Entwicklungen im Euro-Raum – Herausforderungen und Lösungsansätze Rede im Rahmen des Oberbank Finanzmarkt-Forums

1 Begrüßung

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine Freude, hier in Linz zu sein und zu Ihnen zu sprechen. Heute Abend möchte ich die aktuelle Lage im Euro-Raum beleuchten und dabei ein besonderes Augenmerk auf zwei Themen lenken, die Sie als Sparer und Anleger sicher besonders interessieren werden: Das aktuelle Niedrigzinsumfeld und der demografische Wandel. Erlauben Sie mir aber bitte, dass ich dabei weniger deren Bedeutung für eine erfolgreiche Anlagestrategie diskutiere – das entspricht nicht meiner Rolle als Zentralbanker und Bankenaufseher. Ich werde vielmehr auf die Folgen dieser beiden Entwicklungen für das Finanzsystem insgesamt eingehen und Ihnen erläutern, wie wir diesen Gefahren begegnen, aber auch, was wir von den Kreditinstituten diesbezüglich erwarten.

2 Licht und Schatten: Die konjunkturelle Lage im Euro-Raum

Lassen Sie mich bitte zunächst einen Blick auf das weltwirtschaftliche Umfeld werfen. Nach unserer Einschätzung stellt sich die konjunkturelle Entwicklung in den großen Industrienationen weiterhin recht solide dar. Dagegen sehen wir in den Schwellenländern eine zweigeteilte Entwicklung: Einerseits haben sich die Wachstumsraten in China und anderen asiatischen Schwellenländern gegenüber früheren Jahren deutlich abgeschwächt. Insbesondere die Rohstoffe exportierenden Länder sind derzeit von dem Preisverfall auf den Rohstoffmärkten stark betroffen; manche von Ihnen bewegen sich sogar schon am Rande einer Rezession. Davon abgesehen stellt sich die konjunkturelle Lage der Schwellenländer im internationalen Vergleich jedoch recht robust dar. So prognostizieren die Kollegen des IWF einen Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts in den Schwellen- und Entwicklungsländern von 4,3% in diesem und 4,7% im nächsten Jahr. Aus unserer Sicht bestehen hier jedoch durchaus Abwärtsrisiken, sofern sich der Preisverfall an den Rohstoffmärkten nicht umkehrt.

Des Einen Leid ist aber oftmals des Anderen Freud‘. Dies trifft derzeit zum Teil auch auf die Rohstoffpreisentwicklung zu. Ja, der anhaltende Öl- und Rohstoffpreisverfall stellt eine besondere Belastung für diejenigen Länder dar, die Öl und andere wichtige Rohstoffe exportieren. Und ja, dies könnte die Ausfuhren der Industrienationen in solche Länder dämpfen – was schließlich auch deren Investitionstätigkeit belasten kann. Gleichzeitig profitieren Unternehmen und Verbraucher in den entwickelten Volkswirtschaften jedoch von dem Öl- und Rohstoffpreisrückgang, denn nicht nur das Tanken und Heizen wird billiger. Der private Konsum insgesamt, der zuletzt in vielen Ländern an Bedeutung für die Konjunktur gewonnen hat, kann davon profitieren. Zudem sind die Kapazitäten der Unternehmen in einigen Industrieländern bereits zunehmend ausgelastet und die Finanzierungsbedingungen sind vielerorts weiterhin günstig. Dies alles dürfte dazu beitragen, dass die Folgen des Öl- und Rohstoffpreisrückgangs für die Industrienationen in der Summe eher positiv sind. Hinzu kommt, dass es derzeit keine Hinweise auf einen scharfen wirtschaftlichen Einbruch in China gibt. Wir gehen derzeit daher nicht davon aus, dass diese Entwicklungen merkliche Bremsspuren beim Wirtschaftswachstum in den Industriestaaten hinterlassen werden. Das sieht der IWF durchaus ähnlich. Insgesamt erwartet der Fonds für die fortgeschrittenen Volkswirtschaften daher einen Anstieg der realen Wirtschaftsleistung in diesem und im nächsten Jahr von jeweils 2,1%.

Auch für das Euro-Währungsgebiet sehen die jüngsten Projektionen des Eurosystems eine weitere wirtschaftliche Belebung voraus. Im Mittel gehen die Schätzungen von einem Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts um 1,7% in diesem und 1,9% im nächsten Jahr aus, wobei der private Konsum eine wichtige Säule der wirtschaftlichen Entwicklung bildet. Die Bürger sind derzeit aus mehreren Gründen in Kauflaune. Die Arbeitslosigkeit sinkt kontinuierlich, wobei die Situation in den einzelnen Mitgliedstaaten des Euro-Raums durchaus sehr unterschiedlich ist. Die Einkommen sind nominal gestiegen, und wegen der niedrigen Rohstoffpreise und der insgesamt geringen Teuerung steht den Menschen auch real mehr Geld zur Verfügung. Und schließlich trägt das historisch niedrige Zinsniveau seinen Teil zu den aktuellen Entwicklungen bei, denn Kredite sind derzeit ausgesprochen günstig. Die Folgen sehen wir in Deutschland und in Österreich schon seit geraumer Zeit. So steigen die Immobilienpreise hierzulande wie auch in Deutschland spürbar an, auch wenn sich in Österreich die Dynamik seit 2014 reduziert hat.

Die insgesamt solide konjunkturelle Situation im Euro-Raum darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass auch Gefahren für die nähere Zukunft bestehen. Die außenwirtschaftlichen Folgen der niedrigen Rohstoffpreise habe ich ja bereits angesprochen. Daneben bergen aber auch die politischen Entwicklungen in manchen Mitgliedsländern, die Reformmüdigkeit einiger von der Krise stark betroffener Staaten, die gestiegenen geopolitischen Risiken und nicht zuletzt die aktuelle Flüchtlingskrise durchaus Herausforderungen.

3 Niedrige Zinsen, hohe Risiken?

In den nächsten Minuten möchte ich Ihre Aufmerksamkeit jedoch auf ein spezielles Risiko richten, dem wir uns derzeit gegenüber sehen, nämlich den Nebenwirkungen der ultra-lockeren Geldpolitik im Euro-Raum. Zur Überwindung der wirtschaftlichen Folgen der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise hat der EZB-Rat die geldpolitischen Schlüsselzinsen für das Euro-Währungsgebiet auf ein historisch niedriges Niveau gesenkt. Kreditinstitute zahlen derzeit nur noch 0,05% Zinsen an das Eurosystem, wenn sie sich im Rahmen der sogenannten Hauptrefinanzierungsgeschäfte bei ihrer Zentralbank refinanzieren. Zudem bekommen sie soviel Geld, wie sie benötigen – vorausgesetzt, sie können die nötigen Sicherheiten dafür hinterlegen. Gleichzeitig flankiert der EZB-Rat seine lockere Geldpolitik mit sogenannten "geldpolitischen Sondermaßnahmen". So wurde beschlossen, Staatsanleihen der Euro-Länder und andere Vermögenstitel im Umfang von monatlich rund 60 Milliarden Euro aufzukaufen. Ihnen ist sicherlich allen bekannt, dass die Bundesbank dem Ankauf von Staatsanleihen kritisch gegenüber steht. Hinzu kommt, dass die Institute für ihre Guthaben bei der Zentralbank eine Art Strafzins zahlen müssen. Alle diese Anstrengungen zielen letztlich darauf ab, die Kreditvergabe der Banken und Sparkassen an den privaten Sektor im Euro-Raum zu stimulieren.

Bislang stellen sich die gewünschten Effekte gleichwohl noch nicht ein. So wuchs die Kreditvergabe der Banken und Sparkassen im Euro-Raum an hiesige private Schuldner im Gesamtjahr 2015 nur um 0,6%. Dabei ist der überwiegende Teil dieses Wachstums auf Kredite an private Haushalte
zurückzuführen. Hier ist – zumindest für den Euro-Raum als Ganzes – ein Wachstum der Wohnimmobilien- und Konsumentenkredite zu beobachten. Dagegen wuchsen die Ausleihungen an heimische Unternehmen nur schwach. Letzteres ist für die konjunkturelle Entwicklung im Euro-Raum
jedoch von großer Bedeutung, da das europäische Wirtschaftssystem, im Gegensatz zum Beispiel zu den USA, noch immer sehr stark bankenbasiert ist. Bankkredite machen heute einen Anteil von rund 30% am Fremdkapital der Unternehmen im Euro-Raum aus. Und auch für die heimischen Banken und Sparkassen besitzt das Unternehmenskreditgeschäft noch immer eine hohe Bedeutung. Mit gut 23% entfällt ein erheblicher Anteil der gesamten konsolidierten Bilanzsumme des Bankensystems im Euro-Raum allein auf Unternehmenskredite.

Die schwache Kreditentwicklung ist also offensichtlich keine Folge überteuerter Refinanzierungskosten für die Kreditinstitute bei der Zentralbank. Angesichts der niedrigen Leitzinsen, des aktuellen Vollzuteilungsregimes im Eurosystem, des gelockerten Sicherheitenrahmens für die geldpolitischen Geschäfte und der geldpolitischen Sondermaßnahmen scheidet die Geld­politik als Verantwortliche für die schwache Kreditentwicklung faktisch aus. Im Euro-Raum bestehen vielmehr strukturelle Probleme, die nur durch strukturelle Veränderungen gelöst werden können. Geldpolitik allein kann solche Maßnahmen nicht ersetzen. Tatsächlich zeigt sich immer deutlicher, dass das historisch niedrige Zinsniveau teils erhebliche negative Nebenwirkungen mit sich bringt. So kann die mit den niedrigen Zinsen einhergehende Einengung der Zinsspanne mittel- bis langfristig zu einer ernsten Gefahr für die Stabilität der Kreditinstitute werden, da deren Zinsergebnis immer mehr unter Druck gerät.

Bisher sind negative Auswirkungen der niedrigen Zinsen auf die Ertragslage und die Stabilität des Bankensystems, zumindest in Deutschland, allerdings kaum spürbar. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass das niedrige Zinsniveau einerseits auf der Aktivseite der Bilanz eine Ausweitung des Kreditgeschäfts erlaubt, andererseits aber auf der Passivseite eine Umschichtung in eher nicht verzinste Sichteinlagen fördert. Letztere sind im Euro-Raum zuletzt im Jahresvergleich um knapp 11% gewachsen, während kurzfristige Spar- und Termineinlagen in diesem Zeitraum merklich reduziert wurden. Spürbare Rückgänge waren auch bei den langfristigen Einlagearten zu verzeichnen; diese sanken auf Jahresfrist um knapp 5%. Angesichts der niedrigen Zinsen, die mit längerfristigen Anlagearten derzeit bei Banken und Sparkassen zu erzielen sind, nutzen die Kunden die Liquiditätsvorteile der Sichteinlagen schon seit geraumer Zeit aus.

Solche Umschichtungen haben aber ihre Grenzen. Je länger die Niedrigzinsphase anhält, desto wahrscheinlicher wird es, dass diese Grenzen auch erreicht werden. Hinzu kommt, dass eine zusätzliche Verflachung der Zinsstrukturkurve die Ertragsmöglichkeiten der Kreditinstitute belasten kann. Die Institute könnten sich veranlasst sehen, höhere Risiken zu akzeptieren, um überhaupt noch eine für sie akzeptable Rendite zu erzielen. Dadurch können schließlich Risiken für das gesamte Finanzsystem entstehen. Diese können zum Beispiel daher rühren, dass Schuldner allein auf das aktuelle Zinsniveau schauen und die Gefahr künftig steigender Zinsen außer Acht lassen. Steigende Ausfallrisiken im Kreditgeschäft wären dann die Folge. Zudem ist eine Erosion der Kreditvergabestandards wegen des zunehmenden Wettbewerbs um Kreditkunden denkbar.

Schließlich besteht die Möglichkeit, dass Kunden verstärkt Kredite mit langen Laufzeiten nachfragen. Aus Kundensicht ist es absolut nachvollziehbar, das sehr günstige Zinsniveau für einen möglichst langen Zeitraum festzuschreiben. Im Unterschied zum Beispiel zu Österreich sind in Deutschland lange Zinsbindungsfristen ohnehin traditionell sehr weit verbreitet. Banken refinanzieren sich aber eher kurzfristig, was bei einer Zinswende dazu führen kann, dass die Zinsmarge der Institute recht schnell unter Druck gerät.

Wir sehen daher ein erhebliches Risiko, dass sich in den Kreditinstituten mit anhaltender Niedrigzinsphase ein spürbares Risikopotential aufbaut. Die Kreditinstitute nicht nur in Deutschland müssen für sich eine angemessene Balance zwischen langfristiger Kreditvergabe und kurzfristiger Finanzierung finden und einhalten. Und auch wenn die EZB angekündigt hat, ihr Ankaufprogramm und damit die extrem lockere Geld­politik noch mindestens bis Ende März 2017 fortzusetzen, müssen die Kreditinstitute bereits jetzt über geeignete Strategien und die notwendigen Maßnahmen in einem Umfeld wieder steigender Zinsen nachdenken.

Doch nicht nur Banken und Sparkassen, auch Sie als Bankkunde sind direkt von den niedrigen Zinsen betroffen. Viele private Anleger sorgen sich um ihre Ersparnisse und das ist durchaus verständlich. Vor dem Hintergrund der beschriebenen Negativzinsen, die das Eurosystem seinen Geschäftspartnern für bestimmte Guthaben berechnet, stellt sich einigen von Ihnen vielleicht auch die Frage, ob negative Sparzinsen auch für Privatpersonen denkbar sind. Eine kürzlich veröffentlichte Branchenstudie hat sich dieser Frage gewidmet und kommt zu interessanten Ergebnissen. Demzufolge würden zum Beispiel in Österreich voraussichtlich 90% der Sparer ihre Guthaben bei Banken und Sparkassen auflösen, wenn diese ihnen eine negative Verzinsung berechnen würde. In Deutschland wären es immerhin noch 80% der Anleger.

Dieser Studie zufolge sei es aber unwahrscheinlich, dass die abgehobenen Gelder im Falle negativer Sparzinsen der Realwirtschaft zugute kämen. Die meisten Menschen würden demnach wohl eher das Geld zuhause horten, statt es in andere Anlageformen zu investieren. Demnach dürfte man sich von einem solchen Szenario keinen echten Konjunkturimpuls erwarten.

Schaut man jedoch auf die realen Renditen, die also nach Berücksichtigung der Inflation erzielt wurden, zeigt sich, dass negative Realzinsen auf besonders sichere Anlageformen gar kein neues Phänomen sind. Auch in den 1970er, den 1990er Jahren und Anfang des neuen Jahrtausends erzielten Spareinlagen oftmals keine inflationsausgleichende Verzinsung. Es ist also nicht so, dass es im Niedrigzinsumfeld besonders unattraktiv wäre, Ersparnisse zu bilden. Entscheidend ist nämlich nicht nur die Verzinsung Ihrer sicheren Spareinlagen, sondern auch die Rendite, die Sie mit anderen Anlageformen erzielen, also mit Aktien, Anleihen, Immobilien, etc. Zudem sollte man bedenken, dass nicht nur die nominalen Zinsen, sondern auch die allgemeine Teuerung aktuell sehr gering ist, so dass sich die gesamte reale Portfoliorendite derzeit gar nicht außergewöhnlich niedrig darstellt.

Untersuchungen des Eurosystems deuten tatsächlich darauf hin, dass private Anleger während der aktuellen Phase niedriger Zinsen weder mehr noch weniger gespart haben als zuvor. Das Spar- und Anlageverhalten der Bürger wird also nicht so stark vom Renditeumfeld als vielmehr von den persönlichen Vorlieben, dem Einkommen und der Vermögenssituation der Anleger bestimmt. Zudem sind demografische Faktoren für die Spar- und Anlageentscheidung von Bedeutung.

4 Der demographische Wandel und seine Folgen für die Banken

Auch wenn derzeit noch kein Ende des aktuellen Niedrigzinsumfelds absehbar ist, so ist es doch mutmaßlich vorübergehender Natur. Der gerade angesprochene demografische Wandel, von dem Österreich in ähnlicher Weise betroffen ist wie Deutschland, ist indes eine strukturelle Entwicklung, die durchaus das Potenzial hat, zu tektonischen Veränderungen zu führen – und zwar in den Geschäftsarten und –praktiken, die die Kreditinstitute betreiben, wie auch politisch und gesellschaftlich.

Selbstverständlich sind die Folgen des demografischen Wandels kein Thema, das kurzfristig zu Problemen führt bzw. das innerhalb der nächsten Monate gelöst werden müsste. Gleichwohl sollten alle gesellschaftlichen Gruppen, also die Kreditinstitute ebenso wie die Anleger, die Zeit nutzen, um sich auf diese Entwicklungen intensiv vorzubereiten.

Lassen Sie mich beispielhaft bitte die Situation in Deutschland beschreiben. Gegen Ende dieses Jahrzehnts wird die Erwerbsbevölkerung in Deutschland beginnen zu schrumpfen. Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl der Erwerbspersonen bis zum Jahr 2030 um bis zu drei Millionen im Vergleich zu heute sinkt. Der aktuelle Strom an Zuwanderern kann diese Entwicklung bestenfalls dämpfen, er wird sie aber wahrscheinlich nicht aufhalten können. Auch wenn solche Prognosen mit hoher Unsicherheit behaftet sind, so sind sie doch ausreichend verlässlich, um eine Vorstellung darüber zu bekommen, welche Herausforderungen auf unsere Volkswirtschaften zukommen werden.

Die Folgen einer alternden Gesellschaft für unsere Wirtschaft im Allgemeinen und das Finanzsystem im Speziellen können vielfältig sein. Ein Mangel an Fachkräften zeichnet sich in einigen Wirtschaftsbereichen bereits schon heute ab. Darüber hinaus bedeuten weniger Arbeitnehmer aber auch weniger Beitragszahler in die Sozialkassen – und damit eine steigende Belastung für den Staatshaushalt. Die EU-Kommission geht davon aus, dass der Anteil der alterungsbedingten öffentlichen Ausgaben in Deutschland, bezogen auf die allgemeine Wirtschaftsleistung, bis 2060 um fünf Prozentpunkte steigen wird. Vor diesem Hintergrund erwartet der deutsche Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Entwicklung, dass das deutsche Haushaltsdefizit ohne Anpassungen im Alterssicherungssystem bis zum Jahr 2060 auf fast 250% des Bruttoinlandsprodukts steigen wird. Zum Vergleich, derzeit gilt Deutschland mit einem Schuldenstand von rund 72% des BIP als einer der Musterschüler in Europa. Eine solche Entwicklung hätte nicht nur für deutsche Bundesanleihen, sondern auch für den europäischen Finanzmarkt insgesamt weitreichende Folgen.

Erhält dagegen die private Altersvorsorge ein größeres Gewicht, müssen entsprechende Finanzprodukte zur Verfügung stehen. Zudem könnte eine zunehmende Spartätigkeit zu einer dauerhaften Absenkung des Renditeniveaus führen – insbesondere, falls die Investitionstätigkeit der Unternehmen angesichts eines niedrigeren Wachstumspotenzials abnimmt. Dies wiederum kann Folgen unter anderem für die Kreditnachfrage nach sich ziehen – und betrifft damit letztlich auch die Geschäftsmodelle der Kreditinstitute.

Unsere Volkswirtschaften stehen insgesamt vor enormen Herausforderungen, denen wir intelligent begegnen müssen. Dies erreichen wir meines Erachtens nur über Verbesserungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, über eine graduelle Ausweitung der Lebensarbeitszeit, bessere Ausbildungsmöglichkeiten und ein gezieltes Anwerben von Fachkräften aus dem Ausland.

5 Europas Banken: Heute sicherer als jemals zuvor?

In den letzten Jahren wurden von aufsichtlicher Seite her viele Maßnahmen ergriffen, um das globale Finanzsystem im Allgemeinen und das Bankensystem im Speziellen sicherer zu machen. Die jüngste Finanzkrise und die anschließende globale Wirtschaftskrise haben uns eindrucksvoll vor Augen geführt, wie eng das Finanzsystem und die Realwirtschaft miteinander verbunden sind. Wir haben gelernt, dass Institute so groß sein können, dass man sie eigentlich nicht vom Markt nehmen kann – ein Problem, das unter dem Schlagwort "too big to fail" diskutiert wird. Auch ist uns bewusst, dass aus dem Ruder gelaufene Bonussysteme von Geldhäusern destabilisierende Wirkungen entfalten können, wenn sie zu sehr auf kurzfristige Profite abstellen und langfristige Risiken außer Acht lassen. Und wir wissen nun, dass aus der hohen Vernetzung der Banken untereinander und aus Phänomenen wie dem Herdenverhalten sehr wohl Risiken für das Finanzsystem entstehen können, obwohl jede einzelne Bank für sich genommen stabil ist. Umfassende Reformen waren und sind also noch immer nötig, um ein sichereres Finanzsystem zu schaffen, das zuverlässig seinen eigentlichen Zweck erfüllt: Die Finanzierung der Realwirtschaft.

Und so haben wir in den letzten Jahren viele neue Regulierungsinitiativen erlebt. Heute, siebeneinhalb Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers – für Viele der Beginn der Finanzkrise -, sind wir unserem Ziel deutlich näher als jemals zuvor.

So wurde ein Regulierungsrahmen erarbeitet, der in der breiten Öffentlichkeit unter dem Schlagwort "Basel III" bekannt ist. In diesem Rahmenwerk wurden in erster Linie die Anforderungen an das Eigenkapital der Kreditinstitute überarbeitet. Eigenkapital ist ganz entscheidend für die Stabilität der Banken, denn es ist deren wichtigster Puffer, um Verluste aufzufangen. Nach den neuen Regeln müssen Banken nicht nur mehr Eigenkapital halten, es muss auch höherwertiger sein.

Zudem haben wir auf europäischer Ebene auch institutionelle Anpassungen vorgenommen. So hat die Europäische Zentralbank am 4. November 2014 die direkte Aufsicht über die größten Banken und Euro-Raum übernommen. Damit wurde der erste Pfeiler der europäischen Bankenunion errichtet, deren Ziel es ist, die Schwachstellen des Bankensystems zu beseitigen und die Währungsunion zu vervollständigen. Heute werden 129 Banken direkt von der EZB beaufsichtigt. Diese machen mehr als 80 % der Bilanzsumme des gesamten Bankensektors im Euro-Raum aus. Die EZB ist also quasi über Nacht zu einem der größten Bankenaufseher der Welt geworden.

Zu einer echten Bankenunion gehört allerdings mehr als nur eine effektive Bankenaufsicht. Die zweite Säule der Bankenunion ist ein europäischer Abwicklungsmechanismus für Kreditinstitute. Einen solchen Mechanismus gibt es im Euro-Raum seit Beginn dieses Jahres. Wenn der Ernstfall eintritt und ein Institut nicht mehr überlebensfähig ist, werden zunächst Eigentümer und Gläubiger die entstehenden Verluste tragen. Sie, die Steuerzahler, stehen in dieser Haftungskette künftig erst ganz am Ende. Dadurch trägt der euro­päische Abwicklungsmechanismus auch dazu bei, die enge Verbindung
zwischen Banken und Staaten aufzubrechen, die während der Krise ein zentrales Problem darstellte.

Als dritte und letzte Säule der Bankenunion gilt schließlich die gemeinsame europäische Einlagensicherung. Diese sehen wir als Bundesbank derzeit jedoch noch sehr kritisch. Meines Erachtens sind die Voraussetzungen für einen so weitgehenden Haftungsverbund bislang noch nicht erfüllt. Und Ihnen als Sparer und Kontoinhaber kann ich an dieser Stelle versichern, dass Ihre Guthaben ohnehin schon umfangreich abgesichert sind. Es existiert nämlich bereits seit dem Jahr 2014 eine europaweit einheitliche Einlagensicherung, die sicherstellt, dass Einlagen bis 100.000 Euro pro Kunde bei einem Kreditinstitut abgesichert sind. Noch haften dabei jedoch jeweils die nationalen Sicherungssysteme, nicht Europa als Ganzes. Deshalb besteht meines Erachtens auch keine Eile, hier zu einer grenzüberschreitenden Lösung zu gelangen. Wir sollten vielmehr zunächst die Rahmenbedingungen für einen solchen Schritt schaffen.

Sie sehen, die Aufseher haben viel aus der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise gelernt. Und ich bin davon überzeugt, dass die neuen Regeln dazu beitragen, das Bankensystem insgesamt stabiler zu machen. Gleichzeitig aber sind die neuen Regeln natürlich ein Kostenfaktor für die Banken. Einige Beobachter hegen daher die Sorge, dass die Institute künftig weniger Kredite vergeben könnten.

Diese Bedenken halte ich für überzogen. Tatsächlich kann eine strengere Regulierung den Wohlstand sogar fördern, denn sie macht Finanzkrisen unwahrscheinlicher. Das ist ein sehr wichtiger Punkt! Wenn wir über die Folgen der Regulierung sprechen, dürfen wir nicht nur auf die kurzfristigen Kosten abstellen, die den Geld­häusern entstehen, sondern wir müssen auch auf den langfristigen Nutzen achten. Denken Sie nur an die vielen Milliarden Euro öffentlicher Gelder, die in den vergangenen Jahren zur Stabilisierung von Kreditinstituten eingesetzt werden mussten. In einigen Ländern haben sie dazu geführt, dass die Staaten sogar selbst in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten gerieten. In dieser Rechnung scheint mir der Preis, den wir für eine strengere Regulierung zahlen, durchaus angemessen. Trotzdem müssen die Auswirkungen von Reformen auf die Realwirtschaft natürlich immer berücksichtigt werden.

6 Schluss

Lassen Sie mich also zusammenfassen: Die konjunkturelle Situation im Euro-Raum zeigt sich unseres Erachtens insgesamt recht robust, auch wenn die Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten durchaus groß sind und zweifelsohne zahlreiche Abwärtsrisiken bestehen. Auf ein Risiko weisen wir als Bundesbank schon seit geraumer Zeit immer wieder hin, nämlich auf die negativen Nebenwirkungen des aktuellen Niedrigzinsumfelds für die Stabilität des europäischen Finanzsystems. Von aufsichtlicher Seite beobachten wir sehr genau, ob es infolge der aktuellen Entwicklungen zu einem verstärkten Risikoaufbau bei den Kreditinstituten kommt und wir sind willens und in der Lage, bei Bedarf einzugreifen. Aber auch die Banken selbst sind aufgefordert, sich aktiv mit den großen Herausforderungen unserer Zeit auseinanderzusetzen. Schon heute müssen sie sich wappnen für das Ende der historisch niedrigen Zinsen. Dieser Tag ist derzeit zwar noch nicht absehbar, aber er wird kommen – und dann sollten die Geldhäuser vorbereitet sein.

Auch müssen sich die Banken auf mutmaßlich unumkehrbare Trends einstellen. Dazu zählt der demografische Wandel ebenso wie zum Beispiel das Thema der Digitalisierung des Bankgeschäfts – das ebenfalls zu diskutieren den heutigen Rahmen sicher gesprengt hätte.

Sie sehen, die Herausforderungen, denen sich das Finanzsystem und dessen Aufseher gegenüber sehen, sind vielfältig und komplex. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir in den vergangenen Jahren viel erreicht haben, um das Finanzsystem sicherer zu machen und die Wahrscheinlichkeit einer neuen schweren Finanzkrise gesenkt haben. Die neuen Regeln für Banken, die gemeinsame europäische Bankenaufsicht, der gemeinsame europäische Abwicklungsmechanismus und die vielen anderen Neuerungen sind allesamt Bausteine, die in Summe ein solides Fundament für das europäische
Finanzsystem bilden.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.