Joachim Nagel

Nagel: Die Zinsen könnten noch in diesem Jahr steigen

Bundesbankpräsident Joachim Nagel hat vor dem Hintergrund der weiterhin hohen Inflationsraten die Risiken betont, die der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) eingehe, wenn er zu lange mit einer Normalisierung der Geldpolitik warte. „Nach meiner Einschätzung sind die ökonomischen Kosten deutlich höher, wenn wir zu spät handeln, als wenn wir frühzeitig handeln“, sagte Nagel im Interview mit DIE ZEIT. „Später müssten wir nämlich kräftiger und in höherem Tempo die Zinsen anheben. Die Finanzmärkte reagieren dann mit mehr Volatilität.“

Mit Blick auf einen geeigneten Zeitpunkt für eine Entscheidung verwies Nagel auf die neuen Projektionen für Wirtschaftswachstum und Inflation, die der Stab der EZB bei der geldpolitischen Sitzung des EZB-Rats im März vorlegt. „Wenn sich das Bild bis März nicht ändern sollte, werde ich mich dafür aussprechen, die Geldpolitik zu normalisieren.“ Der erste Schritt sei, die Nettoankäufe von Anleihen im Laufe des Jahres 2022 zu beenden. „Dann könnten die Zinsen noch in diesem Jahr steigen“, so Nagel. Die Anleihekäufe seien mit größeren Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Deshalb seien sie erst spät ergriffen worden und sollten zuerst wieder gestoppt werden. „Ich finde es wichtig, dass wir uns im Euroraum einig sind, zuerst die Maßnahmen zurücknehmen, die wir in der Krise zuletzt ergriffen haben“, sagte er. Nagel hat das Amt des Bundesbankpräsidenten im Januar von Jens Weidmann übernommen.

Inflationsrate in Deutschland könnte 2022 deutlich über 4 Prozent liegen

Nagel äußerte sich im Interview besorgt über die derzeit hohen Inflationsraten in Deutschland und im gesamten Euroraum. In Deutschland könne die Inflation den Bundesbank-Fachleuten zufolge im Jahresdurchschnitt 2022 bei deutlich über 4 Prozent liegen. Die Bundesbank gehe derzeit davon aus, dass die Inflationsrate in Deutschland erst in der zweiten Jahreshälfte 2022 erkennbar sinken, aber weiter zu hoch sein werde. Wenn die Inflation länger auf einem hohen Niveau bleibe, steige die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Zweitrundeneffekten kommt. „Ich bin aber davon überzeugt, dass es der Geldpolitik gelingen wird, ihr Ziel von 2 Prozent Inflation in der mittleren Frist zu erreichen“, so Nagel mit Blick auf den Währungsraum insgesamt.

Vor allem die Energiepreise sind kräftig gestiegen. Wenn die Energiepreise nur kurzfristig stark schwanken, tue die Geldpolitik nach Meinung des Bundesbankpräsidenten gut daran, sich zurückzuhalten. Nagel sieht aber Anzeichen dafür, dass der Energiepreisanstieg länger anhalten könnte, dass er sich auf die Preise anderer Waren und Dienstleistungen auswirke und dass auch eine steigende Nachfrage dahinterstehe.

Gestiegene Energiepreise nicht alleiniger Grund für hohe Inflationsrate

Die Hälfte der aktuell hohen Inflation sei auf die Energiepreise zurückzuführen. Nagel mahnte, sich auch die andere Hälfte anzuschauen. Er führte viele Gründe an, weshalb die Inflationsrate deutlich gestiegen ist. Dazu gehörten die Pandemie, die Lieferengpässe sowie die aktuelle geopolitische Situation. „Es gibt nun aber Anzeichen dafür, dass wir gegensteuern müssen: Viele Länder fangen an, die Pandemiebeschränkungen zu lockern. Die Wirtschaft erholt sich. Die Arbeitsmärkte sehen gut aus. Das ist ein ermutigendes Bild! Deswegen kann die Geldpolitik weniger expansiv werden.“