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Die Zukunft des Bargelds

Die Zukunft des Bargelds Forum Bundesbank

07.03.2017 | Stuttgart | Carl-Ludwig Thiele

Sehr geehrter Präsident,
lieber Herr Sibold,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

"Bargeld wird in den nächsten zehn Jahren verschwinden!" Nein, das ist nicht die Position der Deutschen Bundesbank, sondern eine These des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank - John Cryan -, die dieser auf dem Weltwirtschaftsforum 2016 in Davos vortrug. Seitdem ist über ein Jahr vergangen und ich kann sagen: Bargeld ist immer noch da! Ich zumindest habe noch Banknoten und Münzen im Portmonee und ich hoffe, Sie auch. Was die nächsten neun Jahre bringen, werden wir sehen. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich teile Herrn Cryans Einschätzung nicht. Bargeld hat eine Zukunft. Warum ich das denke, möchte ich Ihnen im Folgenden aufzeigen.

1 Entwicklung des Bargeldumlaufs

Beginnen wir mit aktuellen Zahlen zur Entwicklung des Banknotenumlaufs. Ende 2016 waren Euro-Banknoten im Wert von 1.126 Milliarden Euro im Umlauf. Davon hat die Deutsche Bundesbank fast 600 Milliarden Euro, also über die Hälfte, emittiert. Das Wachstum des Banknotenumlaufs ist ungebrochen: Seit der Euro-Bargeldeinführung hat sich dieser verfünffacht. Würde man alle ausgegebenen Euro-Banknoten der Länge nach aneinander legen, käme man circa viermal zum Mond und zurück. Diese Zahlen und Darstellungen sollen Ihnen verdeutlichen, dass das Euro-Bargeld ein stark nachgefragtes Produkt ist. Obwohl mitunter so getan wird, als stünde die Abschaffung oder die Bedeutungslosigkeit des Bargelds unmittelbar bevor, zirkulieren mehr Banknoten denn je. Mit dieser Entwicklung steht das Europäische System der Zentralbanken im Übrigen nicht alleine da. Ende 2016 gab es fast dreieinhalb Mal so viele US-Dollar Banknoten wie 20 Jahre zuvor. Die gleiche Entwicklung durchlebte das britische Pfund innerhalb der vergangenen zwei Jahrzehnte. Auch der Banknotenumlauf des Schweizer Franken hat sich im gleichen Zeitraum mehr als verdoppelt. Die international wichtigen Reservewährungen sind also auch als Bargeld sehr beliebt.

Doch was geschieht mit all dem Bargeld? Werden diese Mengen an Geldscheinen für die Einkäufe des täglichen Lebens gebraucht? Für das Euro-Bargeld, das von der Deutschen Bundesbank herausgegeben wurde, haben wir Analysen zur Bargeldverwendung durchgeführt. Im Schnitt entfallen auf jeden Bundesbürger Banknoten im Wert von über 7.000 Euro. Bei den meisten werden diese Summen aber nicht im Portmonee zu finden sein. Dies liegt daran, dass der größte Teil des von der Bundesbank emittierten Bargelds - circa 70 % - ins Ausland fließt, entweder im Rahmen des internationalen Sortenhandels, durch Bargeldmitnahmen ausländischer Arbeitnehmer oder durch den Tourismus. Die Deutschen sind sehr reisefreudig und haben allein im Jahr 2015 mehr als 70 Milliarden Euro im Ausland verausgabt - bar und unbar.

Nur 30 % des gesamten Banknotenumlaufs werden innerhalb Deutschlands verwendet; davon zwei Drittel, so schätzen wir, als gehortete Barreserven. Hinsichtlich des Umfangs der Hortung bestehen gewisse Unsicherheiten, da die Menschen nicht immer bereitwillig Auskunft geben, wie viel Bargeld sie tatsächlich im Bankschließfach oder zuhause aufbewahren. Aber auch wenn wir die exakten Zahlen nicht kennen, ist dennoch klar: Die Wertaufbewahrung ist ein wichtiger Verwendungszweck für Bargeld. Wenn der Volksmund sagt: "Nur Bares ist Wahres", ist da durchaus etwas dran. Dies gilt insbesondere in unsicheren Zeiten, in denen die Bevölkerung physisch greifbares Geld einer Notenbank halten möchte, anstatt Einlagen bei einer Geschäftsbank zu halten. So haben wir während der Lehman-Krise im Oktober 2008 festgestellt, dass die Auszahlungen an 500-Euro-Banknoten stark zugenommen haben.

Bleibt noch die inländische Transaktionskasse, die maximal 10 % des emittierten Bargelds ausmacht. Trotz dieses kleinen Prozentsatzes spielt vor allem die Nutzung von Bargeld als Transaktionsmedium für die deutsche Volkswirtschaft eine wichtige Rolle. Während gehortetes oder im Ausland befindliches Bargeld selten oder gar nicht mehr den Weg zur Bundesbank findet, zirkulieren die Banknoten der Transaktionskasse zwischen der Bundesbank, den Geschäftsbanken, dem Handel und der Bevölkerung in Deutschland. Dabei werden die Banknoten auf Echtheit und Umlauffähigkeit geprüft, damit nur echte und qualitativ hochwertige Geldscheine zum Bezahlen verwendet werden. Die Deutsche Bundesbank prüft jedes Jahr circa 15 Milliarden Banknoten, die jeweils circa ein Gramm wiegen. Diese Menge entspricht 15.000 Tonnen. Damit kommt die Bundesbank ihrem hoheitlichen Sorgeauftrag für den baren Zahlungsverkehr in Deutschland nach.

Diese wichtige Funktion des Bargelds als Transaktionsmedium haben wir zum Anlass für Studien darüber genommen, wie die Bevölkerung in Deutschland bezahlt. Denn die Transaktionskasse wird in besonderem Maße davon beeinflusst, dass es mittlerweile eine Menge bargeldloser Alternativen gibt.

2 Zahlungsverhalten in Deutschland

In den Jahren 2008, 2011 und 2014 haben wir jeweils über 2.000 repräsentativ ausgewählte Personen gebeten, einen Fragebogen zu ihrem Bezahlverhalten zu beantworten und ein einwöchiges Zahlungstagebuch zu führen. Die Erhebung für das Jahr 2017 wird im Übrigen gerade vorbereitet. Gemäß den Ergebnissen des Jahres 2014 werden in Deutschland 53 % der Ausgaben am Point-of-Sale bar bezahlt. "Point-of-Sale" meint dabei die klassische Ladenkasse im Handel, aber auch Ausgaben an Privatpersonen bzw. Dienstleister sowie Interneteinkäufe. Mehr als jeder zweite Euro wird also in Form von Geldscheinen und Münzen ausgegeben. Und wenn man statt der Umsätze die Anzahl der Bezahlvorgänge betrachtet, liegt der Bargeldanteil bei fast 80 %.

Auf dem zweiten Platz liegt die girocard - deren früherer Name "ec-Karte" vielen Menschen noch geläufiger ist. Mit ihr werden knapp unter 30 % der Ausgaben bezahlt. Der Trend für das Bargeld ist seit 2008 leicht rückläufig, während die girocard in kleinen aber stetigen Schritten dazugewinnt. Interessanterweise gewinnt gerade die girocard, die schon in den frühen 1990er Jahren beliebt war, immer mehr Prozentpunkte dazu. Auch innovative Bezahlverfahren wie kontaktlose Karten oder Zahlungen per Mobiltelefon werden immer bekannter; in den Nutzungszahlen zeigt sich dies im Jahr 2014 jedoch noch nicht. Es bleibt abzuwarten, ob die technikaffine und an Internet und Smartphone gewöhnte, junge Generation dazu beiträgt, dass die Anteile der innovativen Bezahlverfahren künftig steigen.

Generell gilt, dass es Innovationen im Zahlungsverkehr in Deutschland nicht leicht haben, da die Hälfte der Bevölkerung hinsichtlich der Nutzung von Zahlungsinstrumenten festgelegt ist. Ein Drittel der Menschen zahlt ausschließlich bar, obwohl nahezu jeder über eine oder mehrere Karten verfügt. 17 % der Befragten zahlen bei jeder sich bietenden Gelegenheit unbar. 50 % der Bevölkerung entscheiden sich am Point-of-Sale anhand verschiedener Kriterien immer wieder neu für oder gegen die Verwendung eines Zahlungsmittels. Als Vorstandsmitglied, das für den baren und unbaren Zahlungsverkehr zuständig ist, bin ich auf die Ergebnisse der anstehenden Befragung gespannt: Wie weit wird sich Bargeld behaupten? Wird die girocard die 30 %-Marke knacken? Werden innovative Bezahlverfahren deutlich zulegen können?

Welche Erkenntnisse die kommende Studie zum Zahlungsverhalten auch bringen mag, Folgendes lässt sich festhalten: Die Nachfrage nach Bargeld ist ungebrochen, weswegen der Banknotenumlauf immer weiter steigt. Euro-Bargeld ist im In- und Ausland ein beliebtes Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel. Zwar sinkt der Barzahlungsanteil am Point-of-Sale über die Jahre hinweg langsam, aber noch werden über die Hälfte der Ausgaben bar bezahlt. Es gilt nach wie vor: "Cash is King!"

3 Vorteile und Nutzen stiftende Eigenschaften des Bargelds

Doch warum ist das so? Was hat Bargeld, was andere Zahlungsmittel nicht haben? Lassen Sie uns einen Blick auf die Vorteile und die Nutzen stiftenden Eigenschaften des Bargelds werfen:

  • Mit Bargeld kann erstens direkt Zug um Zug bezahlt werden, das heißt weder der Verkäufer, noch der Käufer einer Ware muss in Vorleistung treten. Beide sind so gegen eine Insolvenz der Gegenseite geschützt. Dies ist zum Beispiel beim Kauf und Verkauf von teuren Waren zwischen Privatpersonen von Interesse. Wenn ich einem Unbekannten einen Gebrauchtwagen verkaufe, möchte ich mich nicht darauf verlassen müssen, dass er mir das Geld später überweist.
  • Weiterhin ermöglichen Barzahlungen eine gute Kontrolle der Ausgaben - dies nutzen viele Haushalte, gerade die, die weniger Geld zur Verfügung haben. Wird ein bestimmtes Budget - etwa für Haushaltsausgaben - in bar gehalten, genügt ein Blick in den Geldbeutel, um festzustellen, ob weitere Ausgaben vorgenommen werden können.
  • Bargeld benötigt außerdem keine technische Infrastruktur. Dadurch kann es im Not- und Krisenfall als Zahlungsmittel verwendet werden. Dies hat sich beispielsweise nach dem verheerenden Tsunami in Japan 2011 gezeigt. Im Zivilschutzkonzept der Bundesregierung wird der Bevölkerung ausdrücklich nahegelegt, für Not- und Krisenfälle Bargeld vorzuhalten.
  • Ein weiterer Aspekt ist, dass Bargeld ohne nennenswerte Zugangsbeschränkungen zum Bezahlen verwendet werden kann. Auch Bevölkerungskreise, die keinen vollen Zugang zu bargeldlosen Zahlungsmitteln haben, beispielsweise Kinder oder Personen ohne Girokonto, können so am Wirtschaftsleben teilnehmen. Bei kleinen Kindern kommt noch hinzu, dass Banknoten und Münzen es ihnen überhaupt erst ermöglichen, den Umgang mit Geld zu erlernen.
  • Darüber hinaus sind Transaktionen mit Bargeld anonym. Wenn Bargeld zum Bezahlen verwendet wird, sind Art und Umfang der zugrunde liegenden Transaktion für Dritte nicht nachvollziehbar. So kann man zum Beispiel vor dem Ehepartner den Kauf des Weihnachtsgeschenks verbergen. Dieser Aspekt wird zuweilen kritisch gesehen. Denn die Anonymität des Bargelds wird auch von Kriminellen für deren Aktivitäten genutzt. Aber hier muss sorgfältig abgewogen werden: Die Freiheitsrechte der Bevölkerung und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung sind hohe Güter, die nicht ohne Weiteres mit dem Verweis auf eine mögliche kriminelle Verwendung des Bargelds preisgegeben werden dürfen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
eigentlich sprechen diese Vorzüge des Bargelds für sich. Meines Wissens gibt es kein alternatives Zahlungsmittel, das diese Eigenschaften so vereint wie Bargeld. Aber Sie werden es mitbekommen haben: Es gibt Personengruppen, die das Bargeld abschaffen wollen. Je nachdem, von wem der Vorschlag kommt, ist von der Abschaffung bestimmter Stückelungen über Obergrenzen für Barzahlungen bis hin zur kompletten Bargeldabschaffung die Rede. Worum geht es genau und was steckt dahinter?

4 War on Cash

Verschiedene Interessengruppen wollen die Bargeldverwendung zurückdrängen: Zu nennen sind hier die Anbieter unbarer Bezahlverfahren, Strafverfolgungsbehörden, Nachrichtendienste oder auch Politiker und Ökonomen. Die anhaltende Beliebtheit und häufige Verwendung von Bargeld ist diesen Akteuren mehr oder weniger ein Dorn im Auge. Sie führen vor allem zwei Gründe für ihre Haltung an:

Erstens argumentieren einige Ökonomen wie zum Beispiel Kenneth Rogoff oder Larry Summers geldpolitisch: Bargeld verhindere die breitflächige Durchsetzung negativer Zinsen, da die Möglichkeit bestünde, sein Geld jederzeit bar abzuheben. Bestünde diese Möglichkeit jedoch nicht, könnten die Zinsen dagegen deutlicher unter null gesenkt werden, was eine zusätzliche Konjunkturstimulierung erlaube, weil die Leute ihr Geld eher ausgeben würden als es auf dem Konto schrumpfen zu sehen. Es gibt aber Experten, die diese Position kritisch sehen. Yves Mersch, das für Bargeld zuständige Direktoriumsmitglied der EZB, äußerte im vergangenen Jahr die Ansicht, dass die Effektivität negativer Zinsen womöglich überschätzt werde, da die Menschen nicht immer linear auf veränderte Rahmenbedingungen reagierten, sondern sich anpassen könnten. So wäre es möglich, dass sie ihre Sparquote sogar noch erhöhten, statt ihr Geld auszugeben, um ein angestrebtes Niveau ihrer Altersvorsorge zu erreichen.[1] Anstatt das Bargeld zurückdrängen zu wollen, sollte besser über Wege diskutiert werden, die zu mehr Wachstum führen. Dann wäre auch der Zinssatz wieder höher - und die Geldpolitik hätte wieder mehr "Wasser unter dem Kiel".

Weiterhin argumentieren die Bargeldgegner, dass ohne Banknoten die Kriminalität zurückgehen würde. So wird der Polizeipräsidentin von Stockholm der Spruch zugeschrieben: "Bargeld ist das Blut in den Adern der Kriminalität."[2] Raub und Diebstahl von Bargeld, aber auch Geldwäsche, Schwarzarbeit oder Steuerhinterziehung könnten abgeschafft bzw. zurückgedrängt werden. Dabei wird nicht genug beachtet, dass es immer Alternativen gibt. Wenn kein Bargeld gestohlen oder geraubt wird, können stattdessen Konten abgeräumt werden. Schwarzarbeiter können auch in Fremdwährung, Naturalien oder Bitcoins bezahlt werden. Und die Panama Papers haben deutlich gezeigt, wie man mit Briefkastenfirmen Geldwäsche oder Steuerhinterziehung betreiben kann. Bei Schwarzgeld muss es sich ohnehin nicht zwangsläufig um Bargeld handeln. Der französische Ökonom Gabriel Zucman schätzt, dass weltweit 5,8 Billionen Euro an privatem Vermögen überwiegend nicht deklariert sind und sich auf Konten in der Schweiz, Hongkong oder Singapur befinden.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
es werden also verschiedene Argumente ins Feld geführt, warum Bargeld zurückgedrängt werden müsse, die ich für nicht stichhaltig erachte. Dennoch werden bestimmte Politikoptionen diskutiert oder sogar schon umgesetzt.

Im Mai vergangenen Jahres hat der EZB-Rat beschlossen, die 500-Euro-Banknote voraussichtlich ab Ende 2018 nicht mehr auszugeben. Damit hat der EZB-Rat Bedenken Rechnung getragen, dass diese Banknote illegalen Aktivitäten Vorschub leisten könnte. Außerdem hat die Bundesregierung angekündigt, sich für eine einheitliche EU-weite Barzahlungsobergrenze in Höhe von 5.000 Euro einzusetzen. In einigen anderen EU-Ländern gibt es derartige Grenzen bereits - in unterschiedlicher Höhe. Begründet wird eine solche Deckelung für Barzahlungen mit der Bekämpfung von Terrorismusfinanzierung und von Schwarzgeldgeschäften, Steuerhinterziehung und Geldwäsche, denen der Boden entzogen werden soll, denn hohe Summen könnten nur noch über nachvollziehbare Konto- und Bankverbindungen transferiert werden. Allerdings konnte bisher der Nutzen der in anderen Ländern eingeführten Barzahlungsbeschränkungen noch nicht überzeugend nachgewiesen werden. Mir ist nicht bekannt, dass es in Ländern mit einer Bargeldobergrenze weniger Kriminalität gäbe. In Deutschland unterwirft bereits heute das Geldwäschegesetz Händler und andere Akteure bestimmten Sorgfaltspflichten, wenn hochpreisige Güter mit Bargeld erworben werden. Und zudem kann schwarzes Geld nicht nur sauber gewaschen werden, indem teure Güter gekauft werden. Barzahlungsbeschränkungen sind insofern kein Allheilmittel gegen Geldwäsche.

5 Demonetisierung in Indien

Bereits umgesetzt wurde eine besondere Maßnahme zur Einschränkung des Barzahlungsverkehrs: die sogenannte Demonetisierung in Indien. Mit nur vier Stunden Vorwarnzeit war zum 9. November 2016 um 00:00 Uhr in Indien allen Geldscheinen in den beiden höchsten Stückelungen 500 und 1.000 Rupien die Eigenschaft als gesetzliches Zahlungsmittel entzogen worden. Dies betraf ein Viertel der umlaufenden Scheine im Wert von 80 % des Bargeldumlaufes. Mit dieser Demonetisierung wollen Regierung und Zentralbank Korruption, Steuerhinterziehung, Falschgeld und Terrorismusfinanzierung bekämpfen.

Am Abend des 8. November reagierte die Bevölkerung - trotz weitgehender Unterstützung der Zielrichtung der Maßnahme - anfangs mit Unglauben, teilweise mit Panik. Die meisten Menschen fragten sich, wie sie in einer bargeldlastigen Wirtschaft wie der Indiens, wo 90 bis 95 % der Einzelhändler über kein Karten-Lesegerät verfügt, die nächsten Tage und Wochen überstehen sollten. Innerhalb kürzester Zeit bildeten sich vor Tankstellen lange Autoschlangen. Vor den etwa 200.000 Geldautomaten Indiens standen Menschen an, die sich für Alltagsausgaben mit 100-Rupien-Scheinen einzudecken versuchten. Barabhebungen in Bankfilialen und von Bankautomaten waren aber zunächst beschränkt und ein Bargeldtausch in neue Scheine war nur in geringem Umfang möglich. Dazu musste ein Identitätsnachweis erbracht und stundenlanges Anstehen in Warteschlangen in Kauf genommen werden. Neue Geldscheine in den Stückelungen 500 und 2.000 Rupien werden nun nach und nach herausgegeben. Die Beschränkung der Barabhebungen wurde mittlerweile auch gelockert.

Die von einigen Kritikern heraufbeschworenen katastrophalen Auswirkungen auf die indische Wirtschaft sind zwar ausgeblieben. Eine teilweise Erklärung dafür liefern unbare Zahlungsmittel: So war laut Statistiken der indischen Zentralbank die Zahl der Transaktionen mit Debitkarten am Verkaufsort und über Prepaid-Zahlungsarten im November und Dezember 2016 deutlich höher als bisher. Die Verwirrung und Verunsicherung der Bevölkerung zu Beginn der Maßnahme war jedoch groß.

Interessant ist, dass die Aktion keinen Einfluss auf die Bilanz der indischen Zentralbank hatte, d. h. die demonetisierten 500- und 1.000-Rupien-Banknoten stehen nach wie vor - soweit noch nicht bei der Zentralbank eingezahlt - in deren Bilanz. Man kann daher nur von einem potenziellen unverhofften Gewinn bzw. potenziellen Windfall Profit sprechen. Erst wenn - und das ist zurzeit nicht absehbar - diese Banknoten aus der Zentralbankbilanz ausgebucht werden, führt dies in entsprechender Höhe zu einem unverhofften Gewinn, der dann an die Regierung auszuschütten ist.

6 Abschaffung von Bargeld

Neben diesen Maßnahmen zur Einschränkung von Barzahlungen gibt es noch eine weitere gedankliche Option, die seit geraumer Zeit diskutiert wird: die Idee einer kompletten Bargeldabschaffung. Wiederholt wurde in der Presse die Frage aufgeworfen, ob eine Bargeldabschaffung denkbar sei und wie diese vonstattengehen könnte. Nun, hierzu ist in Bezug auf Deutschland und Europa zu sagen, dass das Recht der Europäischen Union davon ausgeht, dass Bargeld existiert. So sind nach Art. 128 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union die Europäische Zentralbank und die nationalen Zentralbanken zur Ausgabe von Euro-Banknoten berechtigt. Und die Mitgliedstaaten haben das Recht zur Ausgabe von Euro-Münzen. Man müsste daher davon ausgehen, dass eine "Abschaffung" von Euro-Banknoten und -Münzen als gesetzliches Zahlungsmittel Änderungen im Unionsrecht erfordern. Neben diesen rechtlichen Fragestellungen gäbe es noch eine Vielzahl praktischer und logistischer Herausforderungen zu überwinden.

Zudem müsste man intensiver als bisher über die Folgen nachdenken. Würde man das Bargeld abschaffen, um etwa negative Zinsen leichter durchzusetzen, könnte es auch passieren, dass die Bürgerinnen und Bürger ihr Geld nicht für Konsumzwecke ausgeben, sondern anderweitig anlegen, beispielsweise in Edelmetallen oder Immobilien. Aber welche Verwerfungen würden sich dann auf diesen Märkten einstellen? Ebenso könnten die Menschen auf die Idee kommen, als Bargeldersatz auf Regionalwährungen oder Gutscheine auszuweichen. Aber möchte man wirklich, dass Firmen wie beispielsweise Amazon eine Art Ersatzwährung bereitstellen?

Darüber hinaus gibt es weitere Fragen: Wenn es kein Bargeld mehr gäbe und die Zinsen weit unter null sinken würden, könnten dann beispielsweise auch Kreditzinsen für Häuslebauer negativ werden? Wie wirkt es sich auf die Geldschöpfung aus, wenn Bargeld als wichtiger Grund für den Bedarf an Zentralbankgeld wegfällt? Und schließlich stellt sich die Frage, wodurch Bargeld gleichwertig ersetzt werden könnte. Welches Zahlungsmittel bietet eine einfache, technikfreie Handhabung, einen Zahlungsausgleich in Echtzeit ohne Insolvenzrisiken, einen umfassenden Schutz der Privatsphäre, eine universelle Akzeptanz selbst am kleinsten Kiosk sowie eine Wertaufbewahrungsfunktion? Müsste es im Fall eines Bargeldwegfalls auf ein Vollgeldsystem hinauslaufen, bei dem die Notenbank selbst umlauffähiges Giralgeld bereitstellt? Es gibt Ökonomen, die so argumentieren.[3]

Insgesamt betrachtet wäre eine Bargeldabschaffung ein beispielloser Kraftakt mit unabsehbaren Folgen, den ich für unrealistisch halte. Ich kann Ihnen hier und heute jedenfalls versichern: Die Bundesbank hegt keinerlei Pläne für eine Abschaffung des Bargelds. Wir gehen davon aus, dass es Banknoten und Münzen weiter geben wird.

All denen, die sich theoretisch mit derartigen Gedankenspielen beschäftigen, möchte ich sagen: Bitte beschäftigen Sie sich statt mit vermeintlichen Nachteilen auch mit den Vorteilen und den Nutzen stiftenden Eigenschaften des Bargelds. Diese werden in der Öffentlichkeit nicht ausreichend gewürdigt.

7 Fazit und Ausblick

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Sie merken, ich setze mich für das Bargeld ein und stehe den Argumenten der Bargeldgegner skeptisch gegenüber. Was ich mir noch eher als eine Bargeldabschaffung vorstellen kann, ist ein Wandel in der Bargeldbedeutung aufgrund von Änderungen im Zahlungs- und Konsumverhalten. Die jungen, nachfolgenden Generationen sind sehr technikaffin und können sich ein Leben ohne Smartphone und Internet gar nicht mehr vorstellen. Waren und Dienstleistungen werden heute online geordert und auch unbar bezahlt - dem Postboten Bargeld zu geben, ist aus der Mode gekommen. Allein durch Veränderungen im Konsumverhalten hin zum Online-Shopping resultieren auch Änderungen im Zahlungsverhalten. Aber auch im stationären Einzelhandel steigern die unbaren Zahlungsinstrumente langsam, aber stetig ihren Anteil. In Deutschland wurden bislang weit über 100 Millionen Karten mit Zahlungsfunktion ausgegeben - und diese wollen auch benutzt werden.

Diese Entwicklung halte ich nicht für problematisch. Die Deutsche Bundesbank verhält sich neutral gegenüber den Zahlungspräferenzen der Bevölkerung. Jeder sollte so zahlen, wie er möchte. Aber der Punkt ist: Damit es auch in Zukunft eine Wahl zwischen baren und unbaren Zahlungsmitteln gibt, ist die Existenz des Bargelds vonnöten! Darum setze ich mich für das Bargeld ein. Die nach wie vor große Bedeutung des Barzahlungsverkehrs zeigt, dass die Menschen die Vorzüge des Bargelds schätzen und Bargeld als selbstverständliches Zahlungsmittel betrachten. Daher bin ich überzeugt, dass Bargeld eine Zukunft hat. Auch wenn es immer mehr unbare Zahlungsinstrumente gibt, wird Bargeld seinen Platz im Geldbeutel behaupten.

Man darf nicht vergessen: Das Vertrauen in eine Währung beginnt beim Bargeld. Die Existenz des Bargelds leistet einen Beitrag zum Vertrauen der Bürgerinnen und Bürgern, das für die Abwicklung des Wirtschaftslebens zwingend vonnöten ist. Es geht aber nicht nur um das Vertrauen in die Währung; das Euro-Bargeld ist auch sichtbarer Ausdruck des europäischen Einigungsprozesses und wirkt als vertrauensbildende Maßnahme für die europäischen Institutionen.

Die Deutsche Bundesbank setzt sich auch in Zukunft dafür ein, dass die Bürgerinnen und Bürger selbst entscheiden können, wie sie bezahlen. Bargeld ist ein unverzichtbarer Bestandteil eines ausgewogenen Portfolios an Zahlungsinstrumenten. Bargeld ist geprägte Freiheit.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


Fußnoten

  1. Vgl. Mersch, Y.: Bares bleibt Wahres, siehe https://www.ecb.europa.eu/press/inter/date/2016/html/sp160505.de.html
  2. Vgl. Reise, N.: Böses Bargeld, erhältlich unter http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kampf-um-die-schwedische-krone-boeses-bargeld-a-697191.html
  3. Kooths, S.: Schein oder nicht Schein, in: Wirtschaftswoche vom 11.03.2016, S. 35.
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