Ich bin die ganze Lehman-Nacht im Büro geblieben Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Sabine Lautenschläger
Sabine Lautenschläger

Es war noch sehr früh an jenem Montagmorgen: Gegen fünf Uhr hat die US-amerikanische Aufsicht uns in einem Conference Call über die Lehman-Pleite informiert. Damals war ich noch nicht bei der Bundesbank, sondern Chefin der Bankenaufsicht bei der Bafin. Ich hatte nicht geschlafen, sondern die ganze Nacht in der Bafin verbracht.

Es hatte sich bereits am Wochenende davor abgezeichnet, dass es für Lehman knapp werden könnte. Aber ich habe bis zum Schluss geglaubt, die US-Amerikaner würden die Bank retten. Es war für uns einfach unvorstellbar, dass sie das Risiko eingehen würden, eine Bank von diesem Ausmaß fallen zu lassen.

Einige Monate zuvor hatten die Amerikaner Bear Stearns gerettet. Danach hat sich die Lage zwar etwas beruhigt aber zugleich diskutierte die amerikanischen Öffentlichkeit die Gefahr des "Moral Hazard". Und dann wurde klar, dass Lehman Hilfe braucht. Schon am Freitag vor der Lehman-Insolvenz kamen bei mir die ersten besorgten Anrufe an, auch von Kollegen aus internationalen Gremien.

An dem Wochenende bildeten wir dann ein kleines Team, das die ganze Zeit im Büro war. Drei Personen gehörten zum Kern: Eine Kollege aus der Rechtsabteilung und der Aufseher, der für das Institut zuständig war, standen mir dabei zur Seite. Dazu kamen Bundesbankkollegen, die sich durch jede Bilanzposition wühlten. Lehman hatte in Deutschland nur eine relativ kleine Niederlassung, deshalb war unser Stab in diesem Fall auch klein. Als die HRE gerettet werden musste, war eine deutlich größere Mannschaft im Einsatz.

Am Wochenende stand das Telefon kaum still. Wir wussten aus verschiedenen Quellen, dass mehr als eine amerikanische Bank Schwierigkeiten hatte. Ich hatte mir die Zahlen für Lehman Deutschland und die Telefonliste der Ansprechpartner herausgesucht. Dazu gehörten Ansprechpartner bei der Einlagensicherung ebenso wie beim Bundesfinanzministerium.

Am Samstag telefonierten wir mit US-Aufsehern, die uns immer nur sagten: "Wir verhandeln, es gibt noch keine Einigung." Wenn ich nachgefragt habe, "Welche Lösung wird diskutiert?", bekam ich immer nur zur Antwort, man könne nichts sagen: "I'm so sorry".

Am Sonntagabend wurde das Problem immer konkreter. In der Nacht fragten wir uns: "Was hat das für Auswirkungen? Wer ist direkt betroffen? Welche deutschen Banken müssen ab jetzt enger überwacht werden?" Und Montag früh hatte wir Gewissheit: Die US-Amerikaner ließen Lehman fallen, die Bank war pleite. Meine erste Reaktion war: "Die machen das wirklich". Die direkten Auswirkungen auf die deutschen Institute waren überschaubar, größere Sorgen machten wir uns um die indirekten Folgen der Insolvenz: Am Morgen habe ich die deutsche Lehman-Tochter geschlossen, und zwar telefonisch. Das war außergewöhnlich: Normalerweise wird das Moratorium per Post zugestellt, doch bei Lehman eilte es.

Aus meiner Sicht sind viele richtige Konsequenzen aus den Lehman-Erfahrungen gezogen worden. Es ist richtig, dass Banken jetzt mehr Kapital und Liquidität vorhalten müssen. Die Aufseher beachten nun bei der Bewertung des Marktrisikos auch Stressszenarien stärker als früher. Das hat zur Folge, dass Banken heute ihre Marktrisiken mit dem zwei- bis dreifachen an Kapital unterlegen müssen. Wichtig sind auch die inzwischen zahlreicheren Kompetenzen für die Bankenaufsicht: Sie kann jetzt sehr viel früher und bedeutend härter eingreifen.