staatsverschuldung hatten. Die Kapitalströme in die Peripherieländer versiegten mit der Krise, die Finanzierung der Schulden war damit nicht mehr möglich - oder nur noch zu sehr hohen Kosten.

In dieser Krisensituation haben die Rettungsschirme der Euro-Staaten, der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds sowie die Maßnahmen der Notenbanken im Euro-Raum eine Zuspitzung der Krise verhindert.

Mit der "Euro-Rettungspolitik" hat die Staatengemeinschaft aber auch zunehmend Haftung für vergangene Fehlentwicklungen und angehäufte Staatsschulden einzelner Länder übernommen. Damit ist das Verhältnis von Haftung und Kontrolle aus der Balance geraten, die für die Statik der Währungsunion so entscheidend ist.

Was muss nun getan werden, um die Währungsunion wieder krisenfester zu machen? Entscheidend ist dabei, dass dem Haftungsprinzip wieder mehr Geltung verschafft wird. Oder um es mit Walter Eucken zu sagen: "Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen." Das muss nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Banken und Staaten gelten.

Für den Ordnungsrahmen der Währungsunion bedeutet das, dass grundsätzlich zwei Wege zu einem stabileren Rahmen möglich sind: Entweder man geht den Schritt hin zu einer vertieften politischen Integration, zum Beispiel eine Fiskalunion, oder man entwickelt den bisherigen Rahmen weiter und stärkt die Eigenverantwortung der einzelnen Länder.

Eine Fiskalunion darf aber nicht einfach nur die Gemeinschaftshaftung ausweiten. Das wäre dann lediglich eine Transferunion, ohne entsprechende Kontrollrechte: Sie würden doch auch nicht mit Ihrem Nachbarn zusammen ein gemeinsames Bankkonto eröffnen, ohne dass Sie seine Ausgaben kontrollieren können - und das Gleiche würde ich natürlich auch Ihrem Nachbarn raten.

Eine Fiskalunion erfordert also eine weitreichende Abgabe nationaler Souveränität an die europäische Ebene. Es wären umfassende rechtliche Änderungen in den europäischen Verträgen und auch in den nationalen Verfassungen notwendig. Hier habe ich aber Zweifel, ob der Wille dazu bei Politik und Bevölkerung in Europa zurzeit vorhanden ist.

Ein anderer Weg besteht darin, sich wieder auf die Prinzipien des Maastrichter Vertrages zu besinnen, indem man die Eigenverantwortung der Mitgliedstaaten stärker betont. Die Mitgliedstaaten können dann weiter souverän über ihre Verschuldungspolitik entscheiden, müssen aber auch voll dafür haften. Im Extremfall müssten dann auch Staatsinsolvenzen möglich sein, ohne dass dadurch aber Kettenreaktionen ausgelöst werden und das Finanzsystem vor dem Zusammenbruch steht.

Die Härtung des Stabilitäts- und Wachstumspakts und die Regelungen für mehr Fiskaldisziplin sind jedenfalls selbst bei strikter Anwendung, wovon derzeit nicht ausgegangen werden kann, keine hinreichende Voraussetzung dafür, Haftungsrisiken umfassend zu vergemeinschaften. Um die Krise dauerhaft zu überwinden, müssen außerdem die besonders von der Krise betroffenen Länder ihren Anpassungs- und Reformkurs fortsetzen.

Die Bundesbank hat in ihrem aktuellen Monatsbericht die bereits erzielten Anpassungs- und Reformfortschritte dargestellt. Deutlich gesunkene Lohnstückkosten haben in den meisten der Länder zu einer erheblich verbesserten Wettbewerbsfähigkeit und zu einem Rückgang der hohen Leistungsbilanzdefizite geführt. Außerdem wurden die strukturellen Haushaltsdefizite kräftig reduziert, der Verschuldungsgrad des privaten Sektors verringert und auf dem Arbeitsmarkt wurden überfällige Strukturreformen in Angriff genommen.

Insgesamt kann man sagen, der Anpassungsprozess ist in vollem Gang. Einige Länder sind allerdings weiter als andere. Für alle Länder gilt, dass Licht am Ende des Tunnels erkennbar ist. Alle haben aber noch eine entscheidende Wegstrecke vor sich - manche eine kürzere, andere eine längere.

Besonders groß ist die Herausforderung nach wie vor für Griechenland; so bestehen im laufenden Hilfsprogramm Finanzierungslücken.

Letztlich geht es für die betroffenen Länder darum, sich wirtschafts- und finanzpolitisch so neu aufzustellen, dass sie den Anforderungen der Währungsunion mit ihrer gemeinsamen, stabilitätsorientierten Geldpolitik wieder aus eigener Kraft und dauerhaft gerecht werden.

Aber auch in Deutschland gilt es, wirtschaftspolitische Herausforderungen zu meistern. Zwar steht Deutschland - auch dank der Reformen im vergangenen Jahrzehnt - vergleichsweise gut da: Der Staatshaushalt ist ausgeglichen, die Arbeitslosigkeit niedrig, die Wettbewerbsfähigkeit hoch. Anlass zur Selbstzufriedenheit besteht aber nicht.

Die fortschreitende Globalisierung, die Energiewende, die hohe öffentliche Verschuldung und vor allem der demographische Wandel stellen große Herausforderungen in den nächsten Jahren dar, denen sich die deutsche Politik bereits heute stellen muss.

5 Zur Rolle des Eurosystems bei der Krisenbewältigung

Der Schlüssel zur Bewältigung der Krise im Euro-Raum liegt bei der Politik, nicht bei den Notenbanken. Das Eurosystem hat die Leitzinsen auf ein historisches Tief gesenkt. Zudem wurden umfangreiche außergewöhnliche Maßnahmen ergriffen, um die Liquidität von Banken zu sichern.

Die von mir kritisch gesehene Ankündigung der EZB, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen von einzelnen Mitgliedstaaten zu kaufen, hat zweifellos zur Beruhigung der Finanzmärkte beigetragen. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen aus den Peripherieländern sind seit 2012 deutlich zurückgegangen.

Deshalb wird mir nun häufiger die Frage gestellt, ob dieser Erfolg nicht zeige, dass ich mit meiner Kritik falsch lag; und damit, meine Kritik öffentlich zu machen. Mit der Euro-Krise sei es schließlich wie bei einer geführten Bergwanderung. Wenn dichter Nebel aufzöge, sei es wenig vertrauensbildend, wenn die Bergführer vor der ganzen Gruppe über den richtigen Weg ins Tal stritten.

Abgesehen davon, dass in der Euro-Krise nicht die Notenbanken die Bergführer sein sollten, sondern die gewählten Politiker, scheint es mir gerade bei schwierigen Bedingungen wichtig zu sein, besonders sorgfältig über den richtigen Weg nachzudenken.

Wie weit sich das Eurosystem mit seiner Ankündigung, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen einzelner Staaten kaufen zu wollen, in den Grenzbereich seines geldpolitischen Mandats vorgewagt hat, zeigt auch die Bewertung dieser Ankündigung durch das Bundesverfassungsgericht, das die ökonomischen Bedenken der Bundesbank in weiten Teilen aus seiner juristischen Perspektive teilt.

Auch in den derzeit besonders schwierigen Zeiten sollte die Geldpolitik nicht die Reaktion der Finanzmärkte zum Maßstab ihres Handelns machen. Denn sonst würde sie möglicherweise zum Gefangenen der Märkte und dabei Gefahr laufen, bewährte Grundsätze über Bord zu werfen. Ich bin im Übrigen der festen Überzeugung, dass nur eine offene Diskussion über die Vor- und Nachteile verschiedener Maßnahmen die notwendige Voraussetzung für Akzeptanz und Zustimmung in der Bevölkerung schafft.

Für mich ist entscheidend, dass wir auch in der Krise nicht die Grundlagen für stabiles Geld in Europa gefährden. Das wäre ein hoher Preis für die Beruhigung der Finanzmärkte.

Viele von Ihnen treibt vermutlich ein anderes Thema mindestens genauso um: die derzeitigen Niedrigzinsen.

Ich kann die Sorgen und Nöte der Bürger um ihr Erspartes gut verstehen. Sichere Anlagen erwirtschaften gegenwärtig nicht den notwendigen Ertrag zum Werterhalt. Aber die Bürger sind ja nicht nur Sparer, sondern eben auch Arbeitnehmer, Aktionäre oder finanzieren Immobilien per Kredit. Und in dieser Eigenschaft profitieren sie von günstigen Zinsen.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass der Euro-Raum den schärfsten Wirtschaftseinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg hinter sich hat und noch längere Zeit mit den Folgen der Krise kämpfen wird. Das spiegelt sich auch in den derzeit niedrigen Preissteigerungsraten und den gedämpften Inflationsperspektiven wider. Insofern ist auch eine expansive Ausrichtung der Geldpolitik gerechtfertigt.

Für mich ist es jedoch wichtig, Sorge dafür zu tragen, dass die extrem niedrigen Zinsen kein Dauerzustand werden. Zumal von der Niedrigzinspolitik auch Risiken ausgehen, die mit der Zeit wachsen. So tun sich zum Beispiel die deutschen Lebensversicherer zunehmend schwer, die zugesagten Garantierenditen zu erwirtschaften, zumal sie aus guten Gründen konservative Anleger sind. Außerdem besteht die Gefahr, dass es zu Blasen an den Finanzmärkten kommt und so die Saat für die nächste Finanzkrise gelegt wird.

Technisch sind die Notenbanken jederzeit in der Lage, die geldpolitischen Zügel wieder zu straffen. Die Herausforderung für die Geldpolitik ist gegenwärtig jedoch vor allem politischer Natur. Je mehr sich Politik und Finanzindustrie an das billige Geld gewöhnt haben, je mehr die Geldpolitik als Ersatz für politisches Handeln oder die Anpassung der wirtschaftlichen Strukturen gesehen wird, je mehr die Preise an den Finanzmärkten aufgebläht sind, desto schwieriger wird der Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik.

Die Notenbanken dürfen sich aber von den isolierten Auswirkungen eines Ausstiegs auf die Zinslasten der Staaten oder von den Folgen für Banken und Märkte nicht beirren lassen. Auch beim Ausstieg darf eine auf Preisstabilität ausgerichtete Geldpolitik weder zum Gefangenen der Politik noch der Finanzmärkte werden.

Worauf es ankommt ist, dass die Bürger sich darauf verlassen können, dass die Notenbanken Inflationsgefahren und Deflationsgefahren entschlossen entgegentreten.  

6 Schlussbetrachtungen

Wir werden zukünftige Krisen nur dann wirkungsvoll verhindern, wenn dem Haftungsprinzip wieder mehr Geltung verschafft wird - sowohl auf Ebene der Staaten als auch auf Ebene des Finanzsystems.

Was die Mitgliedstaaten betrifft, bedeutet eine Stärkung des Haftungsprinzips eine Rückkehr zu mehr Disziplin bei den Staatsfinanzen. Deshalb müssen die gehärteten Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspakts und des Fiskalpakts angewandt werden. Und sollte sich ein Mitgliedstaat finanziell doch übernommen haben, sind auch die Bürger des Landes mit in die Verantwortung zu ziehen.

Es müssen zukünftig aber auch Staatsinsolvenzen möglich sein, ohne das Finanzsystem im Euro-Raum in den Abgrund zu reißen. In diesen Zusammenhang gehört auch, dass Banken einer strengeren Aufsicht und einer besseren Regulierung unterworfen werden. Insbesondere müssen sie zukünftig im Fall der Fälle abgewickelt werden können. Deshalb benötigen wir den geplanten einheitlichen Restrukturierungs- und Abwicklungsmechanismus in Europa.

Es bleibt also noch einiges zu tun, auf dem Weg zu einer langfristig stabilen Währungsunion.

Abschließend möchte ich noch eine Dame zitieren, denn Frauen sind heute hier ja leider nicht zu Wort gekommen. Die in Südtirol lebende Schriftstellerin Mary de Rachewiltz hat einmal gesagt, Geld sei der "obszöne Doppelgänger des dichterischen Worts".

Ihre Begründung: Geld sei ähnlich wie das Dichterwort aus dem Nichts geschaffen, Wortökonomie und Geldökonomie wären auf Maß und Effizienz angewiesen und tendierten doch dazu zu wuchern.

Als Notenbanker verstehe ich etwas mehr von der Geldökonomie als von Lyrik, aber so viel habe ich verstanden: Zu viele Worte können genauso inflationär wirken wie zu viel Geld.

Deswegen beende ich jetzt meinen Vortrag, danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und wünsche uns allen noch einen schönen Abend.