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Europa braucht mehr Eigenkapital

Europa braucht mehr Eigenkapital Gastbeitrag im Handelsblatt

26.05.2015 | Claudia Buch FR

Mit der Bankenunion hat Europa einen wichtigen Integrationsschritt vollzogen. Die zentrale Bankenaufsicht macht Krisen weniger wahrscheinlich und verbessert den Umgang mit Banken in Schieflagen. So können Krisen schneller überwunden werden. Nun präsentiert die EU-Kommission in einem Grünbuch neue Maßnahmen zur Entwicklung einer Kapitalmarktunion. Kurzfristig fordert sie hier vor allem neue Rahmenbedingungen für eine bessere Unternehmensfinanzierung über den Kapitalmarkt jenseits der Banken.

Sind zusätzliche Reformen derzeit wirklich nötig, braucht es zusätzliche Finanzierungswege und damit weniger bankbasierte Finanzierungsmodelle? Grundsätzlich lautet die Antwort "Ja", denn eine richtig ausgestaltete Kapitalmarktunion kann sowohl zu mehr Stabilität als auch zu mehr Wachstum beitragen und so eine doppelte Dividende liefern.

Gut entwickelte Finanzmärkte fördern Unternehmergeist, Innovationen und Investitionen. Eine besondere Rolle spielt die Finanzierung über Beteiligungskapital. So können sich Gründer über Wagnisfinanzierungen nicht nur Finanzmittel beschaffen, sondern auch Erfahrung in die Unternehmensführung holen. Die externe Finanzierung vieler Unternehmen in Europa basiert jedoch in hohem Maße auf Fremdkapital, vor allem auf Bankkrediten.

Volkswirtschaften mit größeren Bankensystemen wachsen zwar zunächst schneller. Es gibt jedoch einen Wendepunkt, an dem ein weiteres Wachstum der Finanzbranche das Wirtschaftswachstum nicht mehr vorantreibt, sondern hemmt. Es spricht einiges dafür, dass die Fremdkapitalfinanzierung in Europa über ein gesundes Maß hinausgewachsen ist. Beleg dafür sind nicht zuletzt der hohe Anteil Not leidender Forderungen in den Bilanzen der Banken.

Zudem beeinflusst die Struktur der Finanzierung die Stabilität des Finanzsektors. Fremdkapital hat sich als deutlich anfälliger für die grenzüberschreitende Kapitalflucht im Euro-Raum erwiesen als die Finanzierung über Eigenkapital. Ein Vorteil von Eigenkapital ist, dass es über Dividendenzahlungen eine wichtige Pufferfunktion aufweist, über die realwirtschaftliche Schocks abgefedert werden. Ein höherer Anteil von Fremdkapital verstärkt hingegen konjunkturelle Schwankungen, weil Unternehmen und Haushalte in einem Abschwung versuchen, den Verschuldungsgrad zu reduzieren. Grenzüberschreitende Unternehmensbeteiligungen ermöglichen eine bessere Verteilung von Risiken zwischen Ländern und wären gerade im Euro-Raum wichtig, weil der nominale Wechselkurs fehlt, um länderspezifische makroökonomische Schocks aufzufangen.

Um mehr Wachstum und mehr Stabilität zu ermöglichen, sollte die Kapitalmarktunion drei Schwerpunkte setzen:

Erstens sollten Reformen die Restrukturierung von Schulden erleichtern und den Abbau von Altlasten in den Bankbilanzen beschleunigen. Eine stärkere Harmonisierung von Eckpunkten des Insolvenzrechts könnte hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten.

Zweitens sollten Hemmnisse beseitigt werden, die eine nachhaltige Entwicklung der Kapitalmärkte und insbesondere ein stärkeres Zusammenwachsen der europäischen Märkte für Eigenkapital behindern. Auf Aktienmärkten wird nur ein Teil des Eigenkapitals gehandelt, während der größere Teil in den Unternehmen gebunden ist und nur schwer gehandelt werden kann. Internationale Unternehmensübernahmen können ein Kanal für zusätzliche Mobilität von Eigenkapital sein. Rechtliche und institutionelle Barrieren stehen solchen Übernahmen aber oft im Wege. In den meisten Ländern wird durch den steuerlichen Abzug des Zinsaufwandes zudem immer noch die Fremd- gegenüber der Eigenkapitalfinanzierung bevorzugt.

Drittens sollte die Kapitalmarktunion nicht als Hebel für andere Politikziele genutzt werden. Kleine und mittelständische Unternehmen brauchen vor allem offene Märkte und niedrige Eintrittsbarrieren. Eine staatliche Lenkung von Investitionen in bestimmte Anlageklassen fördert hingegen das Eingehen überhöhter Risiken und begünstigt so die Fehlallokation von Kapital. Sie steht dem Ziel entgegen, durch offene Märkte gute Wettbewerbsbedingungen für mehr Innovationen zu schaffen.

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