„Unsolide Staatsfinanzen sind ein Risiko“ Interview in der Welt am Sonntag

Das Gespräch mit Jens Weidmann führten Anja Ettel, Olaf Gersemann und Holger Zschäpitz

Deutschland hat gerade eine Schockinflation vermeldet: 3,8 Prozent, das ist die höchste Rate seit 1993. Wissen Sie noch, wie hoch die Leitzinsen damals standen? 

Sie waren natürlich deutlich höher. Aber die damalige Situation war ja auch grundlegend anders.

Damals steckte Deutschland mitten im Wiedervereinigungsboom. Normal war die Lage also auch nicht.

Genau. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass damals die Konjunktur heiß lief und die Teuerung bereits hoch war und weiter zu steigen drohte. Deshalb hob die Bundesbank die Leitzinsen zeitweise auf über acht Prozent an. Heute ist die Lage eine völlig andere. Trotz kräftiger Erholung haben wir die schwerste Rezession der Nachkriegsgeschichte immer noch nicht vollständig überwunden. Wir kommen aus einer Phase, in der der Preisdruck jahrelang schwach war. Und auch von Schockinflation kann keine Rede sein. Es war absehbar, dass eine Reihe von vorübergehenden Sonderfaktoren die Teuerung nach oben treiben würde. Allen voran ist das der Wegfall der Mehrwertsteuersenkung. Zum Jahresende kann die Inflation daher kurzfristig in Richtung fünf Prozent steigen, bevor sie wieder deutlich sinkt.

Die EZB hat klargemacht, dass sie an den extrem niedrigen Zinsen und an den Anleihekäufen nichts ändern wird. Können Sie verstehen, dass das die Deutschen sehr beunruhigt?

Wir sollten wachsam sein und die Entwicklung genau im Auge behalten. Sie dürfen aber nicht vergessen: Der EZB Rat macht keine Geldpolitik für Deutschland, sondern für den Euro-Raum insgesamt. Deutschland trägt zwar ein gutes Viertel zur Inflation im Euro-Raum bei. Im Rest der Währungsunion ist der Preisdruck derzeit aber erheblich niedriger als hierzulande. Die EZB muss das berücksichtigen und darf sich nicht an einzelnen Ländern ausrichten. Außerdem hat der EZB-Rat auch gesagt, dass der Kurs gestrafft wird, wenn die Preisaussichten für den Euro-Raum künftig klar jenseits der zwei Prozent liegen.

Aber Sie können doch nicht Millionen Deutsche ignorieren, die vielleicht mit einer Lebensversicherung fürs Alter vorsorgen oder Geld auf dem Konto gebunkert haben und jetzt mit ansehen müssen, wie die Kaufkraft schwindet.

Die niedrigen Zinsen machen sichere Anlagen weniger attraktiv, und ich verstehe die Unzufriedenheit. Der Niedrigzins dient aber dazu, dass wir unseren gesetzlichen Auftrag der Preisstabilität erfüllen. Wir lagen längere Zeit unter unserem Ziel, und die aktuellen Prognosen zeigen dies für die kommenden Jahre auch wieder an. Wir streben an, dieses Ziel wieder sicher und nachhaltig zu erreichen. Wir dürfen uns nicht drängen lassen, andere Ziele zu verfolgen, etwa Mindestrenditen auf bestimmte Anlageformen zu gewährleisten oder die Solvenzprobleme von Staaten zu lösen.

Die Frage ist, ob Sie überhaupt je wieder loskommen von den niedrigen Zinsen. In Italien wird bereits unverhohlen gefordert, dass die EZB in die Staatsfinanzierung einsteigen soll.

Die EU-Verträge verbieten es eindeutig, dass wir die Staaten finanzieren. Für mich ist wichtig, dass wir die Geldpolitik rechtzeitig wieder normalisieren, wenn es die Preisaussichten erfordern. Wir müssen sorgfältig beobachten, ob sich der Preisdruck tatsächlich so abschwächt, wie in unseren Prognosen erwartet. Ich halte auch höhere Inflationsraten nicht für ausgeschlossen.

Die EZB rechnet mit 1,4 Prozent Teuerung im Jahr 2023. Sie meinen, es könnte schlimmer kommen?

Die Unsicherheit ist im Moment außerordentlich hoch. Einerseits war der Preisdruck in den letzten Jahren auch bei guter Wirtschaftslage eher schwach, und die Pandemie ist nach wie vor ein Konjunkturrisiko. Andererseits könnten die Engpässe, die wir im Moment in vielen Branchen sehen, zu höheren Preisen führen. Auch der in der Pandemie aufgestaute Konsum könnte zu einem stärkeren Nachfrageschub führen, als wir es derzeit erwarten. Und wenn sich das in höheren Inflationserwartungen und Löhnen niederschlägt, kann sich selbst ein anfänglich nur vorübergehender Preisschub fortsetzen und die Inflation auch mittelfristig erhöhen. Genau deshalb habe ich im Rat dafür geworben, den sehr expansiven Kurs nicht für zu lange festzuschreiben.

Sie wurden überstimmt. Verkennt der EZB-Rat eine Gefahr?

Nein, aber viele Kollegen haben die genannten Risiken anders gewichtet. Christine Lagarde hat außerdem deutlich gemacht, dass der EZB-Rat jederzeit nachsteuern kann –in beide Richtungen. Ich werde jedenfalls darauf drängen, auch das Risiko einer zu hohen Inflationsrate genau im Blick zu behalten und nicht nur auf das Risiko einer zu niedrigen Inflationsrate zu schauen.

Deflation kann auch positiv sein, wenn die Digitalisierung Produkte wie das Handy immer billiger macht.

Natürlich können die Preise einzelner Produkte auch erheblich sinken, und das ist dann in der Tat kein Problem. Aber wenn die Preise auf breiter Front sinken, droht eine lähmende Abwärtsspirale. Die Digitalisierung ist übrigens nicht zwangsläufig mit dauerhaft sinkenden
Preisen verbunden. Es bilden sich etwa mächtige Plattformen im Internet, die potenziell irgendwann die Preise diktieren können, weil der Wettbewerb abnimmt. Anhaltender Preisdruck kommt auch über die Klimapolitik. Nach unseren Berechnungen hebt beispielsweise allein der bereits vom Bund beschlossene Pfad der CO2-Preise die Teuerungsrate in Deutschland um im Mittel etwa 0,2 Prozentpunkte pro Jahr an.

Treibt nicht auch das Schuldenmachen langfristig die Inflation?

Unsolide Staatsfinanzen sind ein Risiko, das hat sich leider oft genug gezeigt. Deshalb darf die Geldpolitik nicht ins Schlepptau der Fiskalpolitik geraten. Die EZB ist wie gesagt nicht dazu da, sich um die Solvenzsicherung der Staaten zu kümmern. Zudem brauchen wir verlässliche Fiskalregeln, die wirklich bindend sind. Sobald die Pandemie überwunden ist, muss sichergestellt sein, dass die sehr hohen staatlichen Schuldenquoten wieder sinken.

Als Verteidiger des Stabilitätspakts sind Sie selbst in Deutschland inzwischen ziemlich einsam. Die Stimmung hat sich in Richtung einer lockeren Ausgabenpolitik gedreht.

So einsam fühle ich mich da eigentlich nicht. Unstrittig ist, dass wir mit der Pandemie eine außergewöhnliche Situation hatten. Es war richtig, in dieser Situation massiv fiskalisch gegenzuhalten. Genau für solche Fälle gibt es ja die Ausnahmeklauseln in den Fiskalregeln. Man kann auch darüber diskutieren, diese Regeln hier und da nachzujustieren. Es wäre allerdings falsch, die Ausnahmen über den Notfall hinaus zu verlängern oder die Fiskalregeln grundsätzlich infrage zu stellen. Regeln mit genug Biss, um den Schuldenanstieg verlässlich zu begrenzen, sind unverzichtbar.

Trotzdem droht eine potenzielle Konfrontation mit der Fiskalpolitik. Ist die EZB dafür gerüstet?

Die Zentralbanken im Euro-Raum genießen rechtlich einen hohen Grad an Unabhängigkeit, um sich auf ihr Primärziel Preisstabilität konzentrieren zu können. Auf dieser Grundlage müssen wir immer wieder klarmachen, dass wir die Geldpolitik straffen werden, wenn die Preisaussichten dies erfordern.
Wir können dann auf die Finanzierungskosten der Staaten keine Rücksicht nehmen. Die Euro-Staaten haben zuletzt Anleihen mit längeren Laufzeiten emittiert. Für sich genommen, verschafft ihnen das mehr Zeit, bis sich eine Zinserhöhung im Haushalt niederschlägt. Die umfangreichen Anleihebestände der Notenbanken laufen dem aber entgegen. Dadurch sind die Staatsfinanzen wieder stärker von Zinserhöhungen betroffen.

Sehen die anderen Notenbanker im Rat es auch so, dass die EZB keine Rücksicht auf die Fiskalpolitik nehmen kann, wenn die Inflation aus dem Ruder läuft?

Daran sollte kein Zweifel bestehen. Sonst würde der EZB-Rat seiner Aufgabe nicht gerecht werden.

Der EZB-Rat hat eine neue Strategie festgelegt. Ein Ziel war, einfacher zu kommunizieren. Finden Sie, dass das gelungen ist?

Die ökonomischen Zusammenhänge sind komplex, die Unsicherheit über zukünftige Entwicklungen kann hoch sein, und Entscheidungen sind eben oft Kompromisse. Da sind dann auch mal etwas differenziertere Erläuterungen notwendig. Aber unsere Zielformulierung ist klarer und einfacher geworden. Vorher war unklar, was mit „unter, aber nahe zwei Prozent“ genau gemeint sein könnte. So wurde darüber spekuliert, ab wann eine niedrigere Inflationsrate für den EZB Rat nicht mehr tolerierbar war. Das neue Ziel von zwei Prozent ist um einiges deutlicher.

Auch da ist doch nicht klar, ob die EZB bei 1,9 Prozent Inflation handeln sollte oder 2,5 Prozent noch okay sind, wie es manche Ihrer Ratskollegen andeuten.

Natürlich muss die neue Strategie über die Zeit erst noch mit Leben gefüllt werden. Und es ist auch normal, dass nicht jeder im EZB-Rat die einzelnen Elemente der Strategie immer völlig gleich interpretiert. Auf jeden Fall haben wir ein symmetrisches Ziel von zwei Prozent verabredet. Abweichungen nach oben oder unten sind also gleichermaßen unerwünscht. Das hilft, die Inflationserwartungen zu verankern. Dadurch sollten wir auch seltener an die Zinsuntergrenze stoßen und müssen weniger auf unkonventionelle Maßnahmen und Notprogramme zurückgreifen. Wichtig ist, dass wir diese Maßnahmen wieder zurückfahren, sobald die Lage sich normalisiert.

Genau das ist doch das Problem. Wie wollen Sie angesichts der widerstrebenden Interessen jemals die Anleihekäufe wieder einstellen?

Das Notfall-Kaufprogramm PEPP muss beendet werden, wenn die Krise zu Ende ist. Das erste P steht schließlich für pandemisch und nicht für permanent. Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit. Unser anderes Kaufprogramm, APP, soll die Preisentwicklung stützen. Auch das werden wir einstellen, sobald es der Preisausblick hergibt.

Wäre eine Zinswende denkbar, solange das Anleihekaufprogramm noch läuft?

Ich gehe davon aus, dass zuerst die Nettokäufe beendet und dann die Zinsen erhöht werden –auch weil die Anleihekäufe stärkere Nebenwirkungen haben. Die Reihenfolge wäre dann: Erst beenden wir das PEPP, dann wird das APP zurückgefahren, und dann können wir die Zinsen anheben.

Klingt nicht, als ob deutsche Sparer bald wieder mit Zinsen rechnen können. Wann wird es so weit sein?

Wie gesagt, wenn die Preisaussichten dies zulassen, werden die Zinsen steigen. Ich kann Ihnen aber keinen genauen Zeitpunkt nennen.

Viele Ökonomen rechnen damit, dass es bis Ende des Jahrzehnts keine wirklichen Zinsen geben wird.

Das kann niemand verlässlich sagen. Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell sich die Dinge unerwartet ändern können. Ich persönlich erwarte, dass sich der Preisauftrieb in den nächsten Jahren nachhaltig beschleunigen wird und wir dann auch höhere Zinsen sehen werden.

Was sollen die deutschen Sparer bis dahin tun?

Es kommt auf das Ziel des Vermögensaufbaus, den Anlagehorizont und die Risikobereitschaft an. Nach wie vor gilt: Wer eine höhere Rendite erreichen will, muss höhere Risiken in Kauf nehmen. Konkrete Anlageempfehlungen gebe ich aber grundsätzlich nicht.

Dann sagen Sie uns doch, wie Deutschlands oberster Geldhüter sein eigenes Geld anlegt und wie hoch die Aktienquote ist.

Ich persönlich lege schon seit Langem einen Teil meiner Ersparnis in Aktien an. Konkret investiere ich regelmäßig in Indexfonds, um meine Anlagen breit zu streuen und mögliche Interessenkonflikte zu vermeiden.
 

© Welt am Sonntag. Alle Rechte vorbehalten.