Service Navigation

Die Rolle von Notenbanken in einem nachhaltigen Finanzsystem

Die Rolle von Notenbanken in einem nachhaltigen Finanzsystem Rede beim Sustainable Finance Gipfel Deutschland

23.10.2017 | Frankfurt am Main | Joachim Wuermeling

1 Einleitung

Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlichen Dank für Ihre Einladung zum ersten Sustainable Finance Gipfel Deutschland. Ich freue mich, dass der Rat für Nachhaltige Entwicklung und die Deutsche Börse ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten bündeln. Der Hub for Sustainable Finance kann einen wichtigen Impuls für einen konstruktiven Austausch geben.

Das Pariser Klimaabkommen im Dezember 2015 war ein Meilenstein für das Thema Nachhaltigkeit. Das klare Ziel, die globale Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu begrenzen, hat den Handlungsdruck erhöht. Das Vorhaben kann aber nur erfolgreich sein, wenn Politik, Wirtschaft und Finanzsektor gemeinsam nach Lösungen suchen. Den Worten müssen Taten folgen. Der heutige Tag markiert einen Teil der Wegstrecke. Die Erkenntnisse von heute sollten das Verständnis von Sustainable Finance mit noch mehr Leben füllen.

Wenn Sie sich den Titel meines Vortrags anschauen, mag dieser vielleicht für einige von Ihnen etwas überraschend sein. Denn das Begriffspaar „Notenbanken und Nachhaltigkeit“ war im Internet lange nicht unbedingt unter den Top 10 der einschlägigen Suchmaschinen zu finden. Das liegt daran, dass unser Mandat das Thema Nachhaltigkeit auf den ersten Blick nicht unbedingt hergibt.

Gleichzeitig fordert aber der Klimaschutz uns alle. Wenn wir nicht gemeinsam handeln, wird der Klimawandel das Zusammenleben auf unserem Planeten radikal verändern und im schlimmsten Fall gefährden. Die Finanzierungsseite spielt eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, realwirtschaftliche Aktivitäten in Richtung Nachhaltigkeit zu lenken. Was eine Zentralbank beitragen kann, werde ich Ihnen im Folgenden erläutern.

Im Wesentlichen geht es mir um drei Punkte. Erstens um unsere Rolle als Bankenaufseher und Wächter über die Finanzstabilität. Zweitens um die Frage, inwieweit unser geldpolitisches Mandat mit dem Nachhaltigkeitsgedanken im Einklang steht. Drittens um die Rolle von Sustainable Finance bei unserer Aufgabe als Vermögensverwalter mit einer passiven Ausrichtung.

2 Welche Rolle spielt Sustainable Finance für eine Notenbank?

2.1 Bankenaufsicht und Finanzstabilität

Lassen Sie mich mit unserem Auftrag in der Bankenaufsicht und der Finanzstabilität beginnen. Wir unterscheiden folgendermaßen: Wenn einzelne Finanzinstitute durch Klimarisiken in Schieflage gerieten, wäre das eine Frage für die Bankenaufsicht. Die Finanzstabilität betrachtet mögliche Auswirkungen auf das gesamte Finanzsystem. Bei beidem ist die zentrale Frage: Inwieweit berücksichtigen Banken den Klimawandel bereits in ihrem Risikomanagement?

Die Antwort darauf klingt ernüchternd: Bisher ist das eher die Ausnahme als die Regel. Ich möchte Ihnen anhand von zwei Risikokategorien verdeutlichen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf den Bankensektor haben kann – und wegen der zentralen Funktion der Banken im Wirtschaftskreislauf letztendlich auch auf die Finanzierung der Realwirtschaft.

Die erste Kategorie sind die physischen Risiken, die aus klimatischen Veränderungen oder extremen Wetterereignissen wie beispielsweise Wirbelstürmen resultieren: Zuallererst sind die Folgen eine humanitäre Herausforderung. Direkt danach wird in der Öffentlichkeit jedoch die Frage nach den Kosten und den Verlusten diskutiert. Wie viel an Werten ist zerstört worden, was kostet die humanitäre Hilfe, was der Wiederaufbau?

Hurrikan Harvey, der jüngst über die Vereinigten Staaten hinwegfegte, hat Schäden von bis zu 180 Milliarden Dollar verursacht. Laut einer Studie der Bank of England haben sich die durchschnittlichen Verluste durch extreme Wetterereignisse in den vergangenen 30 Jahren verdreifacht. Orkane, Hurrikane oder Sturmfluten können einen erheblichen und unmittelbaren Einfluss auf die finanzielle Situation von Versicherungen und Banken haben. Denn die entstandenen Schäden, sowohl im privaten als auch öffentlichen Sektor, landen meist auf den Bilanzen von Finanzinstituten.

Die Versicherungsbranche ist betroffen, wenn die Verluste von Wirtschaft und Privatpersonen versichert sind. Banken und andere Geldgeber sind betroffen bei nicht versicherten Risiken. Wenn es zu mehr extremen Wetterkatastrophen kommt, steigt die Zahl der Risiken, die gar nicht mehr versicherbar sind. Daraus kann ein Stabilitätsrisiko entstehen. Jedoch sind die einzelnen Länder weltweit unterschiedlich stark von physischen Risiken durch den Klimawandel bedroht. Je nach geographischer Diversifikation unterscheiden sich damit auch die Risiken für die nationalen Bankensysteme. 

Die zweite Kategorie sind die transitorischen Risiken. Der Übergang zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft dürfte bei einer Reihe von Vermögenswerten Neubewertungen erforderlich machen, sobald die realen Kosten des Wandels sichtbar werden. Althergebrachte Geschäftsmodelle können ins Wanken kommen. In der Vergangenheit haben manche Unternehmen solche Transformationsprozesse durchaus erfolgreich gemeistert. Aber dies gelingt bei weitem nicht immer. Welche Konsequenzen ergeben sich dann für die Investoren, unter ihnen auch Banken und Versicherungen? Transitorische Risiken können Anpassungsprozesse in Gang setzen, deren Auswirkungen von hoher Bedeutung für die Finanzstabilität sind – insbesondere wenn der Wandel abrupt oder unerwartet stattfindet.

Auch dazu möchte ich Ihnen ein kurzes Beispiel geben. Um das Zwei-Grad-Klimaziel mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit zu erreichen, müssten die Kohlenstoffdioxid-Emissionen in diesem Jahrhundert unter 1.100 Gigatonnen verbleiben. Im Vergleich dazu beläuft sich der gesamte Kohlenstoffgehalt aller bekannten fossilen Brennstoffreserven auf ungefähr 2.800 Gigatonnen. Um das Zwei-Grad-Klimaziel zu erreichen, müssten also zwei Drittel dieser Reserven unter der Erde verbleiben.

Mit genau diesen Vorkommen rechnen jedoch nicht nur Rohstoffkonzerne in ihren Bilanzen. Wenn diese Vorkommen nicht ausgebeutet werden können beziehungsweise dürfen, müssen sie aus den Bilanzen herausgenommen werden. Der Wert der Unternehmen sinkt dadurch. Der Klimawandel hat damit mittelbar über die Realwirtschaft Auswirkungen auf die Finanzwirtschaft. Denn die Finanzwirtschaft investiert zum einen direkt in diese Industrien. Zum anderen neigen Investoren dazu, ihre Portfolios an Kapitalmarkt-Indizes auszurichten, die zu großen Teilen die betroffenen Industrien abbilden. Wie stark einzelne Wirtschaftssektoren in bestimmten Indizes vertreten sind, entscheidet also mit über deren Finanzierungsmöglichkeiten.

Welche Konsequenzen resultieren daraus für die betroffenen Wirtschafts-zweige? Keine Frage, die Zusammenhänge sind komplex und die aktuellen Berechnungsmodelle sicher nicht weniger kompliziert.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, genau an dieser Stelle ist es wichtig, rechtzeitig die richtigen Weichen zu stellen. Denn eines ist klar; je früher wir aktiv werden, desto geringer ist der Handlungsdruck zu einem späteren Zeitpunkt und desto geordneter können Übergangsprozesse ablaufen.

Deshalb baut die Bundesbank zurzeit ihre Analysekapazitäten aus. Wir wollen Klimarisiken und deren Auswirkungen für die Finanzmärkte und -institute besser verstehen. Unsere Erkenntnisse wollen wir dann in unseren Dialog mit den Finanzinstituten einfließen lassen. Hier können wir das Bewusstsein für physische und transitorische Risiken schärfen und sicherstellen, dass Finanzinstitute diesen Risiken ein angemessenes Maß an Aufmerksamkeit schenken. Gegebenenfalls werden wir Klimarisiken auch in unseren bankaufsichtlichen Risikoanalysen berücksichtigen.

2.2  Geldpolitik

Einzelne Beobachter fordern, dass Notenbanken auch in der Geldpolitik Klimarisiken berücksichtigen sollten. Unser Mandat besteht darin, Preisstabilität zu gewährleisten. Die Geldpolitik sollte deshalb nicht mit anderen politischen Zielsetzungen überfrachtet werden.

Das Prinzip der Wettbewerbsneutralität ist eine wichtige Handlungsmaxime für unsere Geldpolitik. Wir wollen das Spielfeld für alle Geschäftspartner gleich halten. Eine Vorzugsbehandlung für nachhaltige Finanzierungsinstrumente gegenüber anderen Finanzierungsformen wäre damit nicht kompatibel. Das gilt für die geldpolitischen Ankaufprogramme, etwa die Unternehmensanleihekäufe, ebenso wie für unseren Sicherheitenrahmen.

Man kann jedoch davon ausgehen, dass ein Wertpapier, das bonitätsmäßig vom Nachhaltigkeitstrend an den Finanzmärkten profitiert, es auch bei der Notenbankfähigkeit leichter haben wird.

Es gibt übrigens schon eine Reihe von so genannten „green assets“, die die Kriterien unseres Sicherheitenrahmens erfüllen und damit notenbankfähig sind. Außerdem überprüft das Eurosystem regelmäßig die Zulassungskriterien für notenbankfähige Sicherheiten. Aktuelle Marktentwicklungen haben wir dabei im Blick.

Insgesamt ist also gewährleistet, dass die Geldpolitik auch in Sachen nachhaltige Finanzierungsinstrumente nicht außen vor ist.

2.3 Fremdportfolioverwaltung

Die Bundesbank erfüllt nicht nur Aufgaben in der Geldpolitik, der Bankenaufsicht und der Finanzstabilität: Wir sind auch Vermögensverwalter für Dritte. Für Bund und Länder betreuen wir beispielsweise Pensionsrücklagen. Auch in dieser Funktion bemerken wir als Notenbank das steigende Interesse an nachhaltigen Geldanlagen.

Einige Bundesländer nutzen bereits Nachhaltigkeitskriterien zur Steuerung ihrer Aktienportfolios. Hierbei verfolgen wir einen passiven Investmentansatz. Diesen setzen wir nach den Vorgaben unserer Mandatsgeber um. Unsere Mandatsgeber haben die Aufgabe, Nachhaltigkeitskriterien zu definieren. Eine anspruchsvolle Aufgabe angesichts der Vielzahl von Nachhaltigkeitsansätzen für Investoren.

Gerade vor dem Hintergrund dieser Vielfalt ist es uns als Bundesbank wichtig, sowohl unser eigenes Wissen als auch das unserer Kunden auszubauen und zu stärken. Unsere Portfoliomanager sind in diesem Bereich eng am Markt. Wenn einer unserer Mandatsgeber sein Geld nachhaltig anlegen möchte, steht die Bundesbank also gerne als Gesprächspartner zur Verfügung.

3 Schluss

Meine Damen und Herren, es gab in den 1960er Jahren eine große Werbekampagne der Deutschen Bundesbahn: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Das sollte unterstreichen, dass die Bahn dem Wetter trotzt. Egal, ob Wind, Nebel oder Schnee herrscht. Sicher haben wir alle unsere Erfahrungen mit der Bahn in verschiedenen Wettersituationen gemacht. Die Kampagne wurde vielfach aufgegriffen, in politischen Kontexten, in der Werbung. Aus heutiger Sicht muss man klar sagen: Alle reden vom Wetter. Und das ist auch gut so. Das Wetter und die Klimarisiken zu vernachlässigen, wäre fahrlässig. Nicht nur für die Bahn, sondern insbesondere für die Finanzwirtschaft. Und auch für die Notenbanken.

Meine Damen und Herren, Vernetzung und Reden ist wichtig. Dafür sind wir hier. Das ist die wichtige Aufgabe des Hub for Sustainable Finance. Es ist aber genauso bedeutsam, dass wir morgen in unsere Institutionen und Unternehmen zurückgehen und den Worten Taten folgen lassen. Diese Konferenz kann ein Startpunkt sein. Denn Nachhaltigkeit entsteht nicht nur durch Diskussionen, sondern vor allem durch Handeln.

Nach oben