Der Renminbi im internationalen Zahlungsverkehr 4th European-Chinese Banking Day im Rahmen der Euro Finance Week

1 Einleitung

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ein altes chinesisches Sprichwort besagt: "Der Schlüssel zum Erfolg ist Geduld." In der Tat: Beharrungsvermögen und ein langer Atem zahlen sich häufig aus.

Beharrungsvermögen und ein langer Atem spielen auch eine Rolle, wenn es um die Verankerung des Renminbi (RMB) in den Kreis der internationalen Leitwährungen geht. Und eben diese Rolle des Renminbi im internationalen Zahlungsverkehr möchte ich heute in den Mittelpunkt meiner Keynote Speech stellen.

2 Bestandsaufnahme der RMB-Internationalisierung

Die chinesische Regierung verfolgt das Ziel, die Nutzung des Renminbi im internationalen Zahlungsverkehr langfristig der Bedeutung anzugleichen, die schon heute der chinesischen Volkwirtschaft im internationalen Vergleich zukommt. Mit einem Blick auf die Statistiken bekommen Sie einen Eindruck davon, weshalb ich in Bezug auf die Rolle des RMB im internationalen Zahlungsverkehr von Geduld und Beharrungsvermögen spreche.

Während der Anteil der Wirtschaftsleistung, der 2016 im Reich der Mitte erwirtschaftet wurde, gemessen an der globalen Wirtschaftsleistung knapp 15 Prozent beträgt, kommt der Renminbi im September 2017 nur auf einen Anteil von 1,85 Prozent an den internationalen Zahlungsströmen.

Im Falle des US-Dollar und des Euro stellt sich die Situation anders dar: Der Anteil der US-Wirtschaft an der globalen Wirtschaftsleistung betrug 2016 knapp 25 Prozent, der Anteil der EU circa 23 Prozent und der Eurozone knapp 17 Prozent. Der US-Dollar dagegen ist mit einem Anteil von knapp 40 Prozent nach wie vor unangefochten die weltweit meistgenutzte Währung im Zahlungsverkehr, gefolgt vom Euro mit 33 Prozent. Der RMB rangiert auf Platz sechs.

Betrachtet man die Entwicklungen in der jüngeren Vergangenheit, hat die Verwendung des chinesischen Renminbi als globale Handelswährung sogar an Momentum verloren. So lag der Anteil des RMB an den internationalen Zahlungsströmen vor einem Jahr bei 2,03 Prozent und im September 2015 sogar bei 2,45 Prozent.

Die Strategie der Internationalisierung des Renminbi ist auf langfristigen Erfolg ausgerichtet. Phasen, in denen die Nutzung des RMB stagniert, sollten daher nicht verwundern. Das Ziel der chinesischen Entscheidungsträger bleibt davon unberührt: den Renminbi als vertrauenswürdige und weitverbreitete internationale Reservewährung, Handelswährung und Investitionswährung zu etablieren.

Mit großem Beharrungsvermögen konnte China im Oktober 2016 einen beachtlichen Prestigeerfolg mit der Aufnahme des Renminbi in den Währungskorb des Internationalen Währungsfonds (IWF) feiern. Neben dem US-Dollar, dem Euro, dem japanischen Yen und dem britischen Pfund Sterling gehört der RMB seitdem diesem ausgewählten Kreis an Währungen an. Der erste, formale Schritt des Renminbi auf dem Weg zu einer internationalen Leitwährung ist damit vollzogen.

Dem waren langjähriges politisches Werben und ein Prozess der vorsichtigen Öffnung der chinesischen Kapitalmärkte vorangegangen. Letzterer begann bereits im Jahr 2007, als der erste in RMB denominierte sogenannte Dim Sum-Bond in Hong Kong emittiert wurde. Mit verschiedenen Programmen, die ausländischen Investoren den Zugang zu den chinesischen Kapitalmärkten ermöglichen sollen, wurde gleichzeitig die Nutzung des Renminbi als Reserve- und Investitionswährung schrittweise ausgebaut. Mit der Etablierung von Bond Connect im Jahr 2017, einem Joint Venture des China Foreign Exchange Trade System und der Hong Kong Exchanges and Clearing Limited, erlebte diese Entwicklung einen vorläufigen Höhepunkt: Unter anderem soll es Bond Connect ausländischen Investoren einfacher machen, am Handel auf dem chinesischen Markt für festverzinsliche Wertpapiere teilzunehmen.

Diese jüngste Initiative reiht sich in eine Kette von Maßnahmen zur Etablierung einer modernen Marktinfrastrukturlandschaft ein. Mit dem Interbankenzahlungsverkehrssystem Cross-border Interbank Payment System, kurz CIPS, ist das Clearing und Settlement von grenzüber­schreitenden RMB-Zahlungen möglich. CIPS startete im Oktober 2015 mit 19 direkten Teilnehmern. Im Juli 2017 nahmen bereits 31 Finanzinstitute direkt und 600 Finanzinstitute indirekt teil.

3 RMB-Internationalisierung als ganzheitliche Strategie

Die Aufnahme des Renminbi in den IWF-Währungskorb und die Öffnung der Kapitalmärkte für ausländische Marktteilnehmer stellen aber nur einen Baustein der Strategie der Internationalisierung des RMB dar. Diese Strategie lässt sich aktuell als ein Zusammenspiel aus

  • der schrittweisen Liberalisierung der Kapitalmärkte

  • und der weltweiten Verbreiterung der Nutzerbasis des RMB

beschreiben.

Im Mittelpunkt soll dabei nicht mehr nur die reine Währungspolitik spielen. Stattdessen werden zunehmend realpolitische Aspekte in den Vordergrund gerückt.

Eine Schlüsselrolle spielt die sogenannte Belt and Road-Strategie, die 2013 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Diese beinhaltet eine Wiederbelebung der alten Seidenstraße, die von China durch Zentralasien und den Mittleren Osten über Osteuropa nach Westeuropa führte, und wird um einen Handelsweg auf See ergänzt, der durch das Südchinesische Meer, den Indischen Ozean und den Suezkanal schließlich bis in das Mittelmeer führt. Entlang dieser beiden Routen sind Milliardeninvestitionen des chinesischen Staates und beteiligter Unternehmen in verschiedene Infrastrukturprojekte geplant, mit deren Hilfe der Handel der an den Routen gelegenen Länder untereinander und mit China stimuliert werden soll. Gleichzeitig erhoffen sich chinesische Offizielle dadurch, die Nutzung des Renminbi durch die Handelsaktivitäten begleitende Zahlungsströme in den Staaten entlang der Routen zu fördern.

Der offizielle Startschuss beim sogenannten Seidenstraßen-Gipfel im Mai 2017 in Peking war ein deutlicher Fingerzeig, wie wichtig der chinesischen Regierung dieses Jahrhundertprojekt war. Staats- und Parteichef Xi Jinping selbst ließ es sich nicht nehmen, 29 Staats- und Regierungschefs der beteiligten Länder zu begrüßen. Dort verkündete Präsident Xi, dessen Einfluss gerade auf dem 12. Volkskongress nochmals gestärkt wurde, ein Investitionsvolumen von mehr als 100 Milliarden US-Dollar.

Große Hoffnungen auf das Gelingen des Projekts setzt die chinesische Regierung dabei nicht nur in die zahlreichen Entwicklungsländer entlang der beiden Routen. Vielmehr sollen auch die Handelsbeziehungen mit Deutschland als der größten Volkswirtschaft in Europa dadurch weiter gestärkt werden: So bildet Duisburg mit seinem Binnenhafen, dem größten dieser Art in Europa, das "westliche" Ende der oft als neuen Seidenstraße titulierten Handelsroute. Der Finanzplatz Frankfurt als eines von weltweit nur 23 RMB Clearing-Zentren bildet dabei die Brücke für Zahlungsströme zwischen Deutschland und China.

4 Der Finanzplatz Frankfurt als Keimzelle deutsch-chinesischer Zusammenarbeit

Die guten Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern erfahren vor allem vom Finanzplatz Frankfurt aus traditionell eine intensive Pflege. Auch wir als Deutsche Bundesbank tragen unseren Teil dazu bei. Wir leisten eine aktiven Beitrag bei der Pflege der deutsch-chinesischen Beziehungen.

Jüngstes Beispiel hierfür ist eine gemeinsame Studie der Deutschen Bundesbank mit der Academy of Internet Finance der Zheijang University Hangzhou, dem Sino-German-Center und Prof. Bernd Skiera von der Goethe-Universität Frankfurt, unterstützt von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), in der das Zahlungsverhalten von Konsumenten in Deutschland und China untersucht wird. Die Ergebnisse wurden bisher noch nicht veröffentlicht, so viel kann ich Ihnen heute aber schon verraten: In Deutschland gewinnen innovative Bezahlverfahren zunehmend an Marktanteilen, herkömmliche Bezahlverfahren werden von Konsumenten aber nach wie vor bevorzugt genutzt. In China dagegen nehmen die Anbieter von innovativen Zahlungsverfahren wie Alipay und WeChat mit Marktanteilen von bis zu 65 Prozent im Onlinehandel und an der Ladenkasse schon heute eine dominierende Rolle ein. In Zukunft könnten sich die Entwicklungen in Deutschland und China aber zunehmend angleichen: Während in Deutschland mobile Bezahlverfahren weiter an Marktanteilen gewinnen dürften, könnten Regulierungsmaßnahmen in China dafür sorgen, dass herkömmliche Banken an Marktanteilen gewinnen werden.

Diese Studie reiht sich in zahlreiche Initiativen zur Förderung des gegenseitigen Austauschs und Verständnisses ein. Das bereits erwähnte Sino-German-Center of Finance and Economics, ein von der Goethe-Universität in Frankfurt und der Renmin University in Peking getragenes Forschungszentrum, dient dabei als Plattform für den Austausch von unabhängigen Ideen und organisiert beispielweise regelmäßig Workshops in Frankfurt und Peking.

Das Interesse der chinesischen Partner an einem engen Austausch dürfte in den nächsten Jahren weiter zunehmen: Im Zuge des Brexit wird die Rolle Frankfurts als bedeutendes Finanzzentrum innerhalb der Europäischen Union immer wichtiger. Nicht nur chinesische Wirtschaftsvertreter, sondern auch Vertreter aus Politik und Wissenschaft werden in Wirtschafts- und Finanzfragen dann vermehrt den Austausch mit dem Finanzplatz Frankfurt suchen.

5 Fazit

Meine Damen und Herren,

im Deutschen gibt es ein Sprichwort: "Wo Licht ist, ist auch Schatten". Nachdem die Internationalisierung des Renminbi jahrelang eine Erfolgsgeschichte war, erleben wir momentan eine Phase der relativen Ernüchterung, wie man an den eingangs erwähnten Statistiken erkennen kann.

Gleichzeitig nehmen wir aber die ungebrochene Bereitschaft der chinesischen Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft wahr, dem Renminbi zu einer der chinesischen Volkswirtschaft entsprechenden Rolle im internationalen Wirtschaftsgeschehen zu verhelfen. Diese Bereitschaft sollte uns deshalb positiv stimmen, dass auf Schatten wieder Licht folgt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen weiterhin interessanten Tag mit fruchtbaren Diskussionen und spannenden Einsichten. Allen Aktiven im China-Geschäft wünsche ich Beharrungsvermögen und Geduld: Ich bin mir sicher – beides wird sich am Ende auszahlen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.