Weidmann bei seiner Rede an der Humboldt Universität Berlin

Weidmann: Alle sollten im Kampf gegen den Klimawandel mehr tun

Bundesbankpräsident Jens Weidmann sieht alle Institutionen in der Pflicht, sich zu fragen, wie sie im Rahmen Ihres Mandates zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen können: „Ich bin davon überzeugt, dass wir alle mehr tun können, um dem Klimawandel entgegenzuwirken, ohne dabei mit unseren ureigenen Aufgaben in Konflikt zu geraten. Und wir sollten auch mehr tun“, sagte Weidmann bei einer virtuellen Rede an der Goethe Universität Frankfurt. Gleichzeitig müssten die Arbeitsteilung und klar verteilte Verantwortlichkeiten zwischen den Politikbereichen gewahrt bleiben.

Klimabezogene finanzielle Risiken adäquat berücksichtigen

Weidmann machte deutlich, dass Notenbanken klimabedingte Entwicklungen und Risiken in ihren Analysen und Prognosen stärker berücksichtigen müssten. „Sowohl die physischen Auswirkungen des Klimawandels als auch der Übergang zu einer weniger kohlenstoffintensiven Wirtschaft können eine Quelle für finanzielle Risiken sein“, so Weidmann. Daher sollten Notenbanken auch klimabezogene Finanzrisiken in ihr Risikomanagement einbeziehen. Das gelte auch für finanzielle Risiken, die aus den geldpolitischen Operationen entstünden. „Aus diesem Grund hat das Eurosystem ein legitimes Interesse daran, klimabezogene finanzielle Risiken transparenter zu machen“, so Weidmann. „Meiner Ansicht nach sollten wir erwägen, im Rahmen geldpolitischer Geschäfte nur solche Wertpapiere zu kaufen oder als Sicherheiten zu akzeptieren, deren Emittenten bestimmte klimabezogene Berichtspflichten erfüllen“, sagte Weidmann.

Zudem könnte das Eurosystem prüfen, nur noch solche Ratings zu verwenden, die klimabedingte finanzielle Risiken angemessen einbeziehen. Mit solchen Maßnahmen könnte das Eurosystem dazu beitragen, Markttransparenz und Standards bei Ratingagenturen und Banken zu fördern. Zentralbanken könnten somit als Katalysator für den Wandel im Finanzsystem wirken und die Klimapolitiken in der EU unterstützen, ohne das eigene Mandat zu überdehnen. 

Notenbanken nicht mit Aufgaben überfrachten

Weidmann warnte in seiner Rede davor, Zentralbanken mit Aufgaben zu überfrachten. „Probleme entstehen dann, wenn Geldpolitik, Finanzaufsicht oder Bankenregulierung für andere Zwecke eingespannt werden sollen. Jeder dieser Bereiche hat bereits ein klar definiertes Ziel“, so Weidmann. Im schlimmsten Fall könnten die bisherigen Kernaufgaben ins Hintertreffen geraten, ohne dass die neuen Ziele erreicht würden. Deshalb sollte die Geldpolitik nicht zur Verfolgung klimapolitischer Ziele eingesetzt werden, zum Beispiel durch Bevorzugung „grüner“ Wertpapiere oder den Ausschluss von Anleihen CO2-intensiver Unternehmen. Anderenfalls bestünde die Gefahr von Interessenskonflikten. „Eine aktive Rolle in der Klimapolitik könnte unsere Unabhängigkeit untergraben und letztendlich unsere Fähigkeit gefährden, die Preisstabilität zu sichern“, so Weidmann.

Für den Klimaschutz sei entscheidend, dass die Emission von CO2 teurer würde. Hierfür seien Steuern und Emissionshandelssysteme effektive und effiziente Instrumente. Die Entscheidungen für den Einsatz dieser Instrumente seien Sache der Regierungen und Parlamente. Dabei ging Weidmann in seiner Rede auch der Frage nach, weshalb der Politik in der Praxis ehrgeizige und glaubwürdige Klimamaßnahmen so schwerfielen. So verweise die Literatur darauf, dass Regierungen einen Anreiz hätten, von angekündigten Maßnahmen abzuweichen, um kurzfristig andere Ziele zu verfolgen. Unternehmen fehle daher die klare Perspektive, die sie für die nötigen langfristigen Investitionen zur Transformation der Wirtschaft bräuchten. Um das Glaubwürdigkeitsproblem der Klimapolitik zu lösen, würde daher in der Literatur diskutiert, ähnlich wie im Fall der Geldpolitik die Aufgabe an eine unabhängige Institution – an eine unabhängige Klimabehörde – zu delegieren. Laut einer aktuellen Studien sei aber fraglich, ob in der Praxis eine solche Institution die Bedingungen erfüllen könne, damit sie wirklich eine überlegene Alternative darstelle. „Ohne eine weitere Diskussion auszuschließen, machen diese Überlegungen aber einen Punkt sehr deutlich: Notenbanken sollten nicht in die Rolle einer Klimabehörde schlüpfen“, so Weidmann.

EZB kündigt Schaffung eines Zentrums für den Klimawandel an

Auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde, die ebenfalls bei der Konferenz sprach, betonte, dass Notenbanken eindeutig nicht die Hauptakteure seien, wenn es darum gehe, die globale Erwärmung zu verhindern. „Aber die Tatsache, dass wir nicht auf dem Fahrersitz sitzen, bedeutet nicht, dass wir den Klimawandel einfach ignorieren können oder dass wir keine Rolle bei seiner Bekämpfung spielen“, sagte sie. Lagarde kündigte an, dass die EZB ein Zentrum für Klimawandel einrichten werde. Darin sollten die verschiedenen Fachkenntnisse und Arbeitsbereiche zum Thema Klima in der Notenbank effizienter zusammengeführt werden. „Der Klimawandel betrifft alle unsere Politikbereiche. Das Zentrum für Klimawandel bietet die Struktur, die wir brauchen, um das Problem mit der Dringlichkeit und Entschlossenheit anzugehen, die es verdient“, so die EZB-Präsidentin.