Hat Bargeld noch Zukunft? Veranstaltung der Oesophagus Stiftung

1 Einleitung

Sehr geehrte Frau Reinhardt,
sehr geehrte Damen und Herren,

herzlichen Dank für Ihre Einladung. Ich freue mich sehr, heute Abend mit Ihnen darüber zu sprechen, ob Bargeld noch Zukunft hat – umso mehr, da die Veranstaltung einem guten Zweck dient. Gerade beim Spenden geht es um das Zahlen in seiner reinsten Form, denn die Spender erwartet im Gegenzug weder ein Produkt noch eine Dienstleistung. Es geht einfach nur um das Bezahlen für einen gemeinnützigen Zweck, bei dem Sie die Wahl zwischen verschiedenen Zahlungsinstrumenten haben. Wenn es um regelmäßige oder auch größere Beträge geht, bieten sich Überweisung oder Lastschrift an. Für spontane Spenden ist das Bargeld sicherlich die praktischere Wahl. In Zukunft greifen Sie vielleicht zum Smartphone, um den Betrag zu spenden. Sie sehen, das Thema ist relevant. Ich wünsche jedenfalls den Organisatoren, dass sich die Erwartungen, die sie mit dem heutigen Abend verbinden, erfüllen.

Das Thema "Zukunft des Bargelds" ist aktueller denn je. Sie werden sicherlich die Diskussion um eine Abschaffung des Bargelds verfolgt haben: Prominente Ökonomen wie Kenneth Rogoff oder Peter Bofinger als Mitglied des Sachverständigenrates befürworten eine Abschaffung von Banknoten und Münzen und begründen dies damit, dass es nur in einer Welt ohne Bargeld möglich sei, die Zinsen für die Bürgerinnen und Bürger unter null zu senken. Nur so könnten die geldpolitischen Maßnahmen Wirkung zeigen.

Gegen Bargeld spräche auch, dass man im Supermarkt Zeit sparen würde, wenn Kunden an der Kasse nicht mehr nach Cent-Münzen kramen würden. Und zu guter Letzt argumentieren die Befürworter dieser Position, dadurch den Drogenhandel, Schwarzarbeit oder Steuerhinterziehung zurückzudrängen.

Gerade letztere Argumente werden auch genannt, wenn man über eine Einschränkung der Barzahlung diskutiert. Im Gegensatz zur Bargeldabschaffung – die es bislang nirgendwo gibt – ist dies Realität. Zwar nicht in Deutschland, aber in anderen europäischen Ländern. Unter anderem in Frankreich, Italien oder Griechenland gelten Höchstgrenzen für Barzahlungen, – für größere Beträge muss auf Kartenzahlung, Überweisung oder Lastschrift zurückgegriffen werden.

Das Bargeld scheint also mittlerweile einen schweren Stand zu haben. Hat es noch eine Zukunft oder werden wir bald nur noch bargeldlos zahlen können? Ich möchte Ihnen heute aufzeigen, was es mit den Argumenten, die scheinbar gegen Bargeld sprechen, auf sich hat. Außerdem werde ich darauf eingehen, was konkret dafür spricht, weiterhin Banknoten und Münzen zu verwenden – diese Argumente werden nämlich in der öffentlichen Diskussion meist vergessen.

2 Bargeld – ein ganz besonderes Zahlungsmittel

Zunächst einmal sind Euro-Banknoten das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel in Deutschland. Würde man die Verwendung von Bargeld einschränken oder es sogar abschaffen, ginge das nicht ohne Gesetzesänderungen. Die Mehrheit der Bundesbürger hält Einschränkungen für keine gute Idee: Einem Marktforschungsinstitut zufolge wollen drei von vier Bürger nicht, dass der gesetzliche Annahmezwang für Bargeld in Deutschland abgeschafft wird. Mir ist auch keine Partei und kein Abgeordneter in Deutschland bekannt, die die Abschaffung von Bargeld fordern.

Bargeld ist also mit breiter Unterstützung der Bevölkerung hierzulande gesetzliches Zahlungsmittel. Lässt man sich darüber hinaus auf eine inhaltliche Diskussion über die angeblichen Nachteile des Bargelds ein, findet sich wenig Stichhaltiges. Das Argument, ohne Bargeld gäbe es keine Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung oder Drogengeschäfte mehr, greift nicht. Einerseits könnten die handelnden Personen auf Fremdwährungen ausweichen – sofern das Bargeld nicht weltweit abgeschafft wird – oder alternative Tauschmittel nutzen. Andererseits muss es sich bei Schwarzgeld nicht zwangsläufig um Bargeld handeln. Der französische Ökonom Gabriel Zucman schätzt, dass weltweit 5,8 Billionen Euro an privatem Vermögen als Buchgeld nicht deklariert sind und sich auf Konten in Steueroasen wie der Schweiz, Hongkong oder Singapur befinden.

Auch das Argument, Bargeld erschwere den Zahlungsverkehr, weil an der Ladenkasse nach Kleingeld gekramt werde, kann entkräftet werden. Gemäß der ersten Zahlungsverhaltensstudie der Deutschen Bundesbank aus dem Jahr 2008 sehen fast 90 Prozent der Bevölkerung Bargeld als schnelles und bequemes Zahlungsmittel an. Sicherlich können Barzahlungen im Einzelfall länger dauern. Gleiches gilt aber auch für Kartenzahlungen, bei denen die PIN falsch eingegeben wird oder das Terminal die Karte nicht akzeptiert.

Und schließlich muss man auch nicht auf Banknoten und Münzen verzichten, damit die europäische Geldpolitik wirkt. Das derzeitige Niedrigzinsniveau ist ein Symptom, das auf tieferliegende Ursachen – im Kern eine Wachstumsschwäche – zurückzuführen ist. Diese Wachstumsschwäche gilt es zu überwinden. Eine Bargeldabschaffung ginge an dieser Problemstellung vorbei.

Die Argumente, die gegen Bargeld und Barzahlungen vorgebracht werden, sind demnach kaum stichhaltig. Doch was spricht ganz konkret dafür weiterhin mit Banknoten und Münzen bezahlen zu wollen? Eine ganze Menge – und diese Gründe werden oft vernachlässigt. Zum einen schützen Barzahlungen die Privatsphäre der Bevölkerung. Dass davon auch weniger rechtschaffene Personen profitieren, ist kein Grund, die ehrlichen Bürgerinnen und Bürger immer gläserner werden zu lassen. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und Achtung des Privatlebens ist ein hohes Gut, welches nicht aufgeweicht oder preisgegeben werden sollte. "Bargeld ist geprägte Freiheit" – dieses abgewandelte Dostojewski-Zitat hat nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt.

Zum anderen ermöglichen Barzahlungen eine gute Kontrolle der Ausgaben – darauf greifen viele Haushalte gerne zurück. Bargeld kann außerdem ohne technische Infrastruktur eingesetzt werden und dient daher als beliebtes Zahlungsmittel zwischen Privatpersonen sowie als Ausfalllösung für den unbaren Zahlungsverkehr. Und schließlich wird besonders in Not- und Krisenzeiten Bargeld stark nachgefragt – sei es als Zahlungsmittel, wenn z.B. die technische Infrastruktur im Fall von Naturkatastrophen zerstört ist oder auch als Wertaufbewahrungsmittel – auch bei Beschränkungen des Zahlungsverkehrs wie in Zypern oder Griechenland.

Was die Wertaufbewahrungsfunktion betrifft, so dürften dafür aus Effizienzgründen in erster Linie Euro-Banknoten mit höherem Nennwert dienen. Die mit der Hortung von Bargeld verbundenen Nachteile – wie zum Beispiel anfallende Schließfachkosten oder das bestehende Verlustrisiko – sprechen eigentlich gegen das Sparen in Form von Bargeld. Dennoch haben viele Menschen gute Gründe, Geld bar aufzubewahren. So ist Bargeld das liquideste Zahlungsmittel; außerdem sind Banknoten Zentralbankgeld. Dies ist insbesondere in Zeiten erhöhter Unsicherheit von Bedeutung, in denen die Bevölkerung physisch greifbares Geld einer Notenbank halten möchte, anstatt Forderungen gegenüber einer Geschäftsbank zu haben. So war beispielsweise die Bargeldnachfrage während der Finanzkrise im Oktober 2008 stark gestiegen. Gleiches gilt in Ländern, in denen sich die Bürgerinnen und Bürger nicht sicher sein können, ob sie am nächsten Tag noch Bargeld von ihrer Bank abheben können, ob sie also aus dem Buchgeld in das Bargeld wechseln können. Um hier die Wertaufbewahrungsfunktion des Bargelds einmal zu verdeutlichen: Das Eurosystem hat bislang Banknoten im Wert von über einer Billion Euro herausgegeben, wovon ein großer Teil der Hortung dient. Nicht nur, aber gerade in Not- und Krisenzeiten zeigt sich, dass die Menschen der Devise "Nur Bares ist Wahres" folgen.

Es gibt also viele gute Gründe, weiterhin Bargeld zu verwenden. Eine politisch motivierte Zurückdrängung oder Abschaffung ist weder sinnvoll, noch nötig und widerspricht auch den Wünschen der Bevölkerung.

Ich möchte es hier ganz deutlich sagen: Die Deutsche Bundesbank lehnt die Forderung nach einer Abschaffung des Bargelds ebenso ab wie Restriktionen für die Bezahlung von Waren und Dienstleistungen mit Bargeld. Neben unbaren Zahlungsinstrumenten sind Banknoten und Münzen unverzichtbar, da erst dadurch die Wahlmöglichkeit der Verbraucher gesichert wird. So sind oft die gleichen Kriterien bei der Wahl des Zahlungsinstruments bar oder unbar an der Ladenkasse relevant – einfach, schnell und sicher soll es sein. Die Bevölkerung spricht diese Eigenschaften jedoch beiden Zahlungsinstrumenten zu. Die einen finden, dass Bargeld einfach, schnell und sicher genutzt werden kann, die anderen sehen diese Eigenschaften durch Kartenzahlungen oder andere unbare Zahlungsmittel erfüllt. Lassen wir den Menschen also die Wahl, sich für die Bezahlweise zu entscheiden, die persönlich vorteilhaft erscheint.

3 Zahlungsverhalten in Deutschland

Doch wie sieht es konkret im deutschen Bezahlalltag aus? Um herauszufinden, inwieweit Banknoten und Münzen an der Ladenkasse immer noch genutzt werden oder unbare Zahlungsinstrumente dem Bargeld letztlich den Rang ablaufen, führt die Deutsche Bundesbank regelmäßig Studien zum Bezahlverhalten durch. Gemäß unserer neuesten Studie zum Zahlungsverhalten in Deutschland 2014 – die wir im ersten Halbjahr 2015 veröffentlicht haben – werden mit 53 Prozent über die Hälfte der Umsätze am sogenannten Point-of-Sale bar beglichen. Mit Blick auf die Anzahl der Transaktionen fällt das Bild noch deutlicher aus. Fast 80 Prozent aller Transaktionen erfolgen bar, jedoch im Vergleich zu unseren vorangegangenen Studien mit sinkender Tendenz.

Bei den bargeldlosen Zahlungsinstrumenten greifen Verbraucherinnen und Verbraucher bevorzugt zur girocard – der früheren ec-Karte. Annähernd 30 Prozent der erfassten Umsätze werden inzwischen damit bezahlt. Zum Vergleich: 2011 waren es rund 28 Prozent. Der Anteil der girocard-Zahlungen an der Anzahl der Transaktionen steigt langsam, aber kontinuierlich. So werden Beträge ab 20 Euro mittlerweile häufiger bargeldlos bezahlt als noch vor einigen Jahren.  Bei Zahlungen zwischen 50 und 100 Euro hat die girocard das Bargeld als beliebtestes Zahlungsmittel abgelöst.

Immerhin die Hälfte der Befragten gibt an, bei der Wahl des Zahlungsinstruments festgelegt zu sein: 33 Prozent zahlen nach eigenen Angaben immer bar, 17 Prozent zahlen unbar, wo immer möglich. Prinzipiell kann diese Festlegung dazu führen, dass sich Innovationen im Zahlungsverkehr langsamer durchsetzen.

Insgesamt betrachtet bestehen im Umgang mit Zahlungsinstrumenten relativ stabile Präferenzen. Neben einem hohen Bargeldanteil ist es die girocard, die immer häufiger genutzt wird. Verhaltensänderungen im Zahlungsverhalten vollziehen sich – zumindest in Deutschland – eher evolutionär, weniger revolutionär.

4 Bargeld in der internationalen Perspektive

In Deutschland hat das Bargeld für Transaktionen im Alltag der Bürger einen besonderen Stellenwert. In einigen anderen Ländern werden unbare Zahlungsmittel allerdings deutlich öfter verwendet. Während in Deutschland Bargeld für rund 80 Prozent aller Transaktionen am Verkaufsort verwendet wird, liegt der Bargeldanteil in Großbritannien, den Niederlanden sowie in den USA lediglich bei rund 50 Prozent.[1] Auch in den skandinavischen Ländern nehmen bargeldlose Zahlungsinstrumente einen deutlich höheren Stellenwert ein als in Deutschland. Aus der Presse könnten Ihnen einige Anekdoten bekannt sein. "Hast Du mal eine Krone?" funktioniert in Schweden angeblich sogar schon mit Karte, die am Handy mit einem aufgesetzten Kleinstterminal angenommen wird. Und im ABBA Museum in Stockholm sind nur bargeldlose Zahlungen möglich.

Die dänische Notenbank hat angekündigt, wegen fehlender Nachfrage ab 2016 voraussichtlich keine neuen Banknoten mehr zu drucken. In Dänemark gibt es auch Überlegungen, ab 2016 einige kleine Läden von dem Annahmezwang von Bargeld zu befreien, vorgeblich um Kosten zu sparen. Drei von vier Deutschen lehnen einen solchen Schritt allerdings ab[2]. Und aufgrund einer ganz anderen Verbreitung von Bargeld in Deutschland ist eine Einschränkung des Bargelds als gesetzliches Zahlungsmittel in Deutschland aus meiner Sicht nicht denkbar.

Trotz des Bedeutungszuwachses bargeldloser Zahlungsmittel erleben wir allerdings eine permanente Steigerung des Banknotenumlaufs, also des Wertes der Banknoten, die sich im Besitz von Unternehmen und Bürgern befinden. In den vergangenen zehn Jahren ist beispielsweise der Umlauf an Euro-Banknoten von 500 Milliarden Euro auf 1.000 Milliarden Euro gewachsen. Im Eurosystem haben wir ein Bargeld von gut 5 % pro Jahr. Der Wert der auf britische Pfund lautenden Banknoten hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht und liegt heute bei 60 Milliarden Pfund.[3] Die Ursache des Wachstums des Banknotenumlaufs ist unter anderem in der Funktion des Bargelds als Wertaufbewahrungsmittel zu sehen. Wegen ihrer Wertstabilität und ihrer allgemein hohen Qualität werden Euro-Banknoten zudem gerne als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel im Ausland nachgefragt. Meine Damen und Herren, basierend auf dieser starken Nachfrage wird das Bargeld auch zukünftig eine wichtige Rolle als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel einnehmen, auch wenn zunehmend mehr Alternativen existieren.

5 Internet und Smartphone verändern den Zahlungsverkehr

Insbesondere Internet und Smartphone sorgen dabei für Innovationen im Zahlungsverkehr. Bis vor wenigen Jahren beschränkte sich die Auswahl an Zahlungsinstrumenten an der Ladenkasse auf Bargeld, girocard und mitunter Kreditkarte. In den vergangenen Jahren haben sich im Zuge der Digitalisierung jedoch neue technologische Möglichkeiten eröffnet und neue Anforderungen an Zahlungsinstrumente herausgebildet. Insbesondere das Internet ist ein wichtiger Treiber für sich ändernde Gewohnheiten und Ansprüche der Verbraucher.

Heutzutage ist es selbstverständlich, Waren und Dienstleistungen online von fast jedem Ort auf der Welt 24 Stunden am Tag erwerben zu können. Sieben von zehn Verbrauchern in Deutschland im Alter zwischen 14 und 69 Jahren kaufen mittlerweile auch im Internet ein. Rund ein Zehntel des Einzelhandelsumsatzes in Deutschland erfolgt bereits im E-Commerce.[4] Daher wirken sich Änderungen im Einkaufsverhalten automatisch auf das Zahlungsverhalten aus, da die Barzahlung für Internetbestellungen nicht sonderlich geeignet ist. Wenn Sie nun stutzen: Ja das geht – auch Internetbestellungen können klassisch per Nachnahme beim Postboten oder da manche Händler die physische Übergabe und Bezahlung der online bestellten Ware im Laden bar bezahlt werden.

Im Vergleich zur Ladenkasse stellt der Onlinehandel andere Anforderungen an Zahlungsdienste, denn der Erhalt und die Bezahlung der Ware fallen in der Regel auseinander. Während die Käufer vorzugsweise erst bezahlen möchten, nachdem sie das Paket in ihren Händen halten, präferiert der Onlinehändler den Eingang des Geldes – oder zumindest eine Zahlungsgarantie – vor dem Versand der Ware. In diesem Spannungsfeld bewegen sich Bezahldienste im Onlinehandel. Mittlerweile haben sich in diesem Bereich verschiedene Services von Nichtbanken etabliert. Ich hoffe, dass diese Angebotspalette bald um ein Produkt der deutschen Kreditwirtschaft erweitert werden kann, um "paydirekt".

Neben dem Internet ist es das Smartphone, das Kommunikation, Konsummuster und in der Folge auch die Bezahlgewohnheiten verändert. Viele Nutzer schauen täglich mehrere Dutzende Mal auf ihr Smartphone. Neuesten Untersuchungen zufolge sollen es sogar 150 Mal im täglichen Durchschnitt sein. Ob dies der Gesundheit nun immer so förderlich ist, da habe ich Zweifel. Denken Sie nur an die Fußgänger, die ihre Augen nicht mehr vom Smartphone lösen können, so dass bereits Debatten über ein Handyverbot für Fußgänger geführt werden. Doch wenn schon die Menschen ihr Handy so gut wie nie mehr aus den Augen lassen, so liegt der Gedanke nahe, das Smartphone auch als digitale Geldbörse zum Bezahlen zu nutzen.

Zahlungsfunktionen sind inzwischen in verschiedene digitale Produkte und Dienstleistungen integriert. Sogar beim Kauf eines Autos kommt der Zahlungsverkehr nicht mehr nur als das unerfreuliche Ende des Kaufvorgangs vor. Vielmehr gehört die Integration von Zahlfunktionen schon teilweise zum Bordcomputer, wie ihn die Hersteller in Neuwagen einbauen. Damit können Sie sich auf der Fahrt beispielsweise Musik herunterladen und bezahlen. Schon heute ermöglicht z.B. die "mytaxi"-App das Bestellen, Bezahlen und Bewerten eines Taxis aus einer Hand.

In Deutschland sieht die Realität jedoch derzeit größtenteils noch anders aus: Zwar werden mobile und kontaktlose Zahlverfahren, beispielsweise auch mit der ganz normalen Kreditkarte und girocard, immer bekannter, allerdings werden sie noch selten genutzt. Dies hat unsere Studie zum Zahlungsverhalten gezeigt, denn bisher wurden nur wenige Transaktionen von den Befragten mit kontaktlosen Zahlungskarten oder dem Smartphone durchgeführt. Dennoch ist insbesondere die junge Bevölkerung offen für mobile und kontaktlose Zahlverfahren. Die derzeit noch geringe Nutzung hat verschiedene Ursachen. Zum einen fehlen noch die flächendeckenden Einsatzmöglichkeiten. So sind beispielsweise erst rund zehn Prozent der Terminals im deutschen Einzelhandel in der Lage, kontaktlose Zahlungen mit der Karte oder dem Smartphone zu akzeptieren. Doch auch im Handel nimmt das Interesse an innovativen Zahlverfahren zu. Mancher Händler träumt davon, den Kunden die Zahlung als unangenehmen Abschluss des Einkaufs kaum spüren zu lassen. Andererseits sehen viele Menschen auch keinen Bedarf oder haben subjektive Sicherheitsbedenken gegenüber den neuen Zahlverfahren. Zudem schätzen viele Menschen Bargeld gerade deshalb, weil es den Zahlungsvorgang "spürbar" werden lässt und sie so ihre Ausgaben besser kontrollieren können.

Die Sozialisation der Kunden mit Smartphone und Internet hat aber noch weitere Auswirkungen. Die Anforderungen an die Geschwindigkeit steigen zunehmend. Es wird heute als Selbstverständlichkeit angesehen, dass die Übermittlung von Informationen ohne Rücksicht auf Entfernungen oder Informationsinhalte in Sekundenschnelle und zumeist sogar kostenlos funktioniert. Vor allem für die Jüngeren ist kaum noch nachvollziehbar, dass bargeldlose Zahlungen – auch ins Ausland – nicht umgehend abgewickelt werden können. Wie im Nachrichtenaustausch erwarten sie verstärkt auch im Zahlungsverkehr eine sofortige Ausführung der Zahlung beziehungsweise Verfügbarkeit des Geldes.

Während bei einer Barzahlung das Geld gleich bei Übergabe beim Zahlungsempfänger landet, dauert es bei einer bargeldlosen Zahlung in der Regel einen Tag, bis das Geld auf dem Konto gebucht ist und damit wieder ausgegeben werden kann. Ob und wie man dies ändern kann, wird gerade in der Europäischen Union diskutiert. Denn in Ländern außerhalb des Euroraums (zum Beispiel in Großbritannien, Schweden und Dänemark) existieren bereits solche "Instant Payment Systeme", die die Abwicklung von bargeldlosen Transaktionen in Sekundenschnelle ermöglichen. Auch beim Bezahlvorgang an der Ladenkasse hat die Geschwindigkeit eine große Bedeutung. Kontaktlose Zahlverfahren mit Karte oder Handy dürften die Geschwindigkeit des Bezahlvorgangs an der Ladenkasse weiter erhöhen.

Doch bis es soweit ist, dass Verbraucher eher das Smartphone als Schein und Münze zum Bezahlen an der Ladenkasse nutzen oder Freunde per Smartphone-App die Rechnung eines gemeinsamen Restaurantbesuchs untereinander aufteilen anstatt Bargeld den Besitzer wechseln zu lassen, wird noch einige Zeit vergehen. Unsere Studie zum Zahlungsverhalten hat gezeigt: Die Verbraucher in Deutschland sind eher zurückhaltend, wenn es um neue Zahlungsinstrumente geht. So gaben fast 60 Prozent der Befragten an, bei den ihnen vertrauten Zahlungsmitteln bleiben zu wollen.

Anbieter von neuen Zahlungsinstrumenten stehen also großen Herausforderungen gegenüber. Es reicht eben nicht aus, ein neues modernes Zahlungsinstrument zu entwickeln und es auf den Markt zu bringen. Ein Anbieter muss zum einen die Händler überzeugen, das neue Instrument in sein Portefeuille von akzeptierten Zahlungsinstrumenten aufzunehmen, und zum anderen die Zahler, das neue Instrument zu nutzen. Sie sehen sich hier mit dem klassischen Henne-Ei-Problem konfrontiert. Ein neues Zahlverfahren kann sich nur dann am Markt durchsetzen, wenn es sowohl auf Verbraucherseite als auch von Händlern angenommen wird. Dies dürfte einer der Gründe sein, warum große Technologie- und Internetkonzerne verstärkt versuchen, auch im Zahlungsverkehr Fuß zu fassen, denn oftmals verfügen sie bereits über eine breite Basis an Nutzern.

Für die Verbraucher muss ein neues Instrument einen zusätzlichen Nutzen gegenüber bestehenden Zahlungsinstrumenten oder dem Bargeld bieten. Gerade in einem hoch entwickelten und effizienten Zahlungsverkehrsmarkt wie Deutschland ist dies eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Neue Zahlungsmethoden müssen intuitiv zu bedienen, überall einsetzbar sowie preislich wettbewerbsfähig sein und dem Kunden außerdem ein subjektives Sicherheitsgefühl vermitteln.

Sie sehen also, Verbraucher können aus einem immer größer werdenden Angebot von Zahlungsinstrumenten wählen: So kann man zu Banknoten und Münzen greifen, weil man den Kauf der Weihnachtsgeschenke vor dem Ehepartner verbergen will. Und auch das Taschengeld für die Kinder wird bar oder per Dauerauftrag ausgezahlt. Die Kreditkarte wird genutzt, um in einem Hotel einzuchecken und zu bezahlen. Und abends wird noch mit dem Smartphone per Internetzahlverfahren der Online-Einkauf beglichen.

Jeder hat also eine Fülle an Alternativen, um seinen Bedürfnissen und der Einkaufssituation entsprechend sein persönlich favorisiertes Zahlungsinstrument zu wählen.

Und genauso wie die Bundesbank den Forderungen nach einer Abschaffung des Bargelds ablehnend gegenübersteht, ist sie vollkommen neutral bezüglich der Präferenzen der Verbraucher für Bargeld und unbare Zahlungsinstrumente. Wichtig ist aus unserer Sicht allein, dass die zum Bezahlen zur Verfügung stehenden Methoden effizient und sicher sind. Nur so haben Verbraucher die Möglichkeit, aus einer Vielzahl an Instrumenten das für sie Passende zu wählen, ohne sich dabei Sorgen um die Sicherheit der Verfahren machen zu müssen.

6 Zahlungsverkehr braucht Sicherheit

Schon unsere erste Studie zum Zahlungsverhalten im Jahr 2008 hat gezeigt, wie wichtig Sicherheit im Zahlungsverkehr ist. Falschgeld, Skimming, Phishing, Kreditkartenbetrug, das sind nur einige der Schlagworte, die im Zusammenhang mit der Sicherheit von Bezahlvorgängen relevant sind. Im Zuge der Digitalisierung sorgen datenbasierte Technologien und Dienstleistungen im Zahlungsverkehr zwar für viele Erleichterungen, bringen aber auch neue Risiken mit sich, die für die Verbraucher oftmals schwer einschätzbar sind. So fallen durch die Nutzung verschiedener mobiler Endgeräte immer größere Datenmengen mit teilweise sensiblen personenbezogenen Inhalten an, die auf unterschiedliche Art und Weise verarbeitet und ausgewertet werden. Wie dies geschieht, können die wenigsten überblicken. So entsteht generell ein vages Unbehagen bei der Preisgabe persönlicher Informationen, das vielfach konkret wird, wenn es um finanzbezogene Daten geht. Diese skeptische Haltung vieler Zahler kann zu Vorbehalten gegenüber innovativen Zahlungsdiensten führen.

Die Bundesbank als Teil des Eurosystems und der nationale und europäische Gesetzgeber setzen sich für die grundlegende Sicherheit von Zahlverfahren ein und schaffen Vorgaben und Regeln, um diese zu gewährleisten. Gleichermaßen sind aber auch die Nutzer gefragt, verantwortungsbewusst und eigenverantwortlich mit den neuen technologischen Errungenschaften umzugehen, beispielsweise beim Onlinebanking. Grundsätzlich gilt bezüglich des Onlinebankings: Banken und Sparkassen versenden niemals E-Mails, in denen sie ihre Kunden zur Eingabe von Kontodaten oder sensiblen Zugangscodes oder Geheimnummern (PIN und TANs) auffordern. Wer diesen Ratschlag befolgt und außerdem ein Virenschutzprogramm installiert hat, das mit dem neusten Update versorgt ist, kann das Onlinebanking äußerst sicher nutzen.

Sicherheit ist sehr wichtig, unabhängig davon, ob die Anbieter aus Deutschland oder aus anderen Ländern kommen. Gleichermaßen spielt es keine Rolle, ob ein Kreditinstitut oder ein Internetkonzern, der über eine entsprechende Lizenz verfügt, ein Zahlverfahren anbietet. Alle Anbieter müssen die Sicherheit ihrer angebotenen Zahlverfahren gleichermaßen gewährleisten.

7 Fazit

"Hat Bargeld also noch Zukunft?". Ich bin mir dessen sicher. Denn trotz all dieser spannenden Entwicklungen bei unbaren Zahlungsinstrumenten ist Bargeld auch im Zeitalter der zunehmenden Digitalisierung in Deutschland weiterhin gefragt. Ich denke auch nicht, dass sich das auf absehbare Zeit ändern wird. Zwar sehen wir einen tendenziellen Rückgang bei der Nutzung von Bargeld. So gehen wir mittelfristig davon aus, dass der Barzahlungsanteil an der Ladenkasse unter die 50 Prozent-Marke rutschen wird. Doch erfüllt Bargeld darüber hinaus weitere Zwecke wie die Wertaufbewahrung, und hier sehen wir nach wie vor eine deutliche Zunahme der Nachfrage nach Bargeld.

Als Bundesbank vertreten wir die Auffassung, dass wir den Bürgerinnen und Bürgern keine Vorschriften bei der Wahl ihrer Zahlungsinstrumente machen möchten. Ihnen soll vielmehr ein Mix an sicheren und effizienten Zahlungsinstrumenten zur Verfügung stehen, aus dem sie frei nach ihren Präferenzen wählen können. Bargeld ist ein Bestandteil dieses Zahlungsmittelmixes und wird es auch in der digitalisierten Welt von morgen bleiben. Sie entscheiden selbst, ob Sie für den wichtigen und guten Zweck des heutigen Abends lieber Bargeld wählen oder auf eine Überweisung oder Lastschrift zurückgreifen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


Fussnoten

  1. f1Siehe Vgl.: Bagnall, J., D. Bounie, K. P. Huynh, A. Kosse, T. Schmidt, S. D. Schuh and H. Stix, Consumer cash usage: A cross-country comparison with payment diary survey data, International Journal of Central Banking, im Erscheinen sowie Bank of England, How has cash usage evolved in recent decades? What might drive demand in the future?, Quarterly Bulletin 2015 Q3.

  2. f2https://yougov.de/news/2015/05/27/sicher-und-gut-fur-die-ubersicht-deutsche-gegen-ba/

  3. f3Quellen: Deutsche Bundesbank sowie Bank of England, a.a.O.

  4. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/201859/umfrage/anteil-des-e-commerce-am-einzelhandelsumsatz/