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Bargeld in der Volkswirtschaft

Bargeld in der Volkswirtschaft Bargeldsymposium der Deutschen Bundesbank

10.10.2012 | Frankfurt am Main | Carl-Ludwig Thiele

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

das heutige Bargeldsymposium der Deutschen Bundesbank, erstmalig in der Geschichte dieser Institution veranstaltet, wird unterschiedliche Facetten eines volkswirtschaftlich hochbedeutenden Mediums in Fachvorträgen und Podiumsdiskussionen aufleuchten lassen, und am Ende wird die eine oder der andere das täglich so beiläufig verwendete Bargeld mit anderen Augen und differenzierter sehen können.

Ich freue mich, dass die drei Säulen der deutschen Kreditwirtschaft, Präsident Fahrenschon vom Sparkassen- und Giroverband, Präsident Uwe Fröhlich vom Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken und Herr Michael Kemmer als Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der deutscher Banken heute Vormittag zu uns sprechen werden. Ebenso freue ich mich, dass heute Nachmittag Prof. Dr. Gottfried Gabriel von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Herr Peter Praet als Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank und Herr Helmut Rittgen als Zentralbereichsleiter Bargeld zu uns sprechen werden.

Bargeld – meine sehr verehrten Damen, meine Herren – ist eine Erfolgsgeschichte, gründend auf den drei Säulen Tradition, Identifikation und Innovation; dazu gleich mehr.

Nach dem zum Haushund domestizierten Wolf dürfte das Geld wahrscheinlich der treueste Begleiter des Menschen in dessen Geschichte sein.

Seine wirtschaftlichen und damit eng verknüpft auch seine sozialen ‚Leistungen‘ sind unbestritten, mögen auch einige seiner Kritiker in ihm ‚Die Wurzel alles Bösen‘ sehen.

Schon der Volksmund weiß: „Nur Bares ist Wahres.“ Doch bevor ich Ihnen, in aller gebotenen Kürze, die Verdienste des Bargeldes darlege, erlauben Sie mir noch eine kurze, aber wichtige Erklärung:

Wenn ich heute zu Ihnen über Bargeld spreche, so spreche ich natürlich auf die beiden Formen des Geldes an, die ein jeder von uns tagtäglich handhabt – Banknoten und Münzen. Deren Entstehung und Entwicklung sind mittlerweile recht gut erforscht, wohingegen sich die Anfänge des Geldes im Dunkel der Geschichte verlieren.

Warum diese Unterscheidung? Banknoten und Münzen sind immer Geld. Geld „an sich“ ist eine Illusion, eine Übereinkunft, jedwedem Gegenstand in einer Lebensgemeinschaft, sei es Dorf, Stadt oder Land, Zahlungsmitteleigenschaft verleihen zu können.

Denken Sie zum Beispiel an die Kleingeldknappheit im Italien der 1970er Jahre: Bonbons, Kaugummis und Telefonchips waren plötzlich ‚Geld‘. Oder denken Sie an Biermarken in Vereinen oder Volksfesten.

Gestatten Sie mir, mit Ihnen zum Auftakt und zur Einstimmung auf das Thema einen kurzen Gang durch die Geschichte des Bargeldes zu unternehmen und die Spuren seines Wirkens zu verfolgen.

In unserem Kulturkreis wird die Münze um die Mitte des siebten Jahrhunderts v. Chr. im östlichen Ägäisraum ‚erfunden‘.  

Damit hätten wir das ‚wann‘ und ‚wo‘ – es fehlt uns nur noch das ‚warum‘.

Und hier wird es kompliziert. Warum braucht der Mensch die Münze, nachdem er jahrtausendelang bei seinen ökonomischen Transaktionen ohne sie ausgekommen ist?

Im Grunde brauchte er sie auch weiterhin nicht, sie entsteht jedoch zunächst aus Prestigegründen, als Auszeichnungsobjekt der Führungselite, um dann recht zügig ökonomische Funktionen zu übernehmen.

Die Funktion als Massenkommunikationsmittel bleibt selbstredend erhalten. Die optisch wohl stärkste Botschaft vermittelt die ‚Blaue Mauritius‘ der antiken Numismatik. Das absolute Highlight im Geldmuseum der Deutschen Bundesbank: Eine nur in diesem einen, zweifelsfrei echten, Exemplar erhaltene goldene Gedenkprägung aus dem Jahr 43 v. Chr., die die Ermordung des Gaius Iulius Caesar durch Brutus und seine Mitverschwörer feiert. Dargestellt beziehungsweise genannt werden der Mörder (nämlich Brutus), die Mordwaffen (Dolche), der Tag der Tat (die Iden des März) und der Grund der Ermordung des Iulius Caesar (in Form der Freiheitskappe zwischen den Dolchen).

Das Bild über der Münzinschrift war für die Römer eindeutig: Die Dolche, die den Tyrannen töteten, hatten den Sklaven die Freiheit wiedergegeben, hier

symbolisiert durch die Mütze, die die Sklaven bei ihrer Freilassung erhielten. Weltgeschichte auf einer einzigen 2.000 Jahre alten Münze!

Hoffnungsvoll dagegen die behutsame Pflanzerin auf dem letzten deutschen 50 Pfennigstück – Sinnbild für Neuanfang und Wiederaufbau nach Zerstörung, Verwüstung und Leid.  

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Münze ist auch ein Demokratisierungsmittel, das jedem die Möglichkeit gibt, Reichtum zu erwerben, zu bewahren und im Bedarfsfall wieder einzusetzen – die Auflösung der seit Jahrtausenden existierenden Verteilungsgesellschaft von ‚oben nach unten‘.

Das neue Medium verbreitet sich explosionsartig, eigentlich schon der beste Beweis für dessen Genialität.

Und es hat, allen temporären Problemen zum Trotz, zweieinhalb Jahrtausende überlebt. Und es wird, allen Unkenrufen zum Trotz, weiter existieren.

Unbestritten dürfte sein, dass Geld in seiner Funktion als Recheneinheit zur Arbeitsteilung beigetragen hat. Solange jeder nur das produzierte, was er selbst zu verzehren gedachte, gab es keinen Bedarf Güter zu tauschen. Mit dem Wunsch des Erwerbs anderer Güter entstanden in der reinen Tauschwirtschaft Bewertungsprobleme. Nutztiere, insbesondere die Kuh oder das Rind, wurden als Maßstab für einen Wertevergleich herangezogen.

Mit der Erfindung von Geld konnte der Wert der produzierten Waren bestimmt werden. Das erleichterte den Handel. Erst Geld erschloss das große

Potenzial, das in der Arbeitsteilung steckte. Bargeld hat somit eine zentrale Funktion bei den ersten Entwicklungsstufen hin zu einer Industriegesellschaft eingenommen.

Bargeld hat mit Beginn seiner Nutzung erhebliche Ressourceneinsparungen gebracht. Die Kosten für den Transport und die Informationsbeschaffung, der Zeitaufwand und die Kosten für die effektive Warenübergabe wurden mit der Einführung von Bargeld als Zwischengut und Recheneinheit enorm reduziert. Die so frei gesetzten Ressourcen konnten in einer sich weiter entwickelten Gesellschaft anderweitig eingesetzt werden und – soweit entsprechend eingesetzt – den Wohlstand einer Gesellschaft mehren.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, Geld hat kein Verfallsdatum. In Bargeld wurde der Wert der verkauften Ware gespeichert und machte es möglich, diesen Wert in einer Periode in der Zukunft zu übertragen.

Eine vermeintliche Konkurrenz erwächst dem Münzgeld bereits im Mittelalter durch die Einführung bargeldloser Wertübertragungen in Form von Wechseln – aber das wäre dann ein Thema für ein Symposium meines zweiten Zentralbereichs ‚Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme‘.

Die Bedeutung des Bargelds schwindet dadurch keineswegs, denn als Deckung der bargeldlosen Zahlungen ist es weiterhin unabdingbar.

Wie müssen wir uns die Monetarisierung in Antike und Mittelalter vorstellen und welche Rolle übernimmt das Münzgeld? In der Forschung ist dieses Thema heftig diskutiert.

Die landläufige Meinung geht davon aus, dass sich Geld in den Städten mit ihrer arbeitsteiligen Wirtschaft konzentriert und als agens, als verursachende Kraft einer prosperierenden und sich immer weiter ausdifferenzierenden Ökonomie wirkt; für ländliche Regionen mit weitestgehender Eigenversorgung der Bevölkerung spielte Geld kaum eine Rolle.  Im Großen und Ganzen mag diese Annahme zutreffen, aber auch die Landbevölkerung brauchte Bares, zumindest für die Entrichtung von Steuern.

Schnell wachsende Städte mit zunehmendem Lokal- und sich ebenfalls ausweitendem Fernhandel stellen neue Anforderungen an das Bargeld.

Größere Nominale in Silber und nun auch in Gold sind erforderlich, um große Summen in physisch kleinen Bargeldmengen transferieren zu können – Groschen, Gulden, Taler lösen seit dem 13. Jahrhundert schrittweise den bis dahin allein existierenden Pfennig ab.  

Die Neuzeit bringt auf dem Bargeldsektor zwei Neuerungen mit ungeheurer Wirkungskraft hervor, die bis heute nicht nachgelassen hat: Das 17. Jahrhundert das Papiergeld und das 18./19. Jahrhundert die stoffwertlose Münze – beides in unseren Geldbörsen zu finden.

Das Papiergeld denkt die soeben skizzierte Entwicklung konsequent weiter: Noch höhere Werte sind noch leichter zu bewegen. Das Bargeld passt sich den Erfordernissen an. Doch das neue Medium bekommt umgehend Probleme, und zwar im Zusammenspiel mit seinem ‚Kollegen‘, dem Münzgeld.

Fluch und Segen des Papiergeldes liegen in seiner Materialität. Die Herstellung einer Währungs- oder Kurantmünze erfordert Edelmetall, das entweder in eigenen Bergwerken aufwändig und damit kostenintensiv gewonnen oder auswärtig gekauft werden musste. Die Gestehungskosten sind vergleichsweise hoch, der Münzgewinn – bei ehrenhafter Ausführung der Prägung – eher bescheiden und der technische Aufwand ziemlich hoch.

Ein Geldschein dagegen ist schnell und kostengünstig hergestellt; es bedarf lediglich des Papiers und einer Druckerpresse; und Geldsorgen existieren nicht mehr.

So einfach, so falsch – wie es Mitte des 17. Jahrhunderts ein Johann Palmstruck in Schweden und Anfang des 18. Jahrhunderts ein John Law in Frankreich schmerzhaft feststellen mussten.

Beide hatten bei der verlockend einfachen Produktion von Geld gegen das eherne Prinzip der Deckung verstoßen, das heißt gegen das Versprechen der Papiergeld ausgebenden Autorität, einen Schein jederzeit gegen die Herausgabe von Münzgeld zurückzunehmen.

In allen Lebenslagen rufen gebrochene Versprechen zwangsläufig Misstrauen gegen die Sache an sich und Zorn auf den aktuellen Verursacher hervor, sehr schnell und sehr nachhaltig, wenn es um Geld geht: Palmstruck endete im Gefängnis, Law verließ fluchtartig das Land.

Anekdote am Rande: Die Zentralbank von Zimbabwe führt das anachronistische Versprechen „I promise to pay the bearer on demand“ immer noch auf ihren Banknoten bis hinauf zu ihrem höchsten Nominal von 100 Billionen Dollars.

Heutige Vertrauensdefizite werden nicht mehr durch die Banknote an sich hervorgerufen. Ganz im Gegenteil gelten sie als werthaltige Objekte, deren physischer Besitz den Vermögenserhalt in unsicheren Zeiten garantiert.

Ein kurzer Hinweis auf die Menschenschlangen zur Zeit des Bank Runs auf die Filialen der „Northern Rock“ im September 2007 mag in diesem Kreis genügen.

Auch die Münze durchlebte Vertrauenskrisen, solange ihre Kaufkraft maßgeblich durch ihren Edelmetallgehalt bestimmt wurde.

Den größten Entwicklungssprung machte sie in dem Moment, in dem ihre Materialität keine Rolle mehr spielte und die Wertgarantie einzig auf Vertrauen basierte – an keiner Stelle deutlicher ausgedrückt als auf einer Münze selbst: Non aes sed fides – nicht Metall, sondern Vertrauen. Zu finden auf Malteser Kupfermünzen des 16. Jahrhunderts, die anstelle von Silbermünzen ausgegeben wurden mit dem Versprechen, dass das unedle Stück die Kaufkraft des Edelmetallnominals haben sollte. Das hat knapp 100 Jahre lang funktioniert.

Bis in das vergangene Jahrhundert hinein war Bargeld in sinnlich fassbarer Form noch ein Mittel der ‚Herrschaftsausübung‘ – ist es vielleicht heutzutage noch? Viele von Ihnen kennen sicher noch die Lohntüte, in der der in der

Familie allein werktätige Mann seinen in bar ausgezahlten Lohn nach Hause brachte.  

Kluge Männer übergaben den in Finanzdingen selbstredend wesentlich erfahreneren Ehefrauen den gesamten Inhalt, während patriarchalischer eingestellte Zeitgenossen das Geld aufteilten:

  • Den Kindern die Pfennige hinter dem Komma für das Sparschwein,

  • der Ehefrau das für angemessen erachtete Haushaltsgeld, dessen Verwendung im Haushaltsbuch nachzuweisen war,

  • und der Rest wurde vom Haushaltsvorstand nach Gutdünken verwaltet.

Bargeld als Machtinstrument – es gibt nichts Neues unter der Sonne, wenn Sie sich an die eingangs beschriebene archaische, Verteilung von oben nach unten‘ erinnern wollen.

Noch ein Wort zu der Anpassungsfähigkeit des Bargeldes an die Erfordernisse des Marktes in der jüngsten Vergangenheit.

Groß war die öffentliche Verwunderung, als mit der Einführung der letzten DM-Serie vor dem Euro plötzlich ein 200 DM-Schein im Nominalienkanon auftauchte, geschuldet der Erkenntnis, dass die Lücke zwischen 100 DM-Schein und 500 DM-Schein zu groß und offensichtlich ein Bedarf für eine neuen Größe gegeben war.

Dafür sollte, in ersten Überlegungen, der 5er ‚sterben‘, ein traditionsreicher Schein, in der deutschen Geschichte ‚mit dabei‘ seit 1874.

Die moderne Bargeldwelt ist nicht kalt und grausam und ausschließlich am ökonomisch Notwendigen ausgerichtet. Sie pflegt, bisweilen, auch Tradition und wird damit ein Stück weit zu einem identitäts- und kulturstiftenden Faktor. 

Mit Hilfe von Münzen und Banknoten ist – lassen Sie mich es vorsichtig formulieren – viel Positives und einiges weniger Positive bewerkstelligt worden. Im Laufe der Geschichte hat das Bargeld schrittweise in einem langen und bisweilen schmerzhaften Vertrauensbildungsprozess an Zuverlässigkeit gewonnen.

Es ist und bleibt ein unverzichtbarer Teil unseres Lebens (der Hund begleitet uns ja schließlich auch noch immer).

Meine sehr geehrten Damen und Herren, Bargeld ist eine Erfolgsgeschichte. Die Münze hat schon seit über 2.500 Jahren überlebt – in ungebrochener Tradition. Und auch Papiergeld hat seit seiner Erfindung überlebt. Münzen und Geldscheine sind da – und sie werden bleiben, auch über den nächsten Bargeldkongress hinaus.

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