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Die digitale (R)evolution im Bankensektor

Die digitale (R)evolution im Bankensektor Rede bei der Deutschen Bundesbank in Nordrhein-Westfalen

07.09.2017 | Düsseldorf | Carl-Ludwig Thiele

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich freue mich über Ihr Kommen und die Möglichkeit, mit Ihnen über die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung im Bankensektor zu diskutieren.

Der Titel der heutigen Veranstaltung lautet "Die digitale (R)evolution im Bankensektor". Denn es ist derzeit noch nicht absehbar, ob sich die Branche durch die Digitalisierung nachhaltig und stetig — also evolutionär — weiterentwickelt oder ob sie sich durch grundlegende Innovationen disruptiv oder revolutionär verändert. Dass sich Bürger, Banken und Regulatoren den neuen Entwicklungen stellen müssen, steht allerdings außer Frage.

Ich möchte Ihnen heute drei Digitalisierungstrends vorstellen, die in den von mir als Bundesbankvorstand verantworteten Bereichen Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme relevant sind:

  1. Die neuen Anbieter im Markt, die sogenannten FinTechs,
  2. die Blockchain als neue Technologie,
  3. die Beschleunigung des Zahlungsverkehrs durch Echtzeitzahlungen.

Alle diese Entwicklungen sind ohne die Digitalisierung undenkbar. Dabei ist Digitalisierung an sich nicht neu – so sind beispielsweise Personal Computer seit fast 40 Jahren verfügbar, das Internet wird seit 1990 genutzt. Aber einen wichtigen Schub hat die Digitalisierung – nicht nur im Zahlungsverkehr – durch smarte und mobile Technologien und Geräte erhalten. Ganz wesentlich ist hier die Verbreitung von Smartphones in den vergangenen Jahren.

Die technischen Voraussetzungen für die immer leistungsfähigeren digitalen Endgeräte wurden vor allem durch eine exponentielle Zunahme der Rechenkraft geschaffen. Grob kann man davon ausgehen, dass sich die Rechenkapazität alle zwei Jahre verdoppelt, eine Beobachtung, die auch als Mooresches Gesetz bekannt ist.

Es gibt ein persisches Märchen, das den Umfang dieses Wachstums verdeutlicht: Ein Höfling schenkte seinem Schah ein Schachbrett und durfte sich zum Dank ein Geschenk auswählen. Daraufhin wünschte er sich, dass man das Schachbrett mit Reis auffülle. Auf das erste Feld sollte ein Reiskorn gelegt werden und auf jedes weitere Feld die doppelte Anzahl des vorherigen. Beim zehnten Feld waren es schon 512 Körner, beim 21. bereits mehr als eine Million. Insgesamt erhielt der Höfling mehr als 18 Trillionen Körner Reis, was in etwa 540 Milliarden Tonnen entspricht – dem 728-fachen der jährlichen weltweiten Reisernte.

Nun ist es nicht nur so, dass Rechenkraft billiger wird, sie nimmt auch weniger Platz in Anspruch. Die Rechenleistung, die 1969 ausreichte, um den ersten Menschen auf den Mond zu schicken, würde heute bequem in ein Smartphone passen. Der Rechner von damals war mit seinen 30 Kilogramm eher unhandlich und mit einem Arbeitsspeicher von vier Kilobyte mit dem Aufrufen einer Webseite von heute mehr als überfordert.

Seitdem hat sich die Technik enorm weiterentwickelt. Erinnern Sie sich noch an die meistgenutzte App während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006? Es gab noch gar keine. Das erste Smartphone wurde erst am 9. Januar 2007 vorgestellt.

Wir alle besitzen heute Smartphones, die wahrscheinlich mehrere Mondlandungen nach dem damaligen Stand der Technik gleichzeitig berechnen könnten und nur einen Bruchteil der damaligen Rechner kosten.

Diese breite Verfügbarkeit leistungsfähiger mobiler Endgeräte führte in den vergangenen Jahren förmlich zu einer Welle von Innovationen, die auch für den Zahlungsverkehr interessant sind oder es noch werden könnten.

Einer der Treiber von Innovationen sind FinTechs, kleine und flexible Start-up Unternehmen, die digitale Lösungen für Finanzdienstleistungen entwickeln. Nachdem sie anfangs vor allem durch Angebote für Privatkunden auf sich aufmerksam gemacht hatten, bieten FinTechs zunehmend auch Dienstleistungen für Geschäftskunden und Banken an.

Aber nicht nur von dieser Seite droht den Banken Konkurrenz: Auch die großen Tech-Giganten Apple, Google, Amazon und Facebook drängen mit Macht in den Markt. Diese schaffen durch ihre große Reichweite, ihre hohe Finanzkraft und ihre "Strahlkraft" Angebote für einen großen Kundenkreis. Dabei nutzen sie ein alternatives Geschäftsmodell: Sie bieten ihre Dienstleistungen oft kostenlos an und profitieren im Gegenzug von der Auswertung der Zahlungsdaten, in denen nicht wenige das eigentlich Wertvolle sehen.

Zumindest von der Seite der FinTechs werden in letzter Zeit jedoch ruhigere Töne angeschlagen. Immer mehr FinTechs kooperieren mit Banken oder werden von diesen übernommen. Denn auch der innovativste Service wird kein langfristiger Erfolg, wenn es nicht gelingt, eine kritische Masse an Kunden zu erreichen.

Eine weitere neue Entwicklung sind die sogenannten Plattform-Banken. Diese bieten ihren Kunden einerseits innovative Angebote an, die im Hintergrund von FinTechs bereitgestellt werden. Andererseits können aber auch FinTechs Leistungen im Vordergrund anbieten, die im Hintergrund auf die Systeme der Banken zugreifen. Durch diese Symbiose erschließen sich FinTechs einen breiteren Kundenkreis, während die Banken flexible und innovative Produkte und Anwendungen anbieten können.

So ist es zum Beispiel denkbar, dass Banken einem vom Kunden beauftragten Robo-Advisor den Zugriff auf Kundenkonto oder Depot ermöglichen. Robo-Advisor bieten Kunden eine automatisierte, kostengünstige Depotverwaltung. Oder die Bank bietet selbst einen solchen automatisierten Berater an, der im Hintergrund von einem FinTech bereitgestellt wird.

Weiterhin bestehen bereits Lösungen, bei denen Kredite über externe Webseiten abgeschlossen werden können, beispielsweise beim Kauf eines gebrauchten Autos bei einem Online-Händlerportal, bei dem der Kredit im Hintergrund bei einer Bank aufgenommen wird.

Die API – die Application Programming Interface – ist dabei die wichtigste technische Voraussetzung für diese Entwicklung, die man auf Neudeutsch auch als "open-banking" bezeichnet. Diese Schnittstellen ermöglichen einen standardisierten und kontrollierten Zugriff auf die Systeme des kontoführenden Instituts. Aber auch Banken können die API für sich nutzen: So könnten Banken im Rahmen ihres Onlinebankings ihren Kunden einen zentralisierten Zugriff auf alle ihre Konten gewähren und so selbst zum Kontoinformationsdienst werden.

Die Bedeutung dieser Schnittstellen wird durch die kommende nationale Implementierung der überarbeiteten Zahlungsdiensterichtlinie PSD II stark zunehmen. Deren Ziel ist es, die Markteintrittsbarriere für FinTechs zu verringern und damit den Wettbewerb zu intensivieren, gleichzeitig aber auch die Sicherheit der Zahlungen zu erhöhen. Davon kann auch der Bankensektor profitieren und Produkte anbieten, die auf diese Schnittstellen zugreifen.

Eine weitere wichtige technische Entwicklung der vergangenen Jahre ist die sogenannte Blockchain-Technologie. Nachdem die anfängliche Euphorie verflogen ist, die die Blockchain als Allheilmittel für alle Herausforderungen des Bankensektors – und sogar der (digitalen) Gesellschaft im Allgemeinen – gesehen hatte, beschäftigt man sich mittlerweile intensiv mit der Suche nach konkreten Anwendungsfällen.

Die Blockchain-Technologie verspricht unter anderem eine erhöhte Manipulationssicherheit dadurch, dass die Daten an verschiedenen Orten gespeichert werden. Ein weiterer Pluspunkt ist die verteilte Verifizierung von Daten. Dadurch ist die Technologie attraktiv für sogenannte Peer-to-Peer Netzwerke, also Netzwerke bei denen die Teilnehmer Transaktionen ohne zentrale Parteien abwickeln.

Ein mögliches Anwendungsgebiet für die Blockchain ist der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr außerhalb des Euroraums. Dort ist besonders die durch die verteilte Speicherung und die direkten Verbindungen der Netzwerkteilnehmer untereinander ein Effizienzgewinn möglich. Auch das in diesem Markt relativ geringe Volumen kann dabei helfen, die neue Technologie unter vereinfachten technischen Bedingungen zu testen. Mögliche weitere erfolgsversprechende Felder sind die sehr komplexe Handelsfinanzierung oder die Verwaltung von Referenzdaten.

Es gibt weitere Bereiche, in denen es sinnvoll erscheint, die Blockchain Technologie zu nutzen. Sogenannte Smart Contracts können zum Beispiel helfen, manuelle Abstimmungsprozesse günstiger zu machen oder ganz entfallen zu lassen. Dies wird dadurch erreicht, dass diese Verträge ohne manuelle Eingriffe bei Eintreffen bestimmter Bedingungen automatisch abgewickelt werden.

Auch die Bundesbank beschäftigt sich im Rahmen eines Prototyps mit der Nutzung der Technologie im Wertpapiergeschäft. Momentan entwickeln wir den Prototyp weiter, um ergebnisoffen Erkenntnisse über Skalierbarkeit, technische Anforderungen und Kosten zu gewinnen. Eine praktische Umsetzung ist allerdings nicht geplant. Das Projekt dient lediglich dem Erkenntnisgewinn.

Die Blockchain Technologie ist als Grundlage von Bitcoin bekannt geworden. Bitcoin ist eine von vielen "virtuellen Währungen", bei denen es sich um lediglich digital vorhandene Werteinheiten handelt, die nicht von einer Zentralbank herausgegeben werden.

Sie haben also keinen Anspruch darauf, gegen Vorzeigen eines Bitcoins auf Ihrem digitalen Wallet bei der Bundesbank-Filiale in Düsseldorf den Gegenwert in Euro ausbezahlt zu bekommen.

Allerdings können Sie, sollten Sie einen willigen Geschäftspartner finden, mit diesem im Rahmen der Vertragsfreiheit vereinbaren, die virtuelle Währung als Zahlungsmittel zu nutzen.

Ein wesentliches Risiko der virtuellen Währungen sind jedoch die enormen Kursschwankungen, die Sie am Beispiel des Bitcoin-Kurses in den vergangenen Jahren erkennen können. Dies schränkt nicht nur die Wertaufbewahrungsfunktion erheblich ein, sondern macht die virtuelle Währung aus meiner Sicht durch die zeitliche Spanne zwischen Zahlung und Erhalt der Ware beispielsweise im Onlinehandel beinahe unbrauchbar. Zudem ist das System sehr aufwändig, erkennbar an den hohen Kosten pro Transaktion, die sich derzeit zwischen vier und sechs US-Dollar bewegen. Diese Gebühren fließen an die sogenannten Miner, die die Transaktionen verifizieren.

Derzeit sind Bitcoins hauptsächlich Spekulationsobjektmit einer geringen Bedeutung im Zahlungsverkehr. Während weltweit lediglich 350 Tausend Bitcoin-Transaktionen abgewickelt werden, werden allein in Deutschland mehr als 75 Millionen unbare Zahlungen pro Tag verarbeitet.

Insgesamt müssen sich die virtuellen Währungen auch hinsichtlich Leistungsfähigkeit, Effizienz und Stabilität mit den bestehenden zentralen Infrastrukturen messen lassen, wenn sie eine breite Nutzung erzielen wollen. Dies ist nach unserer Einschätzung noch nicht absehbar.

Die Leistungsfähigkeit der etablierten zentralen Systeme wird in den kommenden Jahren sogar zunehmen: Instant Payments werden dabei helfen, die Finanzmarktinfrastrukturen noch leistungsfähiger zu machen.

Ab November dieses Jahres wird es erste Lösungen in den Ländern des Eurosystems geben. Zahlungen können dann innerhalb von höchstens zehn Sekunden von Konto zu Konto abgewickelt werden. Da sich die IBAN – wegen ihrer Länge – im Alltag aber nicht immer als Zieladresse eignet, wird momentan an einer Datenbank für die Verknüpfung von IBAN und Mobiltelefonnummer gearbeitet. Denn für eine schnelle und weite Akzeptanz des neuen Zahlverfahrens ist es wichtig, schnell nutzerfreundliche mobile Anwendungen auf den Markt zu bringen.

Denkbar sind eine breite Palette an Anwendungen: Von Zahlungen zwischen Privatpersonen, wie das Teilen einer Restaurantrechnung oder der Gebrauchtwagenkauf ist vieles denkbar. Auch eine Verwendung im Onlinehandel könnte eine ernsthafte – und preiswerte – Alternative für Händler darstellen. Unternehmen können von der erhöhten Geschwindigkeit der Transaktionen profitieren und ihre Risiken reduzieren. Mit dem neuen Verfahren sind Banken in der Lage, auch etablierten Online-Zahlungsdienstleistern Konkurrenz zu machen.

Inwieweit das neue Verfahren auch im stationären Handel verwendet wird, bleibt abzuwarten. Auch wenn zehn Sekunden im Zahlungsverkehr als sehr schnell erscheinen, könnte uns dieses Zeitintervall an der Ladenkasse wie eine Ewigkeit vorkommen. Es ist aber noch unklar, ob die vorgesehenen zehn Sekunden voll ausgenutzt werden müssen oder sich im täglichen Gebrauch herausstellt, dass die Zahlungen wesentlich schneller abgewickelt werden können.

Natürlich werden sich Instant Payments nicht über Nacht verbreiten. Ich gehe davon aus, dass innerhalb von zwei Jahren eine ausreichende Markabdeckung hergestellt wird. Ab dann wird es zu einem stetigen Anstieg der Echtzeitzahlungen kommen, bis diese irgendwann den Standard – das "new normal" – darstellen.

Die Zentralbanken des Eurosystems haben sich entschlossen, auch selbst eine technische Infrastruktur für die Verbuchung von Instant Payments in Echtzeit anzubieten. Der Name des neuen Systems, "TIPS", steht dabei für TARGET Instant Payment Settlement, da das neue Angebot Teil der TARGET2-Familie sein wird.

TIPS ermöglicht Instant Payments in Zentralbankgeld zu verrechnen, rund um die Uhr, an jedem Tag des Jahres. Damit passt sich das Eurosystem an die veränderten Marktbedingungen an und wird ab November 2018 allen Banken eine sichere Abwicklungsplattform für ihre Echtzeitzahlungen anbieten.

Durch das Nebeneinander von TIPS und den Angeboten der privaten Clearinghäuser soll sichergestellt werden, dass möglichst schnell eine europaweite Abdeckung für Echtzeitzahlungen erreicht wird. Damit leisten wir unseren Beitrag zum Zahlungsverkehr der Zukunft.

Auch das Thema digitales Zentralbankgeld wird momentan diskutiert. Als Bundesbank verfolgen wird diese Diskussion, sind aber selbst nicht aktiv. Bei digitalem Zentralbankgeld stellen sich zahlreiche Fragen, wie zum Beispiel:

  • Soll jeder Bürger zukünftig über ein Konto bei der Notenbank verfügen?

  • Würde sich in dieser neuen Welt die Rolle der Banken verändern? Wenn ja: wie?

Dies sind zwar offene Fragen, jedoch können die Antworten auf diese weitreichende Folgen haben.

Eines muss auf alle Fälle vermieden werden: Das Vertrauen der Bürger in die Währung oder der Zugriff auf ihr Geld darf durch derlei Überlegungen nicht gefährdet werden.

Wie sie sehen, werden die kommenden Jahre nicht weniger spannend. Mit den neuen regulatorischen Bedingungen für FinTechs, mit virtuellen Währungen und Instant Payments wird eine Welle von neuen Chancen und Herausforderungen auf uns zukommen.

Wie sie mit diesen Veränderungen umgehen, das bleibt den Akteuren selbst überlassen. Man kann sich treiben lassen und Innovationen nur zögerlich übernehmen. Man kann allerdings auch auf der Welle surfen und zum Vorreiter und Innovationsführer werden, indem man neue Entwicklungen als Chance ansieht.

Die Frage bleibt, ob wir momentan eine Revolution oder eher eine Evolution des Marktes sehen. Banken werden auch weiterhin eine zentrale Rolle spielen und die Marktstruktur wird sich nicht grundlegend ändern. Wie bereits gesagt, beobachten wir eine Tendenz zur Kooperation zwischen FinTechs und Kreditinstituten.

Zudem werden die Erwartungen an die Blockchain-Technologie realistischer. Man spricht nicht mehr davon, Banken ablösen zu wollen. Vielmehr treiben diese die Entwicklungen mittlerweile voran.

Daher bin ich der Meinung, dass wir momentan keine Revolution, sondern vielmehr eine Evolution in Richtung eines schnelleren, effizienteren und nutzerfreundlicheren Zahlungsverkehrs beobachten. Aber eine Garantie gebe ich Ihnen nicht – denn schon häufiger ist es anders gekommen als viele gedacht haben. Wir stellen uns die Zukunft auf Grundlage dessen vor, was wir schon kennen. Aber das Beispiel der App zeigt, dass auch etwas völlig Neues entstehen kann, was wir noch gar nicht kennen.

Deshalb möchte ich Ihnen noch folgende Worte des Perikles mit auf den Weg geben: "Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorauszusagen. Sondern es kommt darauf, auf die Zukunft vorbereitet zu sein."

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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