Joachim Nagel

Nagel: Preisauftrieb darf sich nicht verfestigen

Bundesbankpräsident Joachim Nagel hat sich in einer Rede in Hannover zu den Folgen des Krieges gegen die Ukraine auf die wirtschaftliche Lage in Deutschland und den Euroraum geäußert. Er ging dabei auf die für den Eu­ro­raum nach unten kor­ri­gier­ten Wachstumspro­jek­tio­nen der EZB ein. Drastisch steigende Energiepreise, die Beeinträchtigung des Handels und die erhebliche Unsicherheit verdüsterten die wirtschaftlichen Perspektiven. Der aktuellen Projektion der EZB zufolge wird das Wirtschaftswachstum im Euroraum 2022 nur noch 3,7 Prozent betragen. Im ungünstigsten Szenario könnte das Wirtschaftswachstum sogar um 1,4 Prozentpunkte geringer ausfallen. „Es gibt derzeit also deutliche Abwärtsrisiken für die Konjunktur“, so Nagel, der anlässlich des Wechsels im Amt des Präsidenten der Hauptverwaltung in Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt sprach.

Verbraucherpreise dürften weiter steigen

Die Teuerungsrate zeige seit einigen Monaten wieder deutlich nach oben. „Die Inflationsrate war bereits vor dem Krieg gegen die Ukraine sehr hoch. […] Durch den Energiepreisschub aufgrund des Krieges dürfte sich der Verbraucherpreisanstieg vor allem kurzfristig nochmals spürbar verstärken“, sagte Nagel. Der EZB-Rat müsse nun dafür sorgen, dass sich der starke Preisauftrieb nicht verfestige und zu einer überhöhten Inflation in der mittleren Frist führe.

Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik möglich

Nagel warnte in seiner Rede vor sogenannten Zweitrundeneffekten bei der Inflation. So könnte die niedrige Arbeitslosenquote und der zunehmende Fachkräftemangel die Lohndynamik verstärken. Zweitrundeneffekte könnten aber auch dadurch entstehen, dass die aktuelle Teuerungswelle die Inflationserwartungen steigen ließe und zwar umso stärker, je länger die hohe Teuerung anhalte. „Daher müssten die Notenbanken auf der Hut sein vor Aufwärtsrisiken für die Preisstabilität auf mittlere Sicht“, sagte Nagel. Das jetzige Umfeld spreche noch stärker als zuvor dafür, sich mit Blick auf den geldpolitischen Kurs alle Optionen offenzuhalten, damit der EZB-Rat bei Bedarf schnell reagieren könne. Für Nagel sei aber auch klar: „Wenn es der Preisausblick erfordert, müssen wir die Geldpolitik weiter normalisieren und auch beginnen, unsere Leitzinsen anzuheben.“ Sollten die Nettokäufe wie derzeit vorgesehen im dritten Quartal 2022 enden, würde das die Möglichkeit eröffnen, bei Bedarf die Leitzinsen noch in diesem Jahr anzuheben. „Bei aller Vorsicht angesichts der außergewöhnlichen Unsicherheit: Verschleppen sollten wir den Ausstieg aus der sehr lockeren Geldpolitik nicht“, so Nagel. „Sonst müssten die Zinsen später womöglich umso schneller oder höher steigen.“

Neue Präsidentin der Hauptverwaltung der Bun­des­bank in Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt

Bei der Feier zum Amtswechsel in Hannover begrüßte Nagel Corina Paetsch, die neue Prä­si­den­tin der Haupt­ver­wal­tung der Bun­des­bank in Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Paetsch, die bisherige Leiterin des Bereichs Innen- und Filialbetrieb in Hessen, folgt auf Stephan Freiherr von Stenglin, der Ende März in den Ruhestand tritt. „36 Jahre lang haben Sie die klare stabilitätspolitische Linie der Bundesbank im In- und Ausland vertreten“, sagte Bun­des­bank­prä­si­dent Joachim Nagel an Herrn von Stenglin gerichtet. Gleichzeitig habe der Volkswirt mit Begeisterung zu dem für die Arbeit der Notenbank so wichtigen Vertrauen beigetragen.