Geldvermögensbildung und Außenfinanzierung in Deutschland im ersten Quartal 2020 Sektorale Ergebnisse der gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung

15.07.2020 | Deutsche Bundesbank EN

Zum Ende des ersten Quartals 2020 betrug das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland 6 337 Mrd €. Im Vergleich zum Vorquartal lag es damit um 128 Mrd € oder 2,0 % niedriger. Die privaten Haushalte bauten zwar Forderungen im Wert von 90 Mrd € auf, erlitten aber gleichzeitig Bewertungsverluste im Umfang von 218 Mrd €. Diese waren in erster Linie auf die Kursstürze am Kapitalmarkt zurückzuführen, die durch die Pandemie und die Unsicherheit über ihre wirtschaftlichen Folgen ausgelöst wurden. Die Verbindlichkeiten legten im ersten Quartal 2020 um 14 Mrd € zu und damit ähnlich stark wie im Vorquartal. Insgesamt fiel damit das Nettogeldvermögen deutlich um 142 Mrd € auf 4 447 Mrd €.

Nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften in Deutschland griffen im Berichtsquartal stärker auf Außenfinanzierungsmittel zurück. Die treibende Kraft waren dabei die Kredite, welche transaktionsbedingt um 24 Mrd € erhöht wurden. Per saldo emittierten nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften im Berichtsquartal zudem Schuldverschreibungen in Höhe von 6 Mrd € sowie Aktien und sonstige Anteilsrechte im Umfang von 7 Mrd €.

Geldvermögen der privaten Haushalte mit deutlichen Bewertungsverlusten

Im ersten Quartal 2020 mussten die privaten Haushalte erhebliche Bewertungsverluste hinnehmen. Dies betraf insbesondere Aktien und sonstige Anteilsrechte (-101 Mrd €), gefolgt von den Anteilen an Investmentfonds (-83 Mrd €).

Die transaktionsbedingte Geldvermögensbildung der privaten Haushalte erreichte im Berichtsquartal mit per saldo rund 90 Mrd € einen historischen Höchstwert. Hierzu trugen insbesondere Nettokäufe von Aktien und sonstigen Anteilsrechten (Beteiligungen) bei. Diese lagen mit 14 Mrd € sehr deutlich über dem Wert aus dem Vorquartal. Daneben stellten Zuflüsse in Bargeld und Einlagen in Höhe von 24 Mrd € einen erheblichen Teil der Geldvermögensbildung dar. Ansprüche gegenüber Versicherungen wurden um 23 Mrd € aufgestockt und hatten somit einen erheblichen Anteil an der Geldvermögensbildung. Ihre Anlagen in Sparbriefen und Spareinlagen reduzierten die Haushalte hingegen um 11 Mrd € und damit noch stärker als im Vorquartal.

Das Anlageverhalten der privaten Haushalte an den Kapitalmärkten war im Berichtsquartal von einem kräftigen Nettozufluss in inländische Aktien in Höhe von 8 Mrd € geprägt. Auch in börsennotierte ausländische Aktien und Investmentfonds waren Zuflüsse zu beobachten. Ihre Bestände an Schuldverschreibungen reduzierten die privaten Haushalte im ersten Quartal 2020 hingegen erneut in einem ähnlichen Umfang wie in den zwei vergangenen Quartalen.

Der Anstieg der Verschuldung der privaten Haushalte lag mit 13 Mrd € etwas unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahre. Zur Nettokreditaufnahme trugen in diesem Quartal erneut vornehmlich die Kredite bei monetären Finanzinstituten bei. Dabei handelte es sich wie in den Vorquartalen überwiegend um Wohnungsbaukredite.

Bis zum Ende des Berichtsquartals stiegen die gesamten Verbindlichkeiten der privaten Haushalte um knapp 1% auf 1 890 Mrd €. Die Verschuldungsquote der privaten Haushalte, definiert als Summe der Verbindlichkeiten in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt (gleitende Vierquartalssumme), legte damit im Vergleich zum Vorquartal um 0,4 Prozentpunkte auf 55 % zu. Dieser Anstieg ist zum Teil auf eine höhere Verschuldung der privaten Haushalte zurückzuführen, aber auch auf die verhaltene Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Aktivität aufgrund der Covid-19-Pandemie. Insgesamt betrachtet führte die Entwicklung von Geldvermögen und Verbindlichkeiten zu einem Rückgang des Nettogeldvermögens der privaten Haushalte um 142 Mrd € auf 4 447 Mrd €.

Verschuldungsquote nichtfinanzieller Kapitalgesellschaften stark gestiegen

Die Geldvermögensbildung der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften war im ersten Quartal 2020 mit insgesamt 43 Mrd € relativ kräftig. Hierzu trugen insbesondere Nettokäufe von Aktien und sonstigen Anteilsrechten in Höhe von 50 Mrd € bei. Sonstige Forderungen wurden geringfügig abgebaut (-5 Mrd €).

Diesen positiven Impulsen aus Transaktionen standen jedoch – wie auch bei den privaten Haushalten – deutliche Bewertungsverluste gegenüber. So erlitten die Anlagen nichtfinanzieller Kapitalgesellschaften in Form von Aktien, Investmentfondsanteilen und sonstigen Anteilsrechten im Berichtsquartal Wertverluste in Höhe von 265 Mrd €. Per saldo ging das Geldvermögen der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften hierdurch um 234 Mrd € zurück. Dies ist der stärkste Rückgang seit 2002.

Die Außenfinanzierung war mit 30 Mrd € im Berichtsquartal recht hoch. Dies lag unter anderem daran, dass nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften verstärkt Mittel aufnahmen, um fehlende Einnahmen auszugleichen und künftigen Liquiditätsengpässen vorzubeugen. So trug allen voran die Kreditfinanzierung in Höhe von 24 Mrd € zu dieser Entwicklung bei. Über inländische Banken wurden dabei per saldo 10 Mrd € neu aufgenommen. Bei ausländischen Kreditgebern nahmen nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften weitere 17 Mrd € in Anspruch. Auch auf dem Kapitalmarkt sammelten die nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften im Berichtsquartal vergleichsweise hohe Summen ein: Durch Emissionen von Schuldverschreibungen flossen ihnen rund 6 Mrd € zu, zudem wurden Anteilsrechte und Aktien im Umfang von knapp 7 Mrd € ausgegeben. Gedämpft wurde der Anstieg der Außenfinanzierung dagegen durch einen Abbau der sonstigen Verbindlichkeiten um 10 Mrd €, die unter anderem Anzahlungen und Handelskredite umfassen.

Da die Verbindlichkeiten in der Finanzierungsrechnung grundsätzlich zu Markwerten ermittelt werden, beeinflussten die Bewegungen an den Aktienmärkten auch die Passivseite der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften in nennenswertem Umfang, und zwar in Form eines per saldo geringeren Wertes der ausgegebenen Anteilsrechte. Unter Berücksichtigung sämtlicher Transaktionen und Bewertungseffekte führte dies im Ergebnis sogar zu einem deutlichen Anstieg des Nettogeldvermögens der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften in Höhe von 280 Mrd €. Zum Ende des ersten Quartals 2020 belief es sich auf -1 680 Mrd €. Die Verschuldungsquote der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften, welche anhand der Summe der Kredite, Schuldverschreibungen und Pensionsrückstellungen in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt (gleitende Vierquartalssumme) berechnet wird, stieg hingegen um 1,1 Prozentpunkte auf nunmehr 68,9 %. Damit war die Verschuldungsquote so hoch wie zuletzt 2004. Ursächlich für den sprunghaften Anstieg war – wie auch bei den privaten Haushalten – insbesondere die gestiegene Verschuldung in Verbindung mit der rückläufigen gesamtwirtschaftlichen Aktivität.