Geschüttelt, nicht gerührt - Banken, Aufseher und Märkte Rede beim Bundesbank-Empfang im Rahmen der Eurofinance Week 2015

1 Einleitung

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie ganz herzlich im Namen der anwesenden Vorstandsmitglieder der Deutschen Bundesbank. Seien Sie herzlich willkommen beim Empfang der Deutschen Bundesbank.

Ein Schlagwort der heutigen Zeit ist das "Diktat der Finanzmärkte". Und in der Tat scheint es so, als würden die Finanzmärkte immer größere Teile unserer Gesellschaft beherrschen.

Nehmen Sie als aktuelles Beispiel James Bond. Früher war der Agent ihrer Majestät damit beschäftigt, den kalten Krieg zu gewinnen oder Schurken wie Curd Jürgens daran zu hindern, die Menschheit auszulöschen. Heutzutage hat er es vor allem mit recht gewöhnlichen Wirtschaftsverbrechern zu tun.

So zum Beispiel in Casino Royale, dem ersten Film mit Daniel Craig in der Rolle des James Bond. In diesem Film betreibt Bonds Rivale, Le Chiffre, Insidertrading und Markmanipulation. In Erwartung eines Terroranschlags, bei dem der Prototyp eines neuen Flugzeugs zerstört werden soll, wettet Le Chiffre auf einen Kurssturz bei den Aktien der Herstellerfirma. Wie finanziert er diese Wette? Natürlich mit geliehenem Geld, also über Leverage, und im Schattenbankensektor. Die Kreditgeber sind nämlich in diesem Fall afrikanischen Rebellen, denen Le Chiffre eine exorbitante Rendite verspricht. Am Ende ist es dann nicht die Finanzaufsicht, die Le Chiffre das Handwerk legt, sondern - wer sonst - James Bond.

Stellen Sie sich bitte einmal vor, wie schwierig Finanz- und Bankenaufsicht in einer Welt ohne James Bond ist. Und in der Realität gibt es neben Insidertrading und Marktmanipulation noch eine ganze Reihe weiterer Herausforderungen.

2 Die Finanzmärkte - alles ist im Fluss

Ganz ernsthaft gesprochen, besteht eine der größten Herausforderungen darin, dass die Finanzmärkte nicht statisch sind. Ganz im Gegenteil verändern sie sich ständig. Gelegentlich tun sie das mit einem großen Knall, wie der globalen Finanzkrise von 2008. Viel häufiger allerdings verändern sie sich etwas gemächlicher, getrieben von Marktkräften und technologischem Wandel.

Diese ständige Veränderung ist die Realität, und dieser Realität müssen wir uns stellen - Banken ebenso wie Regulierer und Aufseher. Wer das nicht tut, kann seine Ziele nicht erreichen: Regulierer und Aufseher könnten die Stabilität des Bankensystems nicht bewahren, Banken nicht ihre Ertragskraft.

Auf den großen Knall der Krise haben die Regulierer rasch reagiert. Sie haben den Regulierungsrahmen über die vergangenen sieben Jahre ausgebessert und verstärkt. Gleichzeitig haben wir in Europa eine gemeinsame Bankenaufsicht geschaffen. Beides wird dazu beitragen, den Bankensektor stabiler zu machen und Krisen unwahrscheinlicher.

Dennoch geht es natürlich nicht darum, um der Regulierung Willen zu regulieren. Die Reformagenda des Baseler Ausschusses ist in großen Teilen abgearbeitet, und mit dem neuen TLAC-Standard haben die G20 gestern in Antalya einen wichtigen Schritt getan, um das "Too Big To Fail"-Problem zu lösen. Bevor wir also über künftige Regulierungsprojekte nachdenken, sollten wir zunächst beobachten, wie die neuen Regeln wirken - jede für sich genommen, aber auch im Zusammenspiel miteinander. Die Entwicklungsphase ist vorbei, jetzt beginnt die Implementierungsphase - hier bin ich der gleichen Ansicht wie Frau Lautenschläger.

Die Banken selbst haben natürlich auch auf die Krise und auf die strengere Regulierung reagiert. Seit 2008 haben die europäischen Banken ihre Bilanzen um 20% verkleinert und ihre Eigenkapitalquoten um fünf Prozentpunkte erhöht - von 9% auf 14%. Erreicht haben sie das sowohl durch einen Abbau risikogewichteter Aktiva als auch durch einen Aufbau von Eigenmitteln. Insgesamt ist die Refinanzierung der Banken damit stabiler geworden.

3 Unternehmerisch denken - nicht nur etwas für Banken

Doch es sind nicht nur die plötzlichen Veränderungen, an die wir uns anpassen müssen. Ebenso bedeutend sind die allmählichen Veränderungen - die Tektonik des Finanzsystems, wenn Sie so wollen.

Ein aktuelles Beispiel für eine solche tektonische Veränderung ist der technologische Wandel. Die Digitalisierung wird den Bankenmarkt langsam aber sicher und vor allem tiefgreifend verändern. Es drängen immer neue Wettbewerber auf den Markt, die zumindest in Teilen der Wertschöpfungskette schon jetzt eine ernsthafte Konkurrenz für traditionelle Banken darstellen.

Ich persönlich glaube allerdings nicht, dass es sich hier um einen Wettstreit handelt, bei dem entweder die Fintechs oder die traditionelle Banken als Sieger vom Platz gehen werden. Das Ergebnis wird vielmehr ein Miteinander sein.

Dazu passt es, dass der private Bankenverband Ende der vergangenen Woche angekündigt hat, Fintechs als außerordentliche Mitglieder aufnehmen zu wollen. Und möglicherweise sitzen im nächsten Jahr auch beim Empfang der Bundesbank einige Fintechs mit am Tisch. Beim Bankensymposium der Bundesbank in diesem Jahr war dies bereits der Fall.

Die Digitalisierung ist ein gutes Beispiel für die Notwendigkeit, Geschäftsmodelle anzupassen. Nachdem die Krise den Bankensektor kräftig geschüttelt hat, muss nun noch ein wenig gerührt werden, um noch einmal auf James Bond zurückzukommen.

Vor allem die europäischen und die deutschen Banken hängen etwas hinterher, was die Anpassung ihrer Geschäftsmodelle angeht. Vor dem Hintergrund der erwähnten Digitalisierung, aber auch mit Blick auf die andauernde Phase niedriger Zinsen und veränderter Marktstrukturen müssen sie sich aber dringend anpassen, um ihre Ertragskraft und ihre Zukunft zu sichern.

In diesem Zusammenhang gehe ich übrigens davon aus, dass zumindest im Rahmen der neuen europäischen Aufsicht SSM die drei Säulen des deutschen Bankensystems an Bedeutung verlieren werden. Entscheidend werden vielmehr zwei andere "Säulen" sein: erfolgreiche und weniger erfolgreiche Geschäftsmodelle. Vor diesem Hintergrund begrüße ich es sehr, dass die deutschen Banken untereinander immer stärker zusammenarbeiten - zum Beispiel bei Paydirekt.

Und was ist mit den Regulierern und Aufsehern? Unsere Aufgabe ist es, die Stabilität des Bankensystems zu sichern. Es ist nicht unsere Aufgabe, die strategische Ausrichtung der Banken zu bestimmen - wir sind beileibe nicht die besseren Banker. Dennoch müssen wir Aufseher und Regulierer deutlich unternehmerischer denken. Auch wir müssen Markttrends erkennen, die Geschäftsmodelle der Banken verstehen, damit verbundene Risiken aufspüren und angemessen reagieren - und zwar bevor es zu einer Krise kommt.

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, genügt es nicht, sich nur auf Statistiken und theoretische Analysen zu konzentrieren - so sehr sie auch helfen mögen. Die Finanzmärkte sind kein mechanisches System, sondern werden von Menschen gestaltet. Um die Märkte wirklich zu verstehen, müssen wir also mit denjenigen reden, die in den Märkten aktiv sind - nicht zuletzt also mit Ihnen.

4 Fazit

Meine Damen und Herren, der regelmäßige Austausch zwischen Aufsehern und Beaufsichtigten sollte also selbstverständlich sein - nicht zuletzt deshalb, weil wir alle ein gemeinsames Ziel haben: ein stabiles und profitables Bankensystem, das der Realwirtschaft dient.

Vor diesem Hintergrund ist die Eurofinance Week eine sinnvolle Veranstaltung, die den Austausch über die vergangenen Jahre hinweg institutionalisiert hat. Auch in diesem Jahr sind unter den Rednern nicht nur Branchenvertreter, sondern auch Aufseher wie Frau Lautenschläger, Wissenschaftler wie Herr Professor Hackethal und Zentralbanker wie Peter Praet.

Wir von der Deutschen Bundesbank versuchen, mit unserem jährlichen Empfang zu diesem Austausch beizutragen. Daher freuen wir uns, dass heute Abend so viele von Ihnen unserer Einladung gefolgt sind.

Und wenn ich schon für einen Austausch plädiere, dann auch richtig: In diesem Jahr wird hier zum ersten Mal ein Vertreter der Bankenbranche sprechen. Die Deutsche Bank ist als größtes deutsches Institut nicht nur für den Finanzplatz Frankfurt von entscheidender Bedeutung, sondern für das gesamte deutsche Finanzsystem. Damit sind die Veränderungen, vor denen das Institut steht, für uns alle relevant und von Interesse.

Meine Damen und Herren, Herrn Hufeld und mich interessiert es durchaus. Die Krise hat den Bankensektor geschüttelt, mit Blick auf die aktuellen tektonischen Trends muss nun vermutlich noch ein wenig gerührt werden.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!