Dr. Joachim Nagel

Finanz- und geldpolitische Herausforderungen für das Jahr 2014 Rede beim Jahresempfang der Hauptverwaltung in Nordrhein-Westfalen

1 Begrüßung

Liebe Frau Müller,
sehr geehrte Frau Löhrmann,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute hier in der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Nordrhein-Westfalen zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Empfänge, zumal zu Beginn eines Jahres, bieten stets die Möglichkeit, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen und einen Ausblick auf das kommende Jahr zu bieten. Genau dies möchte ich im Folgenden tun. Nach einem Ausblick auf die Wachstumsaussichten des bereits begonnenen Jahres möchte ich auf das anstehende "Mammutprojekt" Europäische Bankenunion eingehen. Abrunden möchte ich die Rundumschau mit einem Blick über den Tellerrand - und zwar den Herausforderungen in den USA und Asien.

Die Finanz- und Staatsschuldenkrise konnte auch im vergangenen Jahr nicht vollständig überwunden werden. Die Auswirkungen dieser tiefgreifenden Krise werden uns auch im Jahr 2014 noch beschäftigen.

2 Globale Herausforderung im Jahr 2014: Überwindung von Divergenzen und Fragmentierung

Die große Herausforderung für die internationalen Finanzmärkte im vor uns liegenden Jahr 2014 ist: Wie weit wird es gelingen, Divergenzen bei den realwirtschaftlichen Entwicklungen zu verringern und die Fragmentierungen auf den Finanzmärkten, insbesondere in Europa, weiter abzubauen?

Das Auseinanderdriften von Marktsegmenten und Marktteilnehmern ist die zentrale Folge und ein markantes Symptom der Finanzkrise. Das haben wir in den vergangenen Jahren in verschiedener Form beobachten können. Offensichtlich wird dies beispielsweise an deutlich angestiegenen Zinsdifferenzen innerhalb der Währungsunion oder dem Trend zu besicherten Transaktionen. Zwar sind die Marktturbulenzen in Europa seit Mitte des Jahres 2012 abgeflaut, die Divergenzen und Fragmentierungen sind aber noch vorhanden.

Der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 führte zu einem scharfen realwirtschaftlichen Einbruch, dessen Folgen viele Länder in den vergangenen Jahren verarbeiten mussten. Eine Folge war auch der weitere Anstieg der öffentlichen Verschuldung. Diese rückte in der sich anschließenden Staatsschuldenkrise in Europa in den Fokus. Dem Abbau öffentlicher wie privater Verschuldung wird, verbunden mit nachhaltigen Wirtschaftsmodellen von Staaten und Banken, seitdem noch größere Aufmerksamkeit geschenkt.

In den USA, Japan, Großbritannien und im Euro-Raum griffen die Zentralbanken zu außergewöhnlichen, teilweise umstrittenen geldpolitischen Maßnahmen. Neben Leitzinssenkungen auf ein sehr niedriges Niveau führte die massive Liquiditätszufuhr in verschiedenen Volkswirtschaften zu starken Kapitalbewegungen.

Betrachten wir die Wachstumsraten weltweit, können wir feststellen, dass sich die Volkswirtschaften sehr unterschiedlich erholen.

In China wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vergangenen Jahr trotz einer moderaten Abkühlung weiterhin um mehr als sieben Prozent. Für andere Rohstoff- oder Schwellenländer wurden Wachstumsraten von zwei Prozent oder mehr verzeichnet. Die Mitgliedsländer des Euro-Raums belegten hingegen im Jahr 2013 mit teils deutlichen Rückgängen des BIP in der weltweiten Betrachtung die hinteren Plätze. Für das Jahr 2014 ist ein Ende der Rezession in den am stärksten betroffenen Krisenländern abzusehen und die Erholung dürfte sich beschleunigen.

Sehr stark driften weltweit derzeit auch die Preisniveauentwicklungen auseinander. Bekanntermaßen liegen die Inflationsraten im Euro-Raum, den USA und Japan momentan unter den jeweiligen angestrebten Inflationsraten der Zentralbanken. Aber auch in anderen Industrieländern wie der Schweiz, Schweden oder Kanada ist dieses Phänomen zu beobachten.

Einige der aufstrebenden Volkswirtschaften gelten dagegen als besonders verwundbar. So haben beispielsweise Indonesien, Indien und die Türkei mit starken Anstiegen des Preisniveaus zu kämpfen. Darüber hinaus ist die Verwundbarkeit mancher Staaten mit strukturellen Problemen wie hohen Leistungsbilanzdefiziten bei gleichzeitig ansteigender staatlicher Verschuldung in den letzten Wochen erneut in den Fokus der Öffentlichkeit geraten.

Hier besteht eine der globalen Herausforderungen für 2014: Die Überwindung dieser Divergenzen bei Wachstum und Preisentwicklung.

Ein Abbau von makroökonomischen Ungleichgewichten und Divergenzen sollte dazu führen, dass sich die finanz- und geldpolitischen Risiken verringern. Das würde am Ende auch die Zentralbanken entlasten.

Allerdings können die positiven Prognosen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank zum Wirtschaftsausblick nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich große Teile der weltweiten Wirtschaft weiterhin auf die lockere Politik der Notenbanken stützen. Sie davon zu entwöhnen wird Aufgabe der Notenbanken bleiben.

Die realwirtschaftliche Erholung muss über eine nachhaltige Grundlage verfügen. Nur das kann der Konjunkturentwicklung aus ihrer derzeitigen Abhängigkeit von außerordentlicher Geldpolitik und staatlichen Ausgaben helfen. Wachstum muss stärker auf privatem Konsum und Investitionen fußen.

3 Ausblick für den Euro-Raum: Herausforderungen für Finanzsystem, Makroökonomie und Geldpolitik

Schauen wir nun auf die Lage im Euro-Raum, zunächst auf Deutschland:

Hier steigt die gesamtwirtschaftliche Leistung wieder stärker an. Doch haben sich die Antriebskräfte verändert. Hatten nach der Finanzkrise außenwirtschaftliche Impulse die Konjunktur getrieben, kamen die Wachstumsimpulse zuletzt aus der Binnenwirtschaft.

Die Arbeitslosenquote ist niedrig, die Beschäftigung nimmt zu und der Lohnanstieg normalisiert sich. Zudem sind die Zinsen außergewöhnlich gering. Dies stützt den privaten Verbrauch und den Wohnungsbau. Demgegenüber ging der Außenhandel zuletzt zurück.

Eine weitere Konjunkturaufhellung kann zu vermehrten Ausfuhren führen und in deren Folge auch Unternehmensinvestitionen und Importe positiv beeinflussen.

Für Deutschland erwartet die Bundesbank, dass sich der bereits Ende des Jahres abzeichnende Aufwärtstrend fortsetzt. Wir prognostizieren für das Jahr 2014 ein BIP-Wachstum von 1,7 Prozent und für das Jahr 2015 einen Anstieg um 2,0 Prozent. Zum Vergleich: Im Jahr 2013 lag die Wachstumsrate bei 0,4 Prozent. Es war jedoch erfreulicherweise bereits Ende des vergangenen Jahres zu beobachten, dass die deutsche Wirtschaft wieder an Fahrt aufgenommen hat.

Wie sieht es nun in anderen Ländern des Euro-Raums aus?

Hier steht bei einigen Staaten die Erholung noch auf tönernen Füßen. Die Konsum- und Unternehmensnachfrage ist noch immer schwach. Die Konjunktur stützt sich dort vor allem auf den Staatskonsum und die außenwirtschaftliche Nachfrage. Doch hellt sich die Perspektive allmählich auf. Der sarkastische Vorwurf, dass aufgrund der Austeritätspolitik das Licht am Ende des Tunnels ausgeschaltet wurde, hat sich nicht bewahrheitet.

Die größte Sorge in diesen Ländern ist nach wie vor das schwache Kreditwachstum. Die Daten zeigen, dass insbesondere in den südeuropäischen Krisenländern die Kreditvergabe deutlich zurückgegangen ist. Angebotsseitig sind die Zinssätze für Unternehmen im Euro-Raum entsprechend den Zinsen auf Staatsanleihen ihrer jeweiligen Länder sehr unterschiedlich. Doch ist nachfrageseitig eine geringe Kreditvergabe auch Teil eines natürlichen Anpassungsprozess in Rezessionen, insbesondere nach dem Platzen von Blasen - wie wir sie ja auch beobachtet haben.

Im gesamten Euro-Raum stiegen im Vergleich zum Vorjahr die Verbraucherpreise im Januar 2014 um lediglich 0,7 Prozent. Dies entsprach weitgehend den Erwartungen.

Mittel- bis langfristig liegen die Inflationserwartungen im Euro-Raum unter, aber nahe bei zwei Prozent und befinden sich damit im Rahmen des Zielwerts des Eurosystems. Das Risiko fallender Preise für den Euro-Raum insgesamt ist demnach begrenzt. Wir dürften aber noch eine längere Phase niedriger Inflationsraten vor uns haben, wie auch EZB-Präsident Mario Draghi nach der EZB-Ratssitzung im Januar betonte.

Die Prognosen des Eurosystems vom Dezember 2013 rechnen für das Jahr 2014 mit einer Inflationsrate von 1,1 Prozent und für das Jahr 2015 mit 1,3 Prozent.

Angesichts dieser geringen Inflationsprognosen, des fragilen Wachstumsausblicks für einige Staaten des Euro-Raums und dem geringen Kreditwachstum fordern viele Beobachter vom Eurosystem weitere Maßnahmen. Sie argumentieren, dass ein weiteres Absenken der Zinsen vermutlich nur schwache Auswirkungen hätte. Viele Stimmen fordern deshalb weitere unkonventionelle Maßnahmen des Eurosystems: Zum Beispiel eine negative Verzinsung von Einlagen beim Eurosystem.

Theoretisch sollte solch ein Strafzins die Banken dazu bewegen, ihre überschüssige Liquidität in die Privatwirtschaft zu geben, anstatt sie bei der Zentralbank zu parken. Die Folgen eines solchen Schrittes sind jedoch nur schwer abzusehen.

Andere Stimmen fordern von der Zentralbank, die Kreditvergabe an Unternehmen unmittelbarer zu stimulieren. Bundesbankpräsident Jens Weidmann hat hier bereits auf besondere Herausforderungen einer Feinsteuerung der spezifischen Kreditvergabe durch die Notenbank hingewiesen.

Thematisiert wird an dieser Stelle auch immer wieder die schrumpfende Überschussliquidität. So wurden den Marktteilnehmern zunächst Ende 2011 und Anfang 2012 mit den beiden Dreijahrestendern insgesamt mehr als eine Billion Euro zur Verfügung gestellt. Die Überschussliquidität lag damals bei etwa 800 Mrd. Euro. Eine Besonderheit der Dreijahrestender ist, dass die Marktteilnehmer die Möglichkeit haben diese Liquidität vorzeitig zurückzugeben, sofern sie diese nicht mehr benötigen. Diese Möglichkeit haben die Banken in großem Umfang genutzt, so dass die Überschussliquidität mittlerweile auf etwa 150 Mrd. Euro gesunken ist.

Bei geringerer Liquidität steigt natürlich auch der Preis. Dies zeigt sich bereits an den etwas höheren Interbankenzinssätzen. Wir müssen dabei jedoch immer im Blick behalten, auf welch außerordentlich niedrigem Niveau wir uns derzeit bewegen.

Noch etwas ist mir in diesem Zusammenhang wichtig: Der Rückgang der Überschussliquidität geht letztlich auf den Wunsch der Marktteilnehmer zurück. Sie geben die nicht mehr benötigte Liquidität zurück. Diese Möglichkeit hat das Eurosystem geschaffen. Aber es ist nicht das Eurosystem, das diese Liquidität dem Markt entzieht. Im Gegenteil: gegen ausreichende Sicherheiten stellt das Eurosystem im Rahmen seiner Vollzuteilungspolitik nach wie vor so viel Liquidität wie gewünscht zur Verfügung.

Was man am Beispiel der Überschussliquidität jedoch gut beobachten kann, ist der nach wie vor fragmentierte Interbankenmarkt. So haben vermeintlich gut situierte Banken mit erstklassigen Sicherheiten kein Problem, sich direkt am Markt zu refinanzieren, wohingegen andere Kreditinstitute weiter die außerordentlichen Liquiditätshilfen in Anspruch nehmen.

Die Debatte über neue geldpolitische Maßnahmen im Allgemeinen thematisiert nur die Linderung der Symptome, nicht aber die gründliche Heilung der eigentlichen Ursachen der Krise. Letzteres ist nicht Aufgabe der Zentralbanken, sondern Aufgabe der Politik.

Die zentrale Herausforderung für den Euro-Raum im Jahr 2014 ist aus meiner Sicht die Gestaltung und Verwirklichung der Bankenunion. Weil sie wesentlich ist, um das Fragmentierungsproblem zu lösen, möchte ich dieses Thema näher beleuchten.

Bankenunion

Die erste Säule der Bankenunion ist die einheitliche Bankenaufsicht, der Single Supervisory Mechanism (SSM). Die einheitliche Bankenaufsicht SSM ist unter dem Dach der EZB angesiedelt.

Der Startschuss dafür fiel vor etwa drei Monaten mit Inkrafttreten der SSM-Verordnung. Damit wird November 2014 der früheste Termin sein an dem die EZB die Verantwortung für die Bankenaufsicht übernehmen kann. Alle Notenbanken des Eurosystems arbeiten derzeit mit Hochdruck am Aufbau dieser gemeinsamen Aufsicht um diese große Herausforderung zu bewältigen.

In der einheitlichen Bankenaufsicht wird die EZB die rund 130 wichtigsten Banken des Euro-Raums unmittelbar überwachen. Dies entspricht etwa 85 % der über alle Banken aggregierten Bilanzsumme. Für die Überwachung der restlichen gut 4.000 Institute wird die EZB im Rahmen des SSM die aufsichtlichen Rahmenbedingungen festlegen. Die direkte Überwachung obliegt zunächst aber weiterhin den nationalen Aufsichtsbehörden.

Zu Beginn der Bankenunion müssen klare Verhältnisse geschaffen werden. Die EZB wird dafür eine umfassende Prüfung der größten Banken, das so genannte Comprehensive Assessment, durchführen. Ziel der Untersuchung ist es, Altlasten zu identifizieren und die Bilanzen um diese zu bereinigen. Außerdem kann die EZB sich ein genaues Bild über die Lage der Banken machen, die sie direkt beaufsichtigen wird. Der neuen Aufsicht soll so ein möglichst reibungsloser Start ermöglicht werden. Die Prüfung wird vor Beginn der gemeinsamen Bankenaufsicht im November 2014 abgeschlossen sein.

Das Comprehensive Assessment besteht aus drei Teilen:
Erstens soll eine umfassende Risikoanalyse wesentliche Bankrisiken wie Liquidität oder Verschuldungsgrad identifizieren. Diese Risikobewertung ist vergleichbar mit dem bankaufsichtlichen Überprüfungsprozess in Deutschland. Zweitens wird im sogenannten Asset Quality Review die Aktivseite der Bilanzen geprüft. Drittens folgt ein gemeinsamer Stresstest der EBA und der EZB.

Eine Kernfrage für die Stabilität des Bankensystems ist die hinreichende Ausstattung der Banken mit Eigenkapital. Die Prüfungen der EZB zum Start der einheitlichen Bankenaufsicht sollen daher eventuelle Kapitallücken bei den Banken offenlegen. Die Finanzkrise hat erneut gezeigt, wie wichtig ein ausreichender Kapitalpuffer ist.

Der "Gesundheitscheck" des Comprehensive Assessments ist für die Aufseher, aber auch die Banken wie die Investoren, in meinen Augen eine große Chance: Werden Probleme der Banken aufgedeckt und bereinigt, kann dies die Stabilität und damit das Vertrauen in den europäischen Bankensektor stärken.

Die Banken müssen auch in diesem Jahr weiter ihre Geschäftsmodelle überarbeiten. Sie müssen widerstandsfähiger werden und nachhaltigere Ertrags-Risiko-Profile vorweisen. Banken ohne tragfähiges Geschäftsmodell sollten, wie es in jedem anderen Bereich auch üblich ist, aus dem Markt ausscheiden können, ohne dass dabei unkontrollierbare Auswirkungen auf das Finanzsystem entstehen.

Daher ist der zweite wesentliche Baustein der Bankenunion - neben der einheitlichen Bankenaufsicht SSM - der gemeinsame Sanierungs- und Abwicklungsmechanismus, der Single Resolution Mechanism (SRM).

In einem idealen Abwicklungsregime müssen im Fall der Fälle die Verluste dort anfallen, wo auch die Gewinne realisiert werden, nämlich bei den Investoren. Darüber hinaus muss das Abwicklungsregime die geordnete und vor allem schnelle Abwicklung eines Instituts ermöglichen.

Derzeit verhandeln die Mitgliedsländer, die EU-Kommission und das Europäische Parlament darüber, wie der gemeinsame Sanierungs- und Abwicklungsmechanismus SRM aussehen soll. Dabei geht es im Kern um drei Punkte:

  • ob und in welcher Art und Weise der Abwicklungsfonds vergemeinschaftet werden soll,
  • wer am Ende abschließend über die Abwicklung einer Bank entscheidet, und

  • ob der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) Banken direkt, also am Einzelstaatshaushalt vorbei, rekapitalisieren können darf.

Möglichst noch vor der Europaparlamentswahl Ende Mai 2014 wollen Rat und Europäisches Parlament eine gemeinsame Lösung finden.

Die Bankenunion kann aber nur helfen, künftige Negativentwicklungen zu bremsen. Bestehende Belastungen aus Zeiten der nationalen Aufsicht sind hiervon getrennt zu behandeln. Hier steht das einzelne Land in eigener Verantwortung. Diese Probleme dürfen nicht vergemeinschaftet werden. Die geplante Bestandsaufnahme der Bankbilanzen durch die EZB ist daher von zentraler Bedeutung. Für Belastungen, die erst nach Einrichtung der gemeinsamen Bankenaufsicht entstanden sind, wird derzeit die direkte Beteiligung des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) diskutiert. Doch darf der Grundsatz nicht verwässert werden, Verluste primär von Anteilseigner und Gläubigern tragen zu lassen.

Verflechtung zwischen Staaten und Bankensektor

Ein weiteres Ziel der Bankenunion ist es, das kritische Wechselspiel zwischen einzelnen Banken und ihren jeweiligen Heimatländern aufzulösen.

Nach Zahlen der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA sind bei 64 untersuchten Banken aus dem Europäischen Wirtschaftsraum die Bestände an heimischen Staatsanleihen von Ende 2011 bis Mitte 2013 um zwölf Prozent gestiegen. Bis Ende 2011 waren sie unter dem Eindruck der Euro-Schuldenkrise noch um fünf Prozent gesunken. Vor allem Banken aus den Krisenstaaten der EWU-Peripherie halten inzwischen wieder deutlich mehr Anleihen ihrer Heimatländer als Ende 2010.

Dies bestätigen auch Zahlen der EZB. In den zwei Jahren seit Oktober 2011 stieg beispielsweise bei spanischen und italienischen Banken der Anteil der Staatsanleihen an den Gesamtaktiva auf rund zehn Prozent. Der Beginn des jüngsten Anstiegs fällt dabei terminlich zusammen mit den Dreijahrestendern des Eurosystems Ende 2011 und Anfang 2012. Viele Banken nutzten diese für sogenannte Carry Trades: Mit dem billigen Zentralbankgeld kauften sie höher verzinste Staatsanleihen.

In jüngster Zeit haben sich die Refinanzierungsbedingungen für die Peripherieländer deutlich verbessert. Gleich zu Jahresbeginn überzeugten Irland und Portugal durch erfolgreiche Bondemissionen.

Irland hat bekanntermaßen den europäischen Rettungsschirm im Dezember verlassen. Portugal würde es Irland im Juni dieses Jahres gerne gleichtun. Im Markt herrscht momentan Zuversicht, dass dies gelingen könnte.

In der Vergangenheit zeigte sich jedoch auch, wie schnell die Marktstimmung umschlagen kann: Im Januar 2010 erhielt Griechenland für die Emission fünfjähriger Staatsanleihen mit einem Volumen von acht Mrd. Euro noch Gebote in Höhe von rund 25 Mrd. Euro. Einige Wochen später erhielt der griechische Staat am Kapitalmarkt keinen Kredit mehr.

Obwohl sich das Wirtschaftswachstum in mehreren europäischen Ländern derzeit erholt, bleibt an den Staatsanleihemärkten das Risiko erneuter Spannungen bestehen. Das Wachstum ist noch niedrig und Reformen müssen entschlossen umgesetzt werden.

Wichtig ist mir an dieser Stelle zu betonen: Die Bankenunion oder die Hilfestellung der Zentralbanken können eine Sanierung der Staatsfinanzen nicht ersetzen. Für Kreditinstitute bedeutet das im Umkehrschluss, dass sie ihr Risikobewusstsein bei Staatsanleihen schärfen müssen.

Noch immer werden im regulatorischen Rahmenwerk Staatsanleihen mit einem Risiko von Null gewichtet. Deshalb müssen sie nicht mit Eigenkapital unterlegt werden. Mittelfristig sollten Staatsanleihen wie Unternehmensanleihen behandelt werden und sollten künftig ebenfalls mit Eigenkapital unterlegt werden.

Zum einen hat die Erfahrung wiederholt gezeigt, dass Staatsanleihen keineswegs frei von Risiken sind. Zum anderen erhielten die Banken einen Anreiz, Kapitalflüsse wieder stärker in die Unternehmensfinanzierung zu lenken.

4 Makroausblick und Geldpolitik im Rest der Welt

Über dem Dauerthema "Finanzkrise und Euro-Raum" dürfen wir aber nicht die Welt ringsum aus dem Blick verlieren: Andere Länder, andere Sitten - und andere Phasen des Konjunkturzyklus.

Die Vereinigten Staaten von Amerika

In den USA hellte sich die Konjunktur in den letzten Quartalen spürbar auf. Im Herbst schwelte noch der US-Haushaltsstreit. Die US-Notenbank Fed hatte deshalb gezögert, ihr Wertpapierankaufprogramm zu drosseln. Im Dezember kündigte die Fed dann jedoch an, ihr Ankaufprogramm zu reduzieren - im Finanzmarktjargon spricht man von "Tapering".

Die Kommunikation des voraussichtlichen geldpolitischen Pfades der Fed - die so genannte "Forward Guidance" - sorgte teilweise für Missverständnisse. Die Fed kehrt schließlich nicht zu einer rigiden Geldpolitik zurück. Sie lässt ihre Bilanz weiterhin zunächst wachsen, lediglich das Ausmaß ihrer Liquiditätszufuhr fährt sie zurück. Das Ende der Ankaufprogramme ist noch nicht verkündet.

Wie kann in den USA der Ausstieg aus der Politik der quantitativen Lockerung gelingen?

Im Dezember 2012 wurde erstmals signalisiert, den Leitzins auf dem aktuellen Niveau solange beibehalten zu wollen, wie die Arbeitslosenquote über 6,5 Prozent liegt und die Inflationsrate 2,5 Prozent nicht übersteigt.

Die Fed hat bei der graduellen Verringerung ihrer Sondermaßnahmen nun ihre Forward Guidance noch einmal verstärkt: Einerseits werden die bis dato monatlich 85 Mrd. US-Dollar umfassenden Wertpapierkäufe der Fed mittlerweile auf 65 Mrd. US-Dollar gedrosselt. Andererseits kündigte man an, den Zins noch für beträchtliche Zeit auf außergewöhnlich niedrigem Niveau belassen zu wollen, auch wenn die Arbeitslosenquote unter die 6,5 Prozent-Grenze sinkt.

Die Marktreaktionen in der Mitte des vergangenen Jahres auf die bloße Andeutung des Taperings und die aktuelle Volatilität haben deutlich gemacht, wie abhängig die Finanzmärkte von der Zentralbankliquidität geworden sind.

China und Japan

Eng verknüpft mit der US-Konjunktur und der US-Geldpolitik ist traditionell der Ferne Osten. Auch in Asien hängt die Perspektive für 2014 am politischen Willen und der politischen Durchsetzung von Reformen.

China bleibt ein wichtiger Wachstumsmotor. Dennoch wird es eine Herausforderung sein, Wachstumsraten von über sieben Prozent zu halten. Die letzten Inflationsraten sind ungewöhnlich niedrig ausgefallen. China sieht sich ernsthaften strukturellen Problemen gegenüber: Ein ausuferndes Schattenbankensystem und steigende Verschuldung der Kommunen stellen ein Risiko für die Finanzstabilität dar.

Andererseits hat Chinas Führung die Absicht, den Renminbi zu einer wichtigen internationalen Währung zu formen. Der Aufbau weiterer Renminbi-Hubs, auch in Europa, weist dabei den Weg einer begrüßenswerten weiteren Liberalisierung des Kapitalverkehrs. Aufgrund der hohen realwirtschaftlichen Verflechtung zwischen China und Deutschland könnten auch im Finanzsektor noch engere Bande geknüpft werden.

Japan indes befindet sich noch in einer ganz anderen Phase des geldpolitischen Zyklus. Regierung und Notenbanken versuchen, endlich aus der anhaltenden Deflationsfalle auszubrechen. Das Land hat zu einer Expansion der Geldpolitik gegriffen, die quantitativ wie qualitativ neue Dimensionen erreicht.

Die Bank von Japan erwartet im Jahr 2015 eine Inflationsrate von nahe bei zwei Prozent zu erreichen. Entscheidend für die japanische Wirtschaftsentwicklung wird sein, ob den Preisniveausteigerungen auch nachhaltige Lohnsteigerungen folgen werden, die den Konsum anschieben können.

Eine weitere Herausforderung ist die im internationalen Vergleich sehr hohe Staatsverschuldung des Landes.

Emerging Markets

Wichtig für unseren globalen Ausblick sind noch die sogenannten "Emerging Markets".

Zunächst ein wenig Sprachhygiene: Mir scheint der Begriff "Emerging Markets" überholt. Er steht für eine Reihe "aufstrebender" Volkswirtschaften. Das "Aufstreben" ist zwar deren Gemeinsamkeit gewesen, trotzdem sind es Ökonomien, die eine höchst unterschiedliche Entwicklung aufweisen.

Die Märkte scheinen das inzwischen genauso zu sehen. Das haben die unterschiedliche Reaktionen auf die ersten Tapering-Andeutungen der USA gezeigt: Die Währungen, Anleihen und Aktienkurse der "Emerging Markets" reagierten sehr verschieden.

Die Aussicht auf ein Ende der scheinbar unbegrenzten Liquidität macht einer Gruppe von Ländern besonders zu schaffen - nämlich jener Gruppe mit hohen Leistungsbilanzdefiziten, oftmals verbunden mit Haushaltsdefiziten. Andere Länder sind robuster und haben große Überschüsse.

Es ist zu erwarten, dass sich die differenzierte Betrachtung der Länder fortsetzen wird. Im Jahr 2014 werden wir beobachten können, wie gut die einzelnen Volkswirtschaften mit bevorstehenden Maßnahmen der "großen Wirtschaftsmächte" zurechtkommen. So etwa mit dem Tapering der US-Geldpolitik, den Herausforderungen in China oder der expansive Geldpolitik in Japan. 

5 Schluss

Meine Damen und Herren,

die ersten Wochen des Jahres zeigen deutlich, dass es im Jahr 2014 ökonomisch darum gehen muss, Divergenzen in der realwirtschaftlichen Entwicklung zu verringern und die Fragmentierungen auf den Finanzmärkten zu überwinden. In Europa und weltweit.

Die Zentralbanken haben in den vergangenen Jahren mit ihrer Geldpolitik Krisensymptome gelindert, aber mit viel und billigem Geld kann man die Ursachen nicht heilen. Es ist und bleibt Aufgabe der politischen Entscheidungsträger, korrigierende wirtschaftspolitische Reformen durchzuführen. Auch hier gilt: in Europa und weltweit.

Mutige Entscheidungen und mehr Transparenz sind notwendig, damit das Vertrauen auch in den Finanzmärkten wiederkehrt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.